Die ersten Anhänger "Das Christentum war subversiv und gefährlich"

Der christliche Glaube gilt meist als westliches Phänomen. Doch anfangs breitete sich die Lehre Jesu vor allem im Osten aus, sagt der Oxforder Historiker Peter Frankopan. Sogar im heutigen Afghanistan gab es Bischöfe.

Paolo Veronese, "Das letzte Abendmahl" (Gemälde aus dem 16. Jahrhundert)
Paolo e Federico Manusardi/ Electa/ Mondadori Portfolio/ Getty Images

Paolo Veronese, "Das letzte Abendmahl" (Gemälde aus dem 16. Jahrhundert)

Ein Interview von Johannes Saltzwedel


SPIEGEL: Professor Frankopan, selten gab es so viel religiöse Vielfalt im Nahen Osten wie in der Antike: Griechisch-römische Götterwelt, Ägyptische Kulte, Judentum und vieles mehr. Dann aber stieg von Palästina aus das Christentum auf. Eine konsequente Entwicklung - oder staunt da auch der Fachmann?

Peter Frankopan: Natürlich ist der Vorgang erstaunlich, aus mindestens zwei Gründen: Das Christentum war weit beständiger als andere Glaubensrichtungen, und es erstreckte sich bald auf ein verblüffend großes Gebiet, vor allem nach Osten, sodass es schließlich eine Weltreligion werden konnte.

SPIEGEL: Aber wie ist das zu erklären? Erlösungsprediger gab es zur Zeit Jesu in Mengen, das haben ja schon die britischen Filmsatiriker der "Monty Python"-Truppe in ihrer frechen Evangelienparodie "Das Leben des Brian" gezeigt. Ein Argument klingt sogar plausibel: Jesus gewann Vorsprung gerade dadurch, dass man ihn kreuzigte; so jemand meinte es offenbar ernst.

Frankopan: Eine reichlich zynische Betrachtungsweise. Ebenso wichtig scheint mir, dass sich sehr früh im Christentum Strukturen bildeten. Das geschieht normalerweise nicht bei gesellschaftlichen Außenseitern. Also: Jesus löste mit seiner Botschaft echten Widerhall aus; die Menschen, die ihm und seiner Lehre folgten, fühlten sich wirklich verwandelt, und das beeindruckte immer mehr Menschen.

Peter Frankopan ist Professor für Weltgeschichte in Oxford und leitet dort das Zentrum für Byzanzforschung. 2016 erschien sein Buch „Licht aus dem Osten. Eine neue Geschichte der Welt“ (Verlag Rowohlt Berlin).
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Peter Frankopan ist Professor für Weltgeschichte in Oxford und leitet dort das Zentrum für Byzanzforschung. 2016 erschien sein Buch „Licht aus dem Osten. Eine neue Geschichte der Welt“ (Verlag Rowohlt Berlin).

SPIEGEL: Gab es nicht anfangs eher kleine, verstreute Gemeinden, wie das in den Briefen des Paulus um das Jahr 55 steht, mit oft verschiedenen Lehrschwerpunkten?

Frankopan: Es ist wahr, dass die Quellen oft ein einseitiges Bild zeichnen. So breitete sich das Christentum am Mittelmeer keineswegs sehr rasch aus. Im Osten, in Asien dagegen hatte es schneller Erfolg, bis nach Indien. Um das Jahr 600 findet man von Mesopotamien, zum Beispiel in Basra, bis ins heutige Afghanistan und in Kaschgar eine Menge Erzbischöfe, also schon sehr gefestigte Strukturen.

SPIEGEL: So etwas wird in westlichen Kirchengeschichten kaum erwähnt. Warum ging es im Osten schneller?

Frankopan: Wir können fast nur spekulieren. Offenbar bildete sich gerade die richtige Mischung von Motivationen heraus, die geeignete Atmosphäre für Bekehrungen. Warum bin ich Historiker geworden? Aus Interesse, aber auch weil ich damit Geld verdiene, weil Zufall und Glück mitgespielt haben, weil mir sinnvoll und nachhaltig erscheint, was ich tue, und so weiter.

SPIEGEL: Was heißt das, auf das Christentum übertragen?

