Iwan IV. Der zornige Zar

Corbis

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4. Teil: Die Opritschniki rauben, plündern und foltern


In der Opritschnina dienen gläubige Gefolgsleute des Monarchen, aber auch zynische Abenteurer wie der Deutsche Heinrich von Staden aus dem Münsterland. Der prahlt damit, dass Strafexpeditionen gegen Bojaren in Raubzüge ausarten, bei denen sich Opritschniki schamlos bereichern. Weil sie sicher sind, straffrei auszugehen, lassen die Gardisten immer öfter alle Hemmungen fallen. Besonders arg treiben es die Opritschniki bei einem Überfall auf die Handelsstadt Nowgorod 1570.

Sie rauben Kirchenschätze, plündern den Hof des Erzbischof und die Häuser von Handwerkern und Kaufleuten. Sie foltern vermeintliche Verräter am offenen Feuer. Die Gequälten liefern alle gewünschten Geständnisse.

In Nowgorod sperrt ein Opritschnik einen Amtmann mit einem Bären in ein Zimmer. Das Tier zerfetzt dem zu Tode Erschrockenen die Kleidung.

Als auch die orthodoxe Kirche sich gegen die Opritschnina wendet, lässt der Zar den Metropoliten Filipp II., der dem Zaren den Segen verweigert, in ein Kloster verbannen. Später erwürgt ihn dort ein führender Opritschnik.

Allmählich aber dämmert es Iwan Grosny, dass mit rauen Gesellen allein auf Dauer kein Staat zu machen ist. So lässt der Zar zahlreiche Opritschniki umbringen. 1571/72 wehren Opritschniki und Bojarentruppen gemeinsam einen Angriff des Krim-Khanats auf Moskau ab. Es ist für Russland ein Krieg um Sein oder Nichtsein. Der Zar scheint zu begreifen, dass er sich eine Spaltung des Landes nicht länger leisten kann. Schließlich bleibt nach Säuberungen ab 1572 kaum ein Fünftel der alten Opritschniki im Hofdienst. Der Zar löst die Opritschnina im gleichen Jahr auf.

Vor der Wut des Zaren sind nicht einmal nahe Familienangehörige sicher

Und er verbietet, sie künftig auch nur zu erwähnen. Mindestens 4000 Menschen sind unmittelbar durch die Opritschniki ums Leben gekommen.

Der Schaden für das Land, das etwa acht bis zehn Millionen Einwohner zählt, geht tiefer. Angst und Misstrauen bestimmen weiterhin das öffentliche Leben. Der dunkelbärtige Herrscher, 1,78 Meter groß, verbreitet mit seinen unruhig umherschweifenden Blicken eine Atmosphäre der Furcht. Vor der brodelnden Wut des zornigen Zaren sind nicht einmal nahe Familienangehörige sicher.

Im November 1581 trifft er bei einem Streit seinen Sohn Iwan mit der eisernen Spitze eines Stabes an der Schläfe. Blutend bricht der 27 Jahre alte Zarewitsch zusammen. Wenige Tage später stirbt er.

Der Totschlag im Affekt erschüttert den 51-jährigen Täter tief. Denn der zügellose Zar wollte seinen Sohn nicht umbringen. Iwan Grosny setzt die Zarenkrone nicht mehr auf. Er legt auch seinen fürstlichen Schmuck nicht mehr an. Der fanatisch religiöse Monarch, der seine innere Zerrissenheit auf das ganze Land übertragen hat, zeigt überraschend Züge von Altersmilde.

Nach Jahrzehnten, in denen er fast ununterbrochen Krieg geführt hat, schließt er 1582 Frieden mit Polen-Litauen. Er spendet große Geldsummen an Klöster und lässt für die Seelen jener vermeintlichen Feinde beten, die er hinrichten ließ. Iwan IV. versucht, "die Rolle und die Maske eines Peinigers gegen die eines Wohltäters auszutauschen", so der russische Historiker Ruslan Skrynnikow. Dazu hat er allen Anlass. Russland ist verarmt und verödet. Es wird heimgesucht von Missernten und Pest.

Stalin lässt im Zweiten Weltkrieg einen Film über Iwan Grosny drehen

Am 18. März 1584 stirbt der Zar im Alter von 53 Jahren, plötzlich, während er ein letztes Mal Schachfiguren setzt.

Trotz seiner düsteren Seiten hat Iwan IV. in Russland weiterhin viele Verehrer. Denn er verschafft dem entstehenden Imperium mit dem gestärkten Dienstadel eine staatstragende Schicht. Und er weist die Richtungen, wohin das Reich sich ausdehnen wird: zum Kaukasus und zum Schwarzen Meer, an die Ostsee und nach Sibirien.

Josef Stalin lässt den Regisseur Sergej Eisenstein im Zweiten Weltkrieg einen Film über Iwan Grosny drehen. Das Volk soll sich am Beispiel dieses Zaren aufrichten.

