Luftkrieg über Europa "So muss die Hölle aussehen"

Adolf Hitler ließ Coventry "coventrieren", Winston Churchill im Gegenzug Hamburg "hamburgisieren": Zum 60. Mal jährt sich im Sommer die Wende im Luftkrieg der Alliierten gegen die deutsche Zivilbevölkerung. Die Flächenbombardierung forderte mehr als 600 000 Tote, darunter fast 80 000 Kinder ­ Thema einer neuen SPIEGEL-Serie.


Die Augenzeugin sah "ein furchtbaresGlutmeer wallen", angefacht von Höllenkräften: "Von demSturm, der durch das Feuer erzeugt wird, kann sich keinereine Vorstellung machen, der es nicht erlebt hat." DerFeuersturm fraß ganze Stadtviertel.Auch St. Nikolai, Hamburgs stolzestes Gotteshaus, wurde von"dunkelroter Glut" verzehrt. "Hoch und schwarz, wie eingroßer Märtyrer, stand der Turm da, drei Stunden lang vonden Flammen umschlungen", beschrieb die Hamburgerin EliseAverdieck die Schrecken des Großen Brandes, der dieHafenstadt heimsuchte - einst im Mai, Anno 1842.Beim Wiederaufbau ihrer Hauptkirche suchten die anglophilenHanseaten die Hilfe eines berühmten Engländers. Nach denPlänen des Architekten Sir George Gilbert Scott wurde dieHamburger Nikolaikirche im neugotischen Stil errichtet,mächtiger und prächtiger denn je, ein stummer Zeugehanseatisch-britischer Verbundenheit.100 Jahre nach dem Großen Brand, auf den Monat genau,bezeugte abermals ein Engländer Interesse an St. Nikolai:Londons bulliger Luftmarschall Arthur Harris, der als"Bomber-Harris" in die Kriegsgeschichte einging und denselbst die eigene Gefolgschaft "butcher" (Schlächter)nannte, hatte der Hamburger Schicksalskirche eineSchlüsselrolle zugedacht im Bombenkrieg, mit dem dieAlliierten die deutschen Aggressoren zu bezwingentrachteten.Harris plante, in Hamburg einen Feuersturm zu entfachen,dessen Zerstörungskraft die des Brandes von 1842 um einVielfaches übertraf. Im Mai 1942 wollte der Marschall mehrals tausend britische Flieger den Kirchturm von St. Nikolaiansteuern lassen, das höchste Bauwerk der Stadt. Über derLandmarke sollte sich die Luftarmada breit auffächern undHitler-Deutschlands zweitgrößte Stadt mit Tausenden TonnenBrand- und Sprengbomben in Schutt und Asche legen.

Wegen schlechten Wetters musste Harris die EinäscherungHamburgs verschieben - auf den Sommer des folgenden Jahres.Ende Juli/Anfang August 1943 entfachte seine "OperationGomorrha" in der Hansestadt auf einem Areal von 20Quadratkilometern einen Feuersturm von apokalyptischemAusmaß: Mehr als 40 000 Menschen verbrannten odererstickten, viele unter unsäglichen Qualen.

US-Bomber über Deutschland
DER SPIEGEL

US-Bomber über Deutschland

Als der britische Bomberpilot Richard Mayce hinabblickte,sah er "etwas Unbeschreibliches": "eine Art 'DantesInferno', eine weite Fläche voller Weißglut - sogar dasWasser brannte". Mayce: "Genau so muss die Hölle aussehen,wie wir Christen sie uns vorstellen. In dieser Nacht wurdeich Pazifist."