Frankopan: Religionen, die ewiges Leben versprachen, waren offenbar recht attraktiv. Der christliche Lebensstil mit seiner Grundansicht, dass Tugenden belohnt werden, erschien plausibel. Nicht zu stehlen, dem Nachbarn nichts anzutun und dergleichen war kein bloßer Rechtssatz mehr, auch nicht an Belohnung oder Profit geknüpft, sondern wurde zur persönlichen Überzeugung aufgewertet. Christen, die es ernst meinten, erschienen als bessere Menschen, als Menschen mit einem echten Lebenszweck. Natürlich ist auch Gruppendruck dabei, natürlich braucht es eine kritische Masse, um die Mehrheit der Bevölkerung zu überzeugen. Aber das gelang eben erstaunlich oft. Übrigens, rund um das Mittelmeer scheint sich das Christentum vornehmlich durch Frauen verbreitet zu haben, speziell Frauen von hohem gesellschaftlichem Status. Sie fanden damit offenbar eine Stimme, gesellschaftlich wie spirituell. Im Mittleren Osten spielte ein anderer Faktor mit: Hier war der Blick weiter, man handelte mit Kulturen in aller Welt, war neugierig auf kluge Weltanschauung.

SPIEGEL: Wollen Sie andeuten, es wurde auf einmal modisch, Christ zu sein?

Frankopan: Das ginge zu weit - schließlich riskierte man in den frühen Jahrhunderten einiges. Christen waren Verfolgungen ausgesetzt, nicht nur im römischen Kaiserreich, auch unter den Sassaniden, die in Persien den Zarathustra-Glauben recht gewaltsam durchsetzten. Aber tatsächlich machten "Heilige", die ihren Glauben - auch und gerade als Askese - lebten, weithin Eindruck. Strenge und Disziplin, gerade solche antiindividualistischen Merkmale genossen Achtung. Ähnliches ist heute interessanterweise am radikalen Islam zu beobachten.

SPIEGEL: Nun verlangte nicht nur das Christentum Selbstzucht, auch Juden, Zoroastrier, Buddhisten und andere taten das.

Frankopan: Mag sein, aber von wem? Das Christentum trat ausdrücklich als nicht-elitär auf. Dadurch stand es über den sozialen Schranken, ja jenseits von ihnen. Es war subversiv und intern gemeinschaftsbildend zugleich, deshalb erschien es den Kaisern ja als so gefährlich. Und gewandt im Anpassen war es auch - zum Beispiel kennen wir ein Dokument, worin der Heilige Geist mit der Heiligkeit eines Buddha parallelisiert wird.

SPIEGEL: Ganz zu schweigen von hellenistischen Denkern wie Clemens von Alexandria um das Jahr 200, die dem Christentum mit seiner dem Volksglauben nahen Bildlichkeit philosophische Würde verliehen und es so auch für die Gebildeten akzeptabel machten.

Frankopan: Wir sollten auch nicht vergessen, dass das Christentum eine sehr menschliche Religion ist, dass es den Gläubigen auf seiner Lebensreise begleitet, dass es Mitteltöne zulässt, während es bei Zarathustra und Buddha doch eher um ein Schwarzweiß, um Reinigung vom irdischen Ballast und Leiden geht.

SPIEGEL: Konstantin der Große, der Gründer Konstantinopels und erste Imperator, der das Christentum als Glaubensrichtung anerkannte, war selbst bis kurz vor seinem Tod Verehrer des Sol invictus, huldigte also der Sonne als oberster Gottheit. War in solchen Kulten der Monotheismus angelegt?

Frankopan: Ach, das ist eher eine Streitfrage für Professoren. Sol invictus war eine von vielen Gottheiten im erstaunlich reichen, pluralen Spektrum antiker Religiosität. Wichtiger ist doch, dass die Evangelien bezeugten, Christus sei der Sohn Gottes. Und der wird hingerichtet! Und er überwindet den Tod! Dieser Sieg in der Niederlage rührt emotional an, er verbindet die Menschen viel existenzieller mit der Gottheit als der antike Glaube, wo Halbgötter, Dämonen und zahllose andere Zwischenwesen agieren. Alles in allem: Das Christentum scheint einfach ein attraktives Gesamtkonzept angeboten zu haben.

"Es gibt eine Menge Märtyrergeschichten"

SPIEGEL: Spielten aber nicht auch säkulare Faktoren eine Rolle? In Ihrer Weltgeschichte erzählen Sie, wie im Kaukasus das Christentum aufblühte, weil man sich so von den verhassten Sassaniden noch besser abgrenzte.

