Post und Zeitung Die Macht der Nachricht

Post und Zeitung, damals engverwandt, zählten zu den wichtigen Motoren des Krieges. Desinformation war eine übliche List.


Johann Carolus war gerade 30 Jahre alt, als er sich 1605 an den Rat der Stadt Straßburg wandte. Höflich bat er um ein "Privilegium", das ihm das Monopol verschafft hätte, in Straßburg eine Zeitung herauszugeben. Die Bittschrift des jungen Mannes ist ein Glücksfall für Historiker: Sie ist das erste erhaltene Dokument, das von der Existenz eines regelmäßig gedruckten Nachrichtenblatts berichtet.

In seiner vier Seiten langen "Unterthenigen Supplication" schildert Carolus, dass er schon länger eine Zeitung in Straßburg herausgebe. Vor einiger Zeit aber habe er eine Druckerei gekauft. Nun erscheine schon "das zwölffte mahl" sein Blatt in gedruckter Form, weil es "mit dem Abschreiben langsam Zugangen" sei.

Carolus hatte die Effizienz seiner Zeitungsproduktion erheblich gesteigert, indem er nicht mehr, wie bisher, die eingehenden Nachrichten mit der Hand auf seine Seiten übertrug, sondern die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern nutzte. Im Handbetrieb schaffte ein Zeitungsschreiber damals etwa 15 bis 20 Exemplare pro Woche; mit einer Druckmaschine konnte nicht nur die Auflage erhöht, sondern auch der Preis jedes einzelnen Exemplars gesenkt werden.

Zahlende Abonnenten hatte Carolus bereits: Er berichtet, dass er sein Blatt "ettlichen herren umb ein gewisß jahrgelt" einmal die Woche zustelle. Weil aber der Kauf der Druckerei mit so hohen Kosten verbunden war und auch die wöchentliche Produktion der Zeitung Mühe bereitete, wollte sich Carolus in Straßburg das Monopol sichern. In seiner Bittschrift regte er an, dass Rivalen zur Abschreckung mit einer "gelttstraff" bedacht werden. Carolus stellte den Straßburger Stadtvätern dafür sogar vier Gratis-Abos in Aussicht - doch die antworteten ihm schroff, dass "sein begeren rundt abgeschlagen" sei.+

Zeitungsmacher bezogen ihre Informationen aus Postsendungen

Zum Glück ließ sich Johann Carolus nicht entmutigen und druckte seine Zeitung auch ohne obrigkeitlichen Schutz. Bekannt wurde sein Blatt unter dem Titel "Relation"; die ersten erhaltenen Exemplare stammen aus dem Jahr 1609. Damals lautete der Titel des Jahresbandes "Relation Aller Fürnemmen und gedenckwürdigen Historien so sich hin unnd wider in Hoch unnd Nieder Teutschland auch in Franckreich Italien Schott und Engelland Hisspanien Hungern Polen Siebenbürgen Wallachen Moldaw Türcken Inn diesem 1609. Jahr verlauffen und zutragen moechte".

Eine Zeitung nach heutigen Maßstäben war das aber noch lange nicht. Carolus fehlte dafür jeder redaktionelle Anspruch. Schon auf dem Titelblatt versichert er, die Nachrichten "auff das trewlichst" so in sein Blatt aufgenommen zu haben, wie er sie bekommen habe. Das bedeutet: Weder traf er eine redaktionelle Auswahl, noch hat er die Nachrichten lesbarer formuliert. Zeitungen wie die von Carolus umfassten damals meist vier, manchmal auch acht Seiten in kleinem Format. Die Nachrichten waren geordnet in Blöcken, die sich nach dem Eingang der Korrespondenzen richteten, wie sie mit der Post ankamen.

Ohne Post hätte es die Blätter wohl nicht gegeben. Denn Zeitungsmacher bezogen ihre Informationen in der Regel über Begleitschreiben der Postsendungen, sogenannte Avisen, aus den Städten, die an Postlinien angeschlossen waren.

So war es auch kein Zufall, dass die beiden ersten Wochenzeitungen der Welt, Carolus' "Relation" und der 1609 gegründete "Aviso, Relation und Zeitung" des Wolfenbütteler Druckers Julius Adolph von Söhne, mehr als 90 Prozent ihrer Meldungen nur aus einer Handvoll europäischer Städte bezogen: Antwerpen, Köln, Prag, Wien, Venedig und Rom. Hier lagen die großen Postämter, die als Nachrichtenzentralen und als Tor zur Welt fungierten; hier wurden Ereignisse aus fern und nah aufgeschrieben und weitergeleitet.



© SPIEGEL Geschichte 4/2011
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