Mittelalter Wie die Inquisition den Fortschritt brachte

Im Mittelalter setzte die Kirche Folter ein, um die Gläubigen zu beherrschen - die Inquisition, grausam und todbringend. Gleichzeitig war dies Verfahren geradezu modern.

Wie findet man vor Gericht die Wahrheit heraus? Im Zweifel vertrauten die Menschen lange Zeit auf Gott. Wenn Zeugenaussagen oder das Verhör des Verdächtigen nicht zum Ziel führten, dann konnten die Richter den Fall vor die allerhöchste Instanz bringen: Sie arrangierten ein Gottesurteil. So war es gängige Rechtspraxis, vom frühen Mittelalter an bis ins 13. Jahrhundert. Dann wandte sich der Papst entschieden dagegen.

Im November 1215 rief Innozenz III. mehr als tausend Bischöfe und Äbte, Patriarchen und Metropoliten zu einem Konzil nach Rom. Es wurde die bedeutendste Kirchenversammlung des Mittelalters.

Einer der Beschlüsse dieses IV. Laterankonzils untersagte es Priestern, an Gottesurteilen mitzuwirken. In einer Welt, in der die Kirche in alles hineinregierte, war dem seit Jahrhunderten üblichen Verfahren damit die Grundlage entzogen.

Auch ein anderer Beschluss behandelte erst einmal bloß eine innerkirchliche Angelegenheit. Es ging darum, auf welche Weise Anschuldigungen gegen Kleriker geprüft werden. Das Konzil verfügte, dies müsse fortan "per inquisitionem" geschehen. Damit war ein Wort in der Welt, das zu einem der Schreckensworte schlechthin werden sollte: Inquisition. Die Prozessführung durch forschende Nachfrage, "per inquisitionem", sie wurde zu einem machtvollen, todbringenden und bis heute verrufenen Instrument der kirchlichen Herrschaft über die Gläubigen. Aber das häufig gezeichnete Bild ist unvollständig und fehlerhaft. Denn zunächst einmal war die Inquisition ein Fortschritt.

Sie war geradezu modern. Und sie wütete weniger grausam und ausufernd, als viele glauben.

Dass damals im römischen Lateran gleichzeitig das Gottesurteil verboten und das Gerichtsverfahren "per inquisitionem" eingeführt wurde, war kein Zufall. Wer heute das Aufkommen der Inquisition verstehen will, tut gut daran, sich die Methode der Wahrheitsfindung durch Gottes Hilfe etwas genauer anzuschauen.

Die Idee war, dass der Allmächtige direkt in das irdische Geschehen eingreift. Zu den üblichen Verfahren gehörten Proben mit Wasser oder Feuer, Schluckproben sowie Zweikämpfe. Die Menschen stellten sich vor, dass Gott gleichsam durch den Körper des Angeklagten zu ihnen spricht.

Zum Beispiel bei der Probe mit drei glühenden Pflugscharen. Die Eisen, heißt es in einer Rechtsquelle aus dem 13. Jahrhundert, sollten jeweils eine Schrittlänge voneinander entfernt auf dem Boden liegen und "wie die Sohle eines Mannes von der Ferse bis zum Mittelfuß gemacht sein". Wer daneben trat, galt sofort als überführt. Schaffte einer die drei Schritte über die glühenden Pflugscharen, hieß es abwarten: "Man soll ihm aber die Verbrennung bis zum dritten Tag mit Wachs verbinden und den Mann genau bewachen, dann kann man beurteilen, ob er verbrannt ist oder nicht."

Auf diese Weise ließen auch Gottesurteile oft einen menschlichen Ermessensspielraum zu. Verbrannte Haut kann ähnlich wie gesunde aussehen, zumal wenn Hände und Füße die Schwielen harter Arbeit aufweisen. Deshalb ist es vielleicht gar nicht so erstaunlich, was im 13. Jahrhundert ein Chronist im ungarischen Varad festgehalten hat: In 306 Gerichtsverfahren war es nach der dortigen Überlieferung zu einem Gottesurteil mit glühenden Eisen gekommen; in 210 dieser Fälle erkannten die Richter auf unschuldig.

Allerdings gab es immer wieder auch Kritik an einer Rechtsprechung, die den himmlischen Richter in die irdischen Angelegenheiten hineinzog. Schon im 9. Jahrhundert empörte sich Erzbischof Agobard von Lyon über die Ansicht, in Zweikämpfen werde Gottes Wille offenbar: "Als ob der allmächtige Herr den Feindseligkeiten oder Kniffen der Menschen dienen müsste!"

