Venedig Die Letzten ihrer Art

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4. Teil: Drinnen Ruhe - draußen Springseil und Spielzeugferrari


Eine Brücke weiter plötzlich: das Leben. Nachmittag, die schönste Stunde auf dem Campo Santi Giovanni e Paolo, zehn Gehminuten nordöstlich von Rialto. Es wimmelt. Es kreischt. Lucia! Non cadere! Giuseppe! Andiamo!! Raimondooo!!!!

Klonk, knallt ein Fußball gegen die Fassade von Santi Giovanni e Paolo, klonk, klonk, klonk, gegen den größten Sakralbau Venedigs, wo 27 Dogen ruhen, umgeben von Spätgotik, Hochrenaissance, Barock, klonk, klonk, klonk, drinnen ist Ruhe, draußen nicht.

Draußen: Springseil und Spielzeugferrari und rosa Kinderfahrrad mit kleinem Rennfahrer darauf, Kinder mit Rollschuhen, Kinder mit Hello-Kitty-Rucksack, Kinder mit Eis, verkleckert, Fangen spielend um das 1488 gegossene Reiterstandbild, quietschende, quicklebendige Kinder, lässige Mütter und Väter beim Tratsch, oder auf Caféstühlen beim Aperitif, meist ist es Sprizz, bitter, rot und leicht klebrig, dazu Erdnüsse, die sie lachend gegen Tauben verteidigen. Für Matteo Secchi, für viele in Venedig ist der Platz etwas Besonderes, er steht noch für etwas, das man schützen muss.

Matteos Tochter ist hier geboren. Hier, im rechten Winkel zur Kirche, steht die Scuola Grande di San Marco, eines der sechs großen historischen Bruderschaftsgebäude, das vor 200 Jahren städtisches Krankenhaus geworden ist. Unter Reliefs und Marmorintarsien finden Kranke Zugang, im Renaissance-Ambiente kann man sich urologisch, gastroenterologisch behandeln lassen oder ein Kind gebären, noch, im letzten richtigen Krankenhaus der Stadt.

In jüngster Zeit, begleitet von Protesten in der Stadt, ist immer mehr medizinischer Service aufs Festland verlagert worden. Es war sogar schon die Rede, die Geburtsstation ganz zu schließen.

Dann würden keine Venezianer mehr geboren.

Dieser Artikel stammt aus dem neuen SPIEGEL Geschichte. Sie können es hier kaufen.

