Russische Literatur Brücke zwischen den Kulturen

Von Rainer Traub

2. Teil


In der russischen Öffentlichkeit werde oft kein Unterschied zwischen Politik und Literatur gemacht: "Man verzeiht Limonow seine Politik, weil er Schriftsteller ist. Das wird politisch wie ästhetisch üble Folgen haben." Die Verlegerin sieht darin einen gefährlichen Rückfall. Schließlich sei gerade die Vermischung von Ästhetik und Politik das größte Problem der Kunst des 20. Jahrhunderts gewesen. "Die Deutschen haben das unter dem Faschismus genauso erfahren müssen wie die Russen unter dem Kommunismus."

Prochorowa bedauert, dass die Verleger im Westen Skandalautoren zu viel und der "sehr dynamischen Entwicklung einer neuen Literatur" in Russland zu wenig Aufmerksamkeit schenkten. Doch sie ist optimistischer als ihre Kollegin Perowa: Vor etwa fünf Jahren habe - nachdem das Publikum den ersten Kulturschock des Übergangs in den Kapitalismus verdaut hatte - in Russland eine neue Nachfrage nach Qualitätsliteratur eingesetzt. Und am Angebot fehlt es nicht.

Zu den verheißungsvollen Entwicklungen der jüngsten Zeit rechnet sie beispielsweise den literarischen Auftritt einer Reihe renommierter Universitätslehrer, die nach dem Vorbild eines Umberto Eco mit ihrer Belletristik Aufsehen erregen. Einer von ihnen, Alexander Tschudakow, wurde für den russischen Booker-Preis nominiert und zum intellektuellen Bestseller. Zehntausend verkaufte Exemplare sind in der Tat erstaunlich für nichtkommerzielle Literatur - umso mehr angesichts einer verarmten "Intelligenzija", für die Bücher oft unerschwinglich geworden sind.

Wenn der westliche Buchmarkt erst mit Übersetzungen auf solche Entwicklungen reagiere, hofft Prochorowa, könne sich die Situation bald deutlich verbessern.

Freilich müssten die Verleger im Westen auch verstehen lernen, dass sich nach dem Ende der Perestroika die literarischen Grenzen in Russland verschoben hätten und dass die Literatur insgesamt mobiler geworden sei. "Es werden bei uns zum Beispiel jetzt viele Memoiren in erstklassiger Prosa geschrieben. Es handelt sich eindeutig um Literatur. Aber westliche Verleger, denen ich solche Bücher anbiete, argumentieren ganz konservativ und sagen: ,Schön und gut, aber das sind Sachbücher, keine Literatur.'" Während der Buchmesse in Frankfurt will die Verlegerin deshalb bei einem großen Forum über Kriterien der Literatur an einer russischdeutschen Verständnisbrücke bauen.

Eine bemerkenswerte Entwicklung der letzten Jahre ist das Aufblühen russischer Literatur in der Diaspora. In gewissem Sinn gehört zur Diaspora auch der riesige russische Raum jenseits der Zentren Moskau und Petersburg. Zum unverzichtbaren Verständigungsmittel mit ihm ist die elektronische Kommunikation geworden. Der Computer ermöglicht es sogar mittellosen Literaten im äußersten Sibirien, an der literarischen Diskussion und Entwicklung in den Metropolen teilzunehmen. "Das frühere Verteilungssystem von Büchern in die Regionen Russlands war mit der Zensur verbunden und ist mit der Sowjetunion zusammengebrochen", erklärt Prochorowa. "Jetzt verhindern oft schon die hohen Portokosten, dass neue Bücher in die Provinz gelangen. Wir stellen darum Auszüge von neuer Literatur ins Netz. Das Internet ist unsere Rettung."

Vor allem meint Diaspora-Literatur jene Autoren, die in Russland keine Zukunft für sich sehen und im Ausland eine neue Existenz suchen - aber weiter russisch schreiben. "Das Beispiel Nabokovs erweist sich als ansteckend", sagt Prochorowa. Mit einer durch die Erfahrung verschiedener Kulturen geschärften Wahrnehmung bereichern und beleben diese - international erst noch zu entdeckenden - Autoren die russische Literatur. Sie haben sich in Israel, in den USA oder auch in Deutschland niedergelassen. Manche von ihnen gehen in eine andere Sprache über wie der kuriose Wladimir Kaminer, dessen in Deutschland kultiges Debüt "Russendisko" Prochorowa in russischer Übersetzung publiziert hat.

