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Nuklearwaffen im Kino: Atombomben und andere Grausamkeiten

Foto: ddp images/Sony Pictures

Atombombe im Kino Geschenk des Himmels

Die Atombombe hat Regisseure wie Stanley Kubrick und Steven Spielberg fasziniert, Leinwandmonster wie Godzilla verdanken ihr die Existenz. Das Kino hat die Angst vor dem nuklearen Inferno immer wieder lustvoll inszeniert.

Indiana Jones irrt durch die Wüste von Nevada. In der Ferne erblickt er eine Siedlung. Auf den Straßen ist kein Mensch zu sehen. Er geht in eines der Häuser, alles ist ordentlich und adrett, der Tisch ist gedeckt, auf den Stühlen sitzen - Schaufensterpuppen. Indiana "Indy" Jones ist in ein Potemkinsches Dorf gestolpert. Aber wofür wurde es gebaut? Hier herrscht doch kein Krieg.

In dem Moment hört Indy, gespielt von Harrison Ford, einen Countdown starten. Es ist das Jahr 1957, Indy ist unbeabsichtigt auf einem Testgelände für Atombomben gelandet. Er sieht sich verzweifelt um - entdeckt einen Kühlschrank und klettert hinein.

Sekunden später zerbersten die Häuserwände wie riesige Streichholzschachteln und fliegen wild umher. Der Kühlschrank wird mitgerissen und verschwindet in einer Staubwolke. Dann wird der Metallkasten, Kilometer entfernt, wieder ausgespuckt, landet auf dem Boden, überschlägt sich ein paarmal und kommt zur Ruhe. Die Tür fliegt auf - heraus klettert ein gänzlich unversehrter, wahrhaft cooler Held.

In dem Film "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" (2008) lässt Steven Spielberg eine Atombombe hochgehen, um eine Pointe zu zünden. Man kann das für etwas unverhältnismäßig halten oder für höchst amüsant. In jedem Fall ist es eine Reminiszenz an die vielen Filme, die nur gemacht wurden, um den Zuschauern die Angst vor der Bombe zu nehmen.

Aus SPIEGEL GESCHICHTE 4/2015

Sie entstanden in der Zeit, in der Spielbergs Film spielt, den Fünfzigerjahren, und wurden von der US-Regierung in Auftrag gegeben. Es waren Lehrfilme wie "Duck and Cover" (1951), der Schulkindern empfiehlt, sich im Falle eines Atombombenangriffs auf den Boden des Klassenraums zu werfen und die Arme über dem Kopf zu verschränken.

Einen Sonnenbrand würden sie ja kennen, erzählt ein Sprecher mit sonorer Stimme in "Duck and Cover". Dazu werden Bilder eines Jungen gezeigt, dessen Rücken von seiner Mutter liebevoll gepflegt wird. Bei der Explosion einer Atombombe sei das so ähnlich, erklärt der Mann aus dem Off. Aus heutiger Sicht sind diese Lehrfilme Horrorfilme, weil sie das Grauen grotesk verharmlosen.

Aber zur gleichen Zeit, als die Regierung nichts unversucht ließ, der Bevölkerung die Angst vor der nuklearen Katastrophe zu nehmen, inszenierte Hollywood eine Schreckensvision nach der anderen. Da mutierten Ameisen nach Atombombenversuchen zu Monstern, da lauerte sogar im Kofferraum eines Autos ein atomarer Sprengsatz und verwandelte Menschen in Asche.

Spuren der Verwüstung

Für das Kino war die A-Bombe ein Geschenk des Himmels. Schon in Stummfilmzeiten liebten es die Regisseure, Sequenzen voller Zerstörung ins Bild zu setzen. Sie inszenierten den Untergang von Pompeji oder ließen die vier Reiter der Apokalypse über die Leinwand preschen und eine Spur der Verwüstung hinterlassen.

Viele hundert Filme wurden allein in Hollywood über die Gräuel der beiden Weltkriege gedreht. Sie zeigten von Menschen verursachte und deshalb in ihrer Wirkung begrenzte Katastrophen. Und immer war klar: Die Menschheit würde selbst Hitler überstehen. Doch die Atombombe war der böse Geist aus der Flasche, der die Kraft hatte, alles Leben auf Erden auszulöschen.

Die Angst vor dem nuklearen Armageddon spiegelte sich in zahllosen Science- Fiction-Filmen wider, die von Angriffen Außerirdischer erzählten und den Untergang der Erde heraufbeschworen. In "Der Tag, an dem die Erde stillstand" (1951, Regie: Robert Wise) droht ein Alien in Menschengestalt den Erdbewohnern mit völliger Vernichtung, falls sie untereinander keinen Frieden finden sollten.

Wenn in den Hollywood-Filmen der Fünfzigerjahre Marsmenschen die Erde mit Raumschiffen angriffen, waren damit oft die Russen gemeint. Auf diese Weise ermöglichte es Hollywood seinen Zuschauern, ihre eigene Angst mit Lust zu genießen. Die Bedrohung durch den Ostblock wurde in die Ferne des Alls gerückt.

