Venedig Die ganze Stadt ein Grab

Mehr als 20 Mal wütete die Pest in Venedig. In ihrer Not entwickelte die Republik eine für Europa vorbildliche Gesundheitsbehörde.

Corbis

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Der Tod kam über das Wasser. Er war in der Hafenstadt Kaffa am Schwarzen Meer an Bord gegangen und reiste auf genuesischen Schiffen nach Westen, zuerst nach Sizilien, dann nach Genua und Venedig.

Als die Galeeren im Februar oder März 1348 an der Kaimauer des venezianischen Hafens festmachten, ahnte niemand etwas von der lebensgefährlichen Fracht in ihrem Rumpf. Dabei hatte schon im Jahr zuvor eine Seuche Konstantinopel und fast alle Hafenstädte des östlichen Mittelmeers heimgesucht, bei der die Menschen dunkle, eitrige Beulen in den Leisten, hinter den Ohren oder in den Achseln bekamen, von Fieber geschüttelt wurden. Sie litten höllische Kopfschmerzen, waren unerträglich matt und starben reihenweise.

Doch die Schulmediziner des Mittelalters wussten nichts von Ansteckungswegen oder von Pestbakterien, die mit Hilfe von Ratten- oder Menschenflöhen ihre fatale Spur zogen. Nach den Lehren der immer noch maßgeblichen antiken Ärzte Hippokrates und Galen entstanden Krankheiten durch ein Ungleichgewicht von Säften im Körper. Seuchen drohten bei zu viel Hitze und Feuchtigkeit, stickige, modrige, verdorbene Luft war ein Zeichen des dräuenden Unheils.

Die Luft im Frühjahr 1348 aber war kühl und unverdächtig, als das Unglück über Venedig hereinbrach. Der umtriebige Hafen, wo Händler ihre Waren tauschten und Seeleute ihre Heuer versoffen, wo mit der Fracht aus den Schiffen auch Ratten und Ungeziefer an Land kamen, war ein ideales Verbreitungsgebiet für die Pest, die sich an Land schnell die ersten Opfer suchte.

Zuerst traf die in Europa seit der Antike nicht mehr aufgetretene Krankheit Bewohner des Festlands, die sich wegen schlechter Ernten und Hungersnöten in die Stadt geflüchtet hatten und nun als Obdachlose auf den Straßen und Plätzen bettelten. Sie entwickelten die gleichen Symptome wie man sie auch in Konstantinopel beobachtet hatte, und starben einer nach dem anderen.

Schnell zeigte sich, dass die Seuche nicht zwischen Reichen und Armen unterschied. "Gleich zu Beginn raffte diese Pest innerhalb weniger Tage führende Persönlichkeiten, Richter und Beamte, die in den Großen Rat gewählt worden waren, hinweg, danach auch diejenigen, welche deren Platz eingenommen hatten. Im Monat Mai nahm sie so sehr zu und die Ansteckung wurde so stark, dass die Plätze, Höfe, Grabstätten und Kirchhöfe sich mit Leichen füllten", schrieb der venezianische Chronist Lorenzo de Monacis, der einige Jahre nach der Epidemie Augenzeugenberichte und Dokumente zu einem Bericht bündelte.

Gräber wurden unter Häusern und Wegen geschaufelt

Venedig war nicht die einzige Stadt Europas, in der damals die Pest wütete, fast zeitgleich traf sie auch Genua, Lucca, Pisa, kurz darauf Neapel und Florenz, von dort breitete sich die Plage nach Mittel- und Nordeuropa aus. Doch für die Serenissima wurde die Seuche zu einem Trauma. Sie tötete allein in den Jahren 1348/49 Zehntausende ihrer Einwohner. Und sie richtete sich ein zwischen den Lagunen, brach wieder und wieder aus, wenn die Menschen sich gerade sicher wähnten.

Es begann ein drei Jahrhunderte währender zäher Kampf zwischen der Pest und den Behörden, darum, wer die Oberhand behalten würde. Zunächst sah es nicht so aus, als habe die Stadt eine Chance. So schnell starben so viele Menschen, dass auf den Friedhöfen bald kein Platz für neue Gräber mehr war. Sogar unter öffentlichen Wegen oder unter ihren Häusern schaufelten die Venezianer Gräber, schrieb Lorenzo.

Die Ärzte standen dem Massensterben hilflos gegenüber: Sie verordneten Aderlässe oder schnitten die Pestbeulen auf und steckten sich dabei selbst an. Ratlos empfahlen sie spezielle Diäten und verboten sogar das Waschen, weil dadurch verdorbene Luft in den Körper dringen könne.

Ihre Maßnahmen blieben wirkungslos: "Keine Kunst vermochte etwas, kein Kraut nützte, keine Medizin richtete etwas aus", notierte Lorenzo. Wer zu helfen versuchte, lebte gefährlich: 300 Mitglieder und 11 Vorstände der Scuola della Carità, die sich mildtätig um die Kranken kümmerten, starben; nicht weniger waren es bei der Johannesbruderschaft.

