Franz von Assisi Eiswasser statt Leibeslust

Der heilige Franziskus: Abbildung in einer mittelalterlichen Handschrift
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Der heilige Franziskus: Abbildung in einer mittelalterlichen Handschrift

Von Hans-Ulrich Stoldt

2. Teil: Konkurrierende Religionsbewegungen


Vor allem in den Städten spitzte sich der Gegensatz zwischen Arm und Reich zu, und die Kritik an der unfrommen und ausschweifenden Lebensweise der herrschenden Klassen wuchs. Es war ein fruchtbarer Boden für Armutsbewegungen und Bettelorden wie Franziskaner, Dominikaner, Augustiner, Serviten oder Karmeliter.

Inspiriert und angeführt von charismatischen Persönlichkeiten, propagierten sie ein Leben voller Verzicht, Buße und Gottesfurcht. Hilfe für die Armen und Aussätzigen war ihnen so wichtig wie die Erniedrigung des eigenen Selbst - immer Jesus Christus und seine Apostel als Vorbild im Sinn. Viele beteten so exzessiv, dass sie sich in Stricke hängten, um nicht vor Erschöpfung umzufallen. Später wurden stützende Gerätschaften erfunden.

Wanderprediger, wie etwa der Kaufmann Petrus Valdès aus Lyon, auf den die Bewegung der Waldenser zurückgeht, wetterten wortgewaltig gegen Reichtum und Gewinnstreben. Auch Frauen taten sich zu eigenen Orden zusammen.

Viele der religiösen Gruppen einte ein schon wahnhafter Kampf wider menschliche Gelüste jeder Art. So rührte Franziskus etwa kaltes Wasser und Asche in seine Speisen, um sich den Geschmack zu verleiden. Und damit der Sexualtrieb im Griff blieb, riet er seinen Jüngern, sich mit Eiswasser, Tauen oder Dornen so lange zu traktieren, bis das verderbliche Fleisch ("carnis corruptela") beruhigt war.

Hienieden war ihnen nur Jammertal

Bisweilen unterschieden sich die Orden nur durch Petitessen, etwa ob es Bettelmönchen gestattet sein sollte, Schuhe und Strümpfe zu tragen, oder es Gottes Wille eher entspreche, barfuß in Sandalen zu wandeln.

Es gab indes auch gravierende Differenzen in der Armutsbewegung. So verlangten die Kapuziner von ihren Anhängern, den Lehren des Franziskus detailgetreu zu folgen - bis hin zum authentischen Schnitt ihrer Kapuzen. Die Franziskaner selbst galten ihnen schon als Abweichler. Besonders radikal taten sich die Katharer hervor. Sie sahen sich als die "wahren Christen" und glaubten an einen strikten Dualismus von Gut und Schlecht.

Hienieden war ihnen nur Jammertal. Fortpflanzung, ob von Mensch oder Tier, galt als Teufelswerk. Fleisch, Fett oder Milchprodukte verzehrten sie nicht. Einzig die Seele galt es zu retten, um sie zu Gott in den guten Himmel zu leiten. Radikal waren die Katharer auch in ihrer Ablehnung der römisch-katholischen Kirche.

Das war gefährlich, denn dem herrschenden Klerus blieb nicht verborgen, dass immer mehr Schäfchen bei konkurrierenden Religionsbewegungen ihr Seelenheil suchten, zumal die neuen Heilsbringer oft nicht auf Latein predigten und so weite Teile der Bevölkerung direkt ansprechen konnten.

Rom und seine Gesandten mühten sich, die abtrünnigen Armutsbewegungen und Bettelorden unter dem Dach der Amtskirche zu halten. Gelang dies nicht, schmähte die Kurie die Abweichler als Ketzer und verfolgte sie mit den brutalen Mitteln der Inquisition.

Stimmen, die nach Reformen und Selbstbescheidung riefen

Während Franziskaner und Dominikaner die Vormacht des Papstes und seiner Kirche akzeptierten, wurden Katharer und andere Häretiker bald als gefährliche Gegenkirchen mit Feuer und Schwert bekämpft.

