Venedig Die Letzten ihrer Art

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3. Teil: Das Geld fehlt schon lange


Ein halbstiller Morgen, am schrundigen Gebäude bei Rialto vorbei, über die Brücke, ein paar Gassen links, ein paar rechts, dann in einen schmalen, dunklen Durchlass hinein: der Palazzo Barbarigo della Terrazza. Innen Wandbänke aus Stein, lichter Blick zum Wasser, die Treppe hoch, Salons, grandiose Terrasse zum Canal Grande hin, Bibliothek, Konferenztisch unter strahlendem Kronleuchter, darunter drei Frauen, auch sie sprechen über den Fondaco dei Tedeschi, seufzend, aber dennoch enthusiastisch.

Die drei Frauen sind Sabine Meine, Musikwissenschaftlerin, Romanistin, Direktorin des Deutschen Studienzentrums im Palazzo Barbarigo, und zwei ihrer Stipendiatinnen, deren Forschung sich mit dem Fondaco dei Tedeschi befasst. Der Fondaco, mit Fresken bemalt von Tizian und Giorgione, gehörte Venedig, war aber Warenlager, Kontorhaus, Herberge, Handelsplatz der Deutschen. Unternehmerfamilien wie die Fugger verkauften Kupfer, Blei, Leder, Felle, versorgten sich mit Zitrusfrüchten, Stoffen, Gewürzen, Büchern, Kunst.

Im späten 19. Jahrhundert wurde das Gebäude zur Hauptpost von Venedig, ging also über in die Hand des Staates Italien. Jetzt gehört es Benetton, der Pulloverfirma. 53 Millionen Euro hat sie dafür bezahlt.

"Wir machen uns Sorgen." Das sagen alle drei. Die Stipendiatin Sibylle Backmann erforscht die Bedeutung der alten Handelsniederlassung für die "Inklusion und Exklusion oberdeutscher Kaufleute in Wirtschaft und Gesellschaft (1550-1560)". Die Stipendiatin Bettina Pfotenhauer erforscht die "gesellschaftlichen und kulturellen Beziehungen von Venedig und Nürnberg im 15. Jahrhundert" und die Bedeutung des Fondaco für diesen Austausch.

Das Deutsche Studienzentrum sitzt auf zwei Stockwerken im Palazzo Barbarigo, trägt zur Erhaltung des Palasts bei und finanziert fächerübergreifend Kunst und Forschung über Venedig. Es ist eine jener Einrichtungen - Stiftungen, Wissenschafts- und Kulturinstitute -, die nach der Hochwasserkatastrophe von 1966 gegründet wurden und dazu beitragen, Venedig als historischen Ort zu erhalten. Institute, die noch Geld haben in dieser Zeit, da es in Italien selbst an allem fehlt. Sie bringen jene Spezies Mensch nach Venedig, die ihren Forschungsgegenstand bewohnen darf, vorübergehend jedenfalls. Und die großes Interesse daran hat, dass er erhalten bleibt.

Die Deutschen spielten gern und tranken ordentlich

Der Fondaco soll früher "einer der meistbesuchten und schönsten Orte der Stadt" gewesen sein, sagen Quellen aus dem 16. Jahrhundert. Mit seiner Fassadenmalerei, mit seinen Wandbildern von Tintoretto und Veronese, mit dem mehrstöckigen Innenhof, und auch mit den in Stein geritzten "Händlerzeichen", durch die die Bewohner, ähnlich wie Graffiti-Sprayer von heute, dafür sorgen wollten, dass eine Spur von ihnen blieb. Sie ritzten auch Mühle-Spielfelder in den Stein, die Deutschen spielten gern und tranken ordentlich, das war jedenfalls ihr Ruf.

Von drei roten Rolltreppen im Innenhof war die Rede, als das Team des niederländischen Architekten Rem Koolhaas seine ersten Pläne für Benettons Kaufhaus präsentierte. Von nachgemalten Fassadenfresken, weil die Reste der echten ja längst im Ca' d'Oro-Museum sind. Die Stimmung nicht nur im Studienzentrum: Alarm. Wenn Benetton das darf, wer wird dann in Zukunft was noch alles dürfen?

