Karl der Große Riese mit Fistelstimme

Er war brutal zu Gegnern und gesellig zu Verbündeten. Er war bildungseifrig und doch rücksichtslos: Der Charakter Karls des Großen ist ein Mysterium. Der SPIEGEL präsentiert ein multimediales Spezial über den Regenten.

Karl der Große: Die Bildung der Kinder lag ihm sehr am Herzen
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Karl der Große: Die Bildung der Kinder lag ihm sehr am Herzen

Von SPIEGEL-Geschichte-Autor Georg Bönisch


Als Vater Pippin starb, der mächtige König, hatte er für seine beiden Söhne längst alles gerichtet, sorgfältig, fürsorglich, politisch äußerst geschickt. Eine besondere Form der Doppelherrschaft hatte er installiert - mit einem Ziel: das Land der Franken stabil zu halten und es zu wappnen gegen innere und äußere Feinde, gegen Aquitanier oder Awaren, gegen Sarazenen und gegen Sachsen. Es ganz nach oben zu bringen im Abendland, in Europa.

Karlmann, des Königs Jüngster, war gerade mal 17, und nun regierte er seit September 768 nach dem Willen des Alten ein Kerngebiet des Reichs: die Provence, das Languedoc, das Zentralmassiv, das Elsass, auch Alamannien und die Gegend unterhalb von Paris.

Der einige Jahre ältere Karl kümmerte sich um Thüringen, Friesland, die Gascogne und Neustrien, die fränkischen Gebiete zwischen Loire und Schelde. Und um den nördlichen Teil Austriens, das Stammland der Familie an Maas, Mosel und Rhein. Aquitanien wurde zwischen beiden Brüdern aufgeteilt.

SPIEGEL Geschichte 6/2012
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Die Hauptstädte beider Territorien, Noyon und Soissons, lagen nach diesem neuen Zuschnitt des Frankenreichs ziemlich dicht beieinander, nur etwa 30 Kilometer voneinander entfernt. Vielleicht ein geschickter Dreh Pippins, um kurze Wege zu schaffen, denn die können hilfreich sein - wenn es etwa darum geht, Probleme aus der Welt zu schaffen.

Karlmann herrschte zwar über einen geografisch kompakteren Länderblock; aber Karls Vorteil war: Seine Regionen brachten gutes Geld ein, schon der vielen abgabepflichtigen Klöster wegen und der Ländereien, deren Pächter ordentlich Steuern zahlten.

Diese Unwucht hatte Pippin mit Sicherheit nicht beabsichtigt. Möglicherweise aber lag hier ein Grund dafür, dass sich schon direkt nach der Machtübernahme ein Dilemma bemerkbar machte: das unüberbrückbare Konkurrenzverhältnis zwischen den ungleichen Brüdern.

Die bleierne Zeit der Doppelherrschaft

Gewiss, bei dem ein oder anderen Sachthema demonstrierten Pippins Söhne Einigkeit - als es beispielsweise darum ging, zwölf fränkische Bischöfe zu einer Synode nach Rom zu schicken: Jeder benannte gleichberechtigt sechs Würdenträger. Und anfangs - ein weiteres Indiz vermeintlicher Brüderlichkeit - ließ der Papst Briefe und Botschaften jeweils an beide schicken. Später sortierte er die Post: Entweder schickte er sie an Karlmann - oder aber an Karl und beider Mutter Bertrada.

"Wir wissen", schrieb der Mittelalter-Experte Martin Lintzel schon vor über 80 Jahren, dass das "Verhältnis zwischen Karl und seinem Bruder äußerst gespannt" war - aber niemand weiß bis heute sicher, warum es so kam und "aus welcher Zeit die Feindschaft zwischen ihnen" datierte. Die Quellenlage jener Jahrzehnte im Mittelalter ist dünn, dennoch hinreichend dicht genug, um zumindest ein Argument aus dem Felde zu schlagen: Karlmann habe seinen älteren Bruder gehasst, weil der ein Bastard gewesen sei, ein uneheliches Kind - und schon deshalb mit ihm, dem ehelichen Sohn Pippins und Bertradas, nicht auf gleicher Stufe hätte stehen können.

