Mesopotamien - Land des Fortschritts "Porsche des Altertums"

Der Streitwagen, entwickelt aus den ersten klobigen Fahrzeugen, war eine gefährliche Kriegswaffe.

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Ben Hur, der Held aus Hollywood, spannte gleich vier Pferde an, als er mit über 40 Stundenkilometern durchs Hippodrom von Rom sauste.

Im Zweistromland ging es anfangs weniger rasant zu. Frühe Kampfwagen, dargestellt auf der rund 4500 Jahre alten "Standarte von Ur", besaßen vier Räder, wurden von Wildeseln gezogen und erreichten höchstens Tempo 20. Hinten stand der Bogenschütze. Der zweite Soldat, durch eine Brüstung geschützt, hatte die Zügel in der Hand. Neben ihm hing ein Köcher mit Wurfspeeren.

Die Nutzung von Rad und Wagen gilt als Meilenstein der Technikgeschichte. Wem die Erfindung gelang, ist allerdings umstritten. Etwa um 3200 v. Chr. kamen fast zeitgleich in Mesopotamien, Europa und der eurasischen Steppe Fahrzeuge in Gebrauch. Die ältesten sumerischen Abbildungen zeigen Schlitten auf Rollen mit Sänften als Aufbau. Wahrscheinlich ließen sich damit die Oberpriester bei Prozessionen spazieren fahren.

Neben Triumph- und Kultwagen kamen bald auch Lastkarren zum Einsatz. Schwere Scheibenräder aus Holzplanken drehten sich unter den ersten Gütertransportern der Menschheit. Als Bereifung dienten Leder, Hartholz oder Metall. Bald bauten Schreiner und Stellmacher Planwagen mit Reetdächern und zweirädrige Vehikel für Obst, Heu oder Gemüse.

Sattelsitz aus Leopardenfell

Das Militär interessierte sich dagegen für den Wagen als Waffe. Neben den wuchtigen Kampfkarossen entwickelte die sumerische Armee zu Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. auch leichte Renngefährte mit Sattelsitzen aus Leopardenfell. Die Füße des Lenkers standen auf der starren Achse.

Wildesel aus Nubien oder die heimischen (aber störrischen) Onager trieben die rumpelnden Gefährte voran. Oft wurden die Tiere zu viert vor die Deichsel gespannt. Die Zügel endeten in Nasenringen. So konnte man gut bremsen, aber kaum steuern. Das Kommando zum Vortrieb erteilten die Wagenlenker per Peitsche oder Treibstachel. Reliefs zeigen auch schwere Gespanne für Ochsen, die das Gefährt anscheinend mit ihren Hörnern ziehen.

Um 2200 v. Chr. gelang den sumerischen Fahrzeugbauern eine Innovation nach der anderen. Sie verwendeten die Trense und ersannen die Speiche, die sie zumeist aus hartem Tamarisken- oder Ulmenholz fertigten. Etwa zur gleichen Zeit kamen die ersten gezähmten Pferde in den Alten Orient. Eine frühe hippologische Abhandlung schrieb um 1500 v. Chr. ein Pferdetrainer namens Kikulli aus dem Staat Mitanni in Obermesopotamien. Er richtete Streitrösser ab, die er der Überlieferung nach in einem mindestens 184 Tage dauernden Kursus drillte.

Tutanchamun auf Entenjagd

Aus all dieses Zutaten sowie weiteren technischen Neuerungen entwarfen die Leute an Euphrat und Tigris schließlich den Prototyp des leichten und schnellen Streitwagens, der bald als "Porsche des Altertums" (so die britische Prähistorikerin Gail Brownrigg) enorm beliebt war: Pharao Tutanchamun nutzte die zweirädrige Chaise, um Enten zu jagen. Assyriens Feldherrn preschten damit über die Schlachtfelder. Als sie sich 853 v. Chr. bei Qarqar einer Allianz mächtiger Gegner stellen mussten, sollen über 5000 Streitwagen zum Einsatz gekommen sein.

