Islam "Die Männer stehen über ihnen"

Furcht vor Verfolgung: Hülya Yilmaz und Meltem Dogan
Stefan Thomas Kroeger

Furcht vor Verfolgung: Hülya Yilmaz und Meltem Dogan

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2. Teil: Verprügelt sie, weil sie Schande über die Familie gebracht haben


Als Hülya in Südostanatolien 16 Jahre alt wird, entscheidet ihr Vater, wen sie heiraten soll. Die Wahl fällt auf einen ihrer Cousins. Er ist in Hülyas Alter. "Hätte schlimmer kommen können", findet sie. Die Hochzeit bietet ihr wenigsten die Chance, ihrem cholerischen Vater zu entkommen. Ein Imam verheiratet die Jugendlichen. Hülya zieht ins Nachbardorf zu der neuen Großfamilie.

Von nun an muss sie nahezu allein den Haushalt schmeißen. Zwischen vier und fünf Uhr morgens steht sie auf, facht den Ofen an, macht sauber und kocht Schwarztee. "Du bist da nichts anderes als eine Arbeitsmaschine", sagt sie. "Und wenn du keine Schläge abbekommst, dann hast du es gut erwischt."

Hülya beklagt sich nicht. Auch nicht, als sich ihr Mann nach zwei Jahren in eine andere verliebt und auch diese Frau heiraten möchte. Das geht problemlos, weil die Hochzeit zwischen ihm und Hülya nicht amtlich ist. Der türkische Staat hat nie davon erfahren.

Hülya sagt "kein Problem". Sie gibt ihr Okay, dass die andere Frau einziehen darf. Vielleicht, so hofft sie, bekomme sie dann Hilfe im Haushalt. Die Konkurrentin aber weigert sich, in einer polygamen Ehe zu leben.

Hülya wird zurückgegeben. Ihr Ehemann liefert sie bei ihrem Vater ab. Gründe hat er genug: Sie habe ihm auch nach zwei Jahren noch keinen Sohn geschenkt. Und sie habe schlecht gearbeitet. Hülyas Vater ist rasend. Verprügelt sie, weil sie Schande über die Familie gebracht habe.

In der Türkei sind Religion und Staat strikt getrennt

In der Türkei sind nach offiziellen Angaben 99 Prozent der Bevölkerung muslimischen Glaubens. Religion und Staat sind jedoch strikt getrennt. Keine Muslimin mit Kopftuch darf eine Behörde, Schule oder Universität betreten. Polygamie und auch reine Imamehen sind in der Türkei offiziell verboten. Es gelten weltliche Gesetzbücher, die Scharia spielt keine Rolle.

In den Großstädten gibt es viele selbstbewusste Musliminnen, die emanzipiert ihr Leben gestalten. Frauen in gehobenen Positionen sind in vielen Unternehmen eine Selbstverständlichkeit. 1993 wurde Tansu Çiller Regierungschefin, lange vor Angela Merkel.

In den ländlichen Regionen im Südosten gibt es jedoch nach wie vor Familien, die sich wie die Yilmaz' den Regeln des Staates und der modernen Gesellschaft widersetzen. Schätzungen zufolge ist jede zehnte Ehe arrangiert. "Manche Frauen halten das für völlig normal", sagt Meltem.

Sie vermutet, dass es nicht wenige Türken gibt, die sich das islamische Recht zurückwünschen. "Nicht, weil sie besonders religiös sind", sagt die Juristin, "sondern weil sie glauben, dass sie dann noch mehr Macht über ihre Frauen haben."

Hülya weiß nicht, was passieren würde, wenn ihre Familie sie fände. Sie ist mittlerweile von ihrem mehr als 40 Jahre älteren Ehemann geschieden. Hilfe hat sie vom Krisentelefon bekommen, die ihr einen Anwalt besorgten.

Muslimin und frei

In den Augen ihrer Eltern hat sie gleich zweimal die Familienehre verletzt. Für ihren ersten Mann war sie nicht gut genug. Und dem zweiten ist sie davongelaufen. Dabei hatte er Geld für sie bezahlt. Hülya weiß das, weil sie ein Gespräch der Männer belauscht hatte, als es um ihren Verkauf nach Deutschland ging. "Ein paar hundert Euro waren es", sagt sie. Viel mehr sei sie nicht mehr wert gewesen.

Während ihrer Flucht in Deutschland hat sie einmal zu Hause angerufen. Ihr Bruder war dran. Er sagte, er werde sie finden, und das sei ihr Ende.

Wahrscheinlich aber würde er sie nach fünf Jahren gar nicht mehr wiedererkennen. Hülya ist nicht mehr die, die sie einmal war. Sie ist selbstbewusster geworden. Ihr Gang ist aufrechter, und sie spricht nicht mehr so leise wie früher. Sie trägt kein Kopftuch mehr und keinen weiten Mantel. Hülya liebt enge Jeans und bunte Oberteile.

Sie hat jetzt eine eigene Wohnung, und sie hat lesen und schreiben gelernt. Auch ihr Deutsch ist mittlerweile so gut, dass sie sich zurechtfinden kann. Sie macht einen Integrationskurs, will einen Schulabschluss versuchen und eine Ausbildung. Ihr Traum wäre ein Jurastudium, um wie Meltem anderen Frauen zu helfen, etwa wenn sie sich scheiden lassen wollen, sagt sie.

Hülya hat sich trotz all ihrer Erlebnisse nicht von ihrer Religion abgewandt. Diese sei Teil von ihr und lasse sich nicht so einfach abstreifen wie ihr Kopftuch. Hülya ist nach wie vor Muslimin. Und sie ist frei.

Frauen im Islam

Alltägliche Gewalt. Die traditionelle islamische Rechtsordnung mit ihren Vorgaben zur Ehe hat in vielen Staaten maßgebliche Bedeutung für die rechtliche Stellung der Frau.

In Ländern wie dem Jemen, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Saudi-Arabien ist sie die einzige Grundlage der Rechtsprechung. Im saudi-arabischen Königreich dürfen Frauen ohne Kopftuch nicht einmal aus dem Haus.

Auch in Iran gilt seit 1979 die Scharia. In der dortigen Interpretation sieht sie unter anderem für Ehebruch, Mord und Raub die Todesstrafe vor. Immer wieder steht das Land in der weltweiten Kritik, weil Frauen und Männer wegen angeblichen Ehebruchs zum Tod durch Steinigung verurteilt werden.

Für internationalen Protest hat zuletzt das Schicksal von Sakine Mohammadi gesorgt, die zum Tod durch Steinigung verurteilt ist. Sie hat vor laufender Kamera gestanden, an der Ermordung ihres Ehemannes beteiligt gewesen zu sein. Menschenrechtler glauben, dass Aschtiani zu dem Geständnis gezwungen wurde.

Auch das Bild der 18-jährigen Afghanin Aischa ging um die Welt, nachdem das US-Magazin "Time" das Mädchen Anfang August auf die Titelseite gehoben hatte (siehe Bild). Ihr Ehemann, ein Taliban-Anhänger, hatte ihr die Nase abgeschnitten, weil sie aus ihrer Zwangsehe geflohen war.



© SPIEGEL Geschichte 5/2010
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