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Petersdom: Die Pracht der Herrlichkeit

Foto: PLINIO LEPRI/ ASSOCIATED PRESS

Petersdom Baustelle des Apostels

Die Baugeschichte des Petersdoms ist verwickelt. Immer wieder änderten neue Architekten den Plan - und doch glänzt die Basilika durch einzigartige barocke Monumentalität.

Was für eine Gegend, welch ein Felsen, von harmloser Höhe und doch eine einzige Zuspitzung von antiker Pracht und Düsternis. Sommervillen und Gräberstädte, heidnische Heiligtümer und der Circus des Caligula, außerdem ein Palast für Nero - all das entstand nach und nach auf und vor dem "mons vaticanus" in der Nähe des alten Roms.

Der vatikanische Berg: Anhänger des Judentums und des jungen Christentums wurden im Circus nebenan zu Tode gefoltert. Dass das Erdreich zu Füßen des Hügels stets in zerstörerischer Bewegung zu sein schien, dass dieses nervöse Terrain später manche Baumaßnahme erschweren sollte, passt zu seiner düsteren Geschichte.

Als das Römische Reich im 4. Jahrhundert christlich wurde, entstand in der Senke vor der vatikanischen Erhöhung, nicht weit vom Tiber entfernt, eine Pilgerkirche zu Ehren des Petrus. Die Legende sagte, der Apostel sei zu Neros Zeiten auf diesem Areal gekreuzigt und in der nahen Nekropole begraben worden.

Gesichert war das nie. Doch die unter Kaiser Konstantin so rasch erstarkte Religion brauchte eigene Symbole, eigene Zeremonien, eigene Identifikationsfiguren. Sie brauchte auch eigene architektonische Wahrzeichen.


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Das Christentum besetzte den Hügel, es unterwarf sich dessen heidnische Geschichte. Ähnlich selbstbewusst ging man mit der Architektur der Antike um, die man zitierte und uminterpretierte, wann immer es nützlich erschien.

Petrus etwa wollte man am Ort seines Martyriums mit einer Basilika ("Königshalle") ehren. Diese länglichen Saalbauten, die oft in halbrunder Apsis mündeten, waren die Einkaufszentren und Justizpaläste der Antike. In ihnen wurden Märkte abgehalten, Gerichte tagten dort, und Kaiser regierten. Nun wurden die Herrscherbildnisse in der Apsis durch Mosaiken mit Christusdarstellungen ersetzt. So einfach, so radikal aber auch verwandelte sich das Profane ins Sakrale.

Vorbilder gab es genug. So war um 310 die profane Maxentiusbasilika am Forum Romanum fertiggestellt worden. Etwa ein Jahrzehnt später ließ Kaiser Konstantin mit dem Bau einer christlichen Basilika beginnen. Wahrscheinlich war sie in weniger als zehn Jahren vollendet.

Ein neues Kirchenwunder sollte entstehen

Rom besaß andere Kirchen. Doch die Pilgerstätte am Vatikan wurde das eigentliche architektonische Ausrufungszeichen dieser Religion, hier entstand auch die für lange Zeit größte Kirche der Christenheit. Die Gräberstraßen auf dem südlichen Abhang des Hügels - regelrechte Reihenhäuser des Todes - mussten weichen; sie wurden zugeschüttet und erst bei Ausgrabungen im 20. Jahrhundert wieder freigelegt. Über dem vermuteten Petrusgrab entstand das neue Gotteshaus. Die Pilger näherten sich dem Heiligtum vom Tiber aus, stiegen Stufen hinauf und dürften mit einem überwältigenden Raumerlebnis belohnt worden sein.

