Siedlerstrom nach Osten Wirtschaftswunder an der Ostsee

Mit kaufmännischem Geschick, aber auch mit brachialer Gewalt sicherte sich die deutsche Hanse eine Einflusszone im Osten Europas. Sie wirkte mit an der Gründung von Städten wie Riga, Reval und Dorpat.
Hansestadt Danzig (um 1625): Wiederaufbau zum wichtigsten Handelsplatz der Region

Hansestadt Danzig (um 1625): Wiederaufbau zum wichtigsten Handelsplatz der Region

Foto: Hulton Archive/ Getty Images

Iwan III. hatte seinen Handstreich perfekt vorbereitet. Der Moskauer Großfürst, der sich als erster Russe den Titel Zar anmaßte, traf seinen mächtigen Gegner völlig unvorbereitet: Mit einem simplen Befehl stürzte er die Hanse, diese seit Jahrhunderten dominante Handelsmacht im Ostseeraum, in eine schwere Krise.

Am 6. November 1494 ließ der Großfürst deutsche Fernhändler, Gesellen und Priester im Hansekontor Nowgorod gefangen nehmen und verschleppen. Kurz danach verhaftete er sogar zwei Diplomaten der Hanse. Damit nicht genug: Iwan plünderte das Lager des Kontors, beschlagnahmte alle Waren. Weil die Deutschen in Nowgorod überwintern mussten, war das Magazin prall gefüllt gewesen.

Vielleicht träumte der ehrgeizige Herrscher schon damals von einem großen russischen Reich bis an die Ostsee und dachte an seine eigenen Kaufleute. Vielleicht wollte er dem Heiligen Römischen Reich auch nur symbolisch seinen Machtanspruch demonstrieren und sich für vergangene diplomatische Kränkungen rächen.

Die Nachricht von der Schließung ihres östlichen Kontors traf die Hanse jedenfalls bis ins Mark. Iwans Attacke richtete sich nicht nur gegen die älteste und wichtigste Außenstelle der Hanse im Osten. Sie stellte gleichzeitig ein wirtschaftliches Erfolgsmodell in Frage, das seit drei Jahrhunderten prächtig funktioniert hatte: den blühenden Handel auf der Achse Nowgorod-Lübeck- Brügge.

Diplomatie und Drohungen

Mit einer Mischung aus Diplomatie und Drohungen hatte sich die Hanse hier schon seit dem 12. Jahrhundert entscheidende Vorteile gegenüber der Konkurrenz erkämpft. Lange besaß niemand an der Ostsee so umfangreiche und vorteilhafte Privilegien wie die deutschen Kaufleute, die auch den lukrativen Handel von Pelzen und Wachs in den Westen nahezu monopolisieren konnten - und ihre Vorrechte mit allen Mitteln verteidigten.

Dieser erstaunliche Aufstieg der Kaufmannschaft und ihr Drang bis ins ferne Nowgorod, im Spätmittelalter eine autonome Stadtrepublik, hatten bereits 1143 begonnen. Damals wurde Lübeck als erste deutsche Ostseestadt gegründet. Mehrmals zerstört, zog die Stadt dennoch Fernhändler aus dem ganzen Reich an - und fand im Sachsenherzog Heinrich dem Löwen einen umtriebigen Förderer. Überall warb er für den neu-en Handelsort. Schnell erkannte Heinrich, dass der Weg von Lübeck in den Osten nur über die Insel-Drehscheibe Gotland mit ihrer Metropole Visby führen konnte. Dort siedelten auch deutsche Händler.

1161 söhnte Heinrich daher vertraglich die verfeindeten deutschen und Gotländer Kaufleute aus, um "Hassausbrüche, Feindschaften und Morde" zwischen ihnen zu beenden. Der Herzog garantierte den Gotländern Rechtssicherheit und Zollfreiheit in seinem Machtbereich, vorausgesetzt, "die Gotländer gewähren unseren Leuten in dankbarer Wechselseitigkeit dasselbe". Ein geschickter Schachzug mit langfristig ungleichen Vorteilen: Visby wurde für die Deutschen zum Sprungbrett auf den russischen Markt, von dem die Neulinge die Gotländer später rücksichtslos verdrängen sollten.