Schon Jahrhunderte früher war König Tiglatpileser I. so vernarrt in die flotten Kriegsvehikel, dass er sie bei einem Feldzug mitnahm in die "hohen Berge, die wie Schwerter aufragen", wie es in einer Inschrift heißt. Als es zu holprig wurde, stieg seine Hoheit aus und "legte die Wagen auf die Schultern der Soldaten".



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Cugel 01.04.2016
1.
Was hatte so ein Aufziehpferdchen denn für eine Reichweite?
bronstin 01.04.2016
2.
Zitat von CugelWas hatte so ein Aufziehpferdchen denn für eine Reichweite?
Die übliche würde ich vermuten - von allen Zugtieren (vielleichtmal mit Außnahme von Hunden) sind Pferde die empfindlichsten was Witterung, Fressen uä bedeutet. Nicht umsonst hat sich jahrtausende (wer will kanns nachlesen) das Rind (genauer der Ochse) oder in südlichen Gebieten der Esel als Zugtier gehalten. Ein Pferd verlangt hochwertiges Kraftfutter, das gibt sich nicht wie ein Ochse mit angedörrten Disteln zufrieden... aber es hat den Vorteil, das es seine Leistung recht kontinuierlich erbringt, während bei Rindern das signifikant nachlässt
calinda.b 01.04.2016
3. Streitwagen
Was nicht erwähnt wurde, das war alles nur, weil noch niemand auf die Idee kam Steigbügel für Reittiere zu erfinden, ohne die man vom Pferderücken (oder andere Reittiere) nicht anständig kämpfen kann.
bafibo 01.04.2016
4.
Zitat von bronstinDie übliche würde ich vermuten - von allen Zugtieren (vielleichtmal mit Außnahme von Hunden) sind Pferde die empfindlichsten was Witterung, Fressen uä bedeutet. Nicht umsonst hat sich jahrtausende (wer will kanns nachlesen) das Rind (genauer der Ochse) oder in südlichen Gebieten der Esel als Zugtier gehalten. Ein Pferd verlangt hochwertiges Kraftfutter, das gibt sich nicht wie ein Ochse mit angedörrten Disteln zufrieden... aber es hat den Vorteil, das es seine Leistung recht kontinuierlich erbringt, während bei Rindern das signifikant nachlässt
Der Grund, weshalb Rinder gegenüber Equiden als Zugtiere lange bevorzugt wurden, liegt schlicht daran, daß man die Zugstränge nur an ihren Hörnern zu befestigen braucht - bzw. an einem Holzscheit, das fest an die Hörner gebunden wird. Nennt sich Joch. Für Equiden, die ja nicht mit Hörnern und einem starken Nacken aufwarten können, mußten lange Zeit aus dem Joch entwickelte Behelfskonstruktionen herhalten, die den Tieren keinen wirkungsvollen Krafteinsatz erlaubte (das Kummet wurde erst im Mittelalter in China erfunden). Insofern ist die im Film Ben-Hur gezeigte Konstruktion ein Anachronismus. Und für den unbedarften Tierhalter hat der Esel zumindest den Vorteil, daß er nicht wegrennt, wenn ihm etwas gegen den Strich geht, sondern stehenbleibt - üblicherweise nennt man das "störrisch". Die Fluchttendenz des Pferdes dagegen dürfte am Streitwagen sogar erwünscht gewesen sein (Hauptsache, die Richtung stimmt). Und daß der Onager als Zugtier gezähmt worden sei, wird auch auch immer wieder behauptet, ohne überzeugende Beweise zu liefern. Daß die Assyrer ihre Zugtiere in bildlichen Darstellungen mit etwas längeren Ohren ausgestattet haben, ist nämlich keiner - auch in der Kunst gibt es so etwas wie Moden und regionale Standards.
Miere 02.04.2016
5. Jared Diamond in
dass die Pferde wahrscheinlich erst lange gezüchtet werden mussten, bevor sie vom hethitischen/anatolischen Hochland runter konnten; in Mesopotamien bekam ihnen das Klima nicht. Onager sind nie erfolgreich domestiziert worden, sonst hätte man ja heute noch zahme.
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