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Archäologie Das Erfolgsgeheimnis der wilden Kelten

Die Kelten gelten als todesmutige Krieger, die nackt ins Gefecht zogen. Die Archäologin Susanne Sievers erklärt, warum die Kämpfer dem römischen Heer so viel Angst einjagten.
Kriegerfigur mit Schild, Schwert und Helm, die eine goldene Fibel aus der Latènezeit zierte (Privatsammlung)

Kriegerfigur mit Schild, Schwert und Helm, die eine goldene Fibel aus der Latènezeit zierte (Privatsammlung)

Foto: Bridgeman Images
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Welche Rolle spielte das Kriegswesen in der keltischen Kultur?

Sievers : In der späten Hallstattzeit, also der Zeit der "Fürstengräber", findet man in den Gräbern noch kaum Schwerter, dafür aber Dolche. Diese sind jedoch zum Teil so zierlich und so filigran verziert, dass man sie eher für Abzeichen hält als für wirkliche Waffen. Erst ab etwa 450 v. Chr. häufen sich die Schwerter, aber auch Lanzen- und Schildteile, nicht nur in Gräbern, sondern auch in Heiligtümern, wo sie geopfert wurden.

SPIEGEL: Das kriegerische Element wurde im Laufe der Zeit immer wichtiger?

Sievers : Man kann jetzt schon fast von einer Kriegerkultur sprechen, die in alle Bereiche hineinwirkte, also auch im Kultgeschehen von Bedeutung war. Gräber und Statuen vom Glauberg mit ihrer Mischung aus militärischer Ausstattung und dem Kopfschmuck eines Druiden illustrieren diesen Wandel sehr schön.

SPIEGEL: Gibt es Hinweise, wie es zu dieser Entwicklung kam?

Sievers : Darüber kann man nur spekulieren. Ich denke nicht, dass es in der Hallstattzeit immer friedlich zuging. Auch damals wird es Kämpfe und Kriege gegeben haben, zwischen Stämmen, aber vielleicht auch zwischen verfeindeten Familien. Auf der Heuneburg, die ja mehrfach abbrannte, hat man beispielsweise etliche Lanzen- und Pfeilspitzen gefunden, und diese Waffen wurden mit Sicherheit auch genutzt. Offenbar spielte das Kriegerische zu dieser Zeit aber im Selbstverständnis der Herrschenden noch keine so große Rolle. Das änderte sich erst mit dem Niedergang der hallstattzeitlichen Fürstensitze, also mit der Frühlatènezeit und mit den keltischen Wanderungen ab etwa 400 v. Chr., als keltische Stämme in Richtung Süden und Osten zogen.

SPIEGEL: In Italien kam es infolge dieser Wanderungen zu den ersten Zusammenstößen mit den Römern, sogar Rom wurde 387 v. Chr. geplündert. Gingen nun kriegerische Keltensippen auf Raubzüge?

Sievers : In den angestammten Siedlungsräumen der Kelten muss es ein oder mehrere auslösende Momente gegeben haben, die sie zum Auswandern zwangen. Diskutiert werden soziale Unruhen; vielleicht gab es aber auch wirtschaftliche Engpässe, Missernten, Seuchen. Schriftliche Quellen sprechen auch von Überbevölkerung. Vermutlich kamen mehrere Faktoren zusammen. Einzelne Gruppen brachen also auf und suchten neues Siedlungsland. Die bereits in der jüngeren Hallstattzeit engen Beziehungen zum Süden wiesen ihnen den Weg, und natürlich sprach sich herum, welcher Lebensstandard in den Regionen am Mittelmeer herrschte.

Dolch aus der Hallstattzeit (Musée des Antiquités Nationales, Saint-Germain-en-Laye, Frankreich)

Dolch aus der Hallstattzeit (Musée des Antiquités Nationales, Saint-Germain-en-Laye, Frankreich)

Foto: Bridgeman Images

SPIEGEL: Ähnlich wie bei der Migration aus Afrika heute?

Sievers : Ja, das kann man zumindest zum Teil vergleichen. Ebenso wurde sicherlich erzählt, dass man als Söldner ein gutes Auskommen erzielen konnte - viele Kelten heuerten in den Heeren Phöniziens oder Karthagos an, bei Hannibal etwa, oder in den hellenistischen Staaten Griechenlands und Kleinasiens. So kam es zu größeren Migrationsbewegungen. Und die liefen damals nicht nur friedlich ab.

SPIEGEL: In römischen Berichten über die Begegnungen mit keltischen Soldaten klingt große Furcht vor den unkultivierten Barbaren durch. Die Autoren betonen den ungeheuren Lärm durch Geschrei und Kriegstrompeten, das erschreckende Aussehen - einige von ihnen hätten sogar nackt gekämpft. Ist das Übertreibung oder historische Realität?

Sievers : Man kann sich gut vorstellen, wie erschreckend eine Horde archaischer Krieger auf die Römer gewirkt haben muss. Deren Kampftechnik war ja damals schon recht ausgefeilt, sie zogen diszipliniert und geordnet in den Krieg. Die Kelten hingegen kämpften vermutlich ohne genau festgelegte Ordnung.

