Mythos und Legende Die Allzweck-Barbaren

Getty Images

Von Till Hein

3. Teil: Nach dem moralischen Bankrott des Zuchtrecken folgt der Antiheld - ungehobelt, aber unterhaltsam


Nach dem Ersten Weltkrieg berufen sich völkisch-nationale Kreise in Deutschland erst recht lautstark auf die nordischen Kerle. Sowohl Wikinger als auch Germanen seien "rassische Ahnen" der Deutschen; sie stammten aus einer uralten Hochkultur - wahlweise als "Atlantis" oder "Thule" bezeichnet -, die selbst die griechisch-römische Antike in den Schatten stelle: Linderung für die Pein der militärischen Niederlage.

Unmerklich geht naive Normannen-Verehrung in politische Instrumentalisierung über: In Freilicht-Arenen werfen sich Hobby-Wikinger mit Hörnerhelmen auf dem Kopf in Pose, und "Hojotoho!"-brüllende Walküren blicken grimmig ins Publikum, während sie mit Speeren fuchteln. Der Astrologe Friedrich Marby entwickelt in den zwanziger Jahren seine Runengymnastik: Wer den Leib verbiege, um die Form einer Rune nachzuahmen, und dazu den entsprechenden Laut "raune", verbinde sich mit der kosmischen Kraft, die diese Rune repräsentiere. Marby behauptet, seine Yoga-ähnlichen Übungen basierten auf uralten Wikinger-Traditionen und hätten heilsame Wirkung.

Von 1933 an, während der Herrschaft der Nationalsozialisten, verliert der Wikinger-Kult in Deutschland endgültig seine Unschuld. Die Nazis beginnen, die nordischen Seefahrer systematisch für ihre politischen Ziele zu missbrauchen.

Besonders Heinrich Himmler, der "Reichsführer SS", ist fanatischer Anhänger eines Neo-Wikingertums. Nicht nur dass er seiner SS gezackte Runen als Logo verpasst und gemeinsam mit Archäologen der SS-Forschungsgemeinschaft "Ahnenerbe" Großgrabungen in ehemaligen Wikinger-Siedlungen organisiert, er glaubt auch: "Ein Volk steht und fällt damit, ob es genügend nordisches, gutes Blut gibt, ob dieses gute Blut sich weiter vermehrt." In sogenannten Lebensborn-Heimen sollen arische Nachkommen mit nordischem Blut gezüchtet werden. Gerade die Norweger hätten als direkte Nachfahren der Wikinger Kühnheit und Stärke in ihren Adern. Kreuze man einen deutschen Soldaten mit einer blonden Norwegerin, so Himmlers Formel, dann müsse Gewaltiges entstehen.

Adolf Hitler selbst bewundert die römischen Diktatoren der Antike und hat für die barbarischen Met-Säufer aus dem Mittelalter nur Spott übrig. "Wir sind Nationalsozialisten", so der "Führer" in einer Rede, "und haben überhaupt nichts zu tun mit wallenden Bärten und Haupthaar. Wir haben alle die Haare kurz geschnitten." Doch Himmler lässt sich nicht beirren. "Lebensborn" könne mittelfristig eine zusätzliche "Armee von 400.000 Mann" für den Kampf um die Weltherrschaft produzieren, rechnet er Hitler vor.

Die deutschen Soldaten im besetzten Norwegen erfahren davon durch einen ungewöhnlichen Kampfauftrag. "In tiefstem sittlichen Ernst" wird ihnen in einem Rundschreiben mit dem Titel "SS für ein Großgermanien, Schwert und Wiege" nahegelegt: "So viele Kinder wie möglich zeugen, egal, ob ehelich oder unehelich." Tatsächlich kommen dann allein in den "Lebensborn"-Heimen im Land der Fjorde etwa 12.000 Kinder zur Welt.

Der nächste Imagewandel

Ein Werbeplakat aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs zeigt einen SS-Soldaten, der einem blonden jungen Norweger vor einem Wikinger-Schiff die Hand schüttelt: "Mit Waffen-SS und Norwegischer Legion gegen ihren gemeinsamen Feind. Gegen den Bolschewismus." Und eine berüchtigte Division der SS, in der Freiwillige aus Nordeuropa kämpfen, taufen die Nazis "Wiking".