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In Japan entwickelte sich in den Fünfzigern das Genre der Godzilla-Filme. Sie erzählten von einem prähistorischen Dinosaurier, der nach einer Atombombenexplosion aus den Tiefen des Meeres auftaucht und versucht, Tokio dem Erdboden gleichzumachen. Die Zerstörungskraft von Godzilla ist dabei noch größer als die der Bombe.

In "Gojira" (1954), dem ersten Godzilla-Film, müssen die Menschen eine neue, gewaltige Waffe entwickeln, um das Monster zu bekämpfen. Sie sind zum Wettrüsten mit einem Gegner gezwungen, den sie selbst erschaffen haben, aber niemals besiegen können. Der letzte Godzilla-Film kam im Frühjahr ins Kino und spielte eine halbe Milliarde Dollar ein.

In den Godzilla-Filmen bombt sich die Menschheit also in gewisser Hinsicht in die Urzeit zurück, in eine Zeit der Unschuld. Godzilla stammt aus dem Mesozoikum, als es noch keine Menschen gab, keine Zivilisation, keine Bomben.

Und die Filme fragen: Wäre die Erde in Godzillas riesigen Krallen möglicherweise besser aufgehoben als in den Händen der Menschen? Die Kinozuschauer fingen an, das Monster zu lieben, irgendwann kämpfte Godzilla gegen King Kong, den Riesenaffen, Ost gegen West, ein bizarrer Stellvertreterkrieg.

Die menschlichen Figuren schauten in diesen Filmen oft nur noch zu, waren kaum mehr als Statisten. Sie wurden auf der Erde nur noch geduldet, als machtlose Mitbewohner ohne Mitspracherecht.

Nukleare Sintflut

Für die Menschheit war es natürlich besser, dass die atomare Katastrophe ausblieb. Aber für das Kino, diese große Zerstörungsmaschine? In Hollywood entstand das Genre des Post-Doomsday- Films, der nach dem atomaren Holocaust spielt. Er erzählt von ein paar Überlebenden, die sich auf dem entvölkerten und verseuchten Planeten zusammenraufen müssen.

Einer der ersten Filme dieses Genres war das Endzeitdrama "Die letzten Fünf" (1951), das von fünf Menschen nach dem Atomkrieg erzählt; einer der neuesten Filme ist "Terminator: Genisys", der im Juli ins Kino kam. Viele dieser Filme sind von christlichen Motiven durchzogen, sie verklären die Katastrophe zu einer göttlichen Prüfung und die Helden zu Erlösern.

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Hollywoods Filme über den Zweiten Weltkrieg waren überwiegend säkular. Sie beschrieben, was Menschen einander antun können. Doch angesichts einer Katastrophe, die das menschliche Vorstellungsvermögen zu sprengen drohte, suchten die Drehbuchautoren und Regisseure nun immer wieder Halt beim christlichen Glauben.

In einigen Filmen der Fünfzigerjahre war der Atomkrieg nichts anderes als die Sintflut. Die Radioaktivität wirkte in ihnen wie eine reinigende Kraft, die nur ein paar auserwählte Exemplare der menschlichen Gattung übrig lässt. Die Apokalypse erschien nicht wie der Untergang, sondern wie die Rettung, die Neuerfindung einer gescheiterten Menschheit.

Es dauerte eine Zeit lang, bis das Kino genug Mut hatte, sich der Tatsache zu stellen, dass das Schicksal der Menschheit seit dem Bau der Atombombe nicht mehr in Gottes Händen liegt, sondern in unseren eigenen. Diese Erkenntnis war beunruhigend, denn sie bedeutete: Ein einziger Mensch kann uns alle vernichten.

Der Auslöser für diesen Bewusstseinswandel in Hollywood war die Kubakrise im Oktober 1962, als die Welt tatsächlich gut zwei Wochen lang am Rande des atomaren Untergangs stand. In den Jahren danach entstanden zahllose Filme, die das Szenario eines Atomkriegs auf verschiedene Arten durchspielten - ernsthaft oder aberwitzig.

Im ersten James-Bond-Film "Dr. No", der unmittelbar vor der Kubakrise entstand, nutzt der von Joseph Wiseman gespielte Bösewicht die Atomkraft noch in erster Linie zur Energiegewinnung. In "Goldfinger" (1964) und "Feuerball" (1965) dagegen bringen Bonds Gegenspieler Atomwaffen in ihre Gewalt.

Der Milliardär Auric "Goldfinger" betreibt die Fortsetzung des Kapitalismus mit nuklearen Mitteln. Er will die in Fort Knox gelagerten Goldreserven mit einem Atomsprengkopf radioaktiv verseuchen, damit sein eigenes Gold im Wert steigt.

Der Großgangster Emilio Largo stiehlt in "Feuerball" zwei Atomraketen, um von den Vereinten Nationen 280 Millionen Dollar zu erpressen.

