Der Aufbruch "Jetzt ist es wieder unser Land"

SPIEGEL-Gespräch mit dem ägyptischen Schriftsteller Alaa al-Aswani über die Revolution in seiner Heimat, den Einfluss der Muslimbrüder und die Mühen des Wandels

Von und


SPIEGEL: Am Flughafen begrüßte uns ein Ägypter mit dem Satz: "Willkommen im neuen Kairo". Gibt es das?

Aswani: Ja, die Revolution hat die Menschen verändert. Sie empfinden eine neue Würde. Alle, die auf die Straße gingen, um zu demonstrieren, taten das in dem Bewusstsein, vielleicht nie mehr nach Hause zu kommen. Sie waren bereit zu sterben. Das ist die Bedeutung von Revolution: lieber zu sterben, als weiter ohne Würde zu leben.

SPIEGEL: Überall in der Stadt sieht man nun die ägyptische Flagge, auch an Ihrem Balkon hier hängt eine. Ist das Ausdruck dieses Stolzes?

Aswani: Ja, absolut. Die Flagge drückt aus: Jetzt ist es wieder unser Land, wir haben es uns zurückgeholt. Nur ein Beispiel: Nach der Revolution strömten die jungen Menschen aus und machten die Stadt sauber, so was habe ich noch nie erlebt. Auch meine Töchter und ihre Klasse haben mitgemacht, drei Tage lang haben sie Abfall gesammelt. "Papa, das ist unsere Pflicht", erklärten sie mir.

SPIEGEL: Die Generation Facebook ist die treibende Kraft des Aufstandes?

Aswani: Die Revolution wurde von allen getragen: von Reich und Arm, von Städtern und Bauern, Frauen, Kindern, Muslimen und Christen. Die sozialen Klassen spielten keine Rolle mehr. Die Blogger haben die Revolution angestoßen, aber es ist nicht ihre Revolution. Ein altes Klischee sagt, Ägypter seien nicht fähig zu Teamwork. Während des Aufstandes auf dem Tahrir-Platz habe ich eine unglaubliche Kooperation gesehen, da gab es Selbsthilfe-Komitees für die Sicherheit, für Essen, für Erste Hilfe, alles war organisiert.

SPIEGEL: Sie waren selbst auf dem Tahrir-Platz dabei?

Aswani: Ja, ich habe dort 18 Tage lang campiert. Jeden Tag gab ich eine Pressekonferenz, um nach draußen zu vermitteln, was passiert. Dabei habe ich mal eine leere Zigarettenpackung auf den Boden geworfen. Da kam eine ältere Frau und erklärte, sie liebe meine Bücher, aber ich solle doch bitte schön die Schachtel aufheben und in den Mülleimer werfen. Ich tat wie geheißen, ich fühlte mich wie ein schuldiges Kind. "Wir bauen ein neues Ägypten, und das soll sauber sein", sagte sie mir. Sie hatte absolut das Recht, mich zu kritisieren.

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Ägypten: Marsch gegen den Despoten

SPIEGEL: Der noch von Husni Mubarak eingesetzte Premierminister Ahmed Schafik, mit dem Sie Anfang März in einer TV-Debatte auftraten, empfand Ihre Kritik dort als Zumutung.

Aswani: Ich erklärte ihm, dass es ein neues politisches Denken gibt und der Premier nicht mehr der Herr der Ägypter ist, sondern ein öffentlicher Diener. Da verlor er seine Beherrschung: "Was bilden Sie sich ein, wer sind Sie überhaupt, dass Sie glauben, Sie könnten mir die Meinung sagen?" Ich sagte ihm: "Ich bin ein ägyptischer Bürger, und von nun an hat jeder ägyptische Bürger das Recht, Sie zu kritisieren."

SPIEGEL: Er trat am nächsten Tag zurück.

Aswani: (lächelt) Ja, das ging schnell.

SPIEGEL: Wie waren die Reaktionen nach der Talkshow?

Aswani: 80 Prozent positiv, aber es gibt natürlich auch Überbleibsel des alten Regimes, die schickten schreckliche Drohbriefe an mich und meine Familie, terrorisierten uns am Telefon. Gerade wurde ein Mordplan aufgedeckt gegen Protagonisten der Revolution, da stand ich auf Platz zwei. Aber ich lasse mich nicht einschüchtern.

SPIEGEL: Seit Jahren kritisieren Sie in Ihren Büchern und Artikeln Menschenrechtsverletzungen, Korruption, Misswirtschaft unter Mubarak. Hatten Sie nie Probleme mit der Zensur?

