Prachtvolles Ischtar-Tor Babylon in Berlin

Das prachtvolle Ischtar-Tor zeugt auch von einer Sternstunde deutscher Archäologie.

Von Charlotte Klein


Da lag es, das uralte Babylon: Ein viele Meter tiefes Labyrinth aus Abertausenden Lehmziegeln, ockerfarben und staubig vom Sand der irakischen Wüste. Dieser Anblick war 1914 der Lohn für 15 Jahre Ausgrabungsarbeit, die der Archäologe Robert Koldewey und sein Assistent Walter Andrae hinter sich hatten. Die wohl berühmt-berüchtigtste Stadt der Weltgeschichte war zerbröselt, die Bruchstücke ihrer einst stolzen Tempel und Paläste ließen sich kaum vom Geröll unterscheiden.

"Wer von Griechenland kommt, der wundert sich immer, wenn ihm diese Hügel als Ruinen vorgestellt werden", beschrieb Koldewey den Kontrast zu den prächtigen, weiß-marmornen Funden am Mittelmeer. "Keine Quader! Keine Säule! Selbst in den Ausgrabungen fast nur Ziegelmauerwerk!"

Ein farbiges Detail allerdings war dem wilhelminischen Wissenschaftler schon 16 Jahre zuvor, bei einer Erkundungsreise zu den Ruinen Babylons rund 90 Kilometer südlich von Bagdad, ins Auge gefallen: die tiefblau glänzenden, mit Reliefs geschmückten Ziegeltrümmer des Ischtar-Tores und der Prozessionsstraße im Norden der noch im Wüstensand verborgenen Mauern.

Einige dieser emaillierten Bruchstücke nahm der Architekt und Bauforscher mit nach Berlin und präsentierte sie dem Generaldirektor der Königlichen Museen. Stolz vermerkte Koldewey in seinen Aufzeichnungen, unter anderem wegen der "eigenartigen Schönheit und kunsthistorischen Wichtigkeit" dieser Stücke sei der Entschluss gefallen, die "Hauptstadt des babylonischen Weltreiches" auszugraben.

399 Kisten mit Bruchstücken

Doch Koldeweys Fund traf auch schlicht den Zeitgeist: Kaiser Wilhelm II., ohnehin fasziniert von antiken Kulturen und ihren Ausgräbern, wollte mit den Franzosen und Engländern in Mesopotamien gleichziehen und wie sie eine der legendären versunkenen Zivilisationen ans Tageslicht befördern. Gerade war außerdem die Deutsche Orient-Gesellschaft gegründet worden; und während Koldewey am Euphrat grub, schufen die Berliner Museen 1899 eine "Vorderasiatische Abteilung" - in der Hoffnung, sie bald mit Trouvaillen aus dem Zweistromland füllen zu können.

Die guten Beziehungen des deutschen Kaiserreichs zum osmanischen Reich halfen dem Archäologen, vier Jahre später endlich die nötigen Genehmigungen für eine Ausfuhr seiner Funde zu erhalten.

Die wenigen Scherben des gewaltigen Tores und der Prozessionsstraße, die Koldewey den Vertretern der Orient-Gesellschaft und der königlichen Museen präsentiert hatte, waren nur ein Vorgeschmack. 399 Kisten mit Bruchstücken sollten folgten. Koldewey und der inzwischen zum Grabungsleiter aufgestiegene Andrae ließen sie zunächst flussabwärts nach Basra schaffen. Von dort aus beförderten Schiffe die Kisten nach Hamburg und schließlich über Elbe, Havel und Spree bis zur Museumsinsel in Berlin.

Koldeweys Ausgrabungs- und Dokumentationsmethoden galten als vorbildlich. Auf Andrae hatten die Trümmer des Ischtar-Tores anfangs wie langweilige "Massenware" gewirkt; für seinen Chef jedoch war "jedes Stück ein Einzelfund" gewesen, der schon auf der Grabung im Irak akribisch "gewaschen, getrocknet, nummeriert, inventarisiert" und - wenn er Reliefteile zeigte - auch abgemalt wurde, bevor er in einer Papierhülle "mit viel Häcksel in die Versandkisten verstaut" wurde. Dieser Gründlichkeit ist es zu verdanken, dass das prachtvollste aller erhaltenen Monumente Babylons in Berlin neu erstehen konnte. Schon bei der Eröffnung des Vorderasiatischen Museums 1930 war es eine Sensation.