Wenn sich angeblich Gott selbst in einen Prozess einschaltet, dann ist ein Irrtum eigentlich ausgeschlossen. Falsche Entscheidungen gab es natürlich trotzdem. So ließ Papst Alexander III. (um 1100 bis 1181), als er ein wertvolles Gefäß vermisste, einen Verdächtigen der Feuerprobe unterziehen. Der Mann wurde verurteilt, später aber stellte sich heraus, dass ein anderer der Dieb war.

Papst Innozenz III. Mosaik

Papst Innozenz III. Mosaik

Foto: imago/ Leemage

Im 12. Jahrhundert war die Zeit reif, Gottesurteile grundsätzlich infrage zu stellen. "Eine ganz rationale, scholastische Skepsis" sieht der Historiker Peter Dinzelbacher bei dem Pariser Theologen Petrus Cantor, dessen Lehrveranstaltungen auch der spätere Papst Innozenz III. besuchte. Penibel listete Petrus Cantor zahlreiche Ungereimtheiten und Widersprüche auf. Und er stellte die Frage: Wenn sich in den Gottesurteilen wirklich der Wille des Allerhöchsten offenbart, warum nutzt die Kirche ein angeblich so mächtiges Instrument nicht, um die Heiden zu bekehren?

Dass die Kirchenführung sich dann auf dem IV. Laterankonzil vom Gottesurteil abwandte, war folgerichtig. Die altgewohnte Praxis änderte sich allerdings nicht überall und sofort. Unduldsam, ja scharf ist der Ton, den Kaiser Friedrich II. einige Jahre nach dem Konzil in den "Konstitutionen von Melfi" (1231) anschlug, einem juristischen Regelwerk für das von ihm beherrschte Königreich Sizilien. Darin verlangte der Monarch, "dass deren Gesinnung auszutilgen ist, die darauf vertrauen, dass sich die natürliche Hitze des glühenden Eisens mindere oder, was noch dümmer ist, es erkalte, wenn es dafür keinen richtigen Grund gibt".

Aus heutiger Sicht mahlten die Mühlen des Wandels langsam; aber sie mahlten. Die Abkehr vom Gottesurteil gehört zu einem grundlegenden Umbruch, der sich vom 11. bis zum 13. Jahrhundert vollzog: Die Menschen entdeckten die Innerlichkeit, sie ließen sich auf das Abenteuer des Denkens und der rationalen Argumentation ein, sie versuchten, ihre Angelegenheiten ohne Hilfe des Allerhöchsten zu regeln.

Was zweifellos ein Fortschritt war, führte zu neuen Problemen. Solange Gott die Beweise lieferte, blieben am Ende eines Gerichtsverfahrens keine Zweifel übrig (zumindest in der Theorie). Als aber auf einmal die Menschen das letzte Wort haben sollten, stellten sich schwierige Fragen: Welche Beweise in einem Prozess sind zwingend? Was tun bei widersprüchlichen Zeugenaussagen? Wie lässt sich prüfen, ob ein Geständnis wahrhaftig und vollständig ist?

Im Versuch, Antworten auf solche Fragen zu finden, Antworten, die ohne göttliche Zeichen und Wunder auskommen, steckt der Kern des Neuen, des Gerichtsverfahrens "per inquisitionem".

Was sich die Juristen der Inquisition ausdachten, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen, erscheint sehr vernünftig. Der Dresdner Historiker Gerd Schwerhoff fasst zusammen, wodurch sich die im 13. Jahrhundert beginnenden Inquisitionsprozesse auszeichneten: durch "umfassende Geheimhaltungstechniken, zukunftsweisende Befragungstechniken und den methodischen Einsatz der Schrift".

Systematische Aufzeichnungen wurden zu einer scharfen Waffe, nicht viel anders als bei modernen Geheimdiensten. In ihren Akten legten die Inquisitoren Querverweise und Suchbegriffe an, die ihnen halfen, Widersprüche und Lügen in den von ihnen geführten Prozessen aufzudecken.

