Der SPIEGEL

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27. Juli 2010, 00:00 Uhr

Franz von Assisi

Eiswasser statt Leibeslust

Von Hans-Ulrich Stoldt

Während die Amtskirche in Protz und Prunk versank, formierte sich im Hochmittelalter eine mächtige religiöse Gegenströmung: Bettelmönche wie Franz von Assisi predigten Verzicht und Demut.

Es war mal wieder eine dieser Nächte, in denen die Jugend von Assisi fröhlich lärmend durch die Straßen zog. Zuvor hatte man gut gespeist und tüchtig gezecht, und nun ging es tanzend und mit lautem Gesang durch die Gassen der mittelitalienischen Stadt.

Nicht alle Bürger fanden das lustig. Einer ätzte böse, die Heranwachsenden hätten "bis zum Kotzen vollgefressen die Plätze der Stadt mit ihren besoffenen Liedern verunziert".

Angeführt wurde die Truppe von Giovanni di Pietro di Bernardone, genannt Francesco, dem etwa 22-jährigen Spross einer reichen und angesehenen Tuchhändlerfamilie. Ein Bruder Lustig, der sich gern extravagant kleidete. Als Zeichen seiner hohen Stellung unter den jungen Männern schwenkte er stets übermütig einen Stab in der Hand. Er war beliebt, weil er meist nach dem Gelage die Rechnung beglich. Dass Francesco an jenem Abend zurückblieb, fiel den trunkenen Gefährten nicht weiter auf. Als sie es merkten, fanden sie ihn ekstatisch entrückt in der Mitte der Straße, wie vom Donner gerührt. "Plötzlich wurde er vom Herrn heimgesucht, und sein Herz wurde von solcher Freudigkeit erfüllt, dass er weder sprechen noch sich rühren konnte", notierte ein Chronist später.

Nach und nach entsagte der junge Francesco fortan allem irdischen Reichtum, brach mit seiner wohlhabenden Familie und zog in einer einfachen Kutte als Wanderprediger durch das Land - wie Jesus einst, in Armut und Demut.

Ein regelrecht "subversives, ein revolutionäres Element"

Was er zum Leben brauchte, erbettelte er von Gläubigen, was übrig war, teilte er mit Armen und Kranken. Unterschiedslos sah er alle als Bruder oder Schwester an, niemand, so forderte er, sollte über dem anderen stehen. Er warb für Frieden und Friedfertigkeit, und selbst die Tiere lauschten seinen Worten.

So geht die Legende von der Erweckung jenes Mannes aus Umbrien, der als heiliger Franziskus (oder Franz) von Assisi weltweit Berühmtheit erlangen sollte. Viele Geschichten und Erzählungen ranken sich um diese "gewiss bedeutendste Gestalt der christlichen Religionsgeschichte seit Jesus selbst", wie der renommierte Franziskus-Forscher Helmut Feld findet.

Lehren und Leben des Mannes aus Assisi enthielten ein regelrecht "subversives, ein revolutionäres Element", sagt Feld: "Wenn Franziskus von sich selbst, den Oberen des Ordens und den kirchlichen Amtsträgern die tiefste Selbstdemütigung verlangt, dann wird damit die hierarchische Struktur des Ordenswesens und der gesamten Kirche gewissermaßen konterkariert."

Bis zum heutigen Tag sind Gläubige konfessionsübergreifend fasziniert von den Ideen und Idealen, die Franziskus Anfang des 13. Jahrhunderts verkündete und bis an den Rand der Selbstaufgabe auch vorzuleben suchte.

Dramatische Veränderungen in nahezu allen Bereichen

Schon zu Lebzeiten strahlte sein Beispiel weit über Umbrien hinaus, bald folgten ihm vielerorts Jünger und schlossen sich seinem Orden an. Auch ähnliche Gemeinschaften hatten großen Zulauf. Eine mächtige Reformbewegung von Bettelmönchen formierte sich, die mit der Demonstration ihrer einfachen und friedfertigen Existenz die herrschenden Mächte in Staat und Klerus in Frage stellte.

Die Gesellschaft jener Tage befand sich vielerorts im Umbruch von bäuerlich dominierten Strukturen hin zu mehr städtischen Lebensformen. Das ging einher mit dramatischen Veränderungen in nahezu allen sozialen und wirtschaftlichen Bereichen.

Manufakturen entstanden zur massenweisen Fertigung von Produkten. Der Handel blühte auf, die Geldwirtschaft entwickelte sich, und eine städtische, zunehmend selbstbewusste bürgerliche Oberschicht bildete sich aus.

Freier als zuvor widmete man sich den irdischen Freuden. Scheinbar in Stein gemeißelte Vorschriften und Verbote der Kirche wurden plötzlich in Frage gestellt, sicher geglaubte Gewissheiten gerieten ins Wanken. Mode, Minnesang, Pracht und Prunk verhießen - für jeden, der es sich leisten konnte - Vergnügen nicht erst im Jenseits.

Für jene vielen anderen, die täglich um ihr Dasein kämpfen mussten oder am Rande der Gesellschaft vegetierten, waren das obszöne Provokationen.