Das Verdikt von Karl Marx über die "unglaublich grausamen Untaten der Opritschniki" ist für Stalin nicht bindend. Eisensteins Monumentalfilm zeigt Iwan IV. als begnadeten Volksführer. Im russischen Vorspann heißt es, das Werk handele "von einem Menschen, der als erster unser Land einte und einen mächtigen Staat schuf". Die Zuschauer erleben einen entschlossenen Zaren, bedrängt von arglistigen Bojaren und beschützt von treuen Opritschniki. Ein zweiter Teil des Epos, in dem Eisenstein auf Stalins Schreckensherrschaft anspielt, wird zunächst verboten und erreicht die Zuschauer erst nach dem Tod des roten Zaren.

Ein gänzlich anderes Bild Iwans bietet der 2008/09 gedrehte Film "Zar" des liberalen Moskauer Regisseurs Pawel Lungin. Der zeigt ein Grosny-Land voller an Galgen baumelnder Leichen, ein Reich der Finsternis, regiert von einem psychopathischen Despoten.

Ironie der Geschichte: Gefördert wurde der Film vom Bankier Andrej Borodin, während der Dreharbeiten Boss der "Bank Moskwy", Vertrauter des damaligen Bürgermeisters Jurij Luschkow.

Inzwischen ist der Bankier ebenso wie das Stadtoberhaupt in Ungnade gefallen. Luschkow und Borodin haben sich in den Westen abgesetzt, aus Angst vor den Sicherheitsmannen des Kreml. Denen sagt man in Moskau nach, sie pflegten im Kampf gegen Bojaren von heute auch die Tradition Iwan Grosnys und seiner Opritschniki.

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Jonny_C 04.03.2012
1. Vielen Dank SpOn !
Zitat von sysopGetty ImagesEr war belesen und extrem jähzornig: Iwan IV., "der Schreckliche", schuf als Gewaltherrscher die Grundlagen des russischen Imperiums. http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,812585,00.html
Ein sehr interessanter Geschichtsartikel ! Ich hatte von diesem Teil der russischen Geschichte keine Ahnung. Damit wird einem einiges klarer. Danke !
borkov 04.03.2012
2. Iwan Grosny lebt weiter?
Zitat von sysopGetty ImagesEr war belesen und extrem jähzornig: Iwan IV., "der Schreckliche", schuf als Gewaltherrscher die Grundlagen des russischen Imperiums. http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,812585,00.html
Ein solide geschriebener Artikel. Es wäre wahrscheinlich logisch, hinzuzufügen, dass die Praktiken von Iwan Grosny eigentlich für die damalige Zeit … in Sachen Grausamkeit eigentlich nicht aus der Reihe tanzten. Es war mehr oder weniger die Zeit von Heinrich VIII in England und der Religionskriege in Europa, die mit nicht weniger Brutalität geführt wurden und mit Sicherheit unvergleichlich mehr Opfer gekostet haben. Man solle sich auch lieber die Schlussbemerkung über Herrn Borodin sparen. Ich würde auch dem Autor davon abraten, dabei nach irgendeiner Ironie der Geschichte zu suchen. Da gibt es keine Ironie und keine Verbindung zwischen den Opritschniki von Iwan Grosny , den Bojaren von heute, geschweige denn, dass Herr Borodin irgendwelche "historischen" Traditionen pflegte. Er war und ist ein Dieb und Betrüger. Eventuell, dass der Autor unbedingt eine Ironie sehen wollte.
siguru 04.03.2012
3.
Zitat von Jonny_CEin sehr interessanter Geschichtsartikel ! Ich hatte von diesem Teil der russischen Geschichte keine Ahnung. Damit wird einem einiges klarer. Danke !
In diesem Beitrag ist sehr viel, das nicht den Fakten entspricht. Dieser Zar war zornig und schrecklich, aber nur für seine Gegner. In seine Zeit sind mehrere Tausend Köpfe von seine Gegner gerollt, in Westeuropa in gleiche Zeit waren Hunderttausende geschlachtet. Ivan IV hat Russland stark gemacht, unter Obhut Russlands sind viele Völkern gekommen, um Zuflucht von räuberische Nachbar bekommen. Dazu muss man noch sagen, das er war sehr gebildet, hat musiziert und war vor allem gläubisch. Seine religiöse Werke werden noch heute in russische orthodoxe Kirche vorgeführt.
alex300 04.03.2012
4. Und, was wird Dir genau klarer?
Zitat von Jonny_CEin sehr interessanter Geschichtsartikel ! Ich hatte von diesem Teil der russischen Geschichte keine Ahnung. Damit wird einem einiges klarer. Danke !
Iwan der IV war ein ganz normaler Herrscher für die Zeiten. In Europa wütete die Inquisition, die Hexen wurden massenhaft verbrannt. Iwan "der Schreckliche" mit seinen 4000 Toten durch Opritschnina in ganz Russland war ein Engel im Vergleich mit z.B. dem Bistum von Köln, wo allein 2000 Hexen verbrannt wurden. Das waren die Zeiten eben.
Kaworu 04.03.2012
5.
War interessant zu lesen, danke dafür.
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