Mythos und Legende Die Allzweck-Barbaren

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Von Till Hein

4. Teil: Ist das Mythos endgültig zur Lachnummer verkommen?


Seit den siebziger Jahren freuen sich Kinder weltweit an der aus vergnüglichen Büchern entstandenen Trickfilmserie "Wickie und die starken Männer", wo der wache Geist des kleinen Titelhelden gegen die Dumpfheit der Wikinger-Krieger die Oberhand behält. Vorlage war die Kinderbuchreihe "Vicke Viking" des schwedischen Autors Runer Jonsson.

Mit dem leicht beschränkten, grobschlächtig-mürrischen, aber im Grunde gutmütigen Wikinger-Häuptling "Hägar der Schreckliche" wiederum, der unzählige Krieger befehligt, daheim aber unterm Pantoffel seiner Frau Helga steht, fühlen sich viele moderne Männer seelenverwandt.

Mittlerweile erscheinen "Hägar"-Comics in 13 Sprachen und 58 Ländern. Wikinger, so die Botschaft, sind rührend-tapsige Grobmotoriker, originelle Freaks mit eindrucksvollem Mut, großer Kraft, aber wenig Grips, harmlose, ulkige Sympathieträger aus dem finsteren Mittelalter. Ist ihr Mythos endgültig zur Lachnummer verkommen?

Die Nordmänner gelten in den USA als echte Helden und Pioniere der See

Spätestens das große US-Wikinger-Jubiläum bringt im Jahr 2000 abermals die Wende: Erneut werden dort die Normannen zu echten Helden stilisiert. Unter dem Motto "1000 Jahre Wikinger" steigen in den USA Dutzende Festivals.

Amerika könne stolz sein auf seine nordischen Wurzeln, schwärmt etwa Hillary Clinton, damals die First Lady der USA, in einer Festrede. Den "seefahrenden Pionieren", die als erste Weiße in der Neuen Welt an Land gingen, gebühre Ruhm und Ehre: Denn ihre Drachenschiffe, mit deren Hilfe sie "Menschen und Orte miteinander verbunden" hätten, seien das "Internet des Jahres 1000" gewesen - Amerika zelebriert die Geburt der Nation aus dem Geist des Hörnerhelms.

Auch in Europa flackert der Heldenmythos wieder auf: Auf der Expo 2000 präsentiert sich Deutschland mit einem Wikinger-Schiff, und Journalisten überschlagen sich vor Ehrfurcht vor den nordischen Barbaren: Die Wikinger "kultivierten die Küste von Irland und England", meldet "Focus"; eine ZDF-Dokumentation charakterisiert sie als "Genies aus der Kälte".

Sind das die Vorboten neuer Aufwertung? Der Glaube an die uralten Götter, die Asen, wurde 2003 in Dänemark als offizielle Religion anerkannt. In der Stadt Odense wird demnächst ein Friedhof für Neo-Heiden eröffnet. Dort sollen Menschen, die an Odin, Thor und Freyja glauben, ihre letzte Ruhestätte finden.

Wikingerrock, Wikingerdiät, Wikingersex

In Deutschland wiederum kochen ein paar Unverbesserliche weiter braune Suppe: Rechtslastige Rockbands besingen die Heldentaten Odins oder Siegfrieds und wollen aus den alten nordischen Mythen Kraft schöpfen, um das völkische Erbe hochzuhalten. "Wir marschieren Hand in Hand - nur für unser Vaterland", heißt es in einem Song der Band "Nordwind" aus Fürth, die sich dem "Vikingrock" verschrieben hat. "Nimmt das Schicksal seinen Lauf - diesmal hält uns keiner auf!"

Doch das sind Randerscheinungen. Heute geht es vor allem ums Geschäft: Die Gentest-Firma Igenea aus Zürich fragt im Internet: "Sind Sie ein Wikinger? Durch einen DNA-Test können wir Ihre biologischen Wurzeln entdecken." Ab 179 Euro. Skandinavische Ernährungswissenschaftler propagieren eine "Wikingerdiät". Ein deutscher Reiseveranstalter, spezialisiert auf Kultur- und Wanderferien, nennt sich werbewirksam nach den Nordmännern.

Fischkonserven, Würfelzucker und Senf werden unter dem Zeichen des Drachenboots vermarktet, aber auch Gurken, Würstchen, Trüffel und Marzipan. Sogar eine Berliner Prostituierte wirbt im Internet mit den Barbaren aus dem Norden. "Hallo, ich bin Lene - und ich komme aus Dänemark." Ihren Freiern verspricht die Dame heißen "Wikingersex".

Mit oder ohne Hörnerhelm.



insgesamt 10 Beiträge
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Noctim 03.12.2010
1. Wikinger
Ich hätte mir in dem durchaus interessanten Artikel noch ein "so war es wirklich"-Absatz gewünscht. Der Wikinger ist halt die nordeuropäische Antwort auf den Samurai, den Ninja, den römischen Legionär, den Cowboy oder den antiken Maya-Krieger und wird gnadenlos romantisiert. Dass die heutigen Vorstellungen nicht mehr dem Original entsprechen, tut bei der "Heldenverehrung" nicht mehr viel zur Sache. Es geht vielmehr um die Suche nach der eigenen Herkunft und Geschichte, die für uns Deutsche nicht zwingend bei den Amis, Nazis, Kommunisten oder Römer aufhört.
Drabblschuder 03.12.2010
2. Betr: Große Hörner auf den Helmen
Zitat von sysopEinst galten sie als Dämonen, dann als edle Wilde. Richard Wagner machte sie zu deutschen Herrenmenschen. Heute werben sogar Gurkenhändler mit dem Mythos der Wikinger. http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/0,1518,731980,00.html
Man muss sich das im übertragenen Sinne vorstellen: Während die wilden Männer die meiste Zeit unterwegs waren, blieben ihre Frauen alleine im kalten, dunklen Norden...
marcmiltz 03.12.2010
3. Cover
Ich frage mich nur, wer vom Spiegel denn das Cover der Spiegel-Geschichte Ausgabe verbockt hat? Ist derjenige schon gefeuert worden? Der Helm der auf dem Cover zu sehen ist datiert früher als die Wikingerzeit. Und zwar einige Jahrhunderte zu früh.
beutzemann 03.12.2010
4. ..............grrrüße....................
Zitat von sysopEinst galten sie als Dämonen, dann als edle Wilde. Richard Wagner machte sie zu deutschen Herrenmenschen. Heute werben sogar Gurkenhändler mit dem Mythos der Wikinger. http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/0,1518,731980,00.html
Ich stelle mir Merkel im Thing vor... geht nicht! (Mal abgesehen vom Geschlecht; Westerwelle - Meine Güte -) Liebe Grüße, Beutz.
Peddersen, 03.12.2010
5. ...naja....
...der weitverbreitendste Irrtum wird mal wieder nicht korrigiert: Keineswegs waren die Nordmannen bzw. die nordischen Völker u.a. rund um die Ostsee alles "Wikinger". Als "Wiking" wurde nur bezeichnet, welcher auf "Wikingfahrt" (Entdeckung/Eroberung/Plünderung) ging - meist junge Männer und auch nur zeitweise. Der weitaus größere Teil der Bevölkerung blieb daheim, ernährte sich von Fischfang, Landwirtschaft, Handel und Handwerk. Ist natürlich weder für Wagner noch für den Spiegel attraktiv :)) peddersen
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