Dreißigjähriger Krieg Hunger, Flöhe, Hass

Flämische "Gewitterlandschaft mit zwei Reitern" aus dem frühen 17. Jahrhundert
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Flämische "Gewitterlandschaft mit zwei Reitern" aus dem frühen 17. Jahrhundert

Von Georg Bönisch

3. Teil: Die Provokation von Schwäbischwerd


Ein explosives Gemisch - und fast wäre es schon früher hochgegangen, über eine Dekade vor dem Prager Fenstersturz. Im süddeutschen Donauwörth, damals Schwäbischwerd, einer von jenen acht Freien Reichsstädten, in denen die Anhänger beider Konfessionen sich lange gegenseitig duldeten. Hier die protestantische Mehrheit, da die katholische Minderheit, nur ein gutes Dutzend Familien. Welche religiös-politischen Rechte diese Minderheit besaß, war nirgendwo schriftlich festgehalten. Wohl deswegen hatten es die katholischen Geistlichen auch nicht gewagt, an Feiertagen vor aller Augen Prozessionen zu organisieren, sie verkrümelten sich auf Seitengassen. Dann, am Markustag 1606, dem 25. April, für Bauern ein entscheidender Tag ("Leg erst nach Markus Bohnen / er wird's dir reichlich lohnen"), zeigten sich die Katholiken plötzlich selbstbewusst in aller Öffentlichkeit.

Und es kam zum Eklat. Schwäbischwerds Protestanten, die wie alle ihre Glaubensgenossen Prozessionen verabscheuten, griffen sich die Fahnen der Katholiken und schleiften sie durch den Straßenkot, ein fürchterliches Sakrileg. Und als ihre katholischen Mitmenschen aus der Ortschaft zogen, schrien sie hinterher: "Die Friedensstörer, die Pfaffen, die Abgötter, die Halunken, sie mögen sehen, wie sie wieder hereinkommen."

Der Augsburger Bischof beschwerte sich, der Kaiser drohte, verhängte alsbald über die Stadt die Reichsacht, schließlich ließ er (katholische) Truppen einmarschieren. Schwäbischwerd war, wie es der Name sagt, ein schwäbisches Gemeinwesen, und doch exekutierte in Gestalt von Herzog Maximilian ein bayerischer Fürst die Strafe, robust und rücksichtslos.

"All das", analysiert der Historiker Gotthard, "musste Deutschlands Protestanten empören, auch, und zumal in Süddeutschland, ängstigen." Es ist ein Erklärungsansatz unter vielen, ob die Donauwörther Ereignisse wirklich, wie von manchen vermutet, den Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges mit vorbereiteten. Wenige Jahre danach, 1617, jährte sich zum hundersten Mal Martin Luthers revolutionärer Akt. In seinem "Zeytregister" vermeldete ein Ulmer Chronist: "Dieses Jubelfest ist ein Anfang des Krieges gewesen, wie bey den catholischen Scribenten weitläuffig darvon zu lesen ist, da das Jubelfest sie übel in die Augen gestochen hat."

Auch dies ein Erklärungsversuch, und so addieren sich die Modelle auf: Glaubenskrieg, Wirtschaftskrieg, Staatsbildungskrieg, Sprachlosigkeit, "Kleine Eiszeit", Hunger und Verderben und vielleicht unausgesprochen die Überzeugung, ein gewaltiger Schnitt nur könnte eine Lösung bringen - irgendwie. Geschichtsprofessor Burkhardt, der als causa belli die Geburtswehen der "Staatsbildung" ausgemacht hat, sagt auch, die Forschung müsse "ihre Aufgabe noch einmal tun" und sich nach all jenen "exogenen Kriegsursachen fragen lassen, die von Anfang diesen Großkonflikt bestimmt haben".

Ein ehrliches Bekenntnis. Burkhardts Kollege Gotthard resümiert es genauso ehrlich, nur etwas knapper: Bis heute sei diese Zeit einfach "unterbelichtet".



