Iwan IV. Der zornige Zar

Corbis

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2. Teil: Der energische Herrscher reformiert das Militär


Der Alleinherrscher schafft erstmals eine lokale Selbstverwaltung. Stadtbewohner und freie Bauern wählen Verwaltungsleiter, Starosten. So schwächt Iwan den Einfluss der hohen Aristokratie und stärkt den Dienstadel. Staatsbeamte lässt er zentral besolden. Das eingespielte System der "Kormlenije", des korrupten Durchfütterns von Beamten durch die örtliche Bevölkerung, schafft er ab.

Drei Jahre nach seiner Krönung beruft Iwan eine beratende Landesversammlung ein, die ein neues Gesetzbuch erörtert. Das bestechliche Gerichtswesen will er umkrempeln. Gewählte Volksvertreter können Gerichtsverhandlungen besuchen. Als Kontrolleure sollen sie die Justiz beaufsichtigen.

Ein Jahr später ruft der Zar hohe Geistliche zu einem Konzil zusammen und mahnt Reformen an. Denn auch in den Klöstern herrschen chaotische Zustände. Statt mit frommer Lektüre beschäftigen sich viele Mönche eher mit leichten Mädchen und scharfen Getränken. Auf dem Konzil wirft der Zar den Mönchen vor, dass sie "in Saus und Braus die Güter des Klosters verprassen und der gemeinsten Unzucht frönen".

Der energische Herrscher reformiert auch das Militär. Die Grundbesitzer sind nun verpflichtet, pro 160 Hektar Land einen Krieger "beritten und in voller Rüstung" zu stellen. So verdoppelt Iwan das russische Heer innerhalb von 20 Jahren auf etwa 300.000 Mann. Moskau wird zu einer Militärmacht, einschließlich moderner Schützenregimenter mit Schusswaffen.

Der Zar setzt auf eine offensive Streitmacht. Russland kann nur aufsteigen, wenn es zwei Gegner schlägt: die Khanate Kasan und Astrachan. Beide Staaten sind Überbleibsel der mongolischen Goldenen Horde.

Im Sommer 1556 marschieren russische Truppen in Astrachan ein

Mit massiven Raubüberfällen gefährden die Khanate den Handel und die Sicherheit Russlands. Sie entführen und versklaven Tausende von Russen, darunter viele Kinder. Nach zwei gescheiterten Angriffen gelingt es den russischen Truppen im Oktober 1552, die 800 Kilometer östlich von Moskau gelegene Hauptstadt Kasan zu stürmen, auch mit Hilfe eines deutschen Sprengmeisters, der ihre Festungsmauern zerlegt.

Der Sieg von Kasan macht den 22-jährigen Zaren zu einem Volkshelden.

Die Moskauer bereiten dem heimkehrenden Feldherrn unter dem Geläute der Kirchenglocken einen begeisterten Empfang. Den Menschen in der Hauptstadt erscheint der Monarch, angetan mit seiner goldenen Krone und seinem purpurnen, prachtvoll geschmückten Gewand, wie ein Heiliger.

Zu Ehren des Sieges lässt Iwan auf dem Roten Platz die Basilius-Kathedrale errichten. Dass er nach der Fertigstellung angeblich den Architekten blenden lässt, damit dieser nie wieder eine so schöne Kirche bauen kann, ist eine Legende.

Im Sommer 1556 marschieren russische Truppen in Astrachan am südöstlichen Rand des Reiches ein. So sichern sie die Wolga als Handelsweg. Im Jahr darauf werden auch die Baschkiren am Ural dem Reich angegliedert.

Im Süden nehmen die Soldaten des Zaren nun die Berge des Kaukasus in den Blick. An den Ufern des Flusses Terek errichten sie eine Festung. Völker im Nordkaukasus, vor allem die Tscherkessen, sehen einen Vorteil darin, sich an Russland anzulehnen. Sie befruchten das aufstrebende Reich mit ihrer Vitalität und ihrem Kampfgeist.

Auch wenn er die Festung am Terek unter osmanischem Druck 1571 schleifen muss, demonstriert der Zar selbst in seinem Privatleben, wie eng er das Schicksal der Russen mit den Völkern des Kaukasus verbunden sieht. Verwitwet nach dem Tod seiner ersten Frau, einer Russin, heiratet er 1561 die Tochter eines kabardinischen Fürsten.

Die Kaukasierin nimmt den orthodoxen Glauben und den Namen Marija an. Ihrem Mann erteilt die Zarin hilfreiche Ratschläge, etwa zum Aufbau einer Wache nach dem Vorbild kaukasischer Bergfürsten. Mit der Herrschaft über Tataren, Baschkiren und Kaukasier wird das Zarenreich zum Vielvölkerstaat.

Damit dieses Land sein Gewicht als Großmacht in Europa einbringen kann, braucht es Zugang zu Ostseehäfen. Das Baltische Meer bietet die Handelswege in die entwickelten Länder Mittel- und Nordeuropas.

Deren technischer Fortschritt fasziniert den Zaren. Iwan beauftragt den Handelsagenten Hans Schlitte aus Goslar, in Deutschland Glockengießer, Goldschmiede, Ärzte und Papiermacher anzuwerben. Schlitte versammelt 123 Spezialisten, die bereit sind, in Moskau zu arbeiten. Doch Lübecker Ratsherren, die russische Konkurrenz fürchten, vereiteln die Abreise der Delegation. Schlitte wird in Lübeck verhaftet.

