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Mittelalter: Das Leben auf den alten Burgen

Foto: Thomas Frey/ picture-alliance/ dpa

Mittelalter Trutzbau der Macht

Um alte Burgen ranken sich viele Mythen. Die Realität sah herber und dürftiger aus: Häufig waren die Befestigungen klein, beengt und nur bedingt abwehrbereit.

Wofür es Burgen gab, das glaubt spätestens seit Prinz Eisenherz jedes Kind zu wissen: Eine uneinnehmbare Festung! Edle Ritter und Burgfräulein! Gelage im Rittersaal, Feste und Turniere! Und im finsteren Verlies, natürlich, die Folterkammer!

Deutschland ist Burgenland: Rund 50.000 der markanten Wehrbauten sind im deutschen Sprachraum nachgewiesen. Mancherorts, etwa am Rhein bei Koblenz, scheint es keinen Felssporn ohne Burg zu geben. Vielen gilt die Burg geradezu als Inbegriff mittelalterlichen Lebens. Doch so präsent die alten Gemäuer sind, so hartnäckig haften ihnen Irrtümer und Irrglauben an.

Ganz so einfach, wie Kinder und noch mancher Erwachsene es gern glauben, ist es eben nicht. In den letzten Jahren haben Historiker und Archäologen ihr Burgenbild gründlich revidiert. Ihre Erkenntnisse stehen teils in krassem Gegensatz zu den liebsten Klischees vieler Romanautoren, Drehbuchschreiber und Touristenführer.

Die zehn populärsten Irrtümer über mittelalterliche Burgen:

Mittelalterliche Burgen finden sich überall

Wer am Rhein, im Allgäu oder in Südtirol auf Burgentour geht, der wird reich belohnt und doch betrogen. Eine Prachtburg überstrahlt die andere, doch mit dem Mittelalter hat das selten zu tun. Burg Stolzenfels, Burg Hohenzollern in Baden-Württemberg oder - besonders prägend für viele Phantasien weltweit - Schloss Neuschwanstein in Bayern: Errichtet wurden sie im 19. Jahrhundert, meist auf den Ruinen ihrer Vorgänger.

Mit historischen Bauplänen hielten sich die Architekten nicht auf. Im Auftrag von Adel und Großbürgertum schufen sie dekorative Kitschbauten samt Zinnen, Zugbrücken und Wehrgängen. Schön romantisch sollten sie sein, edel und geheimnisvoll - so wie sich die Erbauer das Mittelalter herbeisehnten, nicht wie es war.

Am Mittelrhein kann nur eine einzige Höhenburg den Anspruch erheben, authentisches Mittelalter-Flair zu verströmen: die Marksburg bei Braubach, Vorbild vieler Plastikburgen in Kinderzimmern. Ihre Geschichte reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück, und sie wurde nie zerstört. Doch selbst sie zeigt längst nicht mehr den Originalzustand. Ganze Gebäude innerhalb der Feste wurden in späteren Jahrhunderten abgetragen oder hinzugefügt, als die Marksburg als Invalidenunterkunft diente und als Gefängnis.

Das ist das Problem mit den Burgen: Bestenfalls haben sie als Ruinen überdauert. Keine einzige ist mitsamt ihren Innenräumen so erhalten geblieben, wie sie im Mittelalter einmal war. Viele sind gar ganz verschwunden, nur noch Bodenwellen deuten auf sie hin. Wie sie wirklich aussahen, wer dort lebte und arbeitete und wozu sie dienten, lässt sich nur mühsam erschließen mit Hilfe von Ausgrabungen, historischen Abbildungen und Texten, Heldenepen, Gesetzessammlungen oder Inventarlisten.

Auf den Burgen wohnten nur Ritter

Burgen aus Erdwällen und Holzbauten wurden in Mitteleuropa schon im 9. Jahrhundert errichtet, als es Ritter, also schwer bewaffnete Panzerreiter, noch gar nicht gab. Eine Burg war da vor allem ein befestigter Wohnsitz - unentbehrlicher Schutzort und Machtfaktor für Könige, Hochadel und Kirchenfürsten.