Das Geld fehlt in Venedig, lange schon. Weil von den Einkünften, die kommen, zu wenig in den Gemeindekassen landet, weil unter Silvio Berlusconi die Grundsteuer abgeschafft wurde, weil Venedig versinkt und gerettet werden muss, weil die Gebäude verrotten, weil "Mose" kostet, das gigantische Sperrwerk, das jetzt gebaut wird, um Venedig ein paar Jahrzehnte lang vor Überflutung zu bewahren. Das Großprojekt - ökologisch wie ökonomisch umstritten - frisst die Sondermittel auf, die Venedig früher aus Rom bekam.

Die Stadt ist voll von prächtigen Bauten, die vor gar nicht langer Zeit noch öffentliches Eigentum waren und jetzt privaten Besitzern gehören. Palazzo Rava Giustinian, Palazzo Soranzo Piovene, Palazzo Sagredo, Palazzo Ruzzini Priuli, Palazzo Genovese, Palazzo Nani Mocenigo, sie alle wurden verkauft, alle wurden zu Hotels.

Die Privatwirtschaft, so sieht es Giorgio Orsoni, der Bürgermeister, habe bei der Rettung der Palazzi eine "essentielle Funktion". In einer Zeit, "da die staatlichen Fonds für den Schutz des Denkmalbestands Venedigs praktisch auf null reduziert worden sind", habe die Stadt ja dennoch Verantwortung für den enormen Reichtum, den sie geerbt habe. Aber dafür die Sozialkassen plündern? Nein. Man brauche sie, die Privaten. Man müsse allerdings künftig darauf achten, dass das große Erbe "für einen öffentlichen Gebrauch zugänglich bleibt, und verhindern, dass Hotels daraus werden".

"Das war doch kein Kaufhaus"

Der Fondaco - man werde dafür sorgen, dass das Erdgeschoss und der oberste Stock der Stadt, also der Öffentlichkeit, zur Verfügung gestellt werden, lässt Orsoni wissen. Der Denkmalschutz werde sein ernstes Wort mitreden. Im Übrigen habe die Stadt nur dem zugestimmt, was geschichtlich gesehen "immer die Aufgabe des Palastes war: ein Ort des Gewerbes und des Tauschhandels zu sein".

"Er war doch kein Kaufhaus", sagt dazu Bettina Pfotenhauer, die das Leben dort im 15. Jahrhundert erforscht hat. "Er war viel mehr, er war Börse für Waren, Geld und Nachrichten, für Kommunikation zwischen Italien und Oberdeutschland", war eine Mischung aus Handelsplatz und soziokulturellem Zentrum, und das, wünschen sich die drei Wissenschaftlerinnen vom Studienzentrum, möge künftig, bitte sehr, noch zu spüren sein. So ähnlich stand es im offenen Brief, den das Centro Tedesco di Studi Veneziani zusammen mit anderen Besorgten an Orsini, den Bürgermeister, verschickte.

Am Fondaco stoßen die Interessen hart aufeinander, die der Forscher, die weiter ungestört forschen, und die der Kommerziellen, die Geld verdienen wollen. Die der Touristen mit ihren Widersprüchen, die sich Venedig so wünschen, wie es immer war, aber mit modernem Komfort und Einkaufsmöglichkeit. Und die Interessen der Venezianer, die unter Einkaufen etwas anderes verstehen als die Fremden, die nur hier sind für einen Tag.

Zurzeit steht der Fondaco leer und vergammelt, ist mit Gittern und Schlössern gesichert und ungenutzt. Correspondente non funzionante steht warnend über toten Briefschlitzen.