SPIEGEL: Sehr wild und urtümlich also, verglichen mit den Römern.

Sievers : Schauen Sie sich mal Tiere an: Die bauen sich ja auch groß vor einem Gegner auf, machen Lärm, versuchen, ihn mit Imponiergehabe in die Flucht zu schlagen. Ähnlich stelle ich mir das bei den Kelten vor, wenn die Römer berichten, dass einzelne vor das Heer getreten sind und den Gegner zum Zweikampf herausgefordert haben. Die keltischen Krieger waren aber auch unberechenbare Fatalisten.

SPIEGEL: Sie glaubten an das Schicksal. Erfuhren sie von einem schlechten Omen...

Sievers : ...etwa einem heraufziehenden Gewitter, stellten sie bisweilen den Kampf sofort ein - das fanden die Römer ebenfalls irritierend. Kriegstrompeten haben wir gefunden, und es gibt auch Skulpturen und andere Darstellungen, auf denen nackte keltische Krieger zu sehen sind. Aber da muss man wieder vorsichtig sein: Hierin geht es ja auch darum, den Gegner als möglichst groß und kräftig darzustellen. Das geht natürlich sehr gut, wenn man ihn nackt zeigt, als muskelbepackten Hünen.

Rund 14 Zentimeter lange Goldfibel aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., verziert mit einer Kampfszene zwischen einem jungen Krieger und einem Wolfshund

Rund 14 Zentimeter lange Goldfibel aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., verziert mit einer Kampfszene zwischen einem jungen Krieger und einem Wolfshund

Foto: Bridgeman Images

SPIEGEL: Also nichts als Propaganda?

Sievers : Ich denke schon, dass einzelne Todesmutige oder einzelne Gruppen auch nackt gekämpft haben, aber das wird nicht die Mehrheit gewesen sein. Dagegen sprechen die Rüstungen und Helme, die man gefunden hat. Was aber sicher sehr einschüchternd auf die Römer gewirkt hat, war die Todesverachtung der Kelten. Sie glaubten ja an eine Art Wiedergeburt - diese Art von Furchtlosigkeit war vollkommen neu für die Mittelmeerkulturen.

SPIEGEL: Gruselig fanden die Römer auch den Schädelkult der Kelten: Sie sollen gefallenen Gegnern den Schädel abgeschlagen und ihn an das Zaumzeug ihrer Pferde gehängt haben. Sogar geopfert wurden besiegte Gegner manchmal, heißt es in den Berichten.

Sievers : Es gab definitiv Menschenopfer, aber sicher nur vereinzelt. Schädel spielten nicht nur in den religiösen Kulten ganz bestimmt eine wichtige Rolle. In Manching etwa waren Schädel an einem Tor des Oppidums befestigt - zu welchem Zweck, wissen wir nicht genau. So etwas gab es aber auch in anderen Kulturen. Natürlich ließ sich mit solchen Berichten das Bild der barbarischen Kelten noch farbiger zeichnen.

SPIEGEL: Wie waren denn die keltischen Heere organisiert?

Sievers : Hier müssen wir uns auf die schriftlichen Quellen verlassen. Es gab keine stehenden Heere. Man kämpfte offensichtlich in Stammesverbänden oder in noch kleineren Gruppen. Von Caesar wissen wir, dass das Klientelwesen bei den Galliern sehr ausgeprägt war, es gab also einige Höherstehende, die Nobilitas, und viele, die in Abhängigkeit von ihnen lebten, vielleicht sogar unfrei waren. Die Höherstehenden waren auch die Heerführer, ihre Aufgabe war es unter anderem, Waffen zu beschaffen. Auch deshalb verfügten sie über Eisenerzressourcen und die geeigneten Handwerker. Die Klientel war sicherlich zum Kriegsdienst verpflichtet und auf ihren Heerführer eingeschworen.

SPIEGEL: Welche Waffen nutzten die Kelten?

Sievers : Zentral war das Langschwert, in seiner extremen Länge eigentlich nur als Reiterschwert nutzbar. In den Gräbern wird es fast immer mit Schild und Lanze kombiniert. Die Anführer trugen zusätzlich einen Helm aus Metall und einen Kettenpanzer - die Römer orientierten sich stark an der keltischen Bewaffnung und ahmten sie nach. Dazu kamen Leichtbewaffnete wie etwa Schleuderer und Bogenschützen. Im Schmieden waren die Kelten in dieser Zeit zweifelsohne führend, und bei den Schwertern und Helmen haben sie diese Kunst voll ausgereizt.

SPIEGEL: Schon die Hallstattdolche steckten in Schwertscheiden aus Metall - vorher kannte man nur solche aus Leder.