Konkurrierende Religionsbewegungen

Vor allem in den Städten spitzte sich der Gegensatz zwischen Arm und Reich zu, und die Kritik an der unfrommen und ausschweifenden Lebensweise der herrschenden Klassen wuchs. Es war ein fruchtbarer Boden für Armutsbewegungen und Bettelorden wie Franziskaner, Dominikaner, Augustiner, Serviten oder Karmeliter.

Inspiriert und angeführt von charismatischen Persönlichkeiten, propagierten sie ein Leben voller Verzicht, Buße und Gottesfurcht. Hilfe für die Armen und Aussätzigen war ihnen so wichtig wie die Erniedrigung des eigenen Selbst - immer Jesus Christus und seine Apostel als Vorbild im Sinn. Viele beteten so exzessiv, dass sie sich in Stricke hängten, um nicht vor Erschöpfung umzufallen. Später wurden stützende Gerätschaften erfunden.

Wanderprediger, wie etwa der Kaufmann Petrus Valdès aus Lyon, auf den die Bewegung der Waldenser zurückgeht, wetterten wortgewaltig gegen Reichtum und Gewinnstreben. Auch Frauen taten sich zu eigenen Orden zusammen.

Viele der religiösen Gruppen einte ein schon wahnhafter Kampf wider menschliche Gelüste jeder Art. So rührte Franziskus etwa kaltes Wasser und Asche in seine Speisen, um sich den Geschmack zu verleiden. Und damit der Sexualtrieb im Griff blieb, riet er seinen Jüngern, sich mit Eiswasser, Tauen oder Dornen so lange zu traktieren, bis das verderbliche Fleisch ("carnis corruptela") beruhigt war.

Hienieden war ihnen nur Jammertal

Bisweilen unterschieden sich die Orden nur durch Petitessen, etwa ob es Bettelmönchen gestattet sein sollte, Schuhe und Strümpfe zu tragen, oder es Gottes Wille eher entspreche, barfuß in Sandalen zu wandeln.

Es gab indes auch gravierende Differenzen in der Armutsbewegung. So verlangten die Kapuziner von ihren Anhängern, den Lehren des Franziskus detailgetreu zu folgen - bis hin zum authentischen Schnitt ihrer Kapuzen. Die Franziskaner selbst galten ihnen schon als Abweichler. Besonders radikal taten sich die Katharer hervor. Sie sahen sich als die "wahren Christen" und glaubten an einen strikten Dualismus von Gut und Schlecht.

Hienieden war ihnen nur Jammertal. Fortpflanzung, ob von Mensch oder Tier, galt als Teufelswerk. Fleisch, Fett oder Milchprodukte verzehrten sie nicht. Einzig die Seele galt es zu retten, um sie zu Gott in den guten Himmel zu leiten. Radikal waren die Katharer auch in ihrer Ablehnung der römisch-katholischen Kirche.

Das war gefährlich, denn dem herrschenden Klerus blieb nicht verborgen, dass immer mehr Schäfchen bei konkurrierenden Religionsbewegungen ihr Seelenheil suchten, zumal die neuen Heilsbringer oft nicht auf Latein predigten und so weite Teile der Bevölkerung direkt ansprechen konnten.

Rom und seine Gesandten mühten sich, die abtrünnigen Armutsbewegungen und Bettelorden unter dem Dach der Amtskirche zu halten. Gelang dies nicht, schmähte die Kurie die Abweichler als Ketzer und verfolgte sie mit den brutalen Mitteln der Inquisition.

Stimmen, die nach Reformen und Selbstbescheidung riefen

Während Franziskaner und Dominikaner die Vormacht des Papstes und seiner Kirche akzeptierten, wurden Katharer und andere Häretiker bald als gefährliche Gegenkirchen mit Feuer und Schwert bekämpft.

Ganz ignorieren konnte die Amtskirche die neuen religiösen Massenbewegungen aber nicht, denn auch in ihr selbst mehrten sich Stimmen, die nach Reformen und Selbstbescheidung riefen. Zunehmend offen wurden Prunk, Prasserei und moralische Zügellosigkeit in den eigenen Reihen getadelt.

Als Papst Innozenz III. im Jahr 1215 mit mehr als 1200 Teilnehmern, darunter zahlreiche Bischöfe und Äbte, in Rom zum Vierten Laterankonzil zusammenkam, verdammten die Geistlichen überaus deutlich herrschende Missstände unter führenden Klerikern: "Sie verbringen fast die halbe Nacht mit überflüssigen Schmausereien und ungeziemendem Geschwätz, von anderen Dingen ganz zu schweigen."

So war es der Kirche doch recht, dass es auch Bettelmönche und Armutsorden gab, die unter ihrem Dach bleiben wollten - als gutes Gewissen in den eigenen Reihen.

Ein geschickter Zug von Papst Gregor IX. war es dann, Franziskus schon 1228, knapp zwei Jahre nach seinem Tod, heiligzusprechen. Gleichzeitig ließ er ihm zu Ehren eine prächtige Grabeskirche bauen - so korrumpierte die Kurie einen ihrer ärgsten Herausforderer noch im Tode. Zumindest seine Anhänger band sie damit wieder fest an die römisch-katholische Kirche.

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