Die monumentale Kirche des 4. Jahrhunderts: eine 120 Meter lange Halle über dem Grundriss eines Kreuzes. Gebildet wurde es aus fünf Längsschiffen, die in ein Querschiff von fast 90 Metern mündeten. Das Mittelschiff des Langhauses war breiter und deutlich höher als die Seitenschiffe. Unten zog sich ein Saum aus alten Tempelsäulen entlang. Durch die weit oben angesetzten Fenster strahlte Licht in den mittleren Raum. Die Szenerie war wie gemacht für weihevolle Prozessionen, für sakrale Triumphzüge. So ehrte Kaiser Konstantin auch seine Herrschaft. Letztlich war die Botschaft, die von diesem wichtigsten Bau der frühen Christenheit ausging, eine politische.

Viele Jahrhunderte später war sie noch nicht verhallt. Aus der Sicht der Päpste des 15. und 16. Jahrhunderts bildete Konstantins Kirche ein gewichtiges Erbe, und zwar eines, das ihnen wortwörtlich im Weg stand. Verschiedenste Päpste wollten den Bau beseitigen, um sich mit einer eigenen Architektur der Macht selbst ein Denkmal zu setzen.

Natürlich hätte man das wohl baufällig gewordene Gebäude von St. Peter sanieren können. Doch es sollte ein neues Kirchenwunder entstehen. Es wurde ein Wunder in Etappen und eines, das zwischenzeitlich dazu beitrug, die christliche Kirche für immer zu spalten.

Eines der ehrgeizigsten Bauprojekte der Renaissance

Seit Nikolaus V. (1447-1455) entwickelte eine Reihe von Päpsten jeweils eigene Visionen zu Ausmaßen und Silhouette einer möglichen neuen Kirche - und zum Umgang mit dem Vorgängerbau über dem Petrusgrab. Nikolaus ließ einen neuen Chor beginnen, also den Bereich, wo traditionell der Altar stand. Doch als der Papst starb, ragten gerade einmal ein paar Mauern in die Luft.

Wie ein Mahnmal kündeten sie davon, dass hier jemand zu viel in zu kurzer Zeit erreichen wollte - schon Zeitgenossen wie der Architekt Leon Battista Alberti kritisierten solche Grundrissruinen. Der päpstliche Bauherr aber beteuerte noch auf dem Totenbett, ihm sei es bei diesem Vorhaben nie um seinen eigenen Ruhm gegangen, sondern um das Wohl der Gläubigen.

Als Erster hatte er erfahren, was für die päpstlichen Bauherren der nächsten 150 Jahre zum doppelten Kampf wurde: ein Kampf mit der Zeit, denn ein epochaler Bau war nicht während eines einzigen Pontifikats zu verwirklichen. Und der Kampf mit dem Altbau, dessen Zerstörung man zugleich wünschte und fürchtete. Die Basilika Konstantins überdauerte auch die Neubaupläne von Nikolaus V.; der von ihm begonnene Teil lag außerhalb ihrer Wände.

Dennoch wurde, was er begonnen hatte und seine Nachfolger nur zögerlich weiterführten, der Ausgangspunkt für eines der ehrgeizigsten Bauprojekte der Renaissance. Und für eines der unübersichtlichsten: Bis heute streiten Wissenschaftler darüber, wer wann was genau entwarf, baute, verwarf, abriss.

Die letzte Ruhestätte des Julius II.

Bald nach Anbruch des 16. Jahrhunderts begann dann ein neues architektonisches Großprojekt, das die gesamte christliche Welt tangieren sollte.

1503 kam Giuliano della Rovere als Julius II. auf den Heiligen Stuhl, der längst ein Thron war. Seine Familie besaß keine Reichtümer, aber Macht: Sein Onkel war Papst Sixtus IV. gewesen, der zwei Kirchen und zwei Kapellen in überschaubarer Größe hatte bauen lassen, darunter die Sixtinische Kapelle im Palast des Vatikans.

Julius II. wünschte sich mehr, etwas Repräsentatives im antiken Maßstab. Er ließ sich als neuer Cäsar feiern, er wollte einer wehrhaften und siegreichen Kirche vorstehen, wie ein würdiger Nachfolger der Imperatoren.