Karl der Große, Kupferstich nach einem Gemälde von Albrecht Dürers
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Karl der Große, Kupferstich nach einem Gemälde von Albrecht Dürers

Lange ist diese alte Vermutung weitergereicht worden. Nur sie stimmt nicht, denn sie gründet auf falschen Annahmen über das Alter Karls. Was freilich stimmt, ist die Tatsache, dass sich Karlmann verweigerte, als Karl ihn im Jahr 768 energisch darum bat, gemeinsam eine Rebellion im stets unruhigen Aquitanien niederzuschlagen - ein Affront, der den älteren Bruder empfindlich getroffen haben muss. Kriegsverweigerung, das war für ihn Fahnenflucht. Oder Feigheit vor dem Feind.

"Aggressives Voranschreiten" im Brüdertwist

Und doch blieb Karl erstaunlich gelassen. Sein Biograf Einhard lobte die Seelenstärke, mit der er die Rivalität und die Missgunst Karlmanns ertragen habe. Einhard freilich lobte seinen König meist.

Diese Zeit der Doppelherrschaft war, anders wahrscheinlich, als Pippin es sich vorgestellt hatte, eine bleierne Zeit für die ansonsten so quirlige Dynastie der Karolinger. Davor und danach sei immer ein "aggressives Vorschreiten" erkennbar gewesen, analysierte Lintzel. Nur in der Phase des Bruderzwists nicht: Hier ha-be eine "merkwürdige Passivität" geherrscht, ein "starkes Friedensbedürfnis".

Möglich, dass genau diese Phase einen Bruderkrieg verhinderte, der, so sagte es der Bremer Mediävist Dieter Hägermann, "unabsehbare Folgen" für die kaum konsolidierte Herrschaft der Söhne Pippins hätte haben können. Ein offener Kampf - er wäre wohl das schnelle Ende der Karolinger gewesen. Karlmann starb nach kurzer Krankheit am 4. Dezember 771, ein Tod zur rechten Zeit.

Karl, der ewige Ritter und Schlachtenlenker

In Windeseile riss Karl das Land des Bruders an sich, ohne dabei auf wirklichen Widerstand von Karlmann-Getreuen zu stoßen. Dass er, wie ab und an vermutet wurde, einen Mord in Auftrag gegeben haben könnte, ist reine Spekulation. Eine solche Order hätte auch kaum gepasst zu seinem Persönlichkeitsbild.

Weit verzweigt: Der Stammbaum Karls des Großen
DER SPIEGEL

Weit verzweigt: Der Stammbaum Karls des Großen

"Gott", jubelte ein Mönch, habe Karl "über dieses ganze Reich erhoben ohne Blutvergießen". Jetzt begann sein Aufstieg zum Star auf Europas Bühne. Am Ende sollte er herrschen über ein Reich, das über eine Million Quadratkilometer umfasste. Wahrhaft ein Großer, der mit seinen etwa 1,90 Metern die meisten seiner Landsleute um Haupteslänge überragte.

Und ein Typ, der vor Manneskraft nur so strotzte. Fünf angetraute Frauen, vier namentlich bekannte Konkubinen, mindestens, 18 Kinder, wahrscheinlich 20, vielleicht noch mehr - dass er die kirchliche Auffassung des Ehegelübdes bei allem Respekt vor dem Glauben so traktierte, schien zu seinen Lebzeiten kein Thema. Kritik daran kam erst später.

Trotz allem, und es mag merkwürdig klingen: Karl, der ewige Ritter und Schlachtenlenker, war ein Familienmensch, und er fühlte sich dann besonders glücklich, wenn seine geliebten Töchter ihn umgarnten.

Wo Karl versagte

Wichtig war Karl auch die Bildung. Er sprach Lateinisch so gut wie seine fränkische Muttersprache und war zeitlebens davon überzeugt, dass Lernen eine unabdingbare Voraussetzung fürs Leben sei.

Nur eines konnte er nicht: schreiben.

Immer wieder hat er es versucht: Nächtens, wenn er wieder mal wach in seinem Bett lag, kramte er unter dem Kopfkissen eine Tafel hervor, setzte den Stift an und zwang sich "seine Hand an die Gestaltung von Buchstaben zu gewöhnen", notierte Einhard. Nie klappte es richtig, und fast resignierend schrieb der Biograf, Karl habe es "hierin mit seinen Bemühungen nicht weit" gebracht, "da er es zu spät angefangen hatte".

Das Einzige, was er an Schriftgut hinterließ, ist der banale Federstrich unter Urkunden, die in seinem Namen ausgestellt wurden - quasi ein Testat, ein Beleg dafür, dass er mit dem Inhalt der Urkunde einverstanden war.

