Alltag in Palästina Kalter Fisch gegen Fieber

Die Medizin entwickelte sich in der Antike zur Wissenschaft, praktizierte Operationen und Arzneikunde. Doch die Erfolgsquote war gering - Jesu Zeitgenossen setzten auf Wunderheilungen.

Corbis

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Schon seit Tagen war die alte Frau krank, Fieberschübe quälten sie. Dabei sollte sie am Sabbat doch den Gast ihres Schwiegersohns Simon Petrus bewirten, der nebenan in der Synagoge die Massen in Atem hielt. Nun war daran nicht zu denken, zu schlecht war ihr Zustand. Dann allerdings versprach der aufstrebende Wanderprediger namens Jesus, nach der Siechen zu schauen. So kam er an ihr Krankenlager - und zur Verwunderung aller Anwesenden besserte sich der Zustand der Patientin schlagartig.

Dabei hatte der Gast sie nur an der Hand gefasst und sie im Bett aufgerichtet. Nach den damaligen Sitten war die Berührung der Frau durch den jungen Fremden ein Tabubruch; doch sie hatte durchschlagenden Erfolg, und das zählte.

Die Heilungsgeschichte aus dem Fischerdorf Kapernaum am See Genezareth findet sich in gleich drei Büchern der Bibel: Die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas berichten von ihr. Jesus, so der einhellige Befund, habe die Frau von ihrem Leiden befreit. Sie sei sogar wieder in der Lage gewesen, ihren Pflichten als Gastgeberin nachzukommen - um ihren Retter noch einmal zu stärken. Denn schon am Abend desselben Tages soll der die nächsten Wunderheilungen in Kapernaum vollbracht haben. Diesmal, so berichtet die Bibel, habe der Mann aus Nazareth gleich eine ganze Gruppe von Besessenen von ihrem Leiden befreit.

Das Neue Testament schildert etwa 30 Fälle, in denen Jesus Kranke auf wundersame Weise geheilt haben soll. Freilich dienten die spektakulären Rettungsgeschichten vor allem der religiösen Legitimation des Menschensohns. Sie hatten aber auch einen ganz realen Hintergrund: Die Zeitgenossen Jesu litten häufig an Krankheiten, die Sterblichkeit war hoch. Infektionskrankheiten grassierten, denen die Medizin nichts entgegenzusetzen hatte - Tuberkulose, Malaria, Fleckfieber und Pest rafften immer wieder große Menschenmengen dahin. So tourten zahlreiche Wunderheiler durch die Lande. Bekanntheit erlangte unter anderem der Philosoph Apollonios von Tyana (um 40 bis 120), dessen Wirken in der Spätantike von einigen heidnischen Autoren sogar mit demjenigen Jesu verglichen wurde. Die Menschen in der Antike glaubten an göttliche Heilkräfte, sie hatten einen eigenen Gott dafür: Asklepios (Äskulap). Sie pilgerten zu Wallfahrtsstätten, legten sich in Heilschlaf und erwarteten, dabei wie durch ein Wunder geheilt zu werden.

Die Menschen der Zeitenwende lebten ein kurzes Leben

Doch ungeachtet aller mehr oder weniger segensreichen Helfer lebten die Menschen der Zeitenwende ein kurzes Leben. "Viele Leute starben schon im Alter von um die vierzig", sagt der Medizinhistoriker Karl Heinz Leven von der Universität Erlangen. Ihre Arbeit war oft extrem anstrengend und, etwa im Baugewerbe, auch hochgefährlich.

Wer, wie der Wunderheiler Jesus, den Tod nicht nur geistig, sondern auch ganz real in seine Schranken weisen konnte, der genoss hohes Ansehen. Genaue Statistiken zu Erkrankungszahlen und Sterblichkeit im Römischen Reich gibt es nicht, doch war die schlechte allgemeine Gesundheit offenkundig: So verraten die Grabsteine der Hafenstadt Ostia vor den Toren Roms zum Beispiel, dass knapp drei Viertel der Bestatteten nicht einmal 30 Jahre alt wurden. Viele tote Kinder wurden dabei noch nicht einmal erfasst. "Steinleiden in Blase und Niere traten häufig auf", so Medizinhistoriker Christian Schulze von der Ruhr- Universität Bochum. Gegen die höllischen Schmerzen konnten die antiken Doktores wenig ausrichten. Und wenn sie es doch einmal versuchten, verschlimmerte das den Zustand des Patienten mitunter sogar noch.

So berichtet der römische Medizinschriftsteller Aulus Cornelius Celsus (um 25 v. Chr. bis 50 n. Chr.) von einem Fall, in dem Ärzte den Blasenstein eines Patienten dadurch entfernten, dass sie diesen am Damm aufschnitten - und nach oben fingerten, bis sie den Störenfried ans Tageslicht hieven konnten. Eine wenig appetitliche Vorstellung, von den negativen Folgen für die Wundheilung ganz zu schweigen.

"Operieren ließ man sich nur als Ultima Ratio, im ärgsten Fall"

Überhaupt, die Hygiene: Regelmäßig litten die Patienten nach Operationen unter schwersten Komplikationen. Von Bakterien und anderen Krankheitserregern hatte noch niemand gehört. Und selbst wenn sich Ärzte möglicherweise um ein gewisses Maß an Sauberkeit bemühten - zum Beispiel durch das Auswaschen einer Wunde mit Essig - waren lebensbedrohliche Infektionen nach medizinischen Eingriffen oft nur eine Frage der Zeit. "Diese Leute sind erst richtig krank geworden, weil man sie behandelt hat", erklärt Schulze. Umso größer muss man sich die Bewunderung für Heiler wie Jesus vorstellen, der offenkundig selbst schwerste Fälle auf Anhieb kurierte.