Sein Ruhm war ihm wichtig und ebenso sein Nachruhm. So rasch wie kein Papst zuvor kümmerte er sich um die Gestaltung der eigenen letzten Ruhestätte. Michelangelo Buonarroti (1475 bis 1564), der junge, gefragte Bildhauer, sollte ihm ein imposantes Grabmal aus Carrara-Marmor erschaffen. Michelangelos Ideen zeigten: Der Papst hatte Sinn für Monumentalität in eigener Sache.

Julius II. engagierte außerdem den Architekten Donato Bramante (1444 bis 1514), damit dieser die Kirche am Vatikanshügel umbaue. Vor allem sollte Bramante wohl den 50 Jahre zuvor begonnenen Chor fertigstellen und für die Grabstätte herrichten. Die Erneuerung der Basilika - darauf hatte Julius II., wie er selbst bekannte, schon gewartet, seit er zum Kardinal ernannt worden war.

Der Baumeister wollte eigene Könnerschaft zelebrieren

Bramante war einerseits der passende Mann: Antike Stilvorbilder regierten, zumal im Vatikan. Dieser Baumeister konnte Kirchen wie Tempel aussehen lassen. Seine Architektur ist von einer eleganten Schwere, die zum Ausdruck bringt, dass hier etwas unverrückbar ist. Alles, was er baute, schien wie für eine neue Ewigkeit gemacht.

Andererseits ließ sich Bramante als echter Renaissance-Künstler nur schwer bändigen. Die Kulisse für die Kunst eines anderen liefern, noch dazu für die Kunst eines Mannes, der eine gute Generation jünger war, das widerstrebte seinem Künstlerstolz. Er wollte eigene Könnerschaft zelebrieren.

Also schlug er alle möglichen Maßnahmen vor, die vor allem eines suggerierten: wie verlockend es wäre, die konstantinische Kirche abzureißen und Platz für eine neue Monumentalarchitektur zu schaffen. Der Papst war nicht abgeneigt, auch wenn er das Gegenteil bekundete und notieren ließ, man müsse das Geweihte über das Profane stellen.

Bramante, der fürchtete, von Konkurrenten ausgestochen zu werden, entwickelte wie besessen immer neue Pläne, in Holz und auf Pergament. Nicht jeder Entwurf, nicht jede Überarbeitung ist erhalten geblieben. Seit Jahrhunderten ist umstritten, ob Bramante ursprünglich einen - sehr antikisch wirkenden - Zentralbau und erst später einen Kreuzgrundriss im Sinn hatte oder ob er sofort eine Mischform entwickelte.

Atemberaubende Ausmaße

Schließlich entschieden sich Papst und Baumeister wohl für eine dreischiffige Anlage. Es wäre eine Art überdimensionale Gebäudeskulptur geworden, im Grunde die Steigerung einer Kirche. Die vorgesehenen Ausmaße waren mehr als gigantisch, sie waren atemberaubend. Zeitweise träumte Bramante von 50 Meter hohen Vierungspfeilern, also von Kuppelstützen in Hochhaushöhe. Die Kuppel selbst sollte ohnehin riesig werden: 44 Meter Durchmesser, wie das Pantheon. Die alte Basilika aber würde in einer solchen Architektur auf- und zugleich untergehen.

Noch war der Prunk kaum mehr als eine bloße Phantasie, fixiert nur als Entwurf und als Bild auf einer Münze, die 1505 für die Grundsteinlegung am 18. April 1506 geprägt wurde. Auf der Medaille erkennen manche Fachleute die Westseite der neuen Kirche, eine Landschaft aus Türmen und Kuppeln; die Inschrift nennt sie den "Peterstempel". In diesem Teil des Gebäudes wollte der Papst seine Juliuskapelle inklusive Grabmal unterbringen.

Der ganze Wettbewerb mit der Antike, die ganze Triumphästhetik erwies sich allerdings als gefährlich. Denn die - bei Baubeginn schon gar nicht mehr gültigen - Pläne für die neue Kirche wurden von den Kritikern der päpstlichen Herrschaft als endgültiger Beweis der Verschwendungssucht gewertet. Die zur Finanzierung des Neubaus aufgelegten Ablässe, diese vermeintlichen Aktien aufs Himmelreich, erzürnten dann auch einen Martin Luther. Und wie ließ sich darüber hinaus auch noch der vom Architekten gewünschte Abriss des Altbaus rechtfertigen, der direkten Rückbindung zum Frühchristentum?

