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Runensteine: Geheimnisvolle Zeichen

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Nordisches Alphabet Geheimnis der Runen

Fluch den Feinden und Erinnerung an Tote - das waren magische Bedeutung und wichtige Aufgabe der nordischen Ritzsymbole. Die verschlüsselten Botschaften auf den Runensteinen der Wikinger bergen noch heute zahlreiche Rätsel.

"Nach (dem Tod von) Vamod stehen diese Runen. Aber Varin schrieb sie, der Vater, dem getöteten Sohn."

Im schwedischen Östergötland, wenige Kilometer vom Vättern-See entfernt, hat ein Vater die Trauer um seinen Sohn für die Nachwelt festgehalten. Was dieser Varin Anfang des 9. Jahrhunderts nicht ahnen konnte: Seine Botschaft, die er in wochenlanger Arbeit in einen Fels meißeln ließ, wird auch über tausend Jahre später noch bestaunt und studiert.

Aus Schmerz und Wut über den Verlust entstand der größte und einer der bedeutendsten germanischen Runenfunde: der Stein von Rök. 3,85 Meter in die Höhe ragt das geheimnisvolle Relikt, das Forscher im Lagerhaus einer Kirche entdeckten. Eingemauert in einer Wand, fand der Granitblock anfangs wenig Beachtung. Erst später kam ans Licht, dass der Stein über und über von Runen bedeckt ist. Mit rund 750 Zeichen zeigt der Rök-Stein die umfangreichste aller bekannten Runeninschriften - sie zu deuten, daran arbeiten Forscher bis heute.

Mehr als 3000 Runensteine gibt es in Schweden. Rund 2500 weitere entdeckten Forscher in Dänemark und Norwegen, in Großbritannien und auf den Färöer-Inseln. Einige wenige Funde gab es in Grönland, Russland und auf dem Balkan. Die vier auf deutschem Boden, allesamt in der Nähe der Wikinger-Stadt Haithabu gefundenen Exemplare stehen heute im Museum nahe Schleswig.

Wie zahlreiche andere Autoren hat Runenmeister Varin, der die geheimnisvolle Botschaft in den Rök-Stein hauen ließ, viele Passagen verschlüsselt. Der schwedische Runenforscher Otto von Friesen wagte sich 1920 an eine vollständige Interpretation des Textes und kam zu einer spektakulären "Rache-Theorie": Der junge Krieger Vamod war im Kampf gefallen. Von der Leiche stahlen die Feinde zwei seiner ruhmreichen Waffen, die er im Kampf erbeutet hatte, wie Varin in der Inschrift empört festhält. Der Diebstahl war ein Verbrechen, das die ganze Sippe in Zorn versetzte. Varin selbst war aber zu alt, um den Tod seines Sohnes blutig zu rächen. Das sollte Aufgabe des zweiten Sohnes sein.

Auf der Rückseite des Steines finden sich die Namen von 20 Königen, der Feinde Vamods, flankiert von einem Rahmen von Geheimrunen. So soll Varin versucht haben, sie magisch zu bannen. Die Wölfe sollten ihre Leichen holen, deutete Runenforscher Friesen den Fluch.

Die Verbindung von Runen und Magie ist bis heute spannend

Für viele Interessierte ist die Verbindung von Runen und Magie bis heute spannend. Durch Runenorakel versuchte man angeblich in Nordeuropa schon vor mehr als tausend Jahren, das Schicksal vorherzusagen und zu beeinflussen. Im Kampf galten Runen als Glücksbringer: Nicht selten wurden magische Namen oder Worte wie "Angreifer" oder "Verfolger" in die Schwerter und Speere der Kämpfer geritzt.

Sieben unterschiedliche Arten von Geheimzeichen, dazu beide bis dahin bekannten Runenreihen, nutzte Varin für seine aufwendige Inschrift. Nach Friesens Ansicht enthält sie auch Strophen in Versmaß über die eigene Sippe und über den großen Ostgoten Theoderich.

Graffiti an der Hagia Sophia

Neben der Ehrung Verstorbener und magischen Verwünschungen dienten Runen meist viel profaneren Zwecken: Sie fungierten als Besitz- oder Herstellerangaben. Geschäftsleute fixierten Vereinbarungen über die Lieferung von Waren oder ausstehende Zahlungen auf diese Weise schriftlich.