Aus den bedrohlichsten Wesen zusammengesetzt

Der vordere Teil des rekonstruierten Ischtar-Tores ist ein Zeugnis der späten Blüte Babylons. Erbaut wurde es unter Nebukadnezar II. um 600 v. Chr. Das Portal lag am Ende der zehn Meter breiten Prozessionsstraße, die von der Stufenpyramide des Stadtgottes Marduk bis an die doppelte Stadtmauer führte. Zwei Torgebäude mit über vier Meter dicken Mauern umschlossen einen Innenraum. Die viereinhalb Meter hohen Torflügel haben nicht überdauert. Aber der König selbst ließ in einer Inschrift festhalten, Babylons Tore seien "aus Zedernholz" gezimmert und "mit einem Überzug aus Kupfer" versehen worden.

Die Fassade des Tores selbst war bedeckt von glänzenden, blau glasierten Ziegeln und fantastischen Tierreliefs: Kräftige Stiere standen für den Wettergott Adad. Das Fabelwesen Muschuschu mit dem gehörnten Kopf einer Schlange, den Vorderbeinen einer Raubkatze, den Hinterbeinen eines Raubvogels und dem mit einem Skorpionstachel bewehrten Schwanz war das Symboltier des Stadt- und Hauptgottes Marduk. Schon in den ältesten babylonischen Funden taucht in ähnlicher Form dieses Monstrum auf, dessen Namen Friedrich Delitzsch, Assyriologe und Direktor der Vorderasiatischen Abteilung der Königlichen Museen, mit "Prachtschlange" übersetzte.

Koldewey war fasziniert davon. Im Gegensatz zu anderen babylonischen Fabelwesen wie den "geflügelten Stieren mit Menschenkopf" könne man der Prachtschlange eine gewisse Lebensfähigkeit nicht absprechen, fand der Gelehrte, und zog Parallelen zu den damals erst seit einigen Jahrzehnten bekannten Dinosauriern. Begeistert schrieb er in seinen Aufzeichnungen: "Der Iguanodon aus der belgischen Kreide ist der nächste Verwandte des Drachen von Babylon."

Naturhistorisch war das sicher nicht gemeint: Mensch und Dinosaurier haben nicht gleichzeitig die Erde bevölkert. Wahrscheinlich ist die babylonische Tierhybride schlicht aus den bedrohlichsten Wesen zusammengesetzt, die in Mesopotamien damals bekannt waren - Löwe, Hornviper, Raubvogel und Skorpion -, um so gemeinsam mit dem mächtigen Stier des Adad die Feinde schon vor den Toren abzuschrecken.

Jede Platte der Prozessionsstraße trägt ein Urhebersiegel

Ausgerechnet vom Löwen, dem Tier der Göttin Ischtar, der das Tor ja gewidmet war, fand Koldewey auf dem Bauwerk keine Abbilder. Dafür waren die ebenfalls blau glasierten Wände, die die Prozessionsstraße auf ihren letzten Metern vor dem Tor umgaben, mit Löwen-Reliefs geschmückt.

Ischtar, die als Kriegsgöttin Schutzherrin des babylonischen Heeres war, vereinigte in sich viele verschiedene Aufgaben und Machtbefugnisse, auch als Göttin der Liebe. Sicher ist, dass dieses bedeutendste der Stadttore Babylons ihr gemeinsam mit Marduk geweiht war. Der Bauherr ließ in einer Inschrift auf dem Tor verlauten: "Nebukadnezar, König von Babylon, bin ich. Das Tor der Ischtar habe ich mit glasierten Steinen für Marduk, meinen Herrn, gebaut."

Jeden Frühling kam der wichtigste Tag für das Portal, denn unter ihm spielte sich der religiöse Höhepunkt des babylonischen Jahres ab: Zum Neujahrsfest schleppten die Priester des Marduk die Statue ihres Gottes aus der Stadt, um sie dann in einer prachtvollen Prozession durch das Ischtar-Tor hindurch wieder in ihren Tempel zu tragen. Für die Bewohner Babylons war das eine der wenigen Gelegenheiten, ihrem Gott nahezukommen.

