Hintergrund Die Macht der Schrift

Runen dienten als Zauberzeichen, transportierten aber auch profane Mitteilungen. Wie das Germanen-Alphabet entstand und was die Inschriften bedeuten, ist bis heute weithin unklar.
Von Jenny Becker
Fundstück: Warum schrieb jemand das Wort "Kamm" auf einen Kamm?

Fundstück: Warum schrieb jemand das Wort "Kamm" auf einen Kamm?

Foto: Hendrik Schmidt/ picture alliance / dpa

Die Botschaft auf dem kleinen Kamm ist leicht zu übersehen. Hauchdünn sind die Zeichen in die bräunliche Oberfläche aus Hirschhorn geritzt, so unscheinbar, dass sie lange niemand bemerkte. Zwölf Jahre lag der Kamm im Archiv, bis endlich 2012 ein Lichtstrahl im richtigen Winkel die germanischen Zeichen zum Vorschein brachte. Vier Runen sind es: Kaba. Das bedeutet "Kamm". Was haben sich die Germanen dabei gedacht? Warum schrieben sie das Wort "Kamm" auf einen Kamm?

Gefunden wurde das dreieckige, etwa 1700 Jahre alte Teil bei Erfurt, in einem Opferschacht, zusammen mit Tierschädeln, Goldringen und Münzen. Vom 1. bis zum 5. Jahrhundert gab es an dieser Stelle einen germanischen Kultplatz. Wurde der Kamm also den Göttern dargebracht und deshalb bezeichnet? Ein gewöhnlicher Alltagsgegenstand war er kaum. Das Haar galt als Sitz der Lebenskraft. So hatte auch das Ding, das es ordnete, eine besondere, vielleicht magische Bedeutung. Und die Schrift? Sollte sie die Kräfte des Kamms verstärken?

Über das Zeichensystem aus 24 Runen hinaus ist wenig bekannt, fast alle Deutungen laufen ins Nebulöse. Seit Jahrhunderten versuchen Forscher, die Runen genauer zu verstehen, um zu erfahren, wie die Menschen damals die Welt sahen. Selten genug, dass sie diese Zeichen verwenden, eingeritzt in Knochen, Holz, Metall oder Stein, auf Waffen, Schmuck und Grabplatten.

Nach seinen ersten sechs Lauten heißt das Runenalphabet "Futhark". Über 6500 authentische Texte hat man bisher gefunden, die meisten in Skandinavien, aber auch in Deutschland oder Großbritannien, ja selbst in der Ukraine. Kurze Mitteilungen fast immer, Namen, Gedenksprüche und magische Formeln. Doch bei kaum einer Inschrift sind sich die Experten über den Gehalt sicher.

Auf einem anderen Kamm aus dem dänischen Moor Vimose steht "Harja". Damit könnte "das zu den Haaren Gehörende", also eine Umschreibung für "Kamm" gemeint sein. Es könnte aber auch "der zum Heer Gehörende" bedeuten, also "Krieger". Möglich wäre ebenfalls, dass sich "ein Mitglied des Stammes der Harii" verewigt hätte. Oder die fünf Buchstaben geben schlicht einen Männernamen an.

Laut und Sinnbild zugleich

Schwierig wird die Deutung auch deshalb, weil die Runen Laut und Sinnbild zugleich liefern. Jede hat einen Namen, dessen tiefere Bedeutung nur erahnt werden kann. F, fehu, heißt "Vieh", aber auch "beweglicher Besitz". Die Rune þ, gesprochen wie das englische th, heißt þurisaz. Das bedeutet "Riese" und "unheimliche schadenbringende Macht". Viele Gelehrte sehen in dem Runenalphabet einen Schlüssel zum kultisch-magischen Universum der Germanen. Doch war es wirklich eine Zauberschrift?

Profane Einritzungen sprechen dagegen. Sie benennen den Hersteller eines Gegenstandes: "Die Nichte machte (diesen Schildgriff)." Oder sie halten Rechtsverhältnisse fest. Auf einer silbernen Gewandspange aus dem 6. Jahrhundert ist graviert: "Inga bejaht das Erbe, ... auf Widultar und das ganze Gesinde erhebt sie Anspruch." Kein Wunder, dass der dänische Wissenschaftler Erik Moltke (1901 bis 1984) hoffte, irgendwann einen Frachtbrief voller Runen zu entdecken, der deren Nutzung als Alltagsschrift belegen würde.