Viele Ärzte starben oder flüchteten aus der Stadt

Da die Ärzte außer in Essig getränkten Schwämmen und aromatischen Räuchermischungen kaum Mittel kannten, sich vor der Krankheit zu schützen, berieten einige Mediziner ihre Patienten nur noch aus der Ferne, viele andere flüchteten aus Angst gleich ganz aus der Stadt.

Die Regierung jedoch nahm den Kampf mit der Pest auf. Bereits am 30. März, binnen eines Monats nach Ausbruch, berief der Große Rat drei Männer in eine Kommission, genannt "Savi" (Weise). Er beauftragte sie, einen Notfallplan zu erarbeiten. Sie empfahlen, alle todkranken und sterbenden Obdachlosen und Armen auf die Inseln San Marco in Boccalama und San Leonardo Fossamala, später noch auf zwei weitere Inseln bringen zu lassen und dort zu isolieren.

Dort beerdigte man die Toten und, wie Lorenzo behauptete, auch Sterbende, in fünf Fuß tiefen Massengräbern. Wer zur Beerdigung seiner Angehörigen gehen wollte, musste zum Schutz der noch Gesunden selbst auf der Insel bleiben - dem sicheren Pesttod ausgeliefert.

Niemandem konnte entgehen, dass die Seuche ansteckend war, auch wenn die Schulmedizin an der Dämpfe-Theorie festhielt. Die Verantwortlichen in den Stadtteilen handelten und stellten Beamte dafür ab, frisch Verstorbene zu melden, damit ihre Leichen möglichst schnell auf die Inseln gebracht werden konnten.