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insgesamt 11 Beiträge
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Oberleerer 05.06.2012
1.
Die Grundsteuer abgeschafft. Berlusconi hat also den Feudalismus wieder eingeführt, mit Großgrundbesitzern und Landlosen. Wenns nicht so traurig wäre. Hatten die Italiener eigentlich schonmal eine Revolution aus dem Volk oder haben die sich bisher schon immer am Nasenring durch die Manege führen lassen?
MrStoneStupid 05.06.2012
2. Einige einfache Maßnahmen
- zweite Wohnsitze so hoch besteuern, bis deren Anzahl akzeptabel ist, - hohe Gebühren für alles was nervt und nicht dem Gemeinwohl dient, - hohe Gebühr für jeden Touristen, Venedig kann sich das leisten. Mit dem Geld wird Venedig saniert und so lebenswerter für Einheimische und begehrenswerter für Touris (deren Anzahl aber mit Gebühren begrenzt werden muss). Ein Problem ist vermutlich auch die Mafia und der lokale Klüngel und da hilft bekanntlich eine wirksamere Verbrechensbekämpfung. (alles imho)
hitman67 05.06.2012
3. Venedig hat 2 Gesichter
Alles was in diesem Artikel beschrieben wird ist - leider - wahr. Ich selbst war in den vergangenen 20 Jahren mehr als ein Dutzend Mal in Venedig. Immer mehr Markennamen prangen an den Fassaden der historischen Gebäude. Ich finde das auch mehr als bedauerlich, aber es scheint angesichts der ökonomischen Rahmenbedingungen eine Notwendigkeit. Eine Alternative wären horrende Gebühren für den Besuch von Venedig zu verlangen. Die Touristenströme waren schon immer da und tagsüber sind die meist besuchten Attraktionen stets hoffnungslos überfüllt. Das Problem ist, dass es zwei Gruppen Touristen gibt. Die weitaus größte Gruppe stellen die "Tagestouristen" die ab dem frühen Morgen in die Stadt eindringen wie das regelmäßige Hochwasser. Im Schnitt lassen diese Touristen nur wenig Geld in der Stadt und leisten damit keinen besonders hohen Beitrag zu deren Erhalt. Auf der anderen Seite gibt es die Touristen die in Venedig wohnen. Diese kommen in den Genuss das "wahre Gesicht" der Stadt kennenzulernen, wenn es so was überhaupt noch gibt. Ab 19 Uhr wird es angenehm ruhig und in den späten Abendstunden hört man selbst unweit des Markusplatzes die sprichwörtliche Stecknadel fallen. In den Restaurants tummeln sich ebenso viele Einheimische wie Touristen. Venedig ist und bleibt eine traumhafte Stadt mit wundervollen Künstlern, hervorragenden Restaurants und Kulturgütern.
Ylex 05.06.2012
4. Untergang im Menschenmeer
Venedig ist eine Touristenattraktion von Weltrang, so wie Chinesische Mauer oder die ägyptischen Pyramiden – aber letztere sind unbewohnt, sie ertragen den Rummel gleichmütig, sie leiden nicht ablesbar unter dem Druck der Menschenmassen und des Geldes, die alles kaputt zu machen drohen. Zitat: "Die Privatwirtschaft, so sieht es Giorgio Orsoni, der Bürgermeister, habe bei der Rettung der Palazzi eine "essentielle Funktion". In einer Zeit, "da die staatlichen Fonds für den Schutz des Denkmalbestands Venedigs praktisch auf null reduziert worden sind", habe die Stadt ja dennoch Verantwortung für den enormen Reichtum, den sie geerbt habe. Aber dafür die Sozialkassen plündern? Nein. Man brauche sie, die Privaten. Man müsse allerdings künftig darauf achten, dass das große Erbe "für einen öffentlichen Gebrauch zugänglich bleibt, und verhindern, dass Hotels daraus werden." Das klingt deprimierend, fast wie eine Kapitulation. Die Italiener allein haben die Verantwortung für diese einmalige Lagunenstadt, sie allein können die Einwohner vor den viel zu vielen Besuchern und vor den ständigen Angriffen des Kapitals schützen. Die Privaten werden nur deshalb gebraucht, weil Italien in Bezug auf Venedig falsche Grundsatzentscheidungen getroffen hat – Italien lässt es zu, dass die Stadt immer gnadenloser vermarktet wird. Diese Vermarktung zerstört Venedig, seine Atmosphäre, den unvergleichlichen Hauch des Morbiden, das Geheimnisvolle, das Eindringliche. Ja, die Häuserfassaden, der Canal Grande, die Palazzos, ja sie sind herrlich anzusehen, ein einzigartiges Ensemble, das allerdings zum Vehikel für kreischende und sich die Finger wund knipsende Schönheitskonsumenten verkommen ist, für die Abhaker des Romance-Feeling, für die stampfenden, das Empfindsame dieser Stadt niedertrampelnden Horden, die unablässig aus den Kreuzfahrt-Hochhäusern strömen, die Venedig jeden Tag wie ein Heuschreckenschwarm überfallen. Der Zugang zu Venedig muss reglementiert werden – das ist der einzige Ausweg aus dem drohenden Untergang Venedigs, nicht im Meer, sondern im Menschenmeer. Zurück zum Niedergang, zur faszinierenden Dekadenz der Lagunenstadt. Die Venezianer müssen aufschreien, sie müssen gegen die gnadenlose Ausbeutung ihrer Heimat aufbegehren – und sie müssen gehört werden. Keine touristische No-Go-Area, aber Eintrittskarten für Venedig wären notwendig, sie müssten nicht teuer sein, nur ihre Zahl müsste begrenzt sein.
apakker 05.06.2012
5. Händlerzeichen versus grafffiti
"und auch mit den in Stein geritzten "Händlerzeichen", durch die die Bewohner, ähnlich wie Graffiti-Sprayer von heute, dafür sorgen wollten, dass eine Spur von ihnen blieb". Händlerzeichen und Graffiti in einem Satz logisch miteinander zuverknüpfen halte ich für gewagt. Oder die Aussage ist dann banal.
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