Bald strebte auch der Niederadel nach Burgen, um so seine Herrschaft über die abhängige Bevölkerung zu festigen. Vom 11. Jahrhundert an zählte zum Kreis möglicher Burgbesitzer dann auch der neue Stand der Ministerialen, ursprünglich Unfreie in Diensten eines Herrn, beispielsweise als Verwalter oder Burgvogt. Besonders aus den Reihen der Ministerialen rekrutierte sich seit dem 13. Jahrhundert verstärkt die Kriegerkaste der Ritter. Daher lebten dann zwar auf etlichen Burgen Ritter - aber eben längst nicht auf allen.

Manchem Ritter blieb mangels Geld und Stand die eigene Burg versagt, während sich einige reiche Stadtbewohner schon damals eine Burg als prestigeträchtige Freizeitimmobilie zulegen konnten, etwa die Bozener Kaufmannsfamilie Vintler, die Burg Runkelstein erwarb. Das heute so populäre Wort "Ritterburg" ist im Mittelalter nie gefallen - es stammt, wie so viele der unsterblichen Burgen-Mythen, aus dem 19. Jahrhundert.

Burgen waren stets umkämpfte Militärbauten

Damit ein Bau zur Burg wurde, brauchte er im Hochmittelalter Folgendes: eine Ringmauer, das eigentliche Wohngebäude des Burgherrn und seiner Familie, den "Palas", sowie einen Turm, "Bergfried" genannt. Hinzu kamen Accessoires wie Wall, Wassergraben, Zugbrücke und Zinnen; auch eine Kapelle, zumindest eine Gebetsnische, gehörte zum Standard. Wer solch eine herrschaftliche Anlage errichten wollte, musste eine Baugenehmigung des Landesherrn einholen. Andernfalls drohte der Abriss.

Solche wehrhaften Gebäude hatten neben dem Schutz der Bewohner offensichtlich eine militärische Funktion - als Stützpunkt für Waffenträger oder auch als Zufluchtsort in Kriegszeiten. Aber Adelsburgen dienten nicht, wie oft in Filmen zu sehen, als Kasernen oder Sammelplätze für gewaltige Heere. Die meisten waren klein, beengt und nur bedingt abwehrbereit.

Eine Inventarliste für die neu erbaute Burg Ludwigstein an der Werra vermerkt zum Beispiel, dass diese im Jahr 1416 über vier Betten verfügte und einiges Küchengerät, "eyn fass ful korn" und vier Armbrüste, 1030 Pfeile, zwei Handbüchsen und einen Beutel Pulver. Die Besatzung kleiner Festungen wie dieser ging oft nicht über einen Pförtner und ein, zwei Wachen hinaus.

Nur große Burgen brauchten dauerhaft sogenannte Burgmannen - niederadlige Ritter, die in der Nähe wohnen mussten, um die Anlage notfalls zu verteidigen; ein Dutzend Burgmänner war nicht außergewöhnlich. Friedberg in der Wetterau brachte es gar auf bis zu hundert Ritter.

Natürlich traten die Burgmannen nicht nur als Verteidiger in Erscheinung. Des Öfteren trugen sie Fehden und Kleinkriege gegen ihre Feinde in der weiteren Nachbarschaft aus. Dies geschah gern in Form von Raubzügen, bei denen sie Vieh stahlen oder ganze Dörfer niederbrannten - ehe sie schleunigst die eigene Zugbrücke wieder hinter sich hochzogen.

Die wahre Bedeutung der Burg im damaligen Feudalsystem aber lag woanders. Das Gebäude selbst verkörperte die Macht. Der Besitz einer Burg ging einher mit dem Anspruch auf Herrschaft über ein bestimmtes Gebiet und seine Bewohner. Wer durch Kauf, Übertragung eines Lehens, Erbfall oder auch Eroberung Burgherr wurde, der hatte damit viele Rechte erworben, etwa jenes, Abgaben einzutreiben. Er verfügte über Höfe oder ganze Dörfer, Felder, Wälder und Gewässer, Schürf- und Minenrechte in seinem Gebiet. Außerdem oblag ihm die niedere Gerichtsbarkeit über seine Untertanen.

Diese Beigaben, die sogenannte Herrlichkeit, machten den Besitz von Burgen so attraktiv und führten dazu, dass sie sogar noch teuer verkauft wurden, wenn die Bauten selbst längst in Trümmern lagen. Bis 1806 blieben einige dieser alten Feudalrechte handelbar.