Die Atombombe gehörte fortan zum festen Inventar der Bond-Filme. Sie war aber meist nur dazu da, von 007 im letzten Moment entschärft zu werden und detonierte nie. Als Bond in "Der Spion, der mich liebte" (1977) an einem Sprengkopf herumschraubt, fragt ihn jemand, ob er sich damit auskenne. "Nein", erwidert er, "aber irgendwann macht man alles zum ersten Mal." In diesem Film entführt der Reeder- Tycoon Karl Stromberg (Curd Jürgens) zwei mit Atomwaffen bestückte U-Boote, ein britisches und ein sowjetisches.

Um den dritten Weltkrieg auszulösen, will er die britischen Raketen auf die Sowjetunion abfeuern - und umgekehrt. Das Gleichgewicht des Schreckens, zu Ende gedacht bis zur totalen globalen Vernichtung.

Wie kann der Mensch das Räderwerk von Erstschlägen und Gegenschlägen beherrschen, die tödliche Eskalation eines Atomkriegs verhindern? Damit hat sich das Kino immer wieder beschäftigt, es hat daraus Filme entwickelt, die Psychodramen waren und zugleich Katastrophenepen, packende Thriller und böse Satiren.

Rodeoreiter der Apokalypse

Mitte der Sechzigerjahre gab es einen Wettstreit zweier Hollywood-Produktionen, "Angriffsziel Moskau" von Sidney Lumet und "Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben" von Stanley Kubrick. Beide erzählen von einem Atomkrieg, der sich durch nichts und niemanden verhindern lässt, nicht einmal durch den Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Der eine Film ist ein Drama, der andere eine Komödie; die Komödie gewann an der Kinokasse deutlich. Kubricks "Dr. Seltsam" gilt als die beste Kinosatire über den Kalten Krieg und das Atomzeitalter. Am Ende des Films sitzt ein verrückter US-Major auf einer Atombombe, fliegt dem Feind entgegen und schwenkt seinen Cowboyhut: ein Rodeoreiter der Apokalypse.

Der War Room, den der Produktionsdesigner Ken Adam für Kubricks Film entwarf, gilt im allgemeinen Bewusstsein bis heute als die Schaltzentrale, in der über das Schicksal der Menschheit entschieden wird. Als Ronald Reagan ins Weiße Haus einzog, soll er als Erstes nach dem War Room gefragt haben. Er musste sich sagen lassen, dass es diesen Raum gar nicht gibt.

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In seiner irrwitzigen Hysterie ist Stanley Kubricks "Dr. Seltsam" auch heute noch ein Vergnügen; Lumets "Angriffsziel Moskau", von dem Stephen Frears im Jahr 2000 für den Fernsehsender CBS ein Remake inszenierte, stellt allerdings die unangenehmeren Fragen. "Fail Safe", so der Originaltitel, heißt so etwas wie "bombensicher". Lumet enthüllt die Idee der Unfehlbarkeit als Illusion.

Im Finale richtet der Film seinen Blick auf einen Piloten, der mit seinem B-52-Bomber im Anflug auf New York ist. Lumet zeigt uns, was im Kopf des Mannes vorgeht: Bilder eines Toreros beim Stierkampf tauchen vor seinem geistigen Auge auf, irgendein Trauma verfolgt ihn. Er drückt auf den Knopf, wirft die Bombe ab. Er will den Stier erlegen - und tötet Millionen Menschen.

Sieht man den Film heute, stellt man sich unweigerlich die Frage: Was wäre, wenn ein an schweren Depressionen leidender Mann wie Andreas Lubitz, der am 24. März dieses Jahres eine mit 150 Menschen besetzte Germanwings-Maschine voller Absicht in den französischen Alpen zum Absturz brachte, auf dem Pilotensitz eines Atombombers gesessen hätte? Filme, die vom Atomkrieg handeln, erzählen von Menschen, die weit über ihre Grenzen hinausgetrieben werden.

Die sich ein System der Vernichtung geschaffen haben, das dazu gedacht war, das Schlimmste zu verhindern - und es mit tödlicher Logik heraufbeschwört. Am Ende entscheidet der leichte Druck eines Zeigefingers über Wohl und Wehe der Menschheit.

Kein anderes Genre kann das Kleinste so direkt und unmittelbar mit dem Größten verknüpfen, das Innenleben eines einzelnen Menschen mit der Existenz unseres ganzen Planeten. Auch Filme, die nach der Apokalypse spielen wie die der "Terminator"-Serie, wollen wissen, woraus wir, die Menschen, gemacht sind. Es geht immer um alles.

Solange es Atombomben gibt, wird es auch immer wieder Filme wie "Projekt: Peacemaker" (1997) oder "Der Anschlag" (2002) geben, die sich die Frage stellen, was passieren könnte, wenn diese Waffen in die falschen Hände geraten, zum Beispiel in die von Terroristen.

Doch in Wahrheit ist das die falsche Frage. Denn letztlich geht es darum, wie die Menschheit mit der Macht umgeht, über die sie inzwischen verfügt. Mit der Atombombe können wir uns gegenseitig umbringen, mithilfe der Gentechnik werden wir uns in Zukunft womöglich neu erschaffen.

Aus SPIEGEL GESCHICHTE 4/2015

Das Kino hat allerdings massive Zweifel daran, dass die Menschen in der Lage sind, Entscheidungen dieser Größenordnung zu treffen.

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