Iwan IV. Der zornige Zar

Er war belesen und extrem jähzornig: Iwan IV., "der Schreckliche", schuf als Gewaltherrscher die Grundlagen des russischen Imperiums.

Corbis

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Der 17-Jährige, dem der Metropolit Makarij am 16. Januar 1547 in der Uspenski-Kathedrale im Moskauer Kreml die mit Fell umkränzte Zarenkrone aufsetzt, ist ein Feind der herrschenden Verhältnisse. Russlands erster Kaiser traut seiner höfischen Umgebung nicht. Schon als Kind hat Iwan Moskaus mächtige Hochadelige, die Bojaren, hassen gelernt.

Nominell herrscht Iwan IV. als Großfürst, seit er drei Jahre alt ist; sein Vater, Großfürst Wassilij III., ist in dieser Zeit gestorben. Als Regentin fungiert seine Mutter Jelena, aber als der Junge sieben ist, stirbt auch sie. Nun streiten habgierige Bojaren miteinander, die den Moskauer Kreml in eine wahre Kampfarena verwandeln. Eine Fürstenversammlung, die Bojaren-Duma, beherrscht das Land. Die Adelsmänner empfinden den kleinen Iwan nur als störend.

Voller Groll wird Iwan IV. später beschreiben, wie die Bojaren ihn und seinen Bruder behandeln: "Man ließ uns darben wie die Kinder eines Bettlers. Wir waren schlecht gekleidet und litten Hunger und Kälte." Iwan erlebt wüste Schlägereien zwischen verfeindeten Fürsten. Besonders empört es den künftigen Zaren, dass sich der führende Bojar Andrej Schuiski eines Tages auf das Bett seines verstorbenen Vaters fläzt.

Zur Feier seiner Volljährigkeit, lässt er mehrere Fürsten hinrichten

Als 13-Jähriger schlägt der Missachtete zurück. Iwan lässt den Bojaren Schuiski bei einer Audienz verhaften und von Jagdhunden zerfleischen. So verhasst ist ihm der Mann.

Zimperlich ist der Zar in spe, ein halbes Kind noch, wahrhaftig nicht. Zur Feier seiner Volljährigkeit, mit 15 Jahren, lässt er mehrere Fürsten hinrichten. Der junge Herrscher versteht sich dabei als streng gläubig. Unter Leitung des Metropoliten Makarij liest er viel und gründlich - Bibeltexte, Biografien von Heiligen und Chroniken Russlands. Seine Intelligenz fällt ebenso auf wie seine Zähigkeit.

Der Großfürstensohn sieht sich als kommender Herrscher eines aufstrebenden Reiches, von Gott berufen.

Sein Großvater, Großfürst Iwan III., hatte 1472 Sofija Paleolog geheiratet, die Nichte des letzten gestürzten Kaisers von Byzanz. Moskaus Herrscher übernahm aus Konstantinopel den doppelköpfigen Adler als Staatssymbol, das byzantinische Zeremoniell und die Idee des Kaisertums. Schon Iwan III. nannte sich bisweilen "Zar", doch erst sein Enkel wird nach dem Ritual des byzantinischen Kaisers gekrönt - eine Herausforderung gegenüber den europäischen Großmächten. Der Zar ist nur Gott und der christlichen Reichsidee verpflichtet, ein absoluter Monarch.

Die orthodoxe christliche Religion hatten die Russen schon ab 988 aus Byzanz eingeführt, als Fürst Wladimir I. in Kiew, der "Mutter aller russischen Städte", sich und sein Volk taufen ließ.

Nachdem die Mongolen Kiew im 13. Jahrhundert zweimal zerstört hatten und der russische Metropolit, das Oberhaupt der orthodoxen Kirche, 1299 zunächst nach Wladimir und dann 1326 nach Moskau übergesiedelt war, wurde die Stadt an der Moskwa zur russischen Hauptstadt. Doch auch dieses Machtzentrum geriet für mehr als zwei Jahrhunderte unter die Herrschaft der mongolischen Khane. Ein Hang zu Härte im Umgang mit Beherrschten und zu Korruption wird die Spätfolge dieser Fremdherrschaft sein.

Die erfolgreiche Schlacht gegen die Mongolen auf dem Schnepfenfeld 1380 stärkte dauerhaft das Selbstbewusstsein der Russen. 100 Jahre später schüttelten sie unter Großfürst Iwan III. das "Tatarenjoch" endgültig ab.

Iwan III. vereinte russische Fürstentümer im Nordosten des heutigen Landes zu einem gemeinsamen Staat. Der Großfürst verstand sich bereits als Alleinherrscher, als "Gossudar" von "ganz Russland".

Die parasitäre Bojarenoligarchie am Hof bereichert sich hemmungslos

Hier mischten sich mongolische Verwaltungspraxis und byzantinische Staatsideologie. So entstand das Fundament eines Großreichs. Der Mönch Filofej, geboren 1455, steuerte das nötige Sendungsbewusstsein bei: Moskau, so der zeitweilige Abt des Klosters Pskow im russischen Nordwesten, sei nach dem Untergang der oströmischen Hauptstadt Konstantinopel 1453 das "Dritte Rom", etwas Unersetzliches, denn ein viertes Rom werde es nicht geben.