"Gemeinschaft der deutschen Gotlandfahrer"

Um ihre Interessen besser durchsetzen zu können, schlossen sich die Kaufleute durch einen Schwur zur "Gemeinschaft der deutschen Gotlandfahrer" zusammen. Sie gaben sich eine eigene Verfassung, wählten einen "Oldermann" an ihre Spitze und gingen nur im Verbund auf Reisen. Ohne es zu ahnen, hatten sie damit die Blaupause für das spätere Erfolgsrezept der Hanse geliefert: Aus dem losen Zusammenschluss gleichgesinnter Unternehmer entwickelte sich langfristig die Idee einer engen Zusammenarbeit potenter Städte.

Die Deutschen folgten nun den erfahreneren Skandinaviern Richtung Osten und gelangten über die Flüsse Newa und Wolchow bis nach Nowgorod. Dort lag der wichtigste Umschlagsort für Pelze, Felle und Wachs - Luxusgüter, nach denen die ständebewusste Feudalgesellschaft nur so gierte: Wer etwas auf sich hielt, schmückte sich mit kostbaren Zobeln aus Russland und erleuchtete sein Anwesen mit duftenden Wachskerzen, statt übelriechendes Fett abzubrennen.

Der Handel florierte. Hansekaufleute verschifften tonnenweise Pelze und brachten aus dem Westen Tuche, Salz, Silber, Buntmetalle und Heringe zurück. Immer mehr Unternehmer strömten nach Russland, so dass der Fürst von Nowgorod sie 1199 mit umfangreichen Schutzprivilegien ausstattete: Die Händler sollten "ungeschädigt" nach Nowgorod gelangen und auch in Kriegszeiten "unbehelligt nach Hause ziehen" können. Zur Absicherung entwarf der Fürst einen detaillierten Strafenkatalog: Für jeden erschlagenen deutschen Boten waren 20, für jeden Kaufmann 10 Mark Silber fällig. Schon Hiebe mit einer Waffe sollten den Täter Bußgeld kosten.

Zudem durften die Deutschen ihr eigenes Kontor errichten, das sie "Peterhof" nannten. Hinter den hohen Palisaden des Hofs wuchs eine Kleinstadt mit Brauhaus, Backstube, Hospital und Kirche heran, schließlich mussten die Kaufleute hier Monate verbringen. Nachts sicherten Doggen das Gelände vor Eindringlingen. Und selbst das Gotteshaus diente nicht nur dem Seelenheil: Es war in Wahrheit auch ein Versteck für die Geldkasse und ein Warenlager, streng bewacht, rund um die Uhr. Manchmal türmten sich die Güter bis auf den Altar.

Weit weniger harmlos verzahnten Kaufleute Gottesfurcht und Unternehmensgeist zur selben Zeit auch in Livland. Dort, auf Gebieten des heutigen Lettlands und Estlands, hatten die Deutschen bisher nicht richtig Fuß gefasst. Doch 1193 rief Papst Coelestin III. zum Kreuzzug gegen die heidnischen Balten auf. Das war die Chance für die Fernhändler auf klingende Kassen - und besonders Lübeck nutzte sie.

1198 versammelte sich dort aus dem ganzen Reich "eine große Menge von Prälaten und anderen Geistlichen, von Rittern und Kaufleuten", wie Chronist Arnold von Lübeck berichtet. Die Männer hätten "Schiffe, Waffen und Lebensmittel" gekauft, dann brachen sie nach Livland auf. Die Finanzkraft und die Logistik der Händler ermöglichten den religiösen Eiferern den Krieg, von dem schon bald die ganze Hanse profitieren sollte.

Selbst vor Krieg schreckte das Städtebündnis nicht zurück

Die Kreuzritter siegten, verloren aber auf dem Schlachtfeld Bischof Bertold von Livland. Erst sein Nachfolger Albert, der mit 500 frischen Kämpfern von Gotland nachrückte, konnte die Region dauerhaft unterwerfen. Der Aufwand lohnte sich: "Das Land dort ist nämlich fruchtbar zum Beackern, hat Überfluss an Wiesen, wird auch von Flüssen durchströmt und ist hinreichend mit Fischen und Holzungen versehen", schwärmte ein Chronist über die Gegend an der Düna-Mündung.

Genau hier, an einem natürlichen Hafen, gründete der aus der Nähe von Bremen stammende Albert 1201 Riga - skrupellos hatte er livländische Geiseln genommen und sie gezwungen, ihm einen günstigen Ort zu nennen. Schon bald entwickelte sich Riga zum zweiten pulsierenden Knotenpunkt des Osthandels. Mit Hilfe von Kaufleuten aus Lübeck, Münster und Soest wuchs die Stadt binnen weniger Jahre mehrmals über ihre alten Grenzen hinaus. Über die Düna drangen Kaufleute sogar bis in die heute weißrussischen Städte Polazk und Smolensk vor.