Frankopan: Man zeigte eben im Glauben seine Identität. Auch später erweist sich die armenische Christenheit dann als besonders eigenwillig.

SPIEGEL: Was antworten Sie auf die alte Streitfrage, ob das Christentum den Fall des Römischen Reiches mit verschuldet hat?

Frankopan: Das bezweifle ich. Die Völkerwanderung war eine Kettenreaktion, sie wurde durch Klimaveränderungen ausgelöst, die zu einem kriegerischen Druck von Steppenvölkern aus dem Nordosten führten. Als das Imperium unter den Angriffswellen in die Defensive geriet, war es im Inneren schon christlich; die Kaiser hatten sich ja für das Christentum entschieden, gerade weil sie es als stabilisierenden Faktor betrachteten.

SPIEGEL: Der Jesusglaube war in den frühen Jahrhunderten keineswegs normiert. Weiß man von Synkretisten, die mehreren Religionen zugleich oder einem Mischmasch huldigten?

Frankopan: Wenig - in der Regel achtete man auf Exklusivität. Aber es gibt Inschriften und Münzen aus dem Reich von Kuschan, dessen Zentrum in Nordwestindien und im Hindukusch lag, die zeigen, dass der Herrscher, obwohl er prinzipiell den Buddhismus förderte, sich als Erlöser, ja als Gottessohn darstellen ließ. Das mag politisch ein kluger Schachzug gewesen sein, aber natürlich ist es ebenso sehr eine spirituelle Aussage, in der offenbar christliche Elemente aufgegriffen sind.

SPIEGEL: Fanden Christenverfolgungen auch im Osten statt?

Frankopan: Ja, es gibt eine Menge Märtyrergeschichten, überwiegend aus der Sassanidenzeit. Wir müssen uns klarmachen, was das heißt: Die Menschen waren damals sicher geistig nicht beschränkter als heute. Sie entschieden sich meist sehr bewusst, einer Religion zu folgen. Fragen wie: "Worin finde ich Seelenfrieden, welcher Lehre vertraue ich?" konnten existenziell sehr wichtig sein.

SPIEGEL: Aber es waren doch nicht alle tief religiös?

Frankopan: Natürlich nicht. Die meisten im Perserreich werden das Glaubensproblem etwa so betrachtet haben, wie wohl heutige Europäer mehrheitlich denken: Es kümmerte sie kaum. Immer aber gab es lautstarke Minderheiten, die ihre Botschaften verkündeten und unablässig in Streit lagen.

SPIEGEL: Sie haben die Konkurrenz der Religionen einen Wettlauf genannt...

Frankopan: Ja, es gab große Konkurrenz um Anhängerschaft. Wenn zum Beispiel der Schah die Christen schützte, war das ein Durchbruch.

SPIEGEL: Gerade in den ersten Jahrhunderten traten neue, oft dualistisch geprägte Religionssysteme auf wie der Manichäismus oder die Verehrung des Stiertöter-Heilands Mithras. Musste das Christentum inmitten solcher Konkurrenz nicht unentwegt sein Profil schärfen?

Frankopan: Wenn es um Erlösung und den richtigen Weg zu Gott geht, dann gibt es kein Ungefähr. Alles muss stimmen: Was sagte Jesus wirklich? Wie ist ein Bibelspruch oder eine dogmatische Vorschrift zu verstehen? Oder jenseits der heiligen Schriften: Unter welchen Umständen darf jemand wieder heiraten? Darf ich meinen Sklaven auspeitschen? Wenn ein Kind vor der Taufe stirbt, kann es dennoch in den Himmel kommen? So fingen die Bischöfe an, in Streitschriften und Konzilien über Fragen zu debattieren, die uns heute manchmal furchtbar kleinkrämerisch vorkommen und selbst für Fachleute nicht leicht verständlich sind.

SPIEGEL: Riskierten sie damit nicht, viele Gläubige zu verschrecken?

Frankopan: Mag sein, aber in erster Linie rang man tatsächlich um die richtigen Antworten. Nun weiß jeder, der mal in einem Komitee saß, dass da Kompromisse nötig werden. Oft aber verheddert man sich auch in bizarren Sonderfällen. Die Bischöfe haben die Herausforderung insgesamt erstaunlich gut bewältigt. Schon bald nach dem Jahr 300 war der Klerus so einflussreich, dass man auf seine Beschlüsse achtete. Ketzerverfolgung wird ein wichtiger Weg, Autorität zu behaupten. Das zeigt sich noch Jahrhunderte später in den diversen Kirchenspaltungen, vom Großen Schisma 1054 bis zur Reformation und weiter.