Sievers : Ja, das gilt auch für die Schwerter aus jüngerer Zeit und war tatsächlich damals völlig neu. Es gibt Schwertscheiden, die ausgesprochen reich verziert sind. So findet man auf zahlreichen Schwertern aus ganz unterschiedlichen Regionen ein Drachenmotiv, das sicherlich ein ganz spezielles Abzeichen war. Es gab zwar nie ein gesamtkeltisches Heer, aber offenbar gab es enge Kontakte zwischen den einzelnen Stämmen, sodass sich solche Motive verbreiten konnten. Die Waffen der Spätlatènezeit waren dann allerdings sehr viel stärker funktional, weniger geschmückt.

Für kultische Zwecke umgebogene Schwertscheiden aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., gefunden in Gournay-sur-Aronde, Frankreich (Musée Vivenel)

Für kultische Zwecke umgebogene Schwertscheiden aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., gefunden in Gournay-sur-Aronde, Frankreich (Musée Vivenel)

Foto: AKG Images / Pietro Baguzzi

SPIEGEL: Es gibt ja sogar Schwerter, deren Klingen als die frühesten Damaszenerklingen gelten: Eisenstäbe unterschiedlicher Härte wurden zusammengeschmiedet, sodass die Klinge besonders elastisch und stabil war. Haben die Kelten diese Technik erfunden?

Sievers : Das ist unklar, zuzutrauen ist ihnen eine solche Erfindung. Aber ich würde nicht ausschließen, dass es Kontakte in den Fernen Osten gab. Ich habe einmal Abbildungen von zeitgleichen chinesischen Schwertern gesehen - da fühlt man sich durchaus an keltische Waffen erinnert, auch was die Verzierungen angeht. Tatsächlich machen die keltischen geflammten Klingen schon rein optisch eine Menge her. Sie beeindruckten sicherlich den Gegner nicht nur aufgrund ihrer Qualität.

SPIEGEL: In keltischen Gräbern fand man auch Streitwagen. Wurden die eingesetzt?

Sievers : Ja, die waren sicher Teil der keltischen Kriegstechnik. Es gab wohl spezielle Wagenlenker, die den Kämpfer auf dem Wagen in die Schlacht brachten, ihn dort mitten im Getümmel absetzten und wieder herausholten, wenn es brenzlig wurde. Die Reiterei spielte bei den Kelten ebenso eine wichtige Rolle. Das sagen uns die schriftlichen Quellen, aber auch Sporenfunde in einigen Oppida. Insgesamt muss man jedoch davon ausgehen, dass Organisationsgrad und taktische Raffinesse der keltischen Heere sehr viel geringer waren als die der Mittelmeerkulturen.

SPIEGEL: War ihr geringer Organisationsgrad im Krieg der Grund, warum die Kelten am Ende nicht nur gegen die Römer unterlagen, sondern sich auch im Rest Mitteleuropas andere Stammesgruppen durchsetzen konnten?

Sievers : Spätestens im 1. Jahrhundert v. Chr. wurden die Zeiten insgesamt unruhiger. Das sieht man daran, dass die Oppida, die jetzt überall entstanden, ausgesprochen gut befestigt sind - offenbar musste man sich schützen. Ich bin nicht der Meinung, dass die Stadtmauern ausschließlich der Repräsentation dienten. Die Gruppen, die wir als Germanen bezeichnen, zogen in dieser Zeit umher und waren für die keltischen Gemeinwesen sicher eine Gefahr. Aus römischen Berichten wissen wir vom Heerführer Ariovist oder den Kimbern und Teutonen, und das waren bestimmt nicht die einzigen Stämme, es gab vermehrt Migrationsbewegungen, die die bestehende Ordnung störten. Ich glaube aber nicht, dass der Niedergang der Kelten ausschließlich militärische Gründe hatte. In der Bewaffnung zum Beispiel unterschieden sich Kelten und Germanen kaum.

SPIEGEL: Woran lag es dann?

Sievers : Schon mit der Gründung der Provinz Gallia Narbonensis ab 125 v. Chr. griffen die Römer in ein bis dahin funktionierendes System ein. Die Romanisierung Galliens können wir gut nachvollziehen, hier mischten sich römische und keltische Kultur. Aber weiter östlich wurden die Handelswege zum Mittelmeer unterbrochen, so kamen nach 80 v. Chr. keine Weinamphoren mehr nach Manching. Politische Allianzen bildeten sich neu, kulturelle Traditionen rissen ab.

SPIEGEL: Das ganze Gefüge bekam Risse.

Sievers : Und das beeinträchtigte mit Sicherheit das Wirtschaftssystem, das von sicheren Wegen und zugänglichen Ressourcen abhängig war. So finden wir in der Spätzeit deutlich weniger Graphit im Ton der Kochtöpfe, offenbar fehlte der Rohstoff. Dadurch wurden die teilweise ja riesigen Oppida, die von ihrem Umland versorgt werden mussten, zu störanfälligen Gebilden. Es kam zu einer allmählichen Abwanderung. Ich bin überzeugt, dass es am Ende nicht nur an einzelnen Kämpfen, nicht nur am Triumph der Römer lag, dass die keltische Kultur nach und nach versiegte. Mit vereinten Kräften hätten es die Kelten schaffen können, aber sie waren nie vereint.

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