Reisende hinterließen Runeninschriften auf ihren Wegen durch Europa. In Steine, Knochen, Metall oder Holz ritzten sie stolz ihre Namen. Heute würde man das wohl Graffiti nennen. Sogar auf einer Galerie in der Hagia Sophia in Istanbul - ehemals die Hauptkirche Konstantinopels, dann Moschee und heute Museum - hat sich anscheinend ein weitgereister Nordmann auf diese Weise verewigt. Außerdem standen die beschrifteten Steine am Eingang von Höfen und zeigten den Besitzer an, dienten als Grenzzeichen oder Wegweiser an Straßen.

Damit ist widerlegt, die Wikinger wie auch andere germanische Völker seien Analphabeten gewesen, bis sie das Christentum entdeckten und mit der Bibel das lateinische Alphabet lernten. Die Germanen hatten zwar weder Papyrus noch Tusche, aber sie besaßen scharfe Messer und Meißel, als Trägermaterialien für ihre Texte dienten Holz, Knochen, Metall oder Stein - und sie hatten ihre Schriftzeichen, erst 24, später 16, das schon ab dem 2. Jahrhundert nach Christus, vielleicht noch früher. Fest steht, dass den Gebrauch der Runenschrift nur wenige Männer, aber auch einzelne Frauen, beherrschten.

Die früheste gesicherte Runeninschrift ist gerade einmal 1,3 Zentimeter groß. Sie wurde in einem Moor auf der dänischen Ostseeinsel Fünen gefunden: ein Kamm aus Knochen, auf dem die Runeninschrift "harja" zu lesen ist, vermutlich der Name des Besitzers. Archäologen datieren sie auf die Jahre um 160 nach Christus.

Eine Ähnlichkeit mit dem griechischen Alphabet fällt auf und bleibt doch rätselhaft

Die Germanen nannten die Runenreihe "Futhark" - nach den Lautwerten der ersten sechs Zeichen, ähnlich dem griechischen Alphabet. Mehrere Abarten sind heute bekannt. Einige Zeichen des "älteren Futhark" wie das f, r, b oder m sehen den lateinischen Buchstaben sehr ähnlich. Die Reihenfolge ist andererseits ohne Parallele. Was genau und ob überhaupt die Germanen von den Römern abguckten, kann heute niemand sicher sagen. Auch eine Ähnlichkeit mit dem griechischen und altitalienischen Alphabet fällt auf und bleibt doch rätselhaft.

Eine modifizierte Runenreihe, das sogenannte Futhorc, entstand im 7. Jahrhundert in Friesland und dem angelsächsischen Raum. Es kann als eigenständige Erweiterung der alten Schriftreihe verstanden werden. In diesen Gebieten hatten sich neue Laute entwickelt, die in Schriftzeichen übersetzt werden mussten. So schwoll die Runenreihe, die bis ins 11. Jahrhundert verwendet wurde, auf 31 Zeichen an.

Etwa mit dem Aufkommen der Wikinger entstand das "jüngere Futhark", das die Anzahl der Zeichen allmählich auf 16 reduzierte. Später wurden mehrere Runen um Punkte ergänzt, so dass die Bedeutungsvielfalt wieder wuchs.

Bisweilen zierten kunstvolle bunte Bilder die Steine. Die Farbe wurde zwar über die Jahrhunderte von Wind und Wetter größtenteils zerstört, mancherorts finden sich aber noch Rückstände. Ein außergewöhnliches Beispiel dafür sind die beiden Runensteine von Jelling im dänischen Jütland.

Den kleineren und älteren dieser Steine errichtete der dänische König Gorm, Begründer der Jelling-Dynastie, Anfang des 10. Jahrhunderts zu Ehren seiner Frau Thyra. Der größere stammt von Gorms Sohn Harald, König von Dänemark und Eroberer Süd-Norwegens, auch bekannt als Harald Blauzahn.

Der Stein dokumentiert, wie Harald das Christentum endgültig in Dänemark etablierte: Inmitten eines Rankenwerks ist deutlich der Gekreuzigte zu erkennen. Die Unesco erhob die Anlage 1994 zum Weltkulturerbe.

Ob dem Werk des trauernden Vaters Varin dieselbe Ehre zuteil wird, ist nicht ent-scheidend. Auf jeden Fall hat der Runenmeister mit dem Rök-Stein etwas geschaffen, das die Wissenschaft noch lange beschäftigen wird. Vamod, der tapfere Sohn, bleibt unvergessen.

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