insgesamt 145 Beiträge
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wanderprediger, 14.08.2011
1. Der wahre Klimawandel oder der politisch korrekte Klimawandel
Zitat von sysopErst die Verkettung vieler Unglücksfaktoren hat das Desaster heraufbeschworen. Eine der Ursachen war die "Kleine Eiszeit". http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,778430,00.html
So wie in den vergangenen 3 Jahren bei uns. "Die Sommer waren in aller Regel nass und kalt, die Winter oft extrem lang. Was zunächst eine Katastrophe für die Landwirte war, wurde zum Fluch eines ganzen Kontinents."
DeGe_Richter 14.08.2011
2. So etwas gibt es heute natürlich nicht! Oder?
---Zitat--- *Aus moderner Sicht sind solcherlei Vorstellungen schwerlich nachvollziehbar*, doch existierten sie in den Köpfen der meisten Menschen. *Jedwedes Ereignis*, sei es Blitz oder Donner, sei es zu viel Regen oder zu wenig, sei es zu warm oder zu kalt, *wurde als Symptom der Weltlage insgesamt gedeutet - und zudem eingeordnet in ein persönliches Sündenregister*. ---Zitatende--- Wem das nciht beklannt vorkommt, der sollte einmal die Medienstimmen zu und Publikationen der Klimaforschung verfolgen. Nein, so dämlich und selbstbezogen wie die Menschen des Mittelalters sind wir heute zum Glück nicht mehr ...
kalumeth 14.08.2011
3. Einfluß der Ausrottung heidnischer Kultur im Artikel "vergessen"
Zitat von sysopErst die Verkettung vieler Unglücksfaktoren hat das Desaster heraufbeschworen. Eine der Ursachen war die "Kleine Eiszeit". http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,778430,00.html
Interessanter Ansatz mit der Eiszeit. Habe das schonmal bei einem historischen Vortrag gehört: "Warum die Hexen verfolgt wurden" Diese Thema kommt in diesem Artikel leider zu kurz. Während bis Ende des 14. Jahrhundert die katholische Kirche heidnische Bräuche noch weitgehend tolerierte, ja ihre Rituale und Weisheit sogar zu großen Teilen isn kirchliche Leben übernahm, hörte dies mit einsetzendem Kliamwandel plötzlich auf. Wenn vorher das Klima reiche Ernten bescherte, lebeten Volk, Kirche und Adel in relativem Wohlstand. Der Naturglaube war nicht unterdrückt, ja in unzähligen astrologischen Kirchenuhren des 14. Jahrhundert und heidnischer Symbolik vereweigte er sich auch in Kirchenmauern (heute gibt es astrol. KirchenUhren noch im Dom zu Münster, dem Straßburger Münser, der Marienkirche zu Stendal, Lit.: Die Handschrift Gottes lesen - Astrologie, Kösel Verlag 2010) Die Pest, parallel zum Klimawandel eingeschleppt, vernichtete 50% der mitteleurop. Bevölkerung!! Der Papst beauftragte die Dominikaner, -theologische- Ursachen dafür zu suchen. Und die wurden in den heidnischen Bräuchen, (heidnischer) Verhütung und (überwiegend heidnischer) Naturheilmedizin, sowie in deren (auch bzgl. Sexualität) toleranterer, heidnischer "Badehauskultur" gefunden. Wie bei anderen Anlässen zu leicht die Juden, wurden nun die sog. Hexen zum "theologisch untermauerten" Sündenbock herhalten. Die Selbstgeißelungsbewegung der Dominikaner wurde zum Gegenmittel befördert. Dem Adel fehlten durch die Pesttoten genügend Nachwuchs bei den Bauern, die Abgaben zahlen konnten. All das wurde Auftakt der bis dahin beispiellosen Hexenverfolgung (auch Luther lehnte solche Bräuche völlig ab - im Gegensatz zum Mitreformator Melanchthon, der Theologe UND angesehener Professor für Astrologie war http://pathfinder.oyla14.de). Weil natürliche Verhütung jetzt plötzlich kirchlicherseits völlig tabu war, explodierte die Bevölkerung nun förmlich! Was bei ungünstigerem Klima der kl. Eiszeit -was der Artikel zutreffend beschreibt- zu Hunger und Krankheit führte, so wie es auch zum psychologischen Auslöser von Neid, Hass und Unverständnis wurde. Und so im 30-jährigen Krieg mündete - an dessen Ende die alte heidnische Urkultur völlig zerstört und angstbelegt tabuisiert war! Gewonnen hatten beide Staatskirchen.
heinrichp 14.08.2011
4. Alles wiederholt sich da wir nicht einsichtig werden!
Zitat von sysopErst die Verkettung vieler Unglücksfaktoren hat das Desaster heraufbeschworen. Eine der Ursachen war die "Kleine Eiszeit". http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,778430,00.html
Alles wiederholt sich da wir nicht einsichtig werden! Auf der Erde wird es enger: Um 1800 gab es etwa eine Milliarde Menschen, innerhalb von nur 200 Jahren hat sich die Weltbevölkerung versechsfacht. Die Erde verändert ihr Gesicht!! Ausmaß und Tempo der Veränderungen werden davon beeinflusst, was wir in nächster Zukunft tun. Vielleicht aber auch davon, was die Erde tut. Denn ihre Regelkreise und Mechanismen, von denen erst ein winziger Teil erforscht ist, lassen vermuten, dass hinter allem eine überragende Intelligenz steckt. Eine ordnende Kraft, die weit über den Rahmen des menschlichen Ermessens und Berechnens hinausgeht! http://die-welt-der-reichen.over-blog.de/article-geht-die-welt-unter-47794425.html
Jolly65 14.08.2011
5.
Zitat von DeGe_RichterWem das nciht beklannt vorkommt, der sollte einmal die Medienstimmen zu und Publikationen der Klimaforschung verfolgen. Nein, so dämlich und selbstbezogen wie die Menschen des Mittelalters sind wir heute zum Glück nicht mehr ...
Das trifft eher auf die Leugner dieses Klimawandels zu, die in ihrem Verschwörungsglauben das Naheliegende nicht sehen. Jolly65
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