Die Prozessionsstraße, wohl eigens für das Fest gebaut, bestand aus einem Untergrund von Naturasphalt und Ziegeln und war darüber mit Kalksteinplatten gepflastert. Sogar auf diesen hellen Steinen hat sich Nebukadnezar verewigt. Jede einzelne Platte trägt seitlich, auf der Straße selbst unsichtbar, eine Art Urhebersiegel: "Nebukadnezar, König von Babylon, Sohn des Nabopolassars, Königs von Babylon, bin ich. Die Babelstraße habe ich für die Prozession des großen Herren Marduk mit Schadu-Steinplatten gepflastert. Marduk, Herr, schenke ewiges Leben!"

Nach dem Eintritt passierte der Zug der Priester die aus Lehmziegeln errichteten Stadtmauern. Sie wurden lange zu den Sieben Weltwundern der Antike gezählt, ehe sie verfielen und in der berühmten Liste durch den Leuchtturm bei Alexandria ersetzt wurden.

Eine der gewaltigsten Stadtmauern der Geschichte

Der Historiker Herodot beschreibt zwei Mauerringe, einen inneren und einen äußeren, die beide so breit waren, dass darauf "ein Viergespann hätte herumfahren können". Im Kriegsfall konnten so innerhalb von Minuten Truppen auf der Mauerkrone an besonders bedrohte Stellen verlegt werden. In regelmäßigen Abständen ragten nach Herodot Türme aus der Mauer auf. Die Unmenge verbauter Lehmziegel hätten die Babylonier mit "Erdharz", also Naturasphalt, aufeinandergeklebt. Stolze "480 Stadien", rund 86 Kilometer, sei die äußere Mauer lang gewesen.

Koldewey kam, als er nachprüfte, auf 18 Kilometer - damit hatten die Babylonier allerdings wohl immer noch eine der gewaltigsten Stadtmauern der Geschichte. Die übrigen "Allgemeinbeschreibungen" Herodots trafen, wie der Archäologe feststellte, "durchaus zu". Reste der Türme, Mörtel aus Naturasphalt, gebrannte Ziegel als Baumaterial - all dies fanden auch die wilhelminischen Ausgräber.

Der Kernbereich Babylons, ein Rechteck mit bis zu zweieinhalb Kilometer Kantenlänge, war bei Weitem zu groß für eine Ausgrabung oder gar eine komplette Rekonstruktion. Koldewey, Andrae und ihre Helfer konnten es nicht vollständig erkunden. Teilweise folgten die Ausgräber den alten Mauern in Tunneln, weil eine Freilegung zu viel Zeit und Geld erfordert hätte. Erst 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, mit der Eroberung Bagdads durch die Engländer, wurde die Grabung beendet. Sie hatte bis dahin zusammen mit den anderen mesopotamischen Expeditionen fast zwei Millionen Reichsmark verschlungen, davon 320.000 aus der persönlichen Schatulle von Kaiser Wilhelm II.

"Bestienkonferenz" 1908

Der damals bereits 61-jährige Robert Koldewey steckte seine Energie nun in Publikationen. Schon zuvor hatte sich mehr und mehr sein Adlatus Walter Andrae um die Rekonstruktion des Tores und seine Präsentation in dem noch zu bauenden Museum gekümmert.

Im chemischen Labor der Königlichen Museen waren die Reliefteile seit 1903 zur Konservierung zunächst in 230 Holzbottichen gewässert und anschließend mit Paraffin imprägniert worden. Das Puzzeln begann, und drei Jahre später konnten die ersten babylonischen Löwen dem Kaiser und seiner Gattin präsentiert werden.

Der Herrscher war begeistert, als er die zusammengefügten Tiere sah - ganz im Gegensatz zu Walter Andrae. Denn in dessen Abwesenheit hatten die Rekonstrukteure die Bruchstücke zurechtgeschliffen und fehlende Stellen übermalt, um das fertige Bild möglichst vollständig wirken zu lassen. Das Ergebnis fand Andrae "in höchstem Grade unecht und nicht einmal schön". Erst 1908 konnte er während eines Heimaturlaubs eigens eine "Bestienkonferenz" einberufen, auf der der Kaiser höchstselbst entschied, dass Andraes originalgetreuer Rekonstruktionsansatz der richtige sei.

Sein Mentor Koldewey trat mittlerweile kaum noch in Erscheinung. Ihn plagte ein Nervenleiden; außerdem hatte er in Andrae einen Ziehsohn gefunden, der die Präsentation der Funde ganz in seinem Sinne weiterbetrieb. Er wurde 1928 Direktor der Vorderasiatischen Abteilung. Als unter seiner Ägide 1930 endlich die Berliner in die neu eröffneten Babylon-Säle strömen und den blauen Glanz bestaunen konnten, war Koldewey schon seit fünf Jahren tot.

