Venedig Die Letzten ihrer Art

Venedig, die Stadt der Künstler, der Touristen und der Geschäftemacher - wie lebt sie mit dem Erbe ihrer Geschichte? Kann sie für ihre Bewohner noch Heimat sein?

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Klackerdiklackerdiklackerdiklacker, das sind Rollkoffer, die auf Brückenmarmor schlagen, look, look, Rialto Bridge, das ist der ewige Lockruf der Reiseleiter, kommen Sie, dort drüben ist es, vite, vite, venez vite, nicht stehen bleiben, kommen Sie, meine Damen, meine Herren, und lassen Sie Platz, ein wenig Platz bitte für die Venezianer, kommen Sie, ein paar Meter noch, dies also ist die Rialtobrücke, Rivo Alto, der Geburtsort Venedigs, schon um 1180 führte hier eine Pontonbrücke von Ufer zu Ufer, dann eine Holzbrücke, abgebrannt und wieder aufgebaut und eingestürzt und jetzt aus Stein, seit 1588, schauen Sie nur. Es ist wie immer in der Altstadt von Venedig. Voll.

Im Gewühl der Reisegruppen bleibt er kurz stehen, Matteo Secchi, gebürtiger Venezianer, kein Reiseleiter, er zeigt auf ein schrundiges Gebäude gleich bei der Rialtobrücke, das sich hellgrau im Kanalwasser spiegelt, "das ist er, der Fondaco dei Tedeschi", sagt er so, als müsse jeder den Namen kennen. Er kann sich im Moment nicht weiter damit aufhalten, er hat etwas vor.

Kurz vor Mittag, am Campo San Bartolomeo, nur ein paar Schritte von der Brücke, sammelt sich seine Gruppe, Matelda, Alberto, Matteos Frau Beata, sie sind von Venessia.com, so nennen sie sich im Netz. Sie sind Venezianer, die ihr Venedig bewahren wollen. Sie haben die Medien geladen, für ein Jubiläum.

Sie zählen. Genau seit vier Jahren zählen sie jetzt, wie viele sie noch sind. Im Schaufenster der Apotheke am Platz wischt in roter Laufschrift diese Zahl vorbei: 58.855. So viele Einwohner hat das alte Venedig, nein Moment, ein technisch versierter Mensch aus der Gruppe tippt auf seinem Handy herum, aktualisiert die Zahl: 58.855, das war letzte Woche. Jetzt sind es 58.806.

Eine Stadt diskutiert und streitet

Die Alten gehen weg, weil sie die Brücken und Treppen nicht mehr schaffen. Die Jüngeren gehen, weil sie die Mieten nicht mehr zahlen können, weil sie nicht konkurrieren können mit Hotels und Frühstückspensionen oder mit den Reichen von auswärts, die sich hier ihren zweiten Wohnsitz halten, oder ihren dritten. Alberto wird in ein paar Wochen aufs Festland umziehen, er will nicht, er muss. Matteo hat vier Jahre lang dort gewohnt, dann hielt er es nicht mehr aus. Er kam zurück, will ausprobieren, ob sie noch eine Heimat sein kann, seine Stadt, die schönste Stadt der Welt. Und führt jetzt ein Hotel.

Er ist im Zwiespalt, lebt in und lebt von dieser mehr als 1000 Jahre alten Stadt, er nützt sie und will sie beschützen, will verhindern, dass noch oft geschieht, was mit dem Fondaco dei Tedeschi geschah.

Der Fondaco, 1508 erbaut, war jahrhundertelang die Handelsbörse der Deutschen, jetzt soll er ein Kaufhaus werden, er wurde an Benetton verkauft. Matteo und seine Gruppe macht es wütend. Die Stadt diskutiert und streitet.

Der Fondaco ist für die einen ein Symbol für den Ausverkauf Venedigs. Für die anderen ist er Symbol der Sachzwänge in einer verarmten Stadt, die das Geld von Firmen wie Prada, Bulgari, Benetton dringend braucht. Der graue Bau am Canal Grande ist große Geschichte und traurige Gegenwart, umkämpft, gefährdet. Am Umgang mit ihm lässt sich erklären, wie Venedig, die Stadt der Künstler und der Gelehrten, der Touristen, der Geldverdiener, wie diese Stadt mit ihrer Geschichte lebt.

Eine Stadt mit nicht einmal 60.000 Einwohnern, von 14 Millionen Fremden wird sie jedes Jahr besucht.