Um die Reputation der Ärzteschaft war es in der Bevölkerung aus offensichtlichen Gründen nicht zum Besten bestellt: "Gesundheit wurde in der Antike zwar als wichtig angesehen, aber das Ansehen derjenigen, die für sie zuständig waren, wurde ziemlich niedrig bewertet", berichtet der Altertumswissenschaftler und Wissenschaftshistoriker Philip van der Eijk von der Humboldt-Universität in Berlin. "Das lag natürlich an der niedrigen Erfolgsquote." Operieren, bestätigt sein Kollege Leven, "ließ man sich nur als Ultima Ratio, im ärgsten Fall".

Das war neben der Angst vor Komplikationen auch darin begründet, dass chirurgische Eingriffe damals für gewöhnlich ohne Betäubung durchgeführt wurden. Eine Narkose, wie wir sie heute kennen, mit Ausschaltung von Bewusstsein und Schmerzgefühl bei gleichzeitiger Entspannung der Muskeln, gab es natürlich noch nicht. Mancher Doktor mag mit Betäubungsmitteln wie Opium oder Mandragora - heute besser bekannt als Alraun - experimentiert haben. Die Versuche blieben wohl ohne durchschlagenden Erfolg: "Die Dosierung schwankte zwischen Wirkungslosigkeit und Vergiftung", sagt Schulze.

Schuld daran waren die höchst unterschiedlichen Konzentrationen der beruhigenden Stoffe in den Ausgangspflanzen. Statt auf Narkose setzten die Mediziner deswegen auf die Hilfe kräftiger Assistenten. Sie hatten den zu Operierenden mit aller Kraft an Armen und Beinen zu packen. Lehrbücher empfahlen Chirurgen, sich vom Jammern der Patienten möglichst nicht ablenken zu lassen und eine ruhige Hand zu behalten.



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
ccmehil 28.12.2011
1. Der Westen
Zitat von sysopDie Medizin entwickelte sich in der Antike zur Wissenschaft, praktizierte Operationen und Arzneikunde. Doch die Erfolgsquote war gering - Jesu Zeitgenossen setzten auf Wunderheilungen. http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,805197,00.html
So ist er, der Westen. Immer aufgeklärt, immer kritisch. Man schreibe einen solchen Artikel und beziehe sich auf andere religiöse Figuren. Dann kann man mal was erleben.
digitalesradiergummi 28.12.2011
2. Das ist ja wohl der Gipfel
Zitat von sysopDie Medizin entwickelte sich in der Antike zur Wissenschaft, praktizierte Operationen und Arzneikunde. Doch die Erfolgsquote war gering - Jesu Zeitgenossen setzten auf Wunderheilungen. http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,805197,00.html
Handelt es hier im geschichtssoziologische Quacksalberei? Jesus hatte kein Geschäftsmodell, und war auch kein Wunderheiler. Es gibt eine Zahl von Episoden in der Bibel (NT) über Jesu. Wenn man nun irgendwie wissenschaflich an die Sache ranginge, würde man mitunter für die damalige Gesellschaft ähnliches wie über unsere feststellen. Lauter Quellen für pschysomatischer Erkrankunken. Jesus brachte hier Erlöserwissen Das kann man in die heutige Zeit mitnehmen. Auch die Hochmedizin unseres Zeitalters hätte nichts gebracht, nur Tote, alle gebärenden Frauen wären dem Kindbettfieber erlegen, die Menschen wären ausgestorben, wenn es so weiter gegangen wäre, bis der Semmelweis rausfand und ausrief, Ärzte, wascht euch auch mal die Hände. Irgendwie ist er auch gekreuzigt worden. Es hat auch ca 30 Jahre gedauert, bis man das so (an)erkannte. Zwischenzeitlich wuschen sich die Ärtze im stillen Kämmerlein die Hände. Ignaz Semmelweis (http://de.wikipedia.org/wiki/Ignaz_Semmelweis)
WOLF in USA 28.12.2011
3.
Zitat von sysopDie Medizin entwickelte sich in der Antike zur Wissenschaft, praktizierte Operationen und Arzneikunde. Doch die Erfolgsquote war gering - Jesu Zeitgenossen setzten auf Wunderheilungen. http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,805197,00.html
Sie muessen an der Lehre Christi was Grundsaetzliches voellig falsch bzw. gar nicht verstanden haben ...
rurei 28.12.2011
4. Von einem aussenstehenden: warum Wunder ?
Zitat von sysopDie Medizin entwickelte sich in der Antike zur Wissenschaft, praktizierte Operationen und Arzneikunde. Doch die Erfolgsquote war gering - Jesu Zeitgenossen setzten auf Wunderheilungen. http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,805197,00.html
Wenn man das neue Testament lest, fragt man sich: Warum die Wunder? Die braucht man nicht, genügt nicht das Wort? Interessanterweise kommen diese Geschichtchen hier nicht vor: Thomasevangelium (http://de.wikipedia.org/wiki/Thomasevangelium) http://www.meyerbuch.com/pdf/Thomas-Evangelium.pdf
jekn 28.12.2011
5. Das Thomasevangelium...
Zitat von rureiWenn man das neue Testament lest, fragt man sich: Warum die Wunder? Die braucht man nicht, genügt nicht das Wort? Interessanterweise kommen diese Geschichtchen hier nicht vor: Thomasevangelium (http://de.wikipedia.org/wiki/Thomasevangelium) http://www.meyerbuch.com/pdf/Thomas-Evangelium.pdf
ist NICHT Bestandteil des Neuen Testaments! Oder habe ich Sie bzw. ihre Aussage falsch verstanden?
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