Venedig Die Letzten ihrer Art

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2. Teil: Venedig braucht Touristen, muss sich aber auch vor ihnen schützen


Eine Masse von Körpern, wer sie intensiv spüren will, kann das gut auf dem Markusplatz erleben; den lässt niemand aus. Früher Abend, vor dem Markusdom schieben die T-Shirt-Händler ihr Warenlager vom Platz, gleich werden die Lichthändler übernehmen, magere, meist schwarze Jungs, die nichts zu verkaufen haben als etwas Blaues, das man in die Luft werfen kann, dort leuchtet dann das Ding. Alle haben das gleiche Sortiment. Noch immer sind die Digitalkameras im Einsatz, am Dom springt eine koreanische Familie gemeinsam in die Luft, einmal, zweimal, dreimal, so oft, bis die Kamera sie in der Luft einfängt, schaut mal, wir fliegen, wir fliegen in Venedig.

Noch immer kreischen Schulklassen, jagen sich, schubsen sich, look, look, plappernd und allgegenwärtig wie die Tauben. Wenn jeder 1,2 Quadratmeter Platz hat, so errechnete eine Studie im Auftrag der Stadt und Provinz Venedig, dann fasst la Piazza San Marco 19.000 Besucher. Oft sind es mehr. Venedig braucht sie, aber Venedig muss sich auch vor ihnen schützen. "No littering, sitting or lying in St. Mark's square" steht seit einiger Zeit auf den Abfallkörben, denn das machen sie gern, die Besucher, sitzen und vespern, picken wie die Tauben, sie sollen es nicht.

Manche sind einsichtig, fügsam. Manche sind es nicht. Es kommen die Schüler auf Klassenreise, schwer zu bändigen, oft hören sie nicht zu. Die Reisegruppen mit straffem Programm.

Die verliebten Paare. Die schwangeren Paare. Die schwulen Paare, die lesbischen Paare. Die grauhaarigen Paare, die vor langer Zeit schon mal da waren und prüfen wollen, ob irgendetwas von damals noch stimmt.

Süchtig nach Bildern und Fassaden

Es kommen diejenigen, denen Vivaldi, Wagner, Liszt in den Ohren dröhnt oder das Wort Lord Byrons: Ich liebe die melancholische Heiterkeit der Gondeln und die Stille der Kanäle. Mich stört nicht einmal die offensichtliche Dekadenz der Stadt.

Die Kunstsinnigen, die unter Bellini seit jeher mehr als einen Cocktail und unter Carpaccio mehr als eine Fleischspeise verstehen. Diejenigen, die süchtig sind nach Bildern und Fassaden. Der Fondaco war einmal eines ihrer Ziele, jetzt ist er es nicht mehr.

"Äußerst zufriedenstellende Zahlen" meldet die Tourismuszentrale. Nach wie vor kommen die Amerikaner, sie stellen die größte Gruppe unter den ausländischen Touristen, gefolgt von Franzosen, Briten und Deutschen. Russen, Brasilianer und Chinesen holen auf. Zwölf Prozent mehr Reisende kamen 2011 im Vergleich zum Vorjahr, bei den Übernachtungen waren es plus elf Prozent.

Manchmal zieht ein Mensch mit zielstrebigem Schritt über den berühmten, taubenverkackten Platz. Vermutlich einer von den 58.806, einer der hier wirklich wohnt.