Doch gegen einen rein weltlichen Sinn spricht einiges. Schon das Wort Rune heißt so viel wie "geheimes Wissen" oder "Geflüster". Im "Raunen" ist diese Bedeutung noch erhalten. Esoteriker verwenden bis heute Runen als Orakel: Sie werden in Stäbe geritzt, zufällig auf dem Boden verteilt, aufgehoben und gedeutet. Genauso beschrieb der römische Gelehrte Tacitus im Jahr 98 ein germanisches Ritual. Aber handelt es sich bei den Zeichen, von denen er schreibt, schon um Runen?

Magie war jedenfalls oft im Spiel. In Waffen geritzt, sollten Runen Glück im Kampf bringen: "Zielreiter", "Erprober" oder "Angreifer" steht auf Lanzen oder Schwertern. Silberne Amulette tragen Zaubersprüche, die Unheil fernhalten sollen. Häufig taucht die Formel "Alu" auf, die wohl etwas wie "Abwehr" oder "Schutz" meint. Auch auf Grabsteinen ist das Wort erhalten, etwa auf dem norwegischen Stein von Eggja.

Ein Bauer fand die 1,60 Meter lange Grabplatte beim Pflügen. Sie lag auf einem Hügel, ihre beschriftete Seite dem Erdreich zugewandt. Wahrscheinlich bedeckte sie einst ein Männergrab. Drei Zeilen sind in den Stein geritzt, darunter der Spruch: "alu misyrki", "Abwehr gegen den Missetäter". Das mochte Räuber fernhalten, aber auch den Toten hindern, als Wiedergänger in die Welt zurückzukehren. Die Macht der Schrift half also, die Totenruhe zu wahren.

Letzte Inschrift in schwedischer Hüttenwand

Vielleicht wurden die geritzten Symbole auch deshalb so vorsichtig und sparsam verwendet, weil sie unmittelbar der göttlichen Sphäre entstammten. Ober-Gott Odin hatte zu ihrer Erfindung ein wahres Martyrium auf sich genommen: Neun Nächte lang hing er verwundet, hungernd und dürstend in der Weltesche Yggdrasil, dann ersann er schreiend die Runen und konnte sich endlich vom Baum lösen - ein wahrhaft schamanischer Entstehungsmythos.

Woher die Schriftzeichen tatsächlich stammen, darüber streiten die Gelehrten seit langem. Viele sehen eine enge Verbindung zum Lateinischen, das infolge der römischen Vormachtstellung weitverbreitet war. Oder wurden die Runen doch von einem Alphabet aus den norditalienischen Alpen abgeleitet, das auf die etruskische Schrift zurückgeht?

So viel scheint klar: Inspiriert aus dem Mittelmeerraum, mag das runische Alphabet etwa um die Zeitenwende entstanden sein. Der älteste zweifelsfreie Fund, der Kamm von Vimose, stammt etwa aus dem Jahr 160. Es gibt jedoch noch frühere Stücke mit vorrunischen Zeichen. Menschen wie übernatürliche Welt betraf das, wovon die Ritzungen kündeten. Und nur wenige waren in ihren Gebrauch eingeweiht, vermutlich Menschen der gebildeten Oberschicht.

Mit der Christianisierung verschwinden die Runen langsam aus Mitteleuropa. Vom 7. Jahrhundert an sind sie nur noch in Skandinavien verbreitet, in Form des vereinfachten, jüngeren Futhark, das mit 16 Zeichen auskommt. Im Lauf des Mittelalters entsteht daraus zunehmend eine Alltagsschrift, die sich mit lateinischen Buchstaben mischt. In der schwedischen Region Dalarna schrieben die Bauern noch bis ins Jahr 1900 mit Runen. Die letzte Inschrift ritzte eine Hirtin an eine Hüttenwand: "Anna Andersdotter weidet."

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