Auf den Burgen wurde gefoltert

Heute zählen Folterkammern zu den beliebtesten Attraktionen auf den Touristenburgen. Im Mittelalter hingegen waren sie vergleichsweise rar.

Der gewöhnliche Burgherr (häufiger: der von ihm erwählte Amtsträger) saß zu Gericht bei Alltagsdelikten wie Prügeleien oder Beleidigungen. Er konnte Delinquenten an den Pranger stellen; die "peinliche Befragung" indes war ihm verboten. Mutmaßliche Diebe, Vergewaltiger oder Mörder wurden Blutgerichten vorgeführt, die meist in einer größeren Burg des Landesherrn angesiedelt waren. Rutenhiebe, Daumenschrauben und das Strecken gehörten zum Repertoire.

Falsch ist die Vorstellung, dass damals in den Folterkammern systematisch Frauen als angebliche Hexen gequält wurden. Zur massenhaften Hexenverfolgung kam es erst in der frühen Neuzeit. Wer heute ein Foltermuseum besucht, sollte auf der Hut sein: Einige der angeblich mittelalterlichen Folterinstrumente sind wie die dazugehörigen Burgen selbst Phantasieprodukte aus dem 19. Jahrhundert.

Bevor der Burgherr zum Kreuzzug aufbrach, legte er seiner Burgdame den Keuschheitsgürtel an und nahm den Schlüssel mit

Noch eine Verunglimpfung aus späterer Zeit. Aus dem Mittelalter ist kein datierbarer Keuschheitsgürtel erhalten. Hätten Frauen über Monate oder Jahre ein Gestell aus Leder und Eisen getragen, hätten sie sich schnell wund gescheuert und wären an Druckgeschwüren und Infektionen gestorben. Wahrscheinlich hatten die Keuschheitsgürtel eine eher symbolhafte oder auch erotische Bedeutung.

Burgen waren Schauplätze von Turnieren

Der publikumsstarke Kampfsport des Mittelalters bestand aus Ritterduellen mit Lanzen, dem "Tjost", und Massengefechten wie in einer offenen Feldschlacht, dem "Buhurt". Selbst große Burgen waren für diese Spektakel, zu denen die Ritter teilweise in großen Mannschaften anreisten, viel zu klein. Turniere wurden daher in den Städten ausgetragen, meist auf Turnierplätzen vor der Stadtmauer, manchmal auch auf dem steinigen Marktplatz, der zum Schutz von Ross und Reiter dann immerhin mit Stroh ausgelegt wurde.

Der Bergfried war gespickt mit Schießscharten

Der massive Turm einer Burg reichte meist 20 bis 30 Meter in die Höhe. Der Eingang lag oft mehr als 3 Meter hoch und war nur über eine hölzerne Außentreppe erreichbar. Der Türmer, den es auf jeder Burg gab, hielt oben Ausschau. Das Untergeschoss eines Bergfrieds hieß "Verlies", es wurde oft auch als Gefängnis benutzt. Die Raubritter des ausgehenden Mittelalters hielten hier Geiseln fest, mit denen sie Lösegelder erpressten.

Zur Frage, wofür der Bergfried sonst noch diente, schwelt ein Expertenstreit. Als Wohnung nutzte man den Turm in der Regel nicht - und als Wehrbau taugte er offenbar auch nicht: Seine vermeintlichen Schießscharten erwiesen sich bei näherer Betrachtung zumeist als Lüftungs- und Lichtschlitze. Mit der Armbrust war die Burg besser von der Ringmauer aus zu verteidigen als vom Turm. Bergfriede wurden zudem oft an Stellen errichtet, die militärisch bedeutungslos waren.

Manche Burgenkundler halten den Bergfried daher für eine Art Bunker: den letzten Zufluchtsort der im Kampf unterlegenen Burgbewohner. Hier hätten sie ausgeharrt, bis Hilfe kam. Andere glauben, dass dies ein tödliches Versteck gewesen wäre, weil die Angreifer es leicht hätten ausräuchern können. Aus dieser Sicht hatte der Bergfried keinen größeren Nutzwert, sondern war reines Symbol: Weithin sichtbar prägte der Turm das Landschaftsbild und kündete so von der Macht und Präsenz des Burgherrn.