Ein Beispiel aus dem südfranzösischen Örtchen Villeneuve-la-Comptal: Bei einer Befragung im Jahr 1246 beteuerte ein Mann namens Guillaume Bonet, dass er zwar mit den von der katholischen Kirche verfolgten Katharern sympathisiert habe, doch nie bei einer bestimmten katharischen Zeremonie, dem "melioramentum", zugegen gewesen sei. Dumm nur, dass Guillaume Bonet bei einer früheren Vernehmung schon einmal zugegeben hatte, dass er bei dem ketzerischen Ritus dabei war. Als der Inquisitor ihm das Protokoll seiner alten Aussage vorlas, musste er die Lüge zugeben.

Führende Köpfe der Inquisition verfassten umfangreiche Anleitungen, in denen sie unter anderem darlegten, mit welchen Frage- und Psychotechniken man der Wahrheit auf den Grund kommen kann. Besonders große Resonanz fand das "Directorium Inquisitorum" des Katalanen Nicholas Eymerich (um 1320 bis 1399). Darin führte der Dominikanermönch zehn Arten und Weisen auf, wie die Beschuldigten "ihre Irrtümer verbergen", etwa dadurch, dass sie "die Frage zurückweisen", "die Bedeutung der Wörter verdrehen", "das Gesprächsthema wechseln", "Krankheit vortäuschen" oder "Dummheit vortäuschen".

Es war vor allem der Kampf gegen Ketzer, durch den die Inquisition ihre traurige Berühmtheit erlangte. Die Häresie, die Abweichung von den Glaubensregeln der Kirche, führte zwar schon in früheren Zeiten immer mal wieder zu erbitterten Auseinandersetzungen; sogar einige wenige Hinrichtungen von Häretikern sind belegt. Aber zu einem großen Problem wurden die Abweichler aus Sicht des Papsttums erst im 12. Jahrhundert, als sich die Bewegung der Katharer formierte. Der Name ist wohl von griechisch "katharos", rein, abgeleitet, vielleicht auch von lateinisch "catus", Katze; darauf geht auch das Wort Ketzer zurück.

Die Katharer strebten asketischen Idealen nach, sie lehnten die meisten Sakramente ab, die Ehe und überhaupt Sex. Ihr Weltbild war dualistisch: hier Gott und die reine Seele, dort Satan und die von ihm geschaffene böse Welt. Hochburgen hatten sie in Südfrankreich und Norditalien, aber auch anderswo fand die Bewegung regen Zulauf.

Vor allem in Okzitanien, dem politisch damals sehr eigenständigen südfranzösischen Raum, gingen kirchliche und weltliche Gewalt mit großer Härte gegen die Katharer vor. 1209 begann ein zwei Jahrzehnte währender Krieg, der als Albigenserkreuzzug in die Geschichte einging (benannt nach der Stadt Albi circa 80 Kilometer nordöstlich von Toulouse). Besonders blutig ging es zu, als die katholischen Ritter die Stadt Béziers eroberten und der Überlieferung nach rund 20.000 Menschen umbrachten.

Mit den zeitgleich entstehenden Inquisitionsprozessen hatte ein solches Massaker allerdings nichts zu tun. Die Verfahren folgten einem bestimmten Ablauf, wie er zum Beispiel im "Ordo processus Narbonensis" von 1244 festgeschrieben ist: Als Untersuchungsführer tritt ein Gesandter des Papstes auf, der die gesamte Bevölkerung eines Ortes auffordert, ihre Vergehen zu bekennen. Wer freiwillig und bußfertig am festgesetzten Tag erscheint, kann mit schonender Behandlung rechnen (rückfällige Ketzer ausgenommen). Die Geständigen müssen der Häresie abschwören und sich unter Eid verpflichten, andere Ketzer namentlich zu nennen.

Reuige Rückkehrer in den Schoß der Kirche wurden gewöhnlich bestraft. Sie konnten im Gefängnis landen, andere kamen mit Bußwallfahrten davon oder mussten sich Bußkreuze aus gelbem Stoff auf ihre Kleidung nähen. Scheiterhaufen brannten weit weniger häufig, als vielfach angenommen wird. Der Inquisitor Petrus Seila, der 1241/42 an neun Orten 650 Menschen verurteilte, sprach kein einziges Todesurteil aus, nicht einmal eine Gefängnisstrafe.