Dieses Dritte Rom war raumgreifend, schon Iwan III. erweiterte es bis zum Ural und zum Eismeer. Sein Sohn Wassilij III. setzte die "Sammlung der russischen Erde" fort.

Von ihm erbt Iwan IV. ein Gemeinwesen, das zur Großmacht strebt. Dem stehen jedoch Hindernisse im Weg, innere und äußere.

Die parasitäre Bojarenoligarchie am Hof bereichert sich hemmungslos, plündert die Staatskasse. Als Bausteine für ein starkes Russland sind die Bojaren wertlos. Der junge Zar auf dem byzantinischen Thron aus Elfenbein will ihre Macht schwächen, mit allen Mitteln.

Nach einem verheerenden Brand in Moskau, kurz nach seiner Krönung, hält Iwan IV. eine Rede auf dem späteren Roten Platz vor der Kremlmauer. Darin verurteilt er die Bojaren als "bestechlich, unmoralisch, habgierig" und hält ihnen vor, sie übten "falsche Gerechtigkeit".

Damit spricht er die Wahrheit aus, "prawda", ein Begriff, den die Russen auch als Chiffre für Gerechtigkeit verstehen. Um die Verhältnisse zu ändern, lässt Iwan einen "Auserwählten Rat" einberufen, ein Gremium aus Geistlichen, sachverständigen Hofbeamten (Djaken) und Bojaren.

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Jonny_C 04.03.2012
1. Vielen Dank SpOn !
Zitat von sysopGetty ImagesEr war belesen und extrem jähzornig: Iwan IV., "der Schreckliche", schuf als Gewaltherrscher die Grundlagen des russischen Imperiums. http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,812585,00.html
Ein sehr interessanter Geschichtsartikel ! Ich hatte von diesem Teil der russischen Geschichte keine Ahnung. Damit wird einem einiges klarer. Danke !
borkov 04.03.2012
2. Iwan Grosny lebt weiter?
Zitat von sysopGetty ImagesEr war belesen und extrem jähzornig: Iwan IV., "der Schreckliche", schuf als Gewaltherrscher die Grundlagen des russischen Imperiums. http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,812585,00.html
Ein solide geschriebener Artikel. Es wäre wahrscheinlich logisch, hinzuzufügen, dass die Praktiken von Iwan Grosny eigentlich für die damalige Zeit … in Sachen Grausamkeit eigentlich nicht aus der Reihe tanzten. Es war mehr oder weniger die Zeit von Heinrich VIII in England und der Religionskriege in Europa, die mit nicht weniger Brutalität geführt wurden und mit Sicherheit unvergleichlich mehr Opfer gekostet haben. Man solle sich auch lieber die Schlussbemerkung über Herrn Borodin sparen. Ich würde auch dem Autor davon abraten, dabei nach irgendeiner Ironie der Geschichte zu suchen. Da gibt es keine Ironie und keine Verbindung zwischen den Opritschniki von Iwan Grosny , den Bojaren von heute, geschweige denn, dass Herr Borodin irgendwelche "historischen" Traditionen pflegte. Er war und ist ein Dieb und Betrüger. Eventuell, dass der Autor unbedingt eine Ironie sehen wollte.
siguru 04.03.2012
3.
Zitat von Jonny_CEin sehr interessanter Geschichtsartikel ! Ich hatte von diesem Teil der russischen Geschichte keine Ahnung. Damit wird einem einiges klarer. Danke !
In diesem Beitrag ist sehr viel, das nicht den Fakten entspricht. Dieser Zar war zornig und schrecklich, aber nur für seine Gegner. In seine Zeit sind mehrere Tausend Köpfe von seine Gegner gerollt, in Westeuropa in gleiche Zeit waren Hunderttausende geschlachtet. Ivan IV hat Russland stark gemacht, unter Obhut Russlands sind viele Völkern gekommen, um Zuflucht von räuberische Nachbar bekommen. Dazu muss man noch sagen, das er war sehr gebildet, hat musiziert und war vor allem gläubisch. Seine religiöse Werke werden noch heute in russische orthodoxe Kirche vorgeführt.
alex300 04.03.2012
4. Und, was wird Dir genau klarer?
Zitat von Jonny_CEin sehr interessanter Geschichtsartikel ! Ich hatte von diesem Teil der russischen Geschichte keine Ahnung. Damit wird einem einiges klarer. Danke !
Iwan der IV war ein ganz normaler Herrscher für die Zeiten. In Europa wütete die Inquisition, die Hexen wurden massenhaft verbrannt. Iwan "der Schreckliche" mit seinen 4000 Toten durch Opritschnina in ganz Russland war ein Engel im Vergleich mit z.B. dem Bistum von Köln, wo allein 2000 Hexen verbrannt wurden. Das waren die Zeiten eben.
Kaworu 04.03.2012
5.
War interessant zu lesen, danke dafür.
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