SPIEGEL: Ein entscheidender Schritt war die Ausbreitung des Christentums jenseits der dicht bevölkerten Zone von Gibraltar bis zum Ganges, etwa nach Norden. Steppenvölker, slawische Stämme, germanische Stämme, selbst Nomaden wurden missioniert. Warum gelang das den Christen besser als anderen Religionen?

Frankopan: Stadtbewohner neigen seit je dazu, auf Landbewohner herabzublicken, sie als dumme Bauern und wilde Barbaren zu verachten. Auch vom Christentum gab es eine Metropolen-Version für Intellektuelle, aber letztlich richtete sich seine Botschaft an alle Menschen. "Gehet hin und lehret alle Völker", hatte Jesus gesagt. Das trieb die Missionare an - samt der Aussicht, ein heiliges Werk zu verrichten, die eigene Seele zu retten und schlimmstenfalls als Märtyrer zu enden. Um 550 ist sogar auf der Insel Ceylon, dem heutigen Sri Lanka, eine christliche Gemeinde bezeugt.

Nicht nur Christen nutzen das Symbol des Heiligenscheins seit der Antike, sondern auch andere Glaubensrichtungen, etwa der Hinduismus beim Elefantengott Ganesha.
Divyakant Solanki/EPA/DPA

Nicht nur Christen nutzen das Symbol des Heiligenscheins seit der Antike, sondern auch andere Glaubensrichtungen, etwa der Hinduismus beim Elefantengott Ganesha.

SPIEGEL: Aber war die christliche Lehre mit der Dreieinigkeit und anderen Formeln nicht schwieriger vermittelbar als etwa der Zarathustra-Glaube?

Frankopan: Im Prinzip ja. Dennoch hatten die Missionare viel Erfolg. Es waren wohl gute Prediger - eine bessere Erklärung habe ich auch nicht. Bisweilen passten sie ihre Lehre den örtlichen Bedingungen an, griffen buddhistische oder germanische Jenseitsvorstellungen auf.

SPIEGEL: Aber wie schafften sie es, dass schließlich sogar der Kaiser von China im Jahr 635 seine Abgrenzung aufgab und den christlichen Glauben als gleichberechtigt anerkannte?

Frankopan: Hartnäckigkeit, Zielbewusstheit? Genau weiß man es nicht. Aufseiten des Kaisers spielt vermutlich die Einsicht mit, dass es seine Stellung nicht schmälerte, sondern ihr zugutekam, wenn Handelspartner aus dem fernen Westen sich respektiert sahen.

SPIEGEL: Schon früh ist das weit nach Osten vorgedrungene Christentum von den theologischen Debatten im Westen abgekoppelt: Am Konzil von Nicäa 325 nehmen die persischen Christen nicht mehr teil. In vielen Kirchengeschichten wird der Osten nicht mehr erwähnt. Was geschah mit diesen Gemeinden?

Frankopan: Sie blühten weiter, und zwar erstaunlich lange. Als Ende des 15. Jahrhunderts die Portugiesen nach Indien vordrangen und etwas über Jesus und das Christentum erzählen wollten, bekamen sie zur Antwort: Hier steht doch unsere Kirche. Bis etwa 1300 gab es in Asien mehr Christen als in Europa. Noch der frühe Islam ließ die Christen oft unbehelligt; der Kalif hat Synagogen und christliche Kirchen wiederherstellen, teilweise sogar bauen lassen.

SPIEGEL: Weshalb?

Frankopan: Natürlich um der politischen Stabilität willen. Aber die sogenannten Schriftreligionen werden im Koran - mit seinem komplizierten, oft in sich widersprüchlichen Text - eben auch besonders behandelt. Den Glauben durch Furcht zu verbreiten, erschien unweise; Jerusalem und Alexandria ließen sich nicht einfach islamisch machen.

SPIEGEL: Das klingt jetzt aber milde. Wurde der Glaube des Propheten nicht in raschen, brutalen Eroberungszügen verbreitet?