Dafür ist ihm jetzt die moderne Zeit grellbunt auf die Mauern gerückt mit festgekleisterter Werbung, für einen "General Levy from London featuring DJ Afghan", für ein Konzert mit dem Dirigenten Daniel Barenboim, für ein Kleintheater, das ein Stück namens "Beatrice all'Inferno" spielt. Für einen deutschsprachigen Roman namens "Alles anders", erschienen im Novum-Verlag, einem "Verlag für Neuautoren"; der Klappentext auf dem Werbezettel geht so: "Schlag für Schlag ändert sich Dr. Beate Thomas' Leben. Nach einem folgenschweren Ereignis flüchtet sie zu Freunden in Venedig, wo sie sich von jeher heimisch fühlt. Dort umgarnt sie der rassige Fabrizio, Schwarm aller Frauen. Eine unerwartete berufliche Wende führt sie schließlich..."

So träumen sie.

Die österreichische Fast-schon-Romanciere.

Die dänische Kunsthistorikerin auf dem langen Weg zur Dissertation.

Der spanische Bildhauer, der beinahe richtig berühmt ist.

Die Designerin aus Oberbayern, die irgendwann, demnächst, von ihrem Glasperlenschmuck leben können wird.

Manche bleiben tatsächlich. Oft nehmen sie halbprekäre Existenzen in Kauf, weil sie sich in Venedig oder einen Venezianer verliebt haben, weil sie die Inspiration suchen, weil sie die große Bühne wollen für das eigene Leben und Werk. Sie bleiben in einer Stadt, die immer feucht und immer voll ist und eigentlich nicht mehr zum Wohnen taugt.

Weil in jeder Gasse, durch die man muss, 50 Franzosen oder Koreaner mit ihren Digitalkameras stehen. Weil der Bäcker zumacht, und wieder eröffnet ein Maskengeschäft. Weil man nicht sicher sein kann, dass es noch irgendwo in der Stadt den Staubwedel, den man braucht, zu kaufen gibt.

Funerali, Bestattungen, die bekommt man geboten. Sogar Funerali ecologici, oder green funerals für die Zugereisten. Falls sie ernst machen wollen mit dem Leben, Bleiben und Sterben in der Stadt.