Aswani: Nach manchen Artikeln riefen Sicherheitsagenten bei der Zeitung an und bedrohten den Eigentümer. Einmal hatte ich, sinnbildlich für Mubaraks Sohn Gamal, über einen kleinen Elefanten geschrieben, der von seinem Vater für Größeres vorbereitet werden soll, doch der kleine Elefant ist zu dumm, er will immer nur mit Wasser spielen.

SPIEGEL: Für die Leser war klar, dass damit nur Gamal gemeint sein konnte?

Aswani: Natürlich. Es hatte dann etwas Komisches, als ein Polizeioffizier anrief und den Zeitungschef anblaffte, der Artikel sei inakzeptabel. Ich schlug dem Herausgeber vor zu entgegnen, dass es doch befremdlich sei, wenn ein Offizier wegen eines kleinen Elefanten anruft.

SPIEGEL: Kürzlich schrieben Sie wieder über den Elefanten - und einen Löwen, damit war die Armee gemeint. Das Stück ist sehr kritisch gegenüber der Armee. Warum wählten Sie wieder eine Fabel, können Sie jetzt nicht ganz offen schreiben?

Aswani: Ich fand es so provokativer. Aber die Kritik stammt aus der Phase, als die Armee sehr zögerlich wirkte und es nicht klar war, ob sie gegen Mubarak wirklich vorgehen wird. Zunächst wurden ja nur seine Freunde und die Freunde seiner Söhne verhaftet. Das hat uns misstrauisch gemacht.

SPIEGEL: Aber nun sind sie alle in Haft, Mubarak und seine Söhne.

Aswani: Das ist die Wende, jetzt bewegt sich das Schiff in die richtige Richtung. Damit ist die größte Hürde überwunden. Für mich gibt es jetzt keine Zweifel mehr daran, dass die Armee es ernst meint mit dem politischen Wandel.

SPIEGEL: Menschenrechtler werfen der Armee vor, sie habe festgenommene Demonstranten gefoltert.

Aswani: Das Militär macht auch Fehler. In drei oder vier Fällen haben sie Leute misshandelt, ich habe die Berichte gesehen. Es heißt, gegen die Verantwortlichen werde ermittelt. Aber wir müssen fair bleiben: Diese Revolution wurde von der Armee beschützt. Ohne sie hätte alles ganz anders ausgehen können.

SPIEGEL: War diese Haltung von Anfang an klar?

Aswani: Zunächst wurden wir auf dem Tahrir-Platz von Gerüchten verunsichert, Soldaten würden bald das Feuer eröffnen. Da sprach ich einen Offizier an, und der sagte: Das wird niemals passieren. Tatsächlich hatte die ägyptische Armee in ihrer ganzen Geschichte nie die Linie, Demonstranten zu töten, wie wir das jetzt in Syrien und Libyen sehen. 1977 bei den Brotunruhen rief Präsident Anwar al-Sadat das Militär zu Hilfe. Sie stellten zwei Bedingungen: erstens, auf die Forderungen der Demonstranten einzugehen, und zweitens, auf keinen einzigen Ägypter zu schießen.

SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt: "Seit 20 Jahren schreibe ich für die Demokratie." Wie zuversichtlich sind Sie, dass sie jetzt wirklich kommt?

Aswani: Sie ist schon da. Wir fangen ja auch nicht bei null an. Ägypten hatte in den zwanziger Jahren schon ein Parlament, eine gewählte Regierung, die erste moderne arabische Universität, die erste Frau, die studierte.

SPIEGEL: Aber die Umstellung jetzt wird Zeit brauchen.

Aswani: Ja sicher, Demokratie ist kein plötzliches Paradies. Viele müssen umdenken. Die ägyptische Polizei etwa hat eine sehr harte, unmenschliche Tradition. Sie hat Menschen getötet. Der Polizeioffizier stand über dem Gesetz. Nun müssen sie lernen, dass sie Polizisten in einem demokratischen Staat sind, dass jeder Mensch Rechte hat und dass man Gefangene nicht schlägt. Es gibt auch gute Polizisten, aber viele sind noch nicht in der neuen Zeit angekommen.

SPIEGEL: Zeigen sich bereits Veränderungen?