Frankopan: Aus christlicher Sicht erschien das sicher so, und muslimische Historiker erzählen verständlicherweise vom Triumph des Islam. Natürlich gab es immer wieder Unterdrückung, aber nicht unentwegt und überall. Weit im Osten, etwa im zentralasiatischen Samarkand, schauen Muslime interessiert auf den Erfolg des christlichen Glaubens. In Tatarstan huldigt man nach der Eroberung äußerlich dem Islam, aber wenn die neuen Herren wegschauen, betet man wieder zum altvertrauten Sonnengott. Solche Mischungen, solche Durchlässigkeit wird es vielfach gegeben haben.

SPIEGEL: Als Historiker scheinen Sie mehr an Ähnlichkeiten und Kulturbeziehungen als am Schicksal einer Gruppe interessiert zu sein.

Frankopan: Gewiss - alles andere wäre einseitig und führte zu falschen Schlüssen. Darum ist mir die Sache mit dem Heiligenschein wichtig.

SPIEGEL: Was meinen Sie?

Frankopan: Wenige wissen, dass der Heiligenschein als Bildsymbol in erstaunlich vielen Religionen existiert: im Hinduismus, Buddhismus, Zoroastrismus und natürlich im Christentum. Da müssen gegenseitige Einflüsse am Werk sein. Genau wird sich das nicht mehr aufklären lassen. Aber der Sachverhalt genügt eigentlich. Wer so etwas weiß, dem wird klar, dass Religionen sich unentwegt gegenseitig anregen und die spirituelle Suche des Menschen immer neue Formen findet.