Gesichert wurden die lukrativen Geschäfte von Beginn an über den deutschen Ritterorden der Schwertbrüder, in dem ehemalige Kreuzritter und Kaufleute Seite an Seite kämpften. So schossen bis zum 14. Jahrhundert in Livland 20 neue Städte aus dem Boden, darunter im Binnenland Dorpat, das heutige Tartu. 1224 eroberten die Schwertbrüder dort eine Burg und machten den Ort schnell zur florierenden Bischofsstadt. Bald das östlichste Hansemitglied, wurde Dorpat zum wichtigsten Zwischenstopp für die wachsende Zahl an Händlern, die auf dem Landweg nach Nowgorod zogen.

Auch am Erfolg Revals, des heutigen Tallinn, war der Ritterorden maßgeblich beteiligt: Im Jahr 1230 rief er 200 deutsche Kaufleute aus Gotland in die bisher verschlafene Ostseesiedlung und legte damit den Grundstein für einen rasanten Aufschwung. Hier wurden Pelze, Getreide und Flachs exportiert, Tuche und Salz importiert. Reval konnte langfristig sogar mit Riga um die Rolle als zentraler Umschlagsort im Nowgorod-Handel konkurrieren.

Verquickung von Missionierung und Wirtschaftsinteressen

Noch enger verquickten sich Missionierung und Wirtschaftsinteressen nur in Preußen. Dort regierte seit dem Jahr 1230 der Deutsche Orden wie ein straff organisierter Staat, mit seinem Hochmeister als königsgleichem Herrscher. Der versuchte, seine junge Regentschaft mit einer klugen Städtepolitik abzusichern.

An Weichsel und Ostsee gründete, erweiterte und befestigte der Orden daher schon bald Städte wie Thorn, Kulm, Elbing und Königsberg. Danzig, das sich den neuen Machthabern zunächst widersetzte, wurde 1308 zerstört - und stieg nach dem Wiederaufbau zum wichtigsten Handelsplatz der Region auf. Ihren Erfolg verdankten die preußischen Städte dem massenhaften Export von Getreide, Holz, Teer und Asche. Aber sie handelten auch mit Luxusartikeln, etwa ungarischem Kupfer, das sie im fernen Krakau erwarben, oder Bernstein, auf das der Orden ein Monopol besaß.

So erlebte die Ostseeregion im 13. und 14. Jahrhundert mit ihrem feinmaschigen Netz an jungen Städten einen regelrechten Wirtschaftsboom: Großkaufleute, die schon lange nicht mehr selbst auf Reisen gingen, investierten in mehrere Handelsgesellschaften und minimierten so das Geschäftsrisiko. Kreditgeschäfte nahmen zu - und die Bereitschaft zum Wagnis.

Manche Händler verspekulierten sich oder erwarben mangelhafte Ware, etwa Wachs, das russische Händler mit Harz und Fetten gestreckt hatten. Andere gingen derart exzessiv auf Einkaufstour, dass sie ungewollt selbst den Marktpreis drückten. "Man will für den Rakelfisch keine 28 Gulden geben", klagte 1418 Sivert Veckinchusen in einem Brief an seinen Bruder und Teilhaber Hildebrand. Auch die Pelze werde er nicht los, Hildebrand habe zu teuer eingekauft. "Ich war mein Lebtag noch nie so in Geldsachen bedrängt." Während Sivert seine Probleme in den Griff bekam, sollte sein Bruder den Lebensabend im Schuldenturm verbringen.

Die Hanse als Mittlerin zwischen Ost und West

Solche Abstürze schreckten kaum ab, zu verlockend waren die Geschäfte: Salz aus Lüneburg, Wein aus Köln, Flachs aus Riga - die Hanse profitierte von ihrer Rolle als Mittlerin zwischen Ost und West. 1368 registrierte allein der Lübecker Hafen 406 Fahrten zwischen der Hansestadt, Livland und Preußen.