Deutschlands älteste originale Königsurkunde: Das Pergament wurde vor 1250 Jahren verfasst. Karolinger-König Pippin III., Vater Karls des Großen, verfügte darin 760 eine großzügige Schenkung an das Kloster Fulda
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Deutschlands älteste originale Königsurkunde: Das Pergament wurde vor 1250 Jahren verfasst. Karolinger-König Pippin III., Vater Karls des Großen, verfügte darin 760 eine großzügige Schenkung an das Kloster Fulda

Das Geburtsdatum des größten Franken liegt zwar - aktenmäßig gesehen - immer noch im Dunkeln, aber der Geschichtswissenschaftler Matthias Becher hat vor einigen Jahren überzeugend dargelegt, dass nur ein Datum wirklich in Frage kommen kann: der 2. April 748. Bis dahin war mal vom Jahr 747 die Rede, mal sogar von 742. Sicher ist, dass Karl der erste Sohn von Pippin und Bertrada war, sicher auch, dass das Paar lange im Zweifel darüber war, ob es überhaupt Kinder bekommen könne.

Karls Geburtsort ist durch keine Quelle wirklich belegt

Und Kinderlosigkeit "aufgrund vermuteter weiblicher Unfruchtbarkeit, insbesondere auf hoher sozialer und politischer Ebene" (Hägermann) hätte für die Frau böse Konsequenzen gehabt - sie wäre verstoßen und die Ehe geschieden worden.

Auch Karls Geburtsort ist durch keine Quelle wirklich belegt. Vielleicht war es Düren, auf halbem Wege gelegen zwischen Köln und Aachen; jedenfalls hielt Pippin hier 748 einen Gerichtstag ab. Vielleicht kam er auch in der Nähe von Paris zur Welt, wie der Historiker Johannes Fried vermutet.

Schuld an der trüben Nachrichtenlage trägt auch der Mann, der ansonsten seiner Liebe zum Detail wegen gerühmt wird: Einhard. Der kleine, scharfsinnige Mann, bewandert in lateinischer Literatur wie in Mathematik, beleuchtete alle Facetten seines Helden, den Militär, den Regenten, den Diplomaten, den Bildungsreformer, den Sohn, Vater, Ehemann, den Gläubigen. Ziemlich undeutlich hingegen bleibt das Bild seiner Innenpolitik, und auffällig vor allem, dass Einhard behauptet, über Karls Kindheit und Jugend sei so gut wie nichts bekannt.

Hier trickste und manipulierte Einhard, um ganz offensichtlich der Nachwelt vorzuenthalten, "was dem Hof", so Becher, "auch drei Generationen später nicht genehm war": dass es zwischen 748 und 754 zu einem innerfränkischen Machtkampf gekommen war, in dessen Verlauf die Merowinger als fränkische Könige endgültig abserviert wurden. Einhard zufolge hätten sie keinerlei Kraft mehr besessen und sich durch nichts hervorgetan "außer durch das unnütze Wort ,König'". Natürlich kommt Karls Vater in Einhards Schilderung vor, ebenso der Großvater Karl Martell und dessen Vater, der ebenfalls Pippin hieß.

Karl nahm es sehr ernst mit dem Recht und der Gerechtigkeit

Dabei sind einige der frühen Lebensstationen Karls etwa durch den "Liber Pontificalis" oder die "Reichsannalen" bekannt; sie machen klar, wie bedeutend seine Rolle an der Seite des Vaters - und der Mutter Bertrada - mit jungen Jahren schon war. So zog der kleine Karl im Auftrag des Vaters 754 Papst Stephan II. entgegen, als der das Frankenreich besuchte, und geleitete ihn zu Pippin.

Schlacht um Jerusalem: Im Hochmittelalter ging die Legende, dass Karl der Große ins Heilige Land gezogen sei, die Heiden aus Jerusalem vertrieben habe und dafür wertvolle Reliquien geschenkt bekommen habe
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Schlacht um Jerusalem: Im Hochmittelalter ging die Legende, dass Karl der Große ins Heilige Land gezogen sei, die Heiden aus Jerusalem vertrieben habe und dafür wertvolle Reliquien geschenkt bekommen habe

Karl durfte auch ein Jahr später an der Überführung der Reliquien des heiligen Germanus in die Kirche von Saint-Germain-des-Prés in Paris teilnehmen, die Quelle benennt sein Alter: puer septennis, siebenjähriger Knabe. Der Bursche begleitete den Vater auf den Feldzügen gegen Aquitanier und Langobarden. 759 erlebte er mit, wie Narbonne, das sich lange in muslimischer Hand befand, erobert werden konnte. Im Jahr darauf bestimmte ihn Pippin zu seinem Stellvertreter in jenem Gremium, das für den Schutz der Abtei Saint-Calais zu sorgen hatte. Er sei, heißt es in der Urkunde, ein "illuster vir". Diese Begrifflichkeit machte klar, wie Karls Zukunft aussah: Herrscher zu sein.