Dieser Artikel stammt aus dem neuen SPIEGEL Geschichte. Sie können es hier kaufen.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Oberleerer 05.06.2012
1.
Die Grundsteuer abgeschafft. Berlusconi hat also den Feudalismus wieder eingeführt, mit Großgrundbesitzern und Landlosen. Wenns nicht so traurig wäre. Hatten die Italiener eigentlich schonmal eine Revolution aus dem Volk oder haben die sich bisher schon immer am Nasenring durch die Manege führen lassen?
MrStoneStupid 05.06.2012
2. Einige einfache Maßnahmen
- zweite Wohnsitze so hoch besteuern, bis deren Anzahl akzeptabel ist, - hohe Gebühren für alles was nervt und nicht dem Gemeinwohl dient, - hohe Gebühr für jeden Touristen, Venedig kann sich das leisten. Mit dem Geld wird Venedig saniert und so lebenswerter für Einheimische und begehrenswerter für Touris (deren Anzahl aber mit Gebühren begrenzt werden muss). Ein Problem ist vermutlich auch die Mafia und der lokale Klüngel und da hilft bekanntlich eine wirksamere Verbrechensbekämpfung. (alles imho)
hitman67 05.06.2012
3. Venedig hat 2 Gesichter
Alles was in diesem Artikel beschrieben wird ist - leider - wahr. Ich selbst war in den vergangenen 20 Jahren mehr als ein Dutzend Mal in Venedig. Immer mehr Markennamen prangen an den Fassaden der historischen Gebäude. Ich finde das auch mehr als bedauerlich, aber es scheint angesichts der ökonomischen Rahmenbedingungen eine Notwendigkeit. Eine Alternative wären horrende Gebühren für den Besuch von Venedig zu verlangen. Die Touristenströme waren schon immer da und tagsüber sind die meist besuchten Attraktionen stets hoffnungslos überfüllt. Das Problem ist, dass es zwei Gruppen Touristen gibt. Die weitaus größte Gruppe stellen die "Tagestouristen" die ab dem frühen Morgen in die Stadt eindringen wie das regelmäßige Hochwasser. Im Schnitt lassen diese Touristen nur wenig Geld in der Stadt und leisten damit keinen besonders hohen Beitrag zu deren Erhalt. Auf der anderen Seite gibt es die Touristen die in Venedig wohnen. Diese kommen in den Genuss das "wahre Gesicht" der Stadt kennenzulernen, wenn es so was überhaupt noch gibt. Ab 19 Uhr wird es angenehm ruhig und in den späten Abendstunden hört man selbst unweit des Markusplatzes die sprichwörtliche Stecknadel fallen. In den Restaurants tummeln sich ebenso viele Einheimische wie Touristen. Venedig ist und bleibt eine traumhafte Stadt mit wundervollen Künstlern, hervorragenden Restaurants und Kulturgütern.
Ylex 05.06.2012
4. Untergang im Menschenmeer
Venedig ist eine Touristenattraktion von Weltrang, so wie Chinesische Mauer oder die ägyptischen Pyramiden – aber letztere sind unbewohnt, sie ertragen den Rummel gleichmütig, sie leiden nicht ablesbar unter dem Druck der Menschenmassen und des Geldes, die alles kaputt zu machen drohen. Zitat: "Die Privatwirtschaft, so sieht es Giorgio Orsoni, der Bürgermeister, habe bei der Rettung der Palazzi eine "essentielle Funktion". In einer Zeit, "da die staatlichen Fonds für den Schutz des Denkmalbestands Venedigs praktisch auf null reduziert worden sind", habe die Stadt ja dennoch Verantwortung für den enormen Reichtum, den sie geerbt habe. Aber dafür die Sozialkassen plündern? Nein. Man brauche sie, die Privaten. Man müsse allerdings künftig darauf achten, dass das große Erbe "für einen öffentlichen Gebrauch zugänglich bleibt, und verhindern, dass Hotels daraus werden." Das klingt deprimierend, fast wie eine Kapitulation. Die Italiener allein haben die Verantwortung für diese einmalige Lagunenstadt, sie allein können die Einwohner vor den viel zu vielen Besuchern und vor den ständigen Angriffen des Kapitals schützen. Die Privaten werden nur deshalb gebraucht, weil Italien in Bezug auf Venedig falsche Grundsatzentscheidungen getroffen hat – Italien lässt es zu, dass die Stadt immer gnadenloser vermarktet wird. Diese Vermarktung zerstört Venedig, seine Atmosphäre, den unvergleichlichen Hauch des Morbiden, das Geheimnisvolle, das Eindringliche. Ja, die Häuserfassaden, der Canal Grande, die Palazzos, ja sie sind herrlich anzusehen, ein einzigartiges Ensemble, das allerdings zum Vehikel für kreischende und sich die Finger wund knipsende Schönheitskonsumenten verkommen ist, für die Abhaker des Romance-Feeling, für die stampfenden, das Empfindsame dieser Stadt niedertrampelnden Horden, die unablässig aus den Kreuzfahrt-Hochhäusern strömen, die Venedig jeden Tag wie ein Heuschreckenschwarm überfallen. Der Zugang zu Venedig muss reglementiert werden – das ist der einzige Ausweg aus dem drohenden Untergang Venedigs, nicht im Meer, sondern im Menschenmeer. Zurück zum Niedergang, zur faszinierenden Dekadenz der Lagunenstadt. Die Venezianer müssen aufschreien, sie müssen gegen die gnadenlose Ausbeutung ihrer Heimat aufbegehren – und sie müssen gehört werden. Keine touristische No-Go-Area, aber Eintrittskarten für Venedig wären notwendig, sie müssten nicht teuer sein, nur ihre Zahl müsste begrenzt sein.
apakker 05.06.2012
5. Händlerzeichen versus grafffiti
"und auch mit den in Stein geritzten "Händlerzeichen", durch die die Bewohner, ähnlich wie Graffiti-Sprayer von heute, dafür sorgen wollten, dass eine Spur von ihnen blieb". Händlerzeichen und Graffiti in einem Satz logisch miteinander zuverknüpfen halte ich für gewagt. Oder die Aussage ist dann banal.
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