Ohne Druck und Selbstdisziplin wäre das Wirtschaftswunder an der Ostsee nicht möglich gewesen. Ihren Mitgliedern legte die Hanse zuweilen ein enges Korsett an Regeln an. Nach außen setzte sie durch, "dass niemand in den Genuss der Privilegien und Freiheiten der Deutschen kommen soll", der nicht zur Hanse gehöre. Gleich mehrmals verhängte sie Boykotte, selbst gegen Nowgorod und Brügge, und riskierte im Kampf um ihre Vorrechte sogar kräftige Einbußen.

Selbst vor Krieg als letztem Mittel der Wirtschaftspolitik schreckte das Städtebündnis nicht zurück. So lieferte sich die Hanse zwischen 1362 und 1368 mehrere erbitterte Schlachten mit dem Dänenkönig Waldemar IV. Der hatte es gewagt, auf der Halbinsel Schonen, dem zentralen Umschlagsort für Heringe, die Abgaben zu erhöhen sowie die Hansestadt Visby zu besetzen. Unbeeindruckt von einer krachenden Niederlage in Hälsingborg, gewann die Hanse schließlich langfristig die Auseinandersetzung.

Im Frieden von Stralsund musste Waldemar 1370 einigen demütigenden Bedingungen zustimmen. Die Kaufleute erhielten ihre Handelsfreiheit und die alten Privilegien in Schonen und Visby zurück. Für 15 Jahre durfte die Hanse zudem die dänischen Festungen am Öresund besetzen und konnte sogar bei einem möglichen Thronwechsel mitentscheiden.

Kaufleute zwangen einen König in die Knie: Mit dem spektakulären Frieden stieg das Städtebündnis zu einer nichtstaatlichen Großmacht auf. Doch diese Blüte währte nicht lange: Schon im 15. Jahrhundert musste die Hanse ihre Interessen immer häufiger mit Handelssperren oder Waffengewalt sichern. Dennoch erlitt sie empfindliche Niederlagen und konnte etwa die aufstrebenden Holländer nicht aus der Ostsee verdrängen. Die fuhren über die Flüsse ins Binnenland, um dort Handel zu treiben, und umgingen so die deutschen Zwischenhändler in den Hansestädten.

"Sie werden reich, und wir verderben"

Zudem weckte die aggressive Wirtschaftspolitik nicht nur die Missgunst von Fürsten und Königen. "Sie werden dabei reich, und wir verderben", klagte ein Kaufmann aus Thorn über die ständigen Kriege mit Dänemark. Alleinigen Nutzen hätten Städte wie Lübeck und Hamburg, weil der Handel nach Flandern weiterlaufe. Mit jedem neuen Mitglied nahmen solche internen Spannungen zwischen Ost und West zu. Die Größe der Hanse gefährdete zunehmend die alte Erfolgsformel: das geschlossene Auftreten im Ausland - trotz oft völlig unterschiedlicher Interessen.

So hieß Danzig britische Händler willkommen, obwohl die Hanse die Engländer sonst mit aller Macht aus der Ostsee fernzuhalten versuchte. Die livländischen und die preußischen Städte wiederum waren an einer direkten Handelsroute nach England interessiert - auf Kosten von Lübeck als Umschlagsplatz. Rostock und Wismar unterstützten für die Interessen ihres ehrgeizigen Mecklenburger Herzogs sogar die Kaperfahrten von Seeräubern und schadeten damit jahrelang dem Handel.

Als Iwan III. im Jahr 1494 zu seinem Schlag gegen das Kontor in Nowgorod ausholte, hatte der Niedergang der Hanse also bereits begonnen. Dennoch brach der Gewaltakt nicht sofort die Vormacht der deutschen Händler im Osten. Für eine Weile übernahmen Dorpat, Reval und Riga die Rolle Nowgorods. Geschickt zwangen sie auswärtige Kaufleute, nur bei livländischen Zwischenhändlern einzukaufen oder zu verkaufen.

Der Aufschwung hielt nicht lange. Dann vollendete Iwan IV., genannt der Schreckliche, das Werk seines Großvaters. 1558 eroberte er Livland und legte Dorpat in Trümmer. Riga und Reval konnten sich halten, erhielten jedoch so gut wie keine Hilfe der Hanse. Damit endete die einst so lukrative Kooperation im Osten endgültig. Reval suchte sich nun Schweden als Schutzmacht und befand sich bald im Krieg. 1559 attackierte ein feindliches Geschwader den Revaler Hafen, beschlagnahmte und vernichtete rund hundert Schiffe. Der Angreifer war ein alter Bekannter - Lübeck.

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