Zeitgenossen wie der Schriftsteller Sigismondo dei Conti tadelten termingerecht den geringen künstlerischen Wert der alten Kirche. Julius II. selbst schrieb, als er Gelder einwarb, "die Basilika der Apostel" sei "größtenteils eine Ruine".

Bramantes vermeintlicher Sieg mündete in einer Niederlage

Unter all diesen Entwicklungen zu leiden hatte vor allem und ausgerechnet Michelangelo. Der Papst, erstens in Geldnot und zweitens von Bramante entsprechend angestachelt, stellte die Zahlungen für die Arbeiten am Grabmal ein. Der Künstler wurde nicht mehr empfangen und nicht mehr entlohnt.

Zuerst finanzierte er Marmor und Mitarbeiter noch selbst. Dann verließ er Rom, weil er fürchtete, der Papst oder dessen Baumeister würden ihn auch noch umbringen lassen wollen. Am Tag vor der Grundsteinlegung bestieg Michelangelo die Eilpost in die Toskana.

Später, nach seiner Rückkehr aus Florenz, wurde er zur düsteren Begleitstimme der Baumaßnahmen und nannte Bramante einen "Zerstörer", der die alte Kirche vernichten wolle. Er selbst vollbrachte zwischen 1508 und 1512 wie nebenbei eine der größten Meisterleistungen der Kunstgeschichte: die Deckenfresken in der Sixtinischen Kapelle.

Und Bramante? Triumphierte er?

Sein vermeintlicher Sieg mündete in einer Niederlage. Zwar ließ er tatsächlich Teile der alten Basilika abreißen und schuf so historische Fakten. Des Weiteren ließ er außerdem kolossale Vierungspfeiler in geradezu überirdische Höhe treiben und markierte so schon einmal den künftigen Kuppelbereich.

Das Jahrhundertprojekt schien dem Ende nahe

Aber beim Papst ließ die Begeisterung für Maßlosigkeit nach. Der Westteil der Kirche mit Chor und Grabmalskapelle sollte auf Wunsch des Pontifex kleiner ausfallen als geplant - nicht weil Julius II. diesen Bereich weniger schätzte, sondern weil er ihm besonders wichtig war und weil die Zeit drängte.

Nichts passte mehr zusammen, weder der geschrumpfte Chor und die überdimensionale Vierung noch der müde Auftraggeber und sein besessener Architekt. Zeitgenossen verspotteten Bramante als "Ruinante", als einen Mann der permanenten Tabula rasa.

Noch nach Bramantes Tod 1514 machte man sich über ihn lustig. Der Architekt habe angeordnet, so wurde gelästert, er werde bis zu seiner Wiederauferstehung eine Entscheidung darüber getroffen haben, wo die Tore der neuen Kirche anzubringen seien. Außerdem wolle er, der tote Bramante, erst einmal das ganze Himmelreich umbauen.

Bereits 1513 war Julius II. gestorben. Nicht lange, und auch das Jahrhundertprojekt schien dem Ende nahe. Tatsächlich sollten noch mehr als hundert Jahre bis zur Vollendung verstreichen.

Die Jahre vergingen, das Wunder blieb im Wartestand

Die Baustelle wirkte lange verwahrlost. Von der neuen Kirche waren nur Versatzstücke fertig, an der alten fehlten Teile des Daches. Dreck und Feuchtigkeit drangen ein, Alt- und Neubau ergaben eine in sich verschachtelte Riesenruine, tragisch und kurios zugleich - so dokumentieren es alte Drucke und Zeichnungen. Der Ort schien die ganze Zerrissenheit des Christentums zu illustrieren. Feierliche Gottesdienste waren kaum möglich, nicht selten standen Klerus und Gläubige im Regen, mussten Zeremonien abgebrochen werden.