Späten Ruhm hat der Dominikanermönch Bernard Gui erlangt, den der Papst 1307 zum Inquisitor von Toulouse ernannte. Der Schriftsteller Umberto Eco machte Gui in seinem Roman "Der Name der Rose" zu einem grandiosen Bösewicht. Er war wohl eher ein strenger Bürokrat. Aus seinen penibel geführten Akten geht hervor, dass Gui zwar auch vor dem Scheiterhaufen nicht zurückscheute, in den meisten Fällen aber mildere Strafen verhängte.

Das Strafregister des Bernard Gui

Einträge vom 3. März 1308 bis zum 19. Juni 1323, bezogen auf einzelne, wegen Ketzerei verurteilte Personen
Verhängte Strafen
Bußwallfahrten 17
Einfache Bußkreuze 79
Doppelte Bußkreuze 57
Einjährige Haftstrafe 1
Ständige Inhaftierung, normaler Vollzug 268
Ständige Inhaftierung, normaler Vollzug und Zerstörung des Hauses 8
Ständige Inhaftierung, verschärfter Vollzug 31
Lebendig verbrannt 41
Verstorben; wäre inhaftiert worden, wenn er noch leben würde 17
Verstorben; wäre verbrannt worden, wenn er noch leben würde 3
Leichnam verbrannt 52
Leichnam verbrannt; Haus zerstört 14
Überreste werden exhumiert 3
In Abwesenheit verurteilt 40
Zum Kreuzug beordert 1
Andere Strafen 1
Umwandlung zuvor verhängter Strafen
Aus dem Gefängnis entlassen, aber Bußkreuze tragen 139
Erlaubnis, die Bußkreuze abzulegen 135
Summe 907
Nach James B. Given und Arnold Angenendt

Nach einer Schätzung des französischen Historikers Yves Dossat lag der Anteil der Beschuldigten insgesamt, die am Ende den Feuertod starben, bei einem Prozent.

Ein faires Verfahren im modernen Sinne hatten die Angeklagten nicht zu erwarten. In den Anfängen um 1200 entwickelten die Juristen zwar noch ausgefeilte Prozessregeln, nach denen Beschuldigte das Recht auf einen Verteidiger, auf eigene Beweisanträge und namentliche Kenntnis der Belastungszeugen hatten.

Aber im Eifer der Ketzerverfolgung konnte von Fairness bald keine Rede mehr sein. Darin liegt der wohl größte Sündenfall der Kirche im Zuge der mittelalterlichen Inquisition. Die Instanz des Verteidigers fiel weg. Die Prozessführer durften die Namen der Belastungszeugen geheim halten - damit konnten Denunzianten praktisch erzählen, was sie wollten. Und weil die Inquisitoren nichts höher schätzten als ein Geständnis, erlaubte ihnen der Papst mit seinem Erlass "Ad extirpanda" (1252) sogar die Folter. Sie war bis dahin nur in weltlichen Angelegenheiten statthaft gewesen.

Nun hieß es, Ketzer seien "Räuber und Mörder der Seelen", und deshalb dürften sie wie gewöhnliche Räuber und Mörder gefoltert werden. Die Ausführung blieb weltlichen Hilfskräften der Inquisition überlassen, Kleriker durften nicht selbst Hand anlegen. Untersagt waren Qualen, die zur Verstümmelung oder gar zum Tod des Gefolterten führten. Eine häufige Form der Folter war verschärfte Kerkerhaft, in der die Beschuldigten Hunger und Durst leiden mussten.

Nach dem Ende des Mittelalters spielte die Inquisition fast nur noch in Italien und im Machtbereich der spanischen Könige eine Rolle. Der Papst, der die Inquisitoren bis dahin meist persönlich ernannt hatte, richtete 1542 eine zentrale Behörde im Vatikan ein, die über die Reinhaltung des katholischen Glaubens wachte. Sie wechselte mehrmals den Namen und besteht in erheblich modernisierter Form bis heute weiter (seit 1965 heißt sie "Kongregation für die Glaubenslehre").

Jahrhundertelang unterdrückten die römischen Inquisitionsbeamten auch den wissenschaftlichen und intellektuellen Fortschritt der Christenheit. Zu ihren prominentesten Opfern zählte der Mönch und Philosoph Giordano Bruno, der 1600 in Rom als Ketzer und Magier verbrannt wurde. Der Naturforscher Galileo Galilei, der durch seine astronomischen Entdeckungen das moderne Weltbild etablierte, kam 1633 mit Haft und Hausarrest davon.