"Tragisch", schreibt Andrae, denn gerade auf diesen Moment habe sein ehemaliger Chef gehofft: "die Löwen, Stiere, Drachen, Thronsaalornamente im Museum mit all ihrer Farbenpracht wiedererstehen zu sehen". Aber die Gründlichkeit zahlte sich aus. Noch heute bewundern Besucher aus aller Welt das grandiose Bauwerk, das wohl nur deshalb erhalten ist, weil Koldewey es schon beim Betrachten der ersten Fragmente vor seinem inneren Auge gehabt hat.



insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
bronstin 05.04.2016
1. Schöner Artikel
Und noch schöner wäre er gewesen, wenn Willi II nicht immer so durch den Kakao gezogen würde: von wegen Minderwertigkeitskomplexe angesichts von Englands und Frankreichs Ausgrabungstätigkeit. Wilhelm der II. war ernsthaft an Archäologie interessiert und er gilt im Vergleich zu allen zeitgenössischen Herrschern als der gebildetste. Das wird nicht mal von englischer Seite bestritten, wenn man sich die Eskapaden eines Edward VII. durchließt (der hauptsächlich in Pariser Etablisments seine Freude fand - gut, bei der gehandicapten Ehefrau vielleicht noch verzeihbar) oder auch im direkten Vergleich zu Nikolaus II., Leopold von Belgien oder einem Viktor Emanuel III.. Man sollte sich einfach mal damit abfinden, dass das Kaiserreich trotz seiner Unzulänglichkeiten keinesfalls so vermieft und rückständig war, wie es gern kolportiert wurde und immer noch wird...
DracheNimmersatt 05.04.2016
2.
Jedesmal wieder, wenn ich davor stehe, bin ich beeindruckt von der Leistung der Erbauer. Das Tor sowie die Prozessionsmauer sind nicht nur majestätisch sondern auch wunderschön. Auch, wenn es im Pergamonmuseum nur das Tor zu besichtigen gäbe, wäre es einen Besuch wert.
bronstin 05.04.2016
3. Schöner Artikel
Und noch schöner wäre er gewesen, wenn Willi II nicht immer so durch den Kakao gezogen würde: von wegen Minderwertigkeitskomplexe angesichts von Englands und Frankreichs Ausgrabungstätigkeit. Wilhelm der II. war ernsthaft an Archäologie interessiert und er gilt im Vergleich zu allen zeitgenössischen Herrschern als der gebildetste. Das wird nicht mal von englischer Seite bestritten, wenn man sich die Eskapaden eines Edward VII. durchließt (der hauptsächlich in Pariser Etablisments seine Freude fand - gut, bei der gehandicapten Ehefrau vielleicht noch verzeihbar) oder auch im direkten Vergleich zu Nikolaus II., Leopold von Belgien oder einem Viktor Emanuel III.. Man sollte sich einfach mal damit abfinden, dass das Kaiserreich trotz seiner Unzulänglichkeiten keinesfalls so vermieft und rückständig war, wie es gern kolportiert wurde und immer noch wird...
bronstin 05.04.2016
4. Schöner Artikel
Und noch schöner wäre er gewesen, wenn Willi II nicht immer so durch den Kakao gezogen würde: von wegen Minderwertigkeitskomplexe angesichts von Englands und Frankreichs Ausgrabungstätigkeit. Wilhelm der II. war ernsthaft an Archäologie interessiert und er gilt im Vergleich zu allen zeitgenössischen Herrschern als der gebildetste. Das wird nicht mal von englischer Seite bestritten, wenn man sich die Eskapaden eines Edward VII. durchließt (der hauptsächlich in Pariser Etablisments seine Freude fand - gut, bei der gehandicapten Ehefrau vielleicht noch verzeihbar) oder auch im direkten Vergleich zu Nikolaus II., Leopold von Belgien oder einem Viktor Emanuel III.. Man sollte sich einfach mal damit abfinden, dass das Kaiserreich trotz seiner Unzulänglichkeiten keinesfalls so vermieft und rückständig war, wie es gern kolportiert wurde und immer noch wird...
dunnhaupt 05.04.2016
5. Sorgfalt des Abtransports
Man vergleiche das mit der Athener Akropolis, wo beim Abtransport ins Britische Museum viel zerbrochen wurde und eine ganze Schiffsladung unterging.
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