Als König der Franken war er in jeder Hinsicht ein außergewöhnlicher Monarch. So standen, ein überaus bemerkenswerter Wesenszug, jüdische Untertanen und "andere Fremde, die meist als Kaufleute umher reisten", unter des Herrschers besonderem Schutz, notiert der Forscher Wilfried Hartmann.

Entweder der Abt oder der Bischof musste ein Lügner sein. Also ordnete Karl die Kreuzprobe an.

Überhaupt, Karl nahm es sehr ernst mit dem Recht und der Gerechtigkeit. Eigentlich amtierten auf dem Lande die Grafen als Richter; am Hofe waren es die Pfalzgrafen. Und doch trat Karl mitunter persönlich auf. "Wenn ihm der Pfalzgraf von einer Streitigkeit berichtete, die seine Entscheidung verlangte", berichtet Einhard, "ließ er die streitenden Parteien sofort hereinführen, hörte sich den Fall an und verkündete sein Urteil, genauso als säße er auf dem Richterstuhl."

Sofort - das konnte auch mitten in der Nacht sein.

Und er machte sich Gedanken darüber, was geschehen solle, wenn Aussage gegen Aussage stand, Eid gegen Eid. Er entschied, dass - außer bei Kapitalverbrechen - der Schwur vor Gericht mit einer "Kreuzprobe", der unblutigen Form eines Gottesurteils, überprüft werden könne.

Überliefert ist ein Dokument, das im Juli 775 in der Pfalz Düren ausgestellt worden ist und einen spannenden Sachverhalt beschreibt. Der Abt von Saint-Denis und der Bischof von Paris hatten beide für sich reklamiert, das Kloster Plaisir gehöre ihnen; beide legten entsprechende Urkunden vor. Einer also musste ein Lügner sein.

Verabscheute betrunkene Menschen: König Karl
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Verabscheute betrunkene Menschen: König Karl

Karl ordnete die Kreuzprobe an: Zwei Mitarbeiter der hohen Geistlichen mussten sich Rücken an Rücken stellen und die Arme waagerecht ausbreiten. Wer als Erster erschöpft die Arme sinken ließ, hatte verloren und galt als Lügner. Des Bischofs Mann begann alsbald zu zittern, und seine Eminenz gestand sofort dem König - so wenigstens berichten es die Quellen -, weder er noch die Kirche hätten je einen Rechtsanspruch auf das Kloster gehabt.

Ein Richter muss ein guter Redner sein. Auch wenn Karl des Schreibens nicht mächtig war, die Gabe der Worte hatte er, obwohl Einhard kritisch anmerkte, Karl habe "sogar geschwätzig erscheinen" können. Dem Chronisten fiel in diesem Zusammenhang auf, dass Karls Stimme so gar nicht passe zu dem mächtigen Körper: Sie sei eher hell und schwach.

Und schenkte Einhard schon dieser Nebensächlichkeit Bedeutung, so liegt nahe, dass er auch ansonsten ein hervorragender Beobachter gewesen sein muss. Karl hatte große, lebendige Augen, ein freundliches, heiteres Gesicht, "beständig übte er sich im Reiten und Jagen, wie es die Sitte seines Volkes war: Denn man wird nicht leicht auf Erden ein Volk finden, das sich in dieser Kunst mit den Franken messen könnte".

Karl verabscheute nämlich betrunkene Menschen "aufs äußerste"

Karl wollte sich von seinem Volk nicht abheben, deshalb kleidete er sich "nach vaterländischer, nämlich fränkischer Weise". Die Hemden waren aus Leinen, auch die Unterhosen, darüber trug er ein Wams; wenn es kalt war, schützte er Schulter und Brust "mit einem aus Seehund- und Zobelpelz verfertigten Rock". Das in Kreisen der vermeintlich besseren Gesellschaft verbreitete Gehabe, edle und teure Gewänder anzulegen, mochte er einfach nicht.