Ganz ignorieren konnte die Amtskirche die neuen religiösen Massenbewegungen aber nicht, denn auch in ihr selbst mehrten sich Stimmen, die nach Reformen und Selbstbescheidung riefen. Zunehmend offen wurden Prunk, Prasserei und moralische Zügellosigkeit in den eigenen Reihen getadelt.

Als Papst Innozenz III. im Jahr 1215 mit mehr als 1200 Teilnehmern, darunter zahlreiche Bischöfe und Äbte, in Rom zum Vierten Laterankonzil zusammenkam, verdammten die Geistlichen überaus deutlich herrschende Missstände unter führenden Klerikern: "Sie verbringen fast die halbe Nacht mit überflüssigen Schmausereien und ungeziemendem Geschwätz, von anderen Dingen ganz zu schweigen."

So war es der Kirche doch recht, dass es auch Bettelmönche und Armutsorden gab, die unter ihrem Dach bleiben wollten - als gutes Gewissen in den eigenen Reihen.

Ein geschickter Zug von Papst Gregor IX. war es dann, Franziskus schon 1228, knapp zwei Jahre nach seinem Tod, heiligzusprechen. Gleichzeitig ließ er ihm zu Ehren eine prächtige Grabeskirche bauen - so korrumpierte die Kurie einen ihrer ärgsten Herausforderer noch im Tode. Zumindest seine Anhänger band sie damit wieder fest an die römisch-katholische Kirche.

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
machorka-muff 29.08.2010
1. vom mittelalter rein ins hier und jetzt
wir machen die revolution nicht, um arm zu bleiben!
stanis laus 29.08.2010
2. Konvertit
""Plötzlich wurde er vom Herrn heimgesucht, und sein Herz wurde von solcher Freudigkeit erfüllt, dass er weder sprechen noch sich rühren konnte", notierte ein Chronist später." Nee, nur lallen. Und wen er sich etwas bewegt hätte, wäre er übergelaufen wie ein Korpsstudent.
GinaBe 29.08.2010
3. Von Franz von Anissi zur Gegenwart
Vielen Dank für den Artikel! Das Geschehen liegt zwar ca. 800 Jahre zurück, beschreibt den Umbruch- heute sagen wir Krise- von Romanik zur Gotik, historisch gesehen, der dann die Renaissance zwischen dem 14.- und 16. Jahrhundert einleitete. Industrielle und technische Entwicklungen haben die Erde inzwischen anders verädert, ....globalisiert,heißt das neue Zauberwort, doch die menschliche Gesellschaft hat sich, genau besehen, nicht sehr viel verändert... Franz von Assisi erlebte durch seine "Gottesheimsuchung" eine ähnliche Umkehr wie Saulus, der zum Paulus wurde. Momentan wird unsere gesamte westliche Welt von eben diesem Umkehrprozess berührt..., doch bewegt dieser auch etwas, was die Zukunft unseres Planeten in absehbarer Zeit weniger in apokalyptischen Visionen als denn zu einer neu- befriedeten, demokratisch ergänzten und berichtigten Basis finden lassen kann. Wo ein Wille ist....
Marbot, 29.08.2010
4. .
>>Hienieden war ihnen nur Jammertal. Fortpflanzung, ob von Mensch oder Tier, galt als Teufelswerk. Fleisch, Fett oder Milchprodukte verzehrten sie nicht. Einzig die Seele galt es zu retten, um sie zu Gott in den guten Himmel zu leiten. duck-und-wech
aktivx 29.08.2010
5. Akute Psychose?
Heute würde man das Erlebnis eher mit der Diagnose akute vielleicht schizoaffektive Psychose belegen. Der Mann würde zunächst mit Medikamenten und Psychotherapie behandelt werden, würde er seine Auffassungen wiederholen - wär er weg von der Bildfläche - dauerhafte verwahrt in der Psychiatrie.
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