Dieser Artikel stammt aus dem neuen SPIEGEL Geschichte. Sie können es hier kaufen.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Oberleerer 05.06.2012
1.
Die Grundsteuer abgeschafft. Berlusconi hat also den Feudalismus wieder eingeführt, mit Großgrundbesitzern und Landlosen. Wenns nicht so traurig wäre. Hatten die Italiener eigentlich schonmal eine Revolution aus dem Volk oder haben die sich bisher schon immer am Nasenring durch die Manege führen lassen?
MrStoneStupid 05.06.2012
2. Einige einfache Maßnahmen
- zweite Wohnsitze so hoch besteuern, bis deren Anzahl akzeptabel ist, - hohe Gebühren für alles was nervt und nicht dem Gemeinwohl dient, - hohe Gebühr für jeden Touristen, Venedig kann sich das leisten. Mit dem Geld wird Venedig saniert und so lebenswerter für Einheimische und begehrenswerter für Touris (deren Anzahl aber mit Gebühren begrenzt werden muss). Ein Problem ist vermutlich auch die Mafia und der lokale Klüngel und da hilft bekanntlich eine wirksamere Verbrechensbekämpfung. (alles imho)
hitman67 05.06.2012
3. Venedig hat 2 Gesichter
Alles was in diesem Artikel beschrieben wird ist - leider - wahr. Ich selbst war in den vergangenen 20 Jahren mehr als ein Dutzend Mal in Venedig. Immer mehr Markennamen prangen an den Fassaden der historischen Gebäude. Ich finde das auch mehr als bedauerlich, aber es scheint angesichts der ökonomischen Rahmenbedingungen eine Notwendigkeit. Eine Alternative wären horrende Gebühren für den Besuch von Venedig zu verlangen. Die Touristenströme waren schon immer da und tagsüber sind die meist besuchten Attraktionen stets hoffnungslos überfüllt. Das Problem ist, dass es zwei Gruppen Touristen gibt. Die weitaus größte Gruppe stellen die "Tagestouristen" die ab dem frühen Morgen in die Stadt eindringen wie das regelmäßige Hochwasser. Im Schnitt lassen diese Touristen nur wenig Geld in der Stadt und leisten damit keinen besonders hohen Beitrag zu deren Erhalt. Auf der anderen Seite gibt es die Touristen die in Venedig wohnen. Diese kommen in den Genuss das "wahre Gesicht" der Stadt kennenzulernen, wenn es so was überhaupt noch gibt. Ab 19 Uhr wird es angenehm ruhig und in den späten Abendstunden hört man selbst unweit des Markusplatzes die sprichwörtliche Stecknadel fallen. In den Restaurants tummeln sich ebenso viele Einheimische wie Touristen. Venedig ist und bleibt eine traumhafte Stadt mit wundervollen Künstlern, hervorragenden Restaurants und Kulturgütern.
Ylex 05.06.2012
4. Untergang im Menschenmeer
Venedig ist eine Touristenattraktion von Weltrang, so wie Chinesische Mauer oder die ägyptischen Pyramiden – aber letztere sind unbewohnt, sie ertragen den Rummel gleichmütig, sie leiden nicht ablesbar unter dem Druck der Menschenmassen und des Geldes, die alles kaputt zu machen drohen. Zitat: "Die Privatwirtschaft, so sieht es Giorgio Orsoni, der Bürgermeister, habe bei der Rettung der Palazzi eine "essentielle Funktion". In einer Zeit, "da die staatlichen Fonds für den Schutz des Denkmalbestands Venedigs praktisch auf null reduziert worden sind", habe die Stadt ja dennoch Verantwortung für den enormen Reichtum, den sie geerbt habe. Aber dafür die Sozialkassen plündern? Nein. Man brauche sie, die Privaten. Man müsse allerdings künftig darauf achten, dass das große Erbe "für einen öffentlichen Gebrauch zugänglich bleibt, und verhindern, dass Hotels daraus werden." Das klingt deprimierend, fast wie eine Kapitulation. Die Italiener allein haben die Verantwortung für diese einmalige Lagunenstadt, sie allein können die Einwohner vor den viel zu vielen Besuchern und vor den ständigen Angriffen des Kapitals schützen. Die Privaten werden nur deshalb gebraucht, weil Italien in Bezug auf Venedig falsche Grundsatzentscheidungen getroffen hat – Italien lässt es zu, dass die Stadt immer gnadenloser vermarktet wird. Diese Vermarktung zerstört Venedig, seine Atmosphäre, den unvergleichlichen Hauch des Morbiden, das Geheimnisvolle, das Eindringliche. Ja, die Häuserfassaden, der Canal Grande, die Palazzos, ja sie sind herrlich anzusehen, ein einzigartiges Ensemble, das allerdings zum Vehikel für kreischende und sich die Finger wund knipsende Schönheitskonsumenten verkommen ist, für die Abhaker des Romance-Feeling, für die stampfenden, das Empfindsame dieser Stadt niedertrampelnden Horden, die unablässig aus den Kreuzfahrt-Hochhäusern strömen, die Venedig jeden Tag wie ein Heuschreckenschwarm überfallen. Der Zugang zu Venedig muss reglementiert werden – das ist der einzige Ausweg aus dem drohenden Untergang Venedigs, nicht im Meer, sondern im Menschenmeer. Zurück zum Niedergang, zur faszinierenden Dekadenz der Lagunenstadt. Die Venezianer müssen aufschreien, sie müssen gegen die gnadenlose Ausbeutung ihrer Heimat aufbegehren – und sie müssen gehört werden. Keine touristische No-Go-Area, aber Eintrittskarten für Venedig wären notwendig, sie müssten nicht teuer sein, nur ihre Zahl müsste begrenzt sein.
apakker 05.06.2012
5. Händlerzeichen versus grafffiti
"und auch mit den in Stein geritzten "Händlerzeichen", durch die die Bewohner, ähnlich wie Graffiti-Sprayer von heute, dafür sorgen wollten, dass eine Spur von ihnen blieb". Händlerzeichen und Graffiti in einem Satz logisch miteinander zuverknüpfen halte ich für gewagt. Oder die Aussage ist dann banal.
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