Der Krieg an der Ostsee bringt dem Zaren keinen dauerhaften Sieg

Den Weg zum Ostseehandel bahnt sich der Zar militärisch. 1558 stürmen russische Truppen die Hafenstadt Narwa, bisher beherrscht vom Livländischen Orden. Der kriselnde Ordensstaat kann den Angreifern nur wenig Widerstand entgegensetzen. Zeitweilig beherrschen die Russen das heutige Estland und den Norden des heutigen Lettlands. Doch es gelingt Iwan nicht, das lettische Riga und das estnische Reval (heute: Tallinn) einzunehmen.

Während jahrelanger Kämpfe zeigt sich, warum der Oberbefehlshaber in den eigenen Reihen kaum weniger gefürchtet wird als vom Feind. 1563, bei einem Heerzug durch Weißrussland, erschlägt der jähzornige Herrscher den Fürsten Iwan Schachowskoi im Streit mit einer Keule.

Der Krieg an der Ostsee bringt dem Zaren keinen dauerhaften Sieg. Der Ordensstaat löst sich 1561 auf und unterstellt sein Gebiet dem Schutz von Schweden, Litauen und Polen. Gegen das 1569 mit Polen vereinte Litauen und dessen schwedische Verbündete zieht sich der Livländische Krieg in die Länge. Ausländische Chronisten vermerken erstmals, wie zäh und tapfer russische Soldaten kämpfen. In einem Friedensschluss 1582 muss Iwan auf Livland einschließlich Narwa verzichten, Russland verliert seinen einzigen Ostseehafen.

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Jonny_C 04.03.2012
1. Vielen Dank SpOn !
Zitat von sysopGetty ImagesEr war belesen und extrem jähzornig: Iwan IV., "der Schreckliche", schuf als Gewaltherrscher die Grundlagen des russischen Imperiums. http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,812585,00.html
Ein sehr interessanter Geschichtsartikel ! Ich hatte von diesem Teil der russischen Geschichte keine Ahnung. Damit wird einem einiges klarer. Danke !
borkov 04.03.2012
2. Iwan Grosny lebt weiter?
Zitat von sysopGetty ImagesEr war belesen und extrem jähzornig: Iwan IV., "der Schreckliche", schuf als Gewaltherrscher die Grundlagen des russischen Imperiums. http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,812585,00.html
Ein solide geschriebener Artikel. Es wäre wahrscheinlich logisch, hinzuzufügen, dass die Praktiken von Iwan Grosny eigentlich für die damalige Zeit … in Sachen Grausamkeit eigentlich nicht aus der Reihe tanzten. Es war mehr oder weniger die Zeit von Heinrich VIII in England und der Religionskriege in Europa, die mit nicht weniger Brutalität geführt wurden und mit Sicherheit unvergleichlich mehr Opfer gekostet haben. Man solle sich auch lieber die Schlussbemerkung über Herrn Borodin sparen. Ich würde auch dem Autor davon abraten, dabei nach irgendeiner Ironie der Geschichte zu suchen. Da gibt es keine Ironie und keine Verbindung zwischen den Opritschniki von Iwan Grosny , den Bojaren von heute, geschweige denn, dass Herr Borodin irgendwelche "historischen" Traditionen pflegte. Er war und ist ein Dieb und Betrüger. Eventuell, dass der Autor unbedingt eine Ironie sehen wollte.
siguru 04.03.2012
3.
Zitat von Jonny_CEin sehr interessanter Geschichtsartikel ! Ich hatte von diesem Teil der russischen Geschichte keine Ahnung. Damit wird einem einiges klarer. Danke !
In diesem Beitrag ist sehr viel, das nicht den Fakten entspricht. Dieser Zar war zornig und schrecklich, aber nur für seine Gegner. In seine Zeit sind mehrere Tausend Köpfe von seine Gegner gerollt, in Westeuropa in gleiche Zeit waren Hunderttausende geschlachtet. Ivan IV hat Russland stark gemacht, unter Obhut Russlands sind viele Völkern gekommen, um Zuflucht von räuberische Nachbar bekommen. Dazu muss man noch sagen, das er war sehr gebildet, hat musiziert und war vor allem gläubisch. Seine religiöse Werke werden noch heute in russische orthodoxe Kirche vorgeführt.
alex300 04.03.2012
4. Und, was wird Dir genau klarer?
Zitat von Jonny_CEin sehr interessanter Geschichtsartikel ! Ich hatte von diesem Teil der russischen Geschichte keine Ahnung. Damit wird einem einiges klarer. Danke !
Iwan der IV war ein ganz normaler Herrscher für die Zeiten. In Europa wütete die Inquisition, die Hexen wurden massenhaft verbrannt. Iwan "der Schreckliche" mit seinen 4000 Toten durch Opritschnina in ganz Russland war ein Engel im Vergleich mit z.B. dem Bistum von Köln, wo allein 2000 Hexen verbrannt wurden. Das waren die Zeiten eben.
Kaworu 04.03.2012
5.
War interessant zu lesen, danke dafür.
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