Aswani: Ein Beispiel: Vor zwei Tagen wollte ein Polizist jemanden festnehmen, der eine Haftstrafe antreten sollte. Er war nicht zu Hause, so nahm der Offizier die Ehefrau mit. Das war so üblich: Als Druckmittel wurde die Ehefrau verhaftet oder sogar gefoltert. Diesmal gingen Freunde der Frau zur Polizeistation und drohten, die Wache anzuzünden, wenn sie nicht freigelassen wird und der Offizier verhaftet. Der hatte getan, was Tausende andere vor ihm taten, doch nun akzeptiert man das nicht mehr.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
langenscheidt 22.06.2011
1. Romantischer Demokrat
Ich kann den Mann verstehen, daß das was die Ägypter erreicht haben durch die rosarote Brille betrachten. Den Tahrir-Platz nach dem Sturz eines Staatsmannes sauber zu machen ist nicht auf des Volkes Wille zurückzuführen. Die amtierende Armeeführung hat aufgefordert den Tahrir-Platz zu säubern - das Volk gehorchte. Solange das System nicht vom Volk vollständig gesäubert wird (siehe DDR) wird alles beim alten bleiben. Fahnen aus dem Fenster hängen sagt nichts zum Ausgang der bevorstehenden Wahlen aus. Beide Spitzenkandidaten vertreten Ägypten. "SPIEGEL: Wer wird der neue ägyptische Präsident - der Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei oder der frühere Außenminister Amr Mussa? Aswani: Ich möchte dazu öffentlich noch nichts sagen, ich möchte niemanden beeinflussen." Aswanis Antwort reiht sich ein in die ideal-romantische Sicht von Demokratie und ein wenig auch Selbstüberschätzung seiner Worte. Andererseits läßt er sich die Option offen, nach den Wahlen schlau zu wirken.
Beat Adler, 22.06.2011
2. Danke fuer das Interview
Liebe Redaktion, vielen Dank fuer dieses Interview. Bitte tun Sie dasselbe mit Literaten in Casablanca, Algiers, Tunis, Tripolis, Beirut, Damaskus, Bagdad, Teheran, Jeddah und Karachi. mit freundlichen Gruessen Beat Adler
NON SENSE 22.06.2011
3. Tja
Aswanis Antwort reiht sich ein in die ideal-romantische Sicht von Demokratie und ein wenig auch Selbstüberschätzung seiner Worte. Andererseits läßt er sich die Option offen, nach den Wahlen schlau zu wirken.[/QUOTE] Nett! aber, es ist wie es ist, nämlich alles andere als eine Demokratie! Selbst Wahlen ändern da nichts! Die militärische Organisationsstruktur und Befehlshierarchie muss leider erst noch abgelegt werden. Würde mich wundern, wenn die sogen. Revolution so schnell ans Ziel und ins Bewusstsein gelangt wäre. Ich schätze die Lage leider so ein, dass die eigentliche Revolution den Ägyptern erst noch bevorsteht. Auch wenn die Zivilbevölkerung Ihre Bereitschaft zur Demokratie signalisiert. Ebenso sind die Unruhen als auch wirtschaftl-politischen Schieflagen u Umwälzungsprozess der Region nicht ohne Einfluss auf die Entwicklung einzlner Staaten! Frieden, Freiheit und Demokratie entwickeln sich leider erst auch mit stabilen wirtschaftlichen Entwicklungs- u. Wachstumsprozessen, die regionale u globale Strukturen u Methoden in eine gewachsene u. positive Korrelation bringen. DAfür benötigt es Konzepte und nicht a la France et GB: ich hol mir libysches Öl!!! Sorry!
mr_supersonic 22.06.2011
4. Jaja....
Zitat von langenscheidtIch kann den Mann verstehen, daß das was die Ägypter erreicht haben durch die rosarote Brille betrachten. Den Tahrir-Platz nach dem Sturz eines Staatsmannes sauber zu machen ist nicht auf des Volkes Wille zurückzuführen. Die amtierende Armeeführung hat aufgefordert den Tahrir-Platz zu säubern - das Volk gehorchte. Solange das System nicht vom Volk vollständig gesäubert wird (siehe DDR) wird alles beim alten bleiben. Fahnen aus dem Fenster hängen sagt nichts zum Ausgang der bevorstehenden Wahlen aus. Beide Spitzenkandidaten vertreten Ägypten. "SPIEGEL: Wer wird der neue ägyptische Präsident - der Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei oder der frühere Außenminister Amr Mussa? Aswani: Ich möchte dazu öffentlich noch nichts sagen, ich möchte niemanden beeinflussen." Aswanis Antwort reiht sich ein in die ideal-romantische Sicht von Demokratie und ein wenig auch Selbstüberschätzung seiner Worte. Andererseits läßt er sich die Option offen, nach den Wahlen schlau zu wirken.
