Venedig Die Letzten ihrer Art

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6. Teil: Am Rialtomarkt ist Venedig noch Heimat


Ach ja, Venedig verteidigen, es hört nicht auf. Dass das bei sehr guter Laune geschehen kann, zeigt sich an einem Samstagvormittag am Ufer des Canal Grande, gegen zwölf.

Mercato di Rialto, Gemüsemarkt, Fischmarkt, Venedig wuselt, Venedig riecht. Nach Alici, Gamberi, Seppie, Sarde, nach Merluzzo, Tonno, Sogliole. Nach Capesante, Calamaretti, Vongole veraci, nach der feuchten Pracht an den Fischtischen, Venedig lebt, Venedig kauft und kocht.

Einen stattlichen Herrn mit einem Plastikbeutel voll Fisch und einer Zeitung unterm Arm trifft man an einer Bar am Campo Bella Vienna gleich beim Markt, wo man alle trifft. Ein Sprizz trinkender und nach allen Seiten grüßender Herr, auch er macht sich Sorgen, doch er sieht nicht so aus. Es ist Marco Zordan, Presidente der Bürgerbewegung "40xVenedig". Auch er und seine Leute haben Venedigs Zukunft und Venedigs alte Mauern im Blick.

Ja doch, Benetton hat seine Pläne offenbar revidiert, keine falschen Fresken mehr, nicht mehr drei Rolltreppen, sondern zwei, und außerdem Raum für Kultur und Kommunikation.

Ja doch, aber - ciao Vincenzo! Das Problem, sagt Marco Zordan, der Architekt ist, ebenso wie sein eben gegrüßter Mitstreiter Vincenzo, sei kein architektonisches Problem, "das ist nicht unsere Diskussion". Es ist - "Das Leben! Die Allgemeinheit! Die Öffentlichkeit!" Öffentlicher Raum, der verschwinde und privatisiert werde. Den man dringend brauche, sagt Vincenzo, der Mitstreiter, "Einen Ort, an dem wir zusammensein können! Mit unseren Kindern Geburtstag feiern."

Das Kaufhaus, sagt Benetton, wird für alle offen sein. "Ja, wunderbar! Wir dürfen kostenlos eintreten zum Einkaufen! Und vielleicht sogar kostenlos auf die Toilette, wunderbar!"

Marco Zordan, mit einem Teller frittierte Meeresfrüchte in der Hand, die man im Stehen zum Aperitif verzehrt, steht auf dem kleinen, wuselvollen Platz und hat Pläne, hat Ideen für Venedig, weniger Hotels und Frühstückspensionen, weniger Touristen gleichzeitig in die Altstadt von Venedig, dafür mehr in die Region Veneto insgesamt; echte Statistiken, bitte sehr, wie viel Geld kommt überhaupt in die Stadt? Wo bleibt es hängen? Öffentliche Treffen! Mitsprache!

Der erste Rollkoffer des Tages

In der Zeitung, die er unter dem Arm trägt, steht es noch nicht, aber klar ist inzwischen, dass das letzte Wort über den Fondaco noch lange nicht gesprochen ist. Eine Fachkommission im Kulturministerium hat jetzt wissen lassen, dass sie die Rolltreppen nicht mag, die Plexiglasverkleidung, den Ponton im Kanal; ihr Gutachten fiel vernichtend aus, eine Art "Grabstein" für das Koolhaas-Projekt sieht "Venezia Today".

Aber Zordan hat ja andere Sorgen als die Fachkommission. Ihm geht es nicht um Rolltreppen, sondern um den Verlust von öffentlichem Raum.

Wir werden, sagt Marco Zordan, die Gemeinderäte besuchen. Ein letzter Tintenfischring, dann muss der Fisch im Plastikbeutel nach Hause. "Wir werden sehen", sagt Zordan. Es klingt nicht deprimiert. Er verschwindet im Gewühl. In einem heimatlichen Gewühl.

Am Rialtomarkt ist Venedig noch Heimat.

Am Campo Santi Giovanni e Paolo, im Kindergeschrei, ist Venedig noch Heimat.

Im Bezirk Cannaregio, wo Matteo sein kleines Hotel hat, nicht weit von Giovanni e Paolo, ist Venedig noch Heimat.

Abend, und wer in Cannaregio die Gassen entlanggeht, wird belohnt mit Stille. Mit Schritten im Dunkeln, Kanal und Brücke, die man als Einzelner überquert, schmale Gassen, kleiner Durchgang, eine dösende Katze, ein Laden, der Staubwedel verkauft. Eine alte, gebückte Frau schleppt ihr Brot nach Hause, ein junger Mann trägt sein Baby im Bauchsack durch die Nacht.

Früher Morgen, und die Stille hält noch, das Wasser am Schiffsanleger Richtung Murano ist Mitternachtsblau, wird Aquamarin, wird grünliches Türkis. Noch keine Menschen bisher, nur Möwengelächter am Abfall von gestern, dann ein leiser Jogger, dann ein Mann mit seinem Hund, dann kommt er, der erste Rollkoffer des Tages, zerklackt die Stille, es ist vorbei.

Dieser Artikel stammt aus dem neuen SPIEGEL Geschichte. Sie können es hier kaufen.