Die Burgverteidiger gossen siedendes Öl über die Angreifer

Direkt über dem Tor ist in vielen Burgen ein Wehrerker zu sehen, der von phantasievollen Autoren im 19. Jahrhundert gern als "Pechnase" bezeichnet wurde. Angeblich schütteten die Kämpfer von hier aus kochendes Pech, Öl oder heißes Wasser über Eindringlinge. Viel plausibler ist indes, dass die Burgmannen vom geschützten Vorsprung aus Steine auf ihre Gegner warfen. Öl kostete damals viel Geld; Wasser und Brennholz waren auf jeder Burg knapp. Manch vermeintlicher Wehrerker ist übrigens keiner, sondern ein Abort - allerdings nie über Toreingängen.

Die Burgleute lebten in Saus und Braus

Zumindest auf kleinen Adelsburgen unterschied sich der Alltag der Bewohner nicht wesentlich von dem der Bauern. Solche Burgen waren eher befestigte Landwirtschaftsbetriebe mit Viehhaltung. Wie die Bauern aß man hier oft Hirsebrei und Hafermus, aber vielleicht von Geschirr aus Steingut.

Ritter Ulrich von Hutten war besonders unzufrieden. 1518 schrieb er an einen Freund, dass die Burg ja "nicht als angenehmer Aufenthalt, sondern als Festung gebaut" sei. Innen sei sie "eng und durch Stallungen für Vieh und Pferde zusammengedrängt". Die Kammern seien dunkel, und "überall stinkt es nach Schießpulver; und dann die Hunde und ihr Dreck, auch das, ich muss es schon sagen, ein lieblicher Duft!"

Je nach Stand und Wohlstand ließ es sich da natürlich auch angenehmer leben. Manch hoher Burgherr verfügte über Barbier, Schneider, Einheizer, Bäcker, Boten, Wäscherinnen, Kammerdiener, Stallknechte und sonstiges Dienstpersonal.

Als alltäglicher Wohnraum diente zumeist die Herrenstube, die sich mittels eines Kachelofens bereits rauchfrei beheizen ließ. Einige Burgen boten schon im 13. Jahrhundert mehrere fast modern anmutende Apartments: Gleich neben der Stube lag eine auch zum Schlafen genutzte Kammer mit oder ohne Kamin. Von diesem Raum ging, ganz bequem, der Abort ab. Sogar Fensterglas gab es, zumindest in den wichtigsten Räumen.

Der große Saal gehörte unabdingbar zur Burg und wurde oft für Bankette und Festlichkeiten genutzt. Landesherren empfanden ihre Burgen jedoch bald als zu klein für ihre wachsenden Ansprüche an repräsentativem Komfort. Vom 14. Jahrhundert an drängte es sie in prachtvollere Residenzen in den Städten.

Als die Kanone aufkam, war die Burg schlagartig am Ende

Wahr ist, dass die Zahl der Burgen im Spätmittelalter dramatisch schrumpfte. Viele Ritter und andere Adelige waren verarmt und verloren ihren Besitz. Etliche Burgen wurden im Zuge von Fehden oder in den Bauernkriegen zerstört und nicht wieder aufgebaut. Allmählich zählten Burgruinen zum Bestandteil des Landschaftsbildes.

Doch eine Vielzahl von Burgen überdauerte in veränderter Form. Als sich die Feuerwaffen im 15. Jahrhundert durchsetzten, besserten die Burgherren eben nach: Sie investierten in stärkere Mauern und Geschütztürme. Viele alte Burgen wurden mit vorgelagerten Bastionen und Rondellen aufgerüstet. Andere, die vor allem als Wohnort dienten, wurden ausgebaut zu Herrenhäusern und Schlössern.

Manche der alten Gemäuer blieben noch lange stehen. Dann aber nahm der Zeitgeist an ihnen Anstoß. Im 18. Jahrhundert kam die Mode auf, Burggräben zuzuschütten, Zugbrücken durch Dämme zu ersetzen, Türme und Mauern abzureißen. So verloren die Burgen des Mittelalters ihr Gesicht - bis die Romantik ihnen ein neues verpasste.

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