Es folgten Jahrzehnte, in denen viel gewollt und wenig gebaut wurde. Raffael, der Maler, wurde leitender Architekt. Für ihn war St. Peter "der erste Tempel der Welt", und er versprach sich viel Ehre von der Aufgabe. Aber als er 1520 starb, war wenig geschehen. Ihm folgte der frühere Bramante-Schüler Antonio da Sangallo der Jüngere (1483 bis 1546).

Sangallo traute sich Größe zu, aber keine Großartigkeit. Alles wurde neu vermessen, neu berechnet, neu gezeichnet. Er präsentierte schließlich auch ein Modell aus Holz, an dem sieben Jahre lang gearbeitet worden war und das enorme 4500 Scudi kostete. Seine Kirche sollte 425 Meter lang werden, obwohl das Areal das gar nicht hergab. Also hätte er sein Gebäude tief in den vatikanischen Berg hineinbohren müssen. Wieder so eine Gigantomanie - doch ihr widerspricht die kleinteilige, monotone Dekoration der Fassaden.

Gebaut wurde immerhin so viel, dass sich die beiden ungleichen Kirchennachbarn zu einem Gesamtprovisorium verbinden ließen. Dann aber stockte das Projekt wieder. Nachdem Kaiser Karl V. 1527 Rom hatte angreifen und plündern lassen, verharrte die Stadt lange in Schockstarre. Die Jahre vergingen, das Wunder blieb im Wartestand.

Wieder wurde der Bau in Teilen zerstört

Nach Sangallos Tod 1546 sollte ausgerechnet der alte Michelangelo dem Projekt endlich Glanz verleihen. Er erhielt ungewöhnlich weitreichende Vollmachten und einen exorbitant hohen Lohn. Und doch eskalierte die Situation.

Der Künstler, nun 71 Jahre alt, war mit den Jahren nicht milder geworden. Seinen Vorgänger und dessen Mitarbeiter nannte er "Schafe und Ochsen", die von der Kunst nichts verstünden. Würde nach Sangallos Plänen weitergebaut, so gäbe es in dem Kirchengebäude genug dunkle Ecken, damit Falschmünzer ihr Geld drucken könnten, und noch ganz andere Sünden möglich wären.

Wieder wurde, was bisher entstanden war, zumindest in Teilen zerstört, es wurde geplant, es wurde gebaut - und erneut schwand die Hoffnung, die Kirche in absehbarer Zeit zu vollenden.

Michelangelo, der Bramante einst einen Zerstörer genannt hatte, zertrümmerte nun selbst viel Mauerwerk, vor allem Bauabschnitte Raffaels und Sangallos. Bramantes Pfeileridee aber übernahm er. Er war unter allen Architekten dieser Baustelle sicher das größte Genie. Und doch wollte ausgerechnet er lieber eine etwas kleinere, machbare Variante des Petersdoms errichten.

Michelangelo brachte den Bau so weit wie möglich voran

Er schlug einen lichten Zentralbau vor, der auch in geringerer Größe noch großzügig und erhaben wirken würde; mit dieser Variante könnte man Hunderttausende von Dukaten und vor allem mehrere Jahrzehnte Bauzeit einsparen. Zugleich war der Plan auf selbstbewusste Weise unendgültig, denn der Zentralbau ließ sich jederzeit zur Basilika erweitern. Den Papst überzeugte Michelangelo damit, nicht aber die Getreuen des verstorbenen Sangallo. Auf der Baustelle hatte er mehr Feinde als Anhänger.

Es war Michelangelo bewusst, dass die Kirche zu seinen Lebzeiten nicht mehr fertiggestellt werden und ein möglicher Nachfolger vielleicht alles wieder ändern wollen würde. Also brachte er den Bau an entscheidenden Stellen so weit wie möglich voran, setzte seine Vorstellungen so weit in Baumasse um, dass es später schwerfallen musste, am Grundkonzept viel zu verändern.