SPIEGEL: Professor Frankopan, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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syracusa 22.04.2019
1. zu wenig Wissenschaft
In den Äußerungen Herrn Frankopans vermisse ich sehr stark wirkliche wissenschaftliche, insbesondere kulturanthropologische Erkenntnisse, die uns heute mehr über die Entstehung von Religionen verraten können. Dass das Christentum so erfolgreich war, ist sehr wenig der Entscheidung einzelner Individuen zuzuschreiben, sondern sozioökonomischen und machtpolitischen Erwägungen. Dass der Islam so erfolgreich war, liegt eher daran, dass er nach dem Zerfall des römischen Reichs und des damit verbundenen Chaos Rechtssicherheit und Rechtsstaatlichkeit propagierte. Religionen gibt es nicht, weil es Götter gibt, sondern weil religiös geprägte Gesellschaften in früheren Zeiten erfolgreicher waren als andere. Religionen rechtfertigen soziale Hierarchien, politische und soziale Regeln und das staatliche Machtgefüge, sie schaffen soziale Bindung nach Innen und Abgrenzung nach Außen. Und dabei sind in verschiedenen Zeiten unterschiedliche Religionen unterschiedlich erfolgreich.
curiosus_ 22.04.2019
2. Ist sehr wenig der Entscheidung einzelner Individuen zuzuschreiben?
Zitat von syracusaIn den Äußerungen Herrn Frankopans vermisse ich sehr stark wirkliche wissenschaftliche, insbesondere kulturanthropologische Erkenntnisse, die uns heute mehr über die Entstehung von Religionen verraten können. Dass das Christentum so erfolgreich war, ist sehr wenig der Entscheidung einzelner Individuen zuzuschreiben, sondern sozioökonomischen und machtpolitischen Erwägungen. Dass der Islam so erfolgreich war, liegt eher daran, dass er nach dem Zerfall des römischen Reichs und des damit verbundenen Chaos Rechtssicherheit und Rechtsstaatlichkeit propagierte. Religionen gibt es nicht, weil es Götter gibt, sondern weil religiös geprägte Gesellschaften in früheren Zeiten erfolgreicher waren als andere. Religionen rechtfertigen soziale Hierarchien, politische und soziale Regeln und das staatliche Machtgefüge, sie schaffen soziale Bindung nach Innen und Abgrenzung nach Außen. Und dabei sind in verschiedenen Zeiten unterschiedliche Religionen unterschiedlich erfolgreich.
Sicher nicht, eine krasse Fehlinterpretation. Denn das Christentum musste sich zuerst mal gegen "sozioökonomischen und machtpolitische Erwägungen" durchsetzen, denn es war ja das Neue das das Alte in Frage stellte und mit Absolutheitsanspruch (aber ohne Gewalt, dazu war es ja gar nicht in der Lage. Sondern durch persönliche Überzeugung) vertrat. Und da bestand das Wachstum an Kopfzahl nur und ausschließlich in freien "Entscheidungen einzelner Individuen", wie denn sonst? Was von außen auf die potentiellen Christen mit Druckpotential einwirkte war sicher nichts Christliches, ganz im Gegenteil. Im noch prosperierenden römischen Reich ist man da ganz schnell z.B. im Kolosseum vor den Löwen gelandet. Nicht umsonst ist bereits im neuen Testament an vielen Stellen von Menschen, die um ihres Glaubens willen verfolgt wurden oder dafür starben die Rede. Das Wort "Märtyrer" ist ein Christliches. Also, noch mehr "Entscheidung einzelner Individuen" geht schlicht weg nicht. Das war eine typische Graswurzelbewegung. Das war die primäre Ursache, dass das Christentum "erfolgreicher war als andere". Und ganz sicher nicht "sozioökonomischen und machtpolitische Erwägungen". Die kamen in einer Pervertierung der Entstehungsgeschichte und seines Inhalts erst viel später, als es dazu in der Lage war. Aber selbst dann galt noch, ganz offiziell im kanonischen neuen Testament festgelegt, die Trennung von weltlicher Macht und Religion (zentral: "gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist", Matthäus 22,21). Die unselige Verquickung zwischen weltlicher Macht und Religion, wie sie z.B. in der Missionierung Amerikas zum Ausdruck kam, ist sicher nicht im Sinne des Religionsstifters (wie er im neuen Testament überliefert wird) gewesen. In fundamentalem Gegensatz dazu der Islam: Er kennt diese Trennung nicht. Er kennt keine institutionalisierte Kirche (wie das Christentum mit dem Papsttum, den orthodoxen Kirchen etc.), er kennt nur den Sultan, den Herrscher, wie er im Koran definiert ist. Der hält die weltliche *und* religiöse Macht in einer Hand, da macht eine Kirche keinen Sinn. Das mag "nach dem Zerfall des römischen Reichs und des damit verbundenen Chaos" eine Art Antwort gewesen sein. Es ist aber nicht die christliche Antwort. Das, worauf wir in der westlichen säkularen Welt zu Recht stolz sind, die Gewaltenteilung, hat ihren Ursprung genau darin: In "gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist". Wer hat`s erfunden? Sicher nicht die Aufklärung, da war z.B. Luther schneller. Und auch der hat sich nur auf die Basis bezogen.
Die linke Kobra 22.04.2019
3. Was ich in diesem Text vermisse,
ist die inhaltliche Ausrichtung des Christentums in dieser Frühzeit. Es ist nicht davon auszugehen, dass die heutige Bibel, insbesondere das neue Testament, so existiert hat und verbreitet war. Die Anmerkung der Dreieinigkeitslehre erstaunt, da dies doch eine reine Erfindung der katholischen und evangelischen Kirche ist, und sehr phantasievoll aus der Bibel abgeleitet wird. Ebenso die ganze Geschichte vom heiligen Geist, den Jesus in der Form nie erwähnt hat.
ecnis 22.04.2019
4.
Die Fragen sind vielleicht etwas schlicht. Mit "Monty" einzusteigen, ist von SPIEGELonline vielleicht etwas ungeschickt. Aber der Professor hält sich schon an Fakten. Über deren Interpretation mag man streiten. Doch modernen Wissenschaftlern wird schon klar, dass die westlichen, sehr stark ideologisch geprägten Ansichten über Religion und Glaube oft sehr verkürzt sind. Jedenfalls kein "wissenschaftliches" Ruhmesblatt.
helmut.alt 22.04.2019
5. Das Christentum wird hier sehr gut beschrieben
Die Galionsfigur Jesus war ein perfekter Mensch, der nur Gutes vollbrachte und mit dem "mörderischen" Alten Testament wenig gemein hatte. Seine Auferstehung verheißt auch uns ewiges Leben. Mehr Heilbotschaft kann man Menschen nicht in Aussicht stellen. Papst Benedikt hat das Phänomen Jesus aus allen Blickwinkeln in seinen Büchern beleuchtet und die christliche Nächstenliebe hervorgehoben, die eben nicht Auge um Auge und Zahn um Zahn propagiert, wie im AT beschrieben und von anderen Religionen noch heute praktiziert. Das Christentum hat in der Vergangenheit leider auch Verbrechen begangen, das lag an schlechten Christen an Machtpositionen, aber nicht an der Botschaft von Jesus.
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