Karl aß gern, aber in Maßen, zumindest für einen großen Herrn - vier Gänge waren genug, "außer dem Braten, den ihm die Jäger am Bratspieß zu bringen pflegten und der ihm lieber war als jede andere Speise". Auch trank er wenig, "bei Tisch selten mehr als dreimal". Er verabscheute nämlich betrunkene Menschen "aufs äußerste"; niemanden von seiner Familie wollte er in diesem Zustand sehen. Nun war das Saufen in jener Zeit, so der Mittelalterexperte Jörg Jarnut, "zumindest bei offiziellen Gastmählern eher die Regel als die Ausnahme", deshalb ist Karls Zurückhaltung durchaus bemerkenswert. Oder Einhard hat sie ihm angedichtet; schließlich orientierte er sich am klassischen Ideal der römischen Kaiserbiografien Suetons.

Der Frankenkönig legte Wert auf kurzgeschnittene Haare und einen ordentlich gestutzten Schnurrbart, so lässt sich aus Münzporträts vermuten. Damit hob Karl sich deutlich ab von den Merowinger-Potentaten, die nach germanischer Sitte "mit wallendem Kopfhaar und ungeschnittenem Bart auf dem Thron saßen", wie Einhard mitteilt. Es sind Kleinigkeiten, die mitunter Persönlichkeiten definieren. "Wenn Karl der erste Karolinger war, der einen Schnurrbart trug", sagt Hartmann, "dann würde das gut zu seiner Verehrung für den Ostgotenkönig Theoderich passen" - der nämlich ist, genau wie Karl, auf einer Münze mit gepflegtem Oberlippenbart abgebildet.

An Karls Menschlichkeit war nicht zu zweifeln

Als einem Mann klarer Worte war ihm jedwedes diplomatische Geschwurbel zuwider. Diese Offenheit und die damit verbundene Spontaneität trieben ihn geradezu an, mit der Intelligenzia an seinem Hofe in geistreichem Geplänkel Witz, Schlagfertigkeit und logisches Denken zu üben. Etwa mit Alkuin - Karls wichtigstem Berater.

O-Ton Alkuin (der Dialog wurde lateinisch geführt): "Wenn du sagst: Ich und du sind nicht derselbe, und ich bin ein Mensch, so folgt, dass du kein Mensch bist." Karl: "Das tut es."

Alkuin: "Aber wie viele Silben hat das Wort 'Mensch' (homo auf Latein)?" Karl: "Zwei." - "Dann bist du also zwei Silben?" - "Nein, aber wozu das?" - "Damit du die sophistische Spitzfindigkeit kennenlernst und merkst, wie man dich fangen kann."

Büste Karls des Großen, fotografiert in der AachenerDomschatzkammer
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Büste Karls des Großen, fotografiert in der AachenerDomschatzkammer

Karl: "Das sehe ich und merke - da ich zuerst zugab, ich sei ein Mensch, und ein Mensch sind zwei Silben -, man kann mich so fangen, dass ich diese Silben bin. Und ich bewundere es, wie du mich verstohlen dahin gebracht hast, dass ich schließen musste, du seiest kein Mensch und dann, ich selber sei zwei Silben."

Kaum ein Jahr aber auch verging, in dem er nicht Vater wurde

An Karls Menschlichkeit war jedenfalls nicht zu zweifeln. Es scheint, dass die von ihm gewählte Mischung aus Familien- und Lotterleben ihm ebenso wichtig war wie der politisch-militärische Komplex. Kaum ein Jahr verging, in dem er nicht irgendwo kämpfte und tötete, kaum ein Jahr aber auch verging, in dem er nicht Vater wurde. Der moralische Rigorismus späterer, bürgerlicher Zeiten nahm daran Anstoß, so wie es auch die Kirche tat.

Doch ein solcher Betrachtungswinkel wird dem geschichtlichen Milieu des fränkischen Reiches und Karls Persönlichkeit wenig gerecht. Es gab eben neben der Eheschließung vor einem Priester durchaus noch andere allgemein akzeptierte Formen des Zusammenlebens. Das Konkubinat, sagt Historiker Hägermann, gehörte "zu den weithin tolerierten Formen außerehelicher Sexualität". Zeitgenossen haben es deswegen kaum gewagt oder für notwendig erachtet, an Karls "ausschweifendem Intimleben offene Kritik zu üben".

Karls erste Ehefrau hieß Himiltrud; lange galt

sie den Experten als Konkubine. Ihr Sohn, wohl 769 geboren, bekam den Namen des Großvaters: Pippin. Er war körperlich behindert und trug den Beinamen "der Bucklige"; wohl deshalb verlor er später seine Erbansprüche auf einen Teil des Frankenreichs.