Die Kuppel blieb zu seinen Lebzeiten ungebaut. In 75 Meter Höhe öffnete sich der Bau, das Loch war 40 Meter breit - und es klaffte da oben für 20 Jahre. Erst Giacomo della Porta und Domenico Fontana konnten bis 1590 die enorme Doppelschalenkonstruktion vollenden.

Und Alt-St. Peter? Im Laufe des späteren 16. Jahrhunderts wurde die Kirche sogar halbwegs instandgesetzt. In den Jahren der Gegenreformation traute man sich erst recht nicht, sie verschwinden zu lassen.

Doch beide Baukörper harmonierten nicht, sie schlossen einander geradezu aus, machten sich gegenseitig lächerlich - zwei ungleiche und miteinander unglückliche Nachbarn.

1626 wird die Kirche endlich geweiht

Als sich Anfang des 17. Jahrhunderts während einer Messe ein Stück Mauer aus der Fensterzone der Basilika löste, beschloss man einmal mehr den Abriss. Endlich gab es einen Grund, wenn auch keinen überzeugenden. Denn auch beim Neubau kam es immer wieder zu Rissen, brachen Bauteile ab. Auslöser waren meistens Erdbewegungen.

Nun jedoch wurde Ernst gemacht: Man opferte das ältere, teils schon zerstörte und wieder zurechtgeflickte Gebäude. Knapp 1300 Jahre nach ihrer Errichtung, etwa 150 Jahre nach den ersten Gedankenspielen zu einer Neuerfindung von St. Peter verschwand die alte Basilika. Im Februar 1606 wurde mit der Abtragung des Daches begonnen; schließlich wurde auch gleich noch eine von Sangallo errichtete Mauer weggerissen.

Nun erst kam Michelangelos Bau zur Geltung - und natürlich blieb wieder nichts so, wie es war.

Carlo Maderno (1556 bis 1629) war der Architekt, der nach Michelangelo am meisten bewirkte. Er fügte das Langhaus an und machte so aus dem Zentralbau eine Basilika. Zeitweise arbeiteten 700 Leute im Schichtsystem; tagsüber schützte ein Zelt sie vor der Sonne, nachts war die Baustelle durchgehend beleuchtet. Im November 1626 konnte die Kirche endlich geweiht werden.

Wie für Giganten gemacht

Gian Lorenzo Bernini (1598 bis 1680), vollendete das Vorhaben dann ein zweites, endgültiges Mal. Der Maler, Bildhauer und Baumeister hatte die Begabung, tanzende Räume und schwingende Oberflächen zu schaffen, er besaß die Fähigkeiten eines Bramante und eines Michelangelo, eine auratische Architektur zu schaffen, er akzentuierte auch hier.

Bernini gestaltete den Vorplatz des Petersdoms und umrandete ihn mit einer Kolonnadenreihe, die Abschluss und Öffnung zugleich war. In der Kirche selbst stellte er einen pompösen, 29 Meter hohen Baldachin über das Petersgrab und den Hochaltar. Ausgerechnet mit seinem Konkurrenten Francesco Borromini musste er hier zusammenarbeiten.

Die Kirche, alles an ihr wirkte nun tatsächlich wie für Giganten gemacht. Ein Raum für 20.000 Personen, der den einzelnen Menschen zur Miniatur schrumpfen ließ.

Goethe schrieb, er habe in St. Peter gelernt, wie die Kunst die Natur und "alle Maßvergleichung" aufheben könne. Für den Kunstschriftsteller Johann Joachim Winckelmann war der Bau "Inbegriff des Schönen", ja "das schönste Gebäude der Welt". Noch bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts sollte das Gotteshaus auch die größte Kirche der Christenheit bleiben. Sicher ist: Wer in ihr steht und die Baugeschichte kennt, kommt auch als Nichtkatholik in schwere Versuchung, an Wunder zu glauben.

Dieser Text stammt aus dem neuen SPIEGEL Geschichte 4/2012 "Die Päpste". Sie können das Heft hier kaufen.

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