Die meisten Menschen im besetzten Norwegen und Dänemark sind jedoch wenig begeistert von den deutschen Verbrüderungsversuchen. Dänische Widerstandskämpfer entwerfen sogar eine Gegenversion aus wikingischer Überlieferung: Hitler und seine Schergen bezeichnen sie als "Weltenschlange" - jene dämonenhaft die gesamte Welt umschlingende Bestie, die Donnergott Thor schließlich mit seinem Hammer vernichtet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird es um die schwer missbrauchten nordischen Seefahrer erst einmal stiller. Doch die isländischen Sagas und die "Edda" bleiben Quellen literarischer Inspiration. Nachhaltig berühmt wird die Fantasy-Trilogie "Der Herr der Ringe", die Mitte der fünfziger Jahre erscheint. Ihr Autor John R. R. Tolkien, Oxford-Professor für englische Sprache und Literatur und ein großer Freund isländischer Dichtkunst, bedient sich für Eigennamen direkt aus der "Edda"; der Figur des Zauberers Gandalf verleiht er Züge des Gottes Odin.

Bald darauf sind die Wikinger reif für den nächsten Imagewandel. Nach dem moralischen Bankrott des Naturburschen mit Herz und erst recht des arischen Zuchtrecken erstehen sie auf als barbarisch-ungehobelte, aber unterhaltsame Antihelden, mit Vorliebe in Kinderbüchern, Zeichentrickfilmen und Comics.



insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Noctim 03.12.2010
1. Wikinger
Ich hätte mir in dem durchaus interessanten Artikel noch ein "so war es wirklich"-Absatz gewünscht. Der Wikinger ist halt die nordeuropäische Antwort auf den Samurai, den Ninja, den römischen Legionär, den Cowboy oder den antiken Maya-Krieger und wird gnadenlos romantisiert. Dass die heutigen Vorstellungen nicht mehr dem Original entsprechen, tut bei der "Heldenverehrung" nicht mehr viel zur Sache. Es geht vielmehr um die Suche nach der eigenen Herkunft und Geschichte, die für uns Deutsche nicht zwingend bei den Amis, Nazis, Kommunisten oder Römer aufhört.
Drabblschuder 03.12.2010
2. Betr: Große Hörner auf den Helmen
Zitat von sysopEinst galten sie als Dämonen, dann als edle Wilde. Richard Wagner machte sie zu deutschen Herrenmenschen. Heute werben sogar Gurkenhändler mit dem Mythos der Wikinger. http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/0,1518,731980,00.html
Man muss sich das im übertragenen Sinne vorstellen: Während die wilden Männer die meiste Zeit unterwegs waren, blieben ihre Frauen alleine im kalten, dunklen Norden...
marcmiltz 03.12.2010
3. Cover
Ich frage mich nur, wer vom Spiegel denn das Cover der Spiegel-Geschichte Ausgabe verbockt hat? Ist derjenige schon gefeuert worden? Der Helm der auf dem Cover zu sehen ist datiert früher als die Wikingerzeit. Und zwar einige Jahrhunderte zu früh.
beutzemann 03.12.2010
4. ..............grrrüße....................
Zitat von sysopEinst galten sie als Dämonen, dann als edle Wilde. Richard Wagner machte sie zu deutschen Herrenmenschen. Heute werben sogar Gurkenhändler mit dem Mythos der Wikinger. http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/0,1518,731980,00.html
Ich stelle mir Merkel im Thing vor... geht nicht! (Mal abgesehen vom Geschlecht; Westerwelle - Meine Güte -) Liebe Grüße, Beutz.
Peddersen, 03.12.2010
5. ...naja....
...der weitverbreitendste Irrtum wird mal wieder nicht korrigiert: Keineswegs waren die Nordmannen bzw. die nordischen Völker u.a. rund um die Ostsee alles "Wikinger". Als "Wiking" wurde nur bezeichnet, welcher auf "Wikingfahrt" (Entdeckung/Eroberung/Plünderung) ging - meist junge Männer und auch nur zeitweise. Der weitaus größere Teil der Bevölkerung blieb daheim, ernährte sich von Fischfang, Landwirtschaft, Handel und Handwerk. Ist natürlich weder für Wagner noch für den Spiegel attraktiv :)) peddersen
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL Geschichte 6/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.