Schon bald nach Pippins Geburt war es Karls Mutter Bertrada, die für einen Schwenk sorgte - privat, aber auch politisch. Bertrada muss eine sehr starke Persönlichkeit gewesen sein, die in der Rivalität ihrer Söhne Karlmann und Karl durchaus ein Risiko sah für das Reich. Laut dem Historiker Rudolf Schieffer betrieb die verwitwete Königin eine "Politik des Ausgleichs nach allen Seiten". Ihr lag offenkundig daran, im Rahmen diplomatischer Missionen zumindest für eine Absicherung der Flanken zu sorgen.

Bertradas erstes Ziel war Bayern, wo sie mit Herzog Tassilo, dem Vetter ihrer Söhne, verhandelte - und ihm die Eigenständigkeit seines Territoriums zusicherte. Dann reiste sie zum Papst nach Rom. Vorher jedoch, in der langobardischen Residenz Pavia, hatte Bertrada versucht, eine Doppelehe einzufädeln: Karls Schwester Gisela sollte als 13-jährige Adelchis heiraten, den Sohn des Langobardenkönigs Desiderius. Für ihren Sohn Karl fand sie die jüngste Tochter des Regenten, deren Name schlecht überliefert ist - vielleicht hieß sie Gerberga. Nur Plan zwei ging auf für Bertrada.

An den Töchtern und Enkelinnen hing Karls Herz

Karl verstieß seine Himiltrud, um die Langobardenprinzessin zu heiraten, doch sie sollte kaum mehr als ein Jahr an seiner Seite bleiben, dann schickte er sie zurück nach Pavia. Möglicherweise konnte sie keine Kinder bekommen, wie später der Chronist Notker behauptete. Eher liegt die Vermutung nahe, dass Karl sich emanzipieren wollte - er habe "von einer politischen Mitwirkung oder Einmischung von Frauen ein für alle Mal genug gehabt", glaubt die Historikerin Martina Hartmann. Die Mutter blieb seither politisch ausgeschaltet. Nur Fastrada, Karls vierte Ehefrau, mit der er elf Jahre lang zusammenlebte, dürfte noch, weil sie selbstbewusst war, als Beraterin eine gewisse Rolle gespielt haben.

Der Frankenherrscher tat viel für seine Kinder, und er war, das scheint festzustehen, ein guter Vater. Ob Mädchen oder Jungen, alle genossen eine solide Ausbildung "in den Wissenschaften", so Einhard, "an denen er selbst interessiert war" - in den sprachlich-literarischen Grundlagen, aber auch in Astronomie.

Gerade an den Töchtern und Enkelinnen hing sein Herz: "Wenn Karl zu Hause war, aß er nie ohne sie und nahm sie stets auf seine Reisen mit." Eine Schar von Leibwächtern sorgte unterwegs für ihren Schutz.

Keine seiner Töchter, die "ungemein schön waren" (Einhard), gab er einem Mann - wahrscheinlich um Schwiegersöhne zu verhindern, bei denen Machtansprüche hätten geweckt werden können. Den auferlegten Eheverzicht, da waren sie ganz des Vaters Nachkommen, kompensierten die jungen Damen mit zahlreichen Liebschaften. Gelegentlich ging es dabei so heftig zu, dass Alkuin einen seiner Schüler warnte, er dürfe die "gekrönten Tauben, die durch die Gemächer der Pfalz flattern, nicht vor sein Fenster kommen" lassen.

Der große Karl-Experte Josef Fleckenstein hat den Franken ein "Genie der Freundschaft" genannt - wie schon Chronist Einhard, der als herausragende Eigenschaft Karls seine "magnanimitas" lobte, seine Hochherzigkeit. Drei Männer mindestens werden anders gedacht haben. Wegen vermeintlicher Fahnenflucht und angeblichen Hochverrats ließ Karl seinen Vetter Tassilo 788 zum Tode verurteilen; seinen kurzzeitigen Schwiegervater Desiderius verschleppten Schergen ins Frankenreich. Auch Sohn Pippin, "den Buckligen", traf Karls Zorn - weil er sich mit anderen Adeligen gegen ihn erhoben hatte.

Immerhin, Karl hat ihnen das Leben gelassen. Sie verschwanden allerdings für den Rest ihres Lebens hinter Klostermauern.



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