Kennen Sie diesen Spruch: "Auch ein Marsch von 1000 Meilen beginnt mit einem Schritt." Ausserdem ist in vielen Artikeln, bei denen Ägypter befragt wurden, davon zu hören, dass man sich der Schwierigkeiten sehr bewusst ist, aber irgendwann muss man halt anfangen. Ihren Vergleich mit DDR halte ich für Blödsinn, denn es wurde nicht die gesammte Republik reformiert, sondern einfach ein Teil in ein schon bestehendes System integriert. Bis dieses System der "alten" BRD so war wie es ist, hat es jedoch auch ziemlich lange gedauert, denn das System davor hatte bis in die späten 60er großen Einfluss. Ich bin gespannt wie sich die Demokratie in Ägypten entwickeln wird. Sorge bereiten mir nur die Saudis. Insofern sollten wir als Europa versuchen, den Einfluss der Saudis einzudämmen. Z.B. indem wir deren Öl nicht mehr kaufen.
Globewohner 23.06.2011
5. Keine Politik ohne die Salafisten...
[/QUOTE] Nett! aber, es ist wie es ist, nämlich alles andere als eine Demokratie! Selbst Wahlen ändern da nichts! Die militärische Organisationsstruktur und Befehlshierarchie muss leider erst noch abgelegt werden. Würde mich wundern, wenn die sogen. Revolution so schnell ans Ziel und ins Bewusstsein gelangt wäre. Ich schätze die Lage leider so ein, dass die eigentliche Revolution den Ägyptern erst noch bevorsteht. Auch wenn die Zivilbevölkerung Ihre Bereitschaft zur Demokratie signalisiert. Ebenso sind die Unruhen als auch wirtschaftl-politischen Schieflagen u Umwälzungsprozess der Region nicht ohne Einfluss auf die Entwicklung einzlner Staaten! Frieden, Freiheit und Demokratie entwickeln sich leider erst auch mit stabilen wirtschaftlichen Entwicklungs- u. Wachstumsprozessen, die regionale u globale Strukturen u Methoden in eine gewachsene u. positive Korrelation bringen. DAfür benötigt es Konzepte und nicht a la France et GB: ich hol mir libysches Öl!!! Sorry![/QUOTE] Ich hoffe, dass Aswani recht behält. Leider geht er nicht auf die Salafisten ein, die nach der Revolution jetzt eine zunehmend bedeutende Rolle spielen. Tendenz: Mit der Strategie der HAMAS im Gazastreifen und der HISBOLLAH im Libanon unterstützen die Salafisten die einfache Bevölkerung mit Brot, Gesundheit und Spielen und verschaffen sich zunehmend Einfluss, speziell bei der Landbevölkerung. Sie sind straff organisiert und predigen im Gegensatz zu den heute eher liberalen Muslimbrüdern eine radikale Auslegung des Islam: Keine Toleranz gegenüber Andersgläubigen. Aswani ist Bildungsbürger wie viele auf dem Tharirplatz, aber sie vergessen in ihrem berechtigten Stolz, dass das Gros der Bevölkerung auf dem Land lebt. Die verstehen von den momentan diskutierten Verfassungsfragen wenig; zudem ist diesen Menschen der Bauch näher als der Kopf, und wenn in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten eine Organisation wie die Salafisten diese Menschen in ihren täglichen Nöten unterstützt, dann werden sie sich bei der anstehenden Wahl im Herbst dankbar erweisen. Demokratie zu fordern ist einfach, aber es kann sehr anstrengend sein, sie zu leben, andere Meinungen auszuhalten und deren Umsetzung zu tolerieren. Wir Deutsche haben das auch lernen müssen über viele Jahre - das steht den Ägyptern jetzt bevor. Allerdings auf einem tieferen Bildungsniveau, als wir Deutsche das damals hatten. Ich wünsche den Ägyptern allen Erfolg und das notwendige Glück für die Zukunft. Jedoch sind die Rattenfänger bereits unterwegs. Auch wenn ich hoffe, dass den Extremisten der "Diebstahl der Revolution" misslingt: die von den Saudis unterstützten Salafisten werden ein bedeutender Faktor im politischen Spiel werden und nach meiner Einschätzung die Geschicke Ägypten in naher Zukunft mitbestimmen.
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