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insgesamt 38 Beiträge
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velociraptor 02.06.2012
1. Gesundheitsbehörden
Zitat von sysopCorbisMehr als 20 Mal wütete die Pest in Venedig. In ihrer Not entwickelte die Republik eine für Europa vorbildliche Gesundheitsbehörde. http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,835336,00.html
Mit anderen Worten, die Venezianer waren notgedrungen die Vorreiter und Erfinder von Gesundheitsbehörden. Das sollte man sich öfters mal vor Augen halten, bevor man diesertage pauschal über die ach so laxen Südländer herzieht und meint, alles Geordnete und Vernünftige könne nur aus Deutschland kommen.
Oberleerer 02.06.2012
2.
Ich frage mich, ob es nicht auch kritische Geister gab, die der damaligen Schulmedizin widersprachen. Einige Beobachtungen hätten womöglich schon früh die Ansteckungswege aufzeigen können. Immerhin wußte man ja, dass diese Krankheit übertragbar war. Aber in der Literatur wird von Massensterben bei Ratten und Vögeln berichtet. Es wurde also sehr wohl bemerkt und dokumentiert. Der Standesdünkel hat aber womöglich diese Entdeckungen verhindert. Ohne Immunität war aber der Tod trotz Sauberkeit vermutlich trotzdem unvermeidbar. Interessant wäre eine Genanalyse der Überlebenden aller 3 Wellen. Womöglich starben bei den 2 folgenden Wellen jeweils diejenigen, die Hauptsächlich durch Zuzug die Bevölkerung wieder auffüllten, während die Nachkommen der Pestüberlebenden der 1. Welle weitgehend verschont wurden. Was hilft eigentlich gegen die Pest? Penicillin?
abominog 02.06.2012
3. Ein heikles Thema
Heutzutage wurden schon erfolgreich uralte Gräber geöffnet und die Leichen untersucht. Dabei ist es gelungen, extrem gefährliche Krankheitserreger zu entdecken, zu isolieren und zu vermehren. Derartige Viren eignen sich leider als Biowaffen und wer im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, der kann sich eventuell noch daran erinnern, dass früher schon kranke Tiere über die Mauern von Festungen katapultiert wurden, um dort Krankheiten ausbrechen zu lassen, damit eine feindliche Armee dann hinterher leichtes Spiel mit der Eroberung hatte. Auch Brunnen wurden schon oft gezielt und systematisch vergiftet. Schon ein kleiner Flohbiss, Mückenstich, Zeckenbiss oder Kratzer auf der Haut reicht völlig aus, um anschliessend massive gesundheitliche Probleme zu bekommen. Addiert man noch die Summe der natürlichen Infektionsgefahren, Laborunfälle, Hygienemängel und selbstverständlich auch die menschliche Dummheit hinzu, dann kann man sich schon lebhaft vorstellen, was früher oder später mal wieder auf uns alle zukommt. Leider habe ich viel zu oft schon selbst erlebt, wie kranke Menschen andere gesunde Menschen ganz bewusst und gezielt angesteckt haben. Die husten oder niesen einem dann absichtlich ins Gesicht, so nach dem Motto "geteiltes Leid ist halbes Leid"...
knifffes 02.06.2012
4.
Zitat von abominogHeutzutage wurden schon erfolgreich uralte Gräber geöffnet und die Leichen untersucht. Dabei ist es gelungen, extrem gefährliche Krankheitserreger zu entdecken, zu isolieren und zu vermehren. Derartige Viren eignen sich leider als Biowaffen und wer im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, der kann sich eventuell noch daran erinnern, dass früher schon kranke Tiere über die Mauern von Festungen katapultiert wurden, um dort Krankheiten ausbrechen zu lassen, damit eine feindliche Armee dann hinterher leichtes Spiel mit der Eroberung hatte. Auch Brunnen wurden schon oft gezielt und systematisch vergiftet. Schon ein kleiner Flohbiss, Mückenstich, Zeckenbiss oder Kratzer auf der Haut reicht völlig aus, um anschliessend massive gesundheitliche Probleme zu bekommen. Addiert man noch die Summe der natürlichen Infektionsgefahren, Laborunfälle, Hygienemängel und selbstverständlich auch die menschliche Dummheit hinzu, dann kann man sich schon lebhaft vorstellen, was früher oder später mal wieder auf uns alle zukommt. Leider habe ich viel zu oft schon selbst erlebt, wie kranke Menschen andere gesunde Menschen ganz bewusst und gezielt angesteckt haben. Die husten oder niesen einem dann absichtlich ins Gesicht, so nach dem Motto "geteiltes Leid ist halbes Leid"...
Solche schlimmen Epochen wie das Mittelalter mit seiner Pest wird es aber nichtmehr geben können, da wir uns heutzutage bewusst sind wie die Krankheiten ausgelöst werden und wie man ein Ansteckungsrisiko minimieren kann. Ausserdem lassen sich heute gezielt Gegenmittel entwickeln, z.B. eben Antibiotika und Impfungen. Das sind zwar keine Allheilmittel (Impfungen bringen NACH der Infektion sowieso nichts mehr und müssen nach Ausbruch einer neuen Virenpandemie auch erstmal entwickelt werden) und werden leider viel zu oft missbraucht (Ein Großteil der heute vorhandenen Antibiotikaresistenzen bei bestimmten Bakterienstämmen verdanken wir einfach dem unverantwortlichen Umgang mit Medizin. Wer bei einer Erkältung sofort nach Antibiotika schreit was absolut nutzlos ist, schaufelt damit das Grab für viele Menschen in der Zukunft immer noch ein bisschen tiefer). Aber ich muss ihrer Andeutung der großen Gefahr durch wissenschaftlich basierten Umgang mit Krankheitserregern extrem widersprechen. Nur durch diese preventive Erforschung der Krankheiten ist es überhaupt möglich rechtzeitig vor Pandemien zu warnen und Impfstoffe zu entwickeln. Wir lachen heute gerne immer über die so genannte Schweinegrippe (bzw über Grippewarnungen allgemein) und machen Scherze über die übertriebenen Schutzmaßnahmen. Es weiss jedoch keiner was ohne diese Maßnahmen passiert wäre. Zwar war der Erreger in der damaligen Form ziemlich harmlos, jedoch hätte er sich durchaus noch verändern können - was gerade bei Viren ja die große Gefahr ist. Deshalb müssen eben Viren sofort wenn sie auftreten bekämpft werden, unabhängig wie gefährlich sie sind. Denn wenn sie sich erstmal stark verbreitet haben, ist dem durch Mutationen kaum noch gezielt entgegenzuwirken. Und man weiss eben nie wann sich dabei eine gefährliche / tödliche Variante herausbilden könnte.
MiniDragon 02.06.2012
5. Vorsicht beim Arztbesuch !
Zitat von abominogHeutzutage wurden schon erfolgreich uralte Gräber geöffnet und die Leichen untersucht. Dabei ist es gelungen, extrem gefährliche Krankheitserreger zu entdecken, zu isolieren und zu vermehren. Derartige Viren eignen sich leider als Biowaffen und wer im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, der kann sich eventuell noch daran erinnern, dass früher schon kranke Tiere über die Mauern von Festungen katapultiert wurden, um dort Krankheiten ausbrechen zu lassen, damit eine feindliche Armee dann hinterher leichtes Spiel mit der Eroberung hatte. Auch Brunnen wurden schon oft gezielt und systematisch vergiftet. Schon ein kleiner Flohbiss, Mückenstich, Zeckenbiss oder Kratzer auf der Haut reicht völlig aus, um anschliessend massive gesundheitliche Probleme zu bekommen. Addiert man noch die Summe der natürlichen Infektionsgefahren, Laborunfälle, Hygienemängel und selbstverständlich auch die menschliche Dummheit hinzu, dann kann man sich schon lebhaft vorstellen, was früher oder später mal wieder auf uns alle zukommt. Leider habe ich viel zu oft schon selbst erlebt, wie kranke Menschen andere gesunde Menschen ganz bewusst und gezielt angesteckt haben. Die husten oder niesen einem dann absichtlich ins Gesicht, so nach dem Motto "geteiltes Leid ist halbes Leid"...
Besonders gefährlich ist der Aufenthalt in Wartezimmern und WCs von Arztpraxen und Klinken.
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