Besonders frappierend ist das Schicksal eines Buches, dessen Autor Leonid Zypkin als Arzt praktizierte wie einst Anton Tschechow und Michail Bulgakow. Ein Jude wie er hatte es in der Sowjetunion schwer. Aber nachts zog er sich in seine eigene Welt zurück. Er schrieb leidenschaftlich und hinterließ bei seinem Tod 1982 den essayistischen Roman "Leto w Badene" ("Ein Sommer in Baden-Baden"). Er kreist um die Erinnerung an Dostojewski (wie auf andere Weise eine Reportage aus Petersburg, die ein Blitzlicht auf das traurige Schicksal der Dichter-Nachfahren wirft, Seite 26). Zypkins Sohn emigrierte aus Russland und veröffentlichte das Manuskript seines Vaters auf eigene Kosten in den USA in einer englischen Übersetzung. Zufällig fiel diese Übersetzung der berühmten Susan Sontag - diesjährige Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels - in die Hände, die hingerissen war. Mit ihrem Vorwort kehrte das Werk in seine Muttersprache zurück. Und wurde als Entdeckung der russischen Literatur gefeiert.

Auf Deutsch liegt das Buch in diesem Herbst noch nicht vor. Wohl aber ein anderer Roman, der Jahrzehnte nach seiner Entstehung und Unterdrückung erstmals ungekürzt ans Licht kommt - und als Dokument der russischen literarischen Moderne Aufsehen erregt: Boris Schitkows gewaltiges Gesellschafts- und Geschichtspanorama "Wiktor Wawitsch".

Zu den russischen Qualitätsautorinnen, die sich gegen alle Schwierigkeiten auch in Deutschland ein Stammpublikum erobert haben, gehören Viktorija Tokarjewa und Ljudmila Ulitzkaja. Beide erzählen in meist realistischer Manier und aus weiblicher Perspektive vom Alltag, wobei die gelernte Drehbuchschreiberin Tokarjewa die kräftigeren und die studierte Biologin Ulitzkaja die subtileren Töne bevorzugt.

Während Tokarjewa das Kunststück fertig bringt, über den russischen Zeitenbruch hinweg seit Jahrzehnten ihre Leserschaft zu fesseln, hat sich Ulitzkaja erst in den neunziger Jahren einen Namen gemacht: Eine ihrer Erzählungen, die kein russischer Verlag haben wollte, gelangte durch Zufall nach Frankreich und wurde dort als literarische Sensation gefeiert. Es ist typisch für das damals in Russland herrschende Desinteresse an Literatur, dass Ulitzkaja erst danach auch in ihrer Heimat entdeckt und berühmt wurde.

Wer sich anhand der neuen russischen Literatur ein Bild von der sozialen und geistigen Gegenwart des Landes machen will, wird auch in Wladimir Makanins Roman "Underground oder Ein Held unserer Zeit" fündig. Bei diesem Autor fällt das Bewusstsein der literarischen Herkunft aus dem goldenen Zeitalter der russischen Literatur im 19. Jahrhundert besonders auf: In Anspielungen auf die unvergesslichen Helden von Puschkin, Gogol, Dostojewski und anderen sind die Klassiker immer präsent.

Die Verwurzelung in dieser großen Tradition gibt den heutigen russischen Schriftstellern bei allen äußeren Erschütterungen eine innere Heimat auch dann, wenn sie gar nicht mehr in Russland leben und schreiben. Wenn einer von ihnen, der neben dem Schreiben neuerdings auch malt, Wladimir Woinowitsch, sich selbst augenzwinkernd in trauter Trinkrunde mit Puschkin und Gogol darstellt, dann bringt er, stellvertretend für alle seine Kollegen, das Vertrauen in diese literarische Geborgenheit zum Ausdruck.

Die Zukunft der russischen Literatur, so scheint es, hat schon begonnen. Mit neuen Überraschungen ist zu rechnen.



© SPIEGEL special 3/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.