Venedig Die Letzten ihrer Art

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5. Teil: "Lassen Sie Platz für die Venezianer"


Was macht diese pausenlos präsente Schönheit mit einem Menschen, der in ihr lebt? Sieht er sie nicht mehr? Sabine Meine, Direktorin im Palazzo Barbarigo und befristete Venezianerin, sagt: "Es war - im besten Sinne - ein Schock, hierher zu kommen. Jeder Tag ist Dankbarkeit, und jeder Tag ist wieder ein Schock."

Matteo Secchi, Hotelier und Venedigschützer, sagt: "Man ist nicht leicht zu beeindrucken, anderswo in der Welt. Man reist und sagt: Ah, ja, noch eine Kirche. Habe ich zu Hause auch."

Veronica, deren Nachname nicht genannt werden soll, Veronica also sagt: "Ich mag diese Frage nicht."

Leicht erschöpft bleibt sie stehen, Veronica, Fremdenführerin, nicht jung, sehr dünn, schmale Hose, strenge Jacke, strenger Blick. Sie hat ihrer Gruppe San Marco erklärt, das Teatro La Fenice, die Wendeltreppe am Palazzo Contarini del Bovolo, das Hotel San Fantin, das noch Kanonenkugeln aus österreichischer Zeit in der Fassade trägt, sie will ihre Gruppe, thank you, thank you very much, bei der Rialtobrücke verabschieden, beantwortet letzte Fragen, blickt zum schrundigen Fondaco hin, der sich im Canal Grande spiegelt, sie seufzt, warum sie seufzt, erklärt sie zunächst nicht.

Die Venezianerin Veronica lebt von der Geschichte, Geschichte als Schauspiel von Menschen und Abenteuern, und der Anblick Venedigs, so braucht sie es, muss bleiben, wie er war. Damit Venedig für die Fremden die Einladung zum Träumen bleibt, damit der Hunger nach Geschichten bleibt, den sie dann mit ihren Erzählungen stillt.

Wo kann man denn hier einkaufen?

Vielleicht, hebt sie an zu sagen, muss man nicht unbedingt der Meinung sein, dass man direkt an der Rialtobrücke dringend einen neuen Pullover braucht, da hat eine ukrainisch-amerikanische Familie aus ihrer Reisegruppe noch eine letzte Frage: "Sagen sie, wo kann man denn hier einkaufen? Shoppen? Wo kaufen Sie denn ein?" Veronica zuckt die Achseln, deutet in Richtung San Marco, wo die teuren Gucci-, Missoni-, Armani-Läden sind, murmelt schließlich "wir wissen es eben ein bisschen früher, wenn es Sonderangebote gibt".

Vielleicht werden die Touristen das Warenhaus an der Rialtobrücke mögen. Vielleicht werden sie es aufregend finden, zu Hause ein Kleidungsstück vorzuführen: "Schau mal, hab ich in Venedig gekauft."

Veronica sagt, es sei schwierig, aber sie versuche den Fremden zu vermitteln, dass es tatsächlich Menschen gibt, für die Venedig ein Wohnort ist. Immer sagt sie in den engen Gassen: "Lassen Sie Platz für die Venezianer", aber es nützt nichts. Die Leute vergessen es sofort. Veronica sagt, es stimme tatsächlich, dass Touristen manchmal fragen: "Wann macht Venedig abends zu?"

Dieser Artikel stammt aus dem neuen SPIEGEL Geschichte. Sie können es hier kaufen.