Dieser Artikel stammt aus dem neuen SPIEGEL Geschichte. Sie können es hier kaufen.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Oberleerer 05.06.2012
1.
Die Grundsteuer abgeschafft. Berlusconi hat also den Feudalismus wieder eingeführt, mit Großgrundbesitzern und Landlosen. Wenns nicht so traurig wäre. Hatten die Italiener eigentlich schonmal eine Revolution aus dem Volk oder haben die sich bisher schon immer am Nasenring durch die Manege führen lassen?
MrStoneStupid 05.06.2012
2. Einige einfache Maßnahmen
- zweite Wohnsitze so hoch besteuern, bis deren Anzahl akzeptabel ist, - hohe Gebühren für alles was nervt und nicht dem Gemeinwohl dient, - hohe Gebühr für jeden Touristen, Venedig kann sich das leisten. Mit dem Geld wird Venedig saniert und so lebenswerter für Einheimische und begehrenswerter für Touris (deren Anzahl aber mit Gebühren begrenzt werden muss). Ein Problem ist vermutlich auch die Mafia und der lokale Klüngel und da hilft bekanntlich eine wirksamere Verbrechensbekämpfung. (alles imho)
hitman67 05.06.2012
3. Venedig hat 2 Gesichter
Alles was in diesem Artikel beschrieben wird ist - leider - wahr. Ich selbst war in den vergangenen 20 Jahren mehr als ein Dutzend Mal in Venedig. Immer mehr Markennamen prangen an den Fassaden der historischen Gebäude. Ich finde das auch mehr als bedauerlich, aber es scheint angesichts der ökonomischen Rahmenbedingungen eine Notwendigkeit. Eine Alternative wären horrende Gebühren für den Besuch von Venedig zu verlangen. Die Touristenströme waren schon immer da und tagsüber sind die meist besuchten Attraktionen stets hoffnungslos überfüllt. Das Problem ist, dass es zwei Gruppen Touristen gibt. Die weitaus größte Gruppe stellen die "Tagestouristen" die ab dem frühen Morgen in die Stadt eindringen wie das regelmäßige Hochwasser. Im Schnitt lassen diese Touristen nur wenig Geld in der Stadt und leisten damit keinen besonders hohen Beitrag zu deren Erhalt. Auf der anderen Seite gibt es die Touristen die in Venedig wohnen. Diese kommen in den Genuss das "wahre Gesicht" der Stadt kennenzulernen, wenn es so was überhaupt noch gibt. Ab 19 Uhr wird es angenehm ruhig und in den späten Abendstunden hört man selbst unweit des Markusplatzes die sprichwörtliche Stecknadel fallen. In den Restaurants tummeln sich ebenso viele Einheimische wie Touristen. Venedig ist und bleibt eine traumhafte Stadt mit wundervollen Künstlern, hervorragenden Restaurants und Kulturgütern.
Ylex 05.06.2012
4. Untergang im Menschenmeer
Venedig ist eine Touristenattraktion von Weltrang, so wie Chinesische Mauer oder die ägyptischen Pyramiden – aber letztere sind unbewohnt, sie ertragen den Rummel gleichmütig, sie leiden nicht ablesbar unter dem Druck der Menschenmassen und des Geldes, die alles kaputt zu machen drohen. Zitat: "Die Privatwirtschaft, so sieht es Giorgio Orsoni, der Bürgermeister, habe bei der Rettung der Palazzi eine "essentielle Funktion". In einer Zeit, "da die staatlichen Fonds für den Schutz des Denkmalbestands Venedigs praktisch auf null reduziert worden sind", habe die Stadt ja dennoch Verantwortung für den enormen Reichtum, den sie geerbt habe. Aber dafür die Sozialkassen plündern? Nein. Man brauche sie, die Privaten. Man müsse allerdings künftig darauf achten, dass das große Erbe "für einen öffentlichen Gebrauch zugänglich bleibt, und verhindern, dass Hotels daraus werden." Das klingt deprimierend, fast wie eine Kapitulation. Die Italiener allein haben die Verantwortung für diese einmalige Lagunenstadt, sie allein können die Einwohner vor den viel zu vielen Besuchern und vor den ständigen Angriffen des Kapitals schützen. Die Privaten werden nur deshalb gebraucht, weil Italien in Bezug auf Venedig falsche Grundsatzentscheidungen getroffen hat – Italien lässt es zu, dass die Stadt immer gnadenloser vermarktet wird. Diese Vermarktung zerstört Venedig, seine Atmosphäre, den unvergleichlichen Hauch des Morbiden, das Geheimnisvolle, das Eindringliche. Ja, die Häuserfassaden, der Canal Grande, die Palazzos, ja sie sind herrlich anzusehen, ein einzigartiges Ensemble, das allerdings zum Vehikel für kreischende und sich die Finger wund knipsende Schönheitskonsumenten verkommen ist, für die Abhaker des Romance-Feeling, für die stampfenden, das Empfindsame dieser Stadt niedertrampelnden Horden, die unablässig aus den Kreuzfahrt-Hochhäusern strömen, die Venedig jeden Tag wie ein Heuschreckenschwarm überfallen. Der Zugang zu Venedig muss reglementiert werden – das ist der einzige Ausweg aus dem drohenden Untergang Venedigs, nicht im Meer, sondern im Menschenmeer. Zurück zum Niedergang, zur faszinierenden Dekadenz der Lagunenstadt. Die Venezianer müssen aufschreien, sie müssen gegen die gnadenlose Ausbeutung ihrer Heimat aufbegehren – und sie müssen gehört werden. Keine touristische No-Go-Area, aber Eintrittskarten für Venedig wären notwendig, sie müssten nicht teuer sein, nur ihre Zahl müsste begrenzt sein.
apakker 05.06.2012
5. Händlerzeichen versus grafffiti
"und auch mit den in Stein geritzten "Händlerzeichen", durch die die Bewohner, ähnlich wie Graffiti-Sprayer von heute, dafür sorgen wollten, dass eine Spur von ihnen blieb". Händlerzeichen und Graffiti in einem Satz logisch miteinander zuverknüpfen halte ich für gewagt. Oder die Aussage ist dann banal.
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