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insgesamt 11 Beiträge
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Oberleerer 05.06.2012
1.
Die Grundsteuer abgeschafft. Berlusconi hat also den Feudalismus wieder eingeführt, mit Großgrundbesitzern und Landlosen. Wenns nicht so traurig wäre. Hatten die Italiener eigentlich schonmal eine Revolution aus dem Volk oder haben die sich bisher schon immer am Nasenring durch die Manege führen lassen?
MrStoneStupid 05.06.2012
2. Einige einfache Maßnahmen
- zweite Wohnsitze so hoch besteuern, bis deren Anzahl akzeptabel ist, - hohe Gebühren für alles was nervt und nicht dem Gemeinwohl dient, - hohe Gebühr für jeden Touristen, Venedig kann sich das leisten. Mit dem Geld wird Venedig saniert und so lebenswerter für Einheimische und begehrenswerter für Touris (deren Anzahl aber mit Gebühren begrenzt werden muss). Ein Problem ist vermutlich auch die Mafia und der lokale Klüngel und da hilft bekanntlich eine wirksamere Verbrechensbekämpfung. (alles imho)
hitman67 05.06.2012
3. Venedig hat 2 Gesichter
Alles was in diesem Artikel beschrieben wird ist - leider - wahr. Ich selbst war in den vergangenen 20 Jahren mehr als ein Dutzend Mal in Venedig. Immer mehr Markennamen prangen an den Fassaden der historischen Gebäude. Ich finde das auch mehr als bedauerlich, aber es scheint angesichts der ökonomischen Rahmenbedingungen eine Notwendigkeit. Eine Alternative wären horrende Gebühren für den Besuch von Venedig zu verlangen. Die Touristenströme waren schon immer da und tagsüber sind die meist besuchten Attraktionen stets hoffnungslos überfüllt. Das Problem ist, dass es zwei Gruppen Touristen gibt. Die weitaus größte Gruppe stellen die "Tagestouristen" die ab dem frühen Morgen in die Stadt eindringen wie das regelmäßige Hochwasser. Im Schnitt lassen diese Touristen nur wenig Geld in der Stadt und leisten damit keinen besonders hohen Beitrag zu deren Erhalt. Auf der anderen Seite gibt es die Touristen die in Venedig wohnen. Diese kommen in den Genuss das "wahre Gesicht" der Stadt kennenzulernen, wenn es so was überhaupt noch gibt. Ab 19 Uhr wird es angenehm ruhig und in den späten Abendstunden hört man selbst unweit des Markusplatzes die sprichwörtliche Stecknadel fallen. In den Restaurants tummeln sich ebenso viele Einheimische wie Touristen. Venedig ist und bleibt eine traumhafte Stadt mit wundervollen Künstlern, hervorragenden Restaurants und Kulturgütern.
Ylex 05.06.2012
4. Untergang im Menschenmeer
Venedig ist eine Touristenattraktion von Weltrang, so wie Chinesische Mauer oder die ägyptischen Pyramiden – aber letztere sind unbewohnt, sie ertragen den Rummel gleichmütig, sie leiden nicht ablesbar unter dem Druck der Menschenmassen und des Geldes, die alles kaputt zu machen drohen. Zitat: "Die Privatwirtschaft, so sieht es Giorgio Orsoni, der Bürgermeister, habe bei der Rettung der Palazzi eine "essentielle Funktion". In einer Zeit, "da die staatlichen Fonds für den Schutz des Denkmalbestands Venedigs praktisch auf null reduziert worden sind", habe die Stadt ja dennoch Verantwortung für den enormen Reichtum, den sie geerbt habe. Aber dafür die Sozialkassen plündern? Nein. Man brauche sie, die Privaten. Man müsse allerdings künftig darauf achten, dass das große Erbe "für einen öffentlichen Gebrauch zugänglich bleibt, und verhindern, dass Hotels daraus werden." Das klingt deprimierend, fast wie eine Kapitulation. Die Italiener allein haben die Verantwortung für diese einmalige Lagunenstadt, sie allein können die Einwohner vor den viel zu vielen Besuchern und vor den ständigen Angriffen des Kapitals schützen. Die Privaten werden nur deshalb gebraucht, weil Italien in Bezug auf Venedig falsche Grundsatzentscheidungen getroffen hat – Italien lässt es zu, dass die Stadt immer gnadenloser vermarktet wird. Diese Vermarktung zerstört Venedig, seine Atmosphäre, den unvergleichlichen Hauch des Morbiden, das Geheimnisvolle, das Eindringliche. Ja, die Häuserfassaden, der Canal Grande, die Palazzos, ja sie sind herrlich anzusehen, ein einzigartiges Ensemble, das allerdings zum Vehikel für kreischende und sich die Finger wund knipsende Schönheitskonsumenten verkommen ist, für die Abhaker des Romance-Feeling, für die stampfenden, das Empfindsame dieser Stadt niedertrampelnden Horden, die unablässig aus den Kreuzfahrt-Hochhäusern strömen, die Venedig jeden Tag wie ein Heuschreckenschwarm überfallen. Der Zugang zu Venedig muss reglementiert werden – das ist der einzige Ausweg aus dem drohenden Untergang Venedigs, nicht im Meer, sondern im Menschenmeer. Zurück zum Niedergang, zur faszinierenden Dekadenz der Lagunenstadt. Die Venezianer müssen aufschreien, sie müssen gegen die gnadenlose Ausbeutung ihrer Heimat aufbegehren – und sie müssen gehört werden. Keine touristische No-Go-Area, aber Eintrittskarten für Venedig wären notwendig, sie müssten nicht teuer sein, nur ihre Zahl müsste begrenzt sein.
apakker 05.06.2012
5. Händlerzeichen versus grafffiti
"und auch mit den in Stein geritzten "Händlerzeichen", durch die die Bewohner, ähnlich wie Graffiti-Sprayer von heute, dafür sorgen wollten, dass eine Spur von ihnen blieb". Händlerzeichen und Graffiti in einem Satz logisch miteinander zuverknüpfen halte ich für gewagt. Oder die Aussage ist dann banal.
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