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insgesamt 11 Beiträge
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Oberleerer 05.06.2012
1.
Die Grundsteuer abgeschafft. Berlusconi hat also den Feudalismus wieder eingeführt, mit Großgrundbesitzern und Landlosen. Wenns nicht so traurig wäre. Hatten die Italiener eigentlich schonmal eine Revolution aus dem Volk oder haben die sich bisher schon immer am Nasenring durch die Manege führen lassen?
MrStoneStupid 05.06.2012
2. Einige einfache Maßnahmen
- zweite Wohnsitze so hoch besteuern, bis deren Anzahl akzeptabel ist, - hohe Gebühren für alles was nervt und nicht dem Gemeinwohl dient, - hohe Gebühr für jeden Touristen, Venedig kann sich das leisten. Mit dem Geld wird Venedig saniert und so lebenswerter für Einheimische und begehrenswerter für Touris (deren Anzahl aber mit Gebühren begrenzt werden muss). Ein Problem ist vermutlich auch die Mafia und der lokale Klüngel und da hilft bekanntlich eine wirksamere Verbrechensbekämpfung. (alles imho)
hitman67 05.06.2012
3. Venedig hat 2 Gesichter
Alles was in diesem Artikel beschrieben wird ist - leider - wahr. Ich selbst war in den vergangenen 20 Jahren mehr als ein Dutzend Mal in Venedig. Immer mehr Markennamen prangen an den Fassaden der historischen Gebäude. Ich finde das auch mehr als bedauerlich, aber es scheint angesichts der ökonomischen Rahmenbedingungen eine Notwendigkeit. Eine Alternative wären horrende Gebühren für den Besuch von Venedig zu verlangen. Die Touristenströme waren schon immer da und tagsüber sind die meist besuchten Attraktionen stets hoffnungslos überfüllt. Das Problem ist, dass es zwei Gruppen Touristen gibt. Die weitaus größte Gruppe stellen die "Tagestouristen" die ab dem frühen Morgen in die Stadt eindringen wie das regelmäßige Hochwasser. Im Schnitt lassen diese Touristen nur wenig Geld in der Stadt und leisten damit keinen besonders hohen Beitrag zu deren Erhalt. Auf der anderen Seite gibt es die Touristen die in Venedig wohnen. Diese kommen in den Genuss das "wahre Gesicht" der Stadt kennenzulernen, wenn es so was überhaupt noch gibt. Ab 19 Uhr wird es angenehm ruhig und in den späten Abendstunden hört man selbst unweit des Markusplatzes die sprichwörtliche Stecknadel fallen. In den Restaurants tummeln sich ebenso viele Einheimische wie Touristen. Venedig ist und bleibt eine traumhafte Stadt mit wundervollen Künstlern, hervorragenden Restaurants und Kulturgütern.
Ylex 05.06.2012
4. Untergang im Menschenmeer
Venedig ist eine Touristenattraktion von Weltrang, so wie Chinesische Mauer oder die ägyptischen Pyramiden – aber letztere sind unbewohnt, sie ertragen den Rummel gleichmütig, sie leiden nicht ablesbar unter dem Druck der Menschenmassen und des Geldes, die alles kaputt zu machen drohen. Zitat: "Die Privatwirtschaft, so sieht es Giorgio Orsoni, der Bürgermeister, habe bei der Rettung der Palazzi eine "essentielle Funktion". In einer Zeit, "da die staatlichen Fonds für den Schutz des Denkmalbestands Venedigs praktisch auf null reduziert worden sind", habe die Stadt ja dennoch Verantwortung für den enormen Reichtum, den sie geerbt habe. Aber dafür die Sozialkassen plündern? Nein. Man brauche sie, die Privaten. Man müsse allerdings künftig darauf achten, dass das große Erbe "für einen öffentlichen Gebrauch zugänglich bleibt, und verhindern, dass Hotels daraus werden." Das klingt deprimierend, fast wie eine Kapitulation. Die Italiener allein haben die Verantwortung für diese einmalige Lagunenstadt, sie allein können die Einwohner vor den viel zu vielen Besuchern und vor den ständigen Angriffen des Kapitals schützen. Die Privaten werden nur deshalb gebraucht, weil Italien in Bezug auf Venedig falsche Grundsatzentscheidungen getroffen hat – Italien lässt es zu, dass die Stadt immer gnadenloser vermarktet wird. Diese Vermarktung zerstört Venedig, seine Atmosphäre, den unvergleichlichen Hauch des Morbiden, das Geheimnisvolle, das Eindringliche. Ja, die Häuserfassaden, der Canal Grande, die Palazzos, ja sie sind herrlich anzusehen, ein einzigartiges Ensemble, das allerdings zum Vehikel für kreischende und sich die Finger wund knipsende Schönheitskonsumenten verkommen ist, für die Abhaker des Romance-Feeling, für die stampfenden, das Empfindsame dieser Stadt niedertrampelnden Horden, die unablässig aus den Kreuzfahrt-Hochhäusern strömen, die Venedig jeden Tag wie ein Heuschreckenschwarm überfallen. Der Zugang zu Venedig muss reglementiert werden – das ist der einzige Ausweg aus dem drohenden Untergang Venedigs, nicht im Meer, sondern im Menschenmeer. Zurück zum Niedergang, zur faszinierenden Dekadenz der Lagunenstadt. Die Venezianer müssen aufschreien, sie müssen gegen die gnadenlose Ausbeutung ihrer Heimat aufbegehren – und sie müssen gehört werden. Keine touristische No-Go-Area, aber Eintrittskarten für Venedig wären notwendig, sie müssten nicht teuer sein, nur ihre Zahl müsste begrenzt sein.
apakker 05.06.2012
5. Händlerzeichen versus grafffiti
"und auch mit den in Stein geritzten "Händlerzeichen", durch die die Bewohner, ähnlich wie Graffiti-Sprayer von heute, dafür sorgen wollten, dass eine Spur von ihnen blieb". Händlerzeichen und Graffiti in einem Satz logisch miteinander zuverknüpfen halte ich für gewagt. Oder die Aussage ist dann banal.
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