Aus der ruinierten Stadt ragte abermals, "hoch und schwarz"wie schon hundert Jahre zuvor, der Turm der ausgebranntenKirche St. Nikolai empor: ein Mahnmal, das seineSymbolkraft seither bewahrt hat - und das sie wohl bald neuentfalten wird.Die zur Gedenkstätte umgewidmete Kirchenruine steht indiesem Jahr im Zeichen des Gedenkens an die 60. Wiederkehrdes Hamburger Schreckenssommers von 1943 - ein politischdelikates Unterfangen in einem Jahr, in dem dieangloamerikanischen Alliierten von einst diewiderstrebenden Nachfahren der deutschen Bombenopfer fürBombenkriege gegen so genannte Schurkenstaaten gewinnenwollen.Vor dem Hintergrund der Debatte über eine deutscheKriegsbeteiligung könnte sich das Bombardierungsgedenkenrasch zum Politikum auswachsen - und das nicht nur in derHansestadt. Denn der 60. Jahrestag mörderischerVerheerungen steht in den kommenden Jahren, bis zum April2005, in nicht weniger als 161 deutschen Städten an. Brand-und Sprengbomben fielen auf nahezu jede Stadt mit über 50 000 Einwohnern, dazu auf 850 kleinere Orte.In den Gedenkfeiern und den Gedenkartikeln derTageszeitungen wird vom Sommer an die Erinnerung wachwerden an die rund 600 000 Zivilpersonen, darunter fast 80000 Kinder, die bei alliierten Bombenangriffen umgekommensind. Je näher das Kriegsende rückte, desto zweifelhafterwaren in aller Regel der strategische Nutzen und dievölkerrechtliche Legitimität der Städtebombardierung. EinenVorgeschmack von den aufkeimenden Debatten lieferte jüngstdas britische Echo auf das Buch "Der Brand", in dem derdeutsche Privatgelehrte Jörg Friedrich, 58, deneinschlägigen Forschungsstand zusammengefasst hat.

Bomben auf das Reich
DER SPIEGEL

Bomben auf das Reich

Die Alliierten, so seine These, hätten mit Bombenteppichenund systematisch gelegten Feuersbrünsten den Tod vonZivilisten nicht nur in Kauf genommen, sondern gezieltverursacht. Mit Luftmassakern, offiziell "moral bombing"genannt, sollten die Massen demoralisiert und am EndeVolksaufstände gegen Hitler ausgelöst werden.

"Die Deutschen nennen Churchill einen Kriegsverbrecher",schlagzeilte der Londoner "Daily Telegraph" - zu Unrecht.Denn Friedrich, bekannt geworden als seriöserHolocaust-Forscher, hatte bewusst vermieden, denKriegspremier Winston Churchill als Kriminellenhinzustellen: "Ein Kriegsverbrechen? Das muss jeder fürsich selbst entscheiden." Englischen Reportern gegenübermochte sich Friedrich allerdings die Bemerkung nichtverkneifen, Churchill könne "schon deshalb keinKriegsverbrecher im juristischen Sinne sein, weil Sieger,auch wenn sie Kriegsverbrechen begangen haben, nicht dafürangeklagt werden".Das Misstrauen, mit dem die Briten solche Stimmenverfolgen, ist nachvollziehbar. Auch deutsche Historikerraten dazu, nicht den Rahmen zu übersehen: den "totalenKrieg", den Deutsche schon in den dreißiger Jahrenkonzipiert hatten. Die Debatte, so notwendig sie sei, dürfenicht zu einem "Opferkult" führen, urteilt etwa derHistoriker Hans-Ulrich Wehler im SPIEGEL-Gespräch.Ob ein Krieg gegen den Terror auch mit Terrorangriffengeführt werden darf; unter welchen Umständen es statthaftsein könnte, Frauen, Greise und Kinder in Flammen aufgehenzu lassen; wann so genannte Kollateralschäden alsKriegsverbrechen gelten müssen - der Rückblick auf dieBombenangriffe von 1943 wirft ganz ähnliche Fragen auf wiedie Debatte über US-Kriegspläne oder die russischeBombardierung der tschetschenischen Hauptstadt Grosny.Schon haben sich Vertreter der deutschen Friedensbewegung,um die es vorübergehend recht still geworden war, desThemas bemächtigt. In einem Appell an Bundeskanzler GerhardSchröder, Bushs Kriegspläne nicht zu unterstützen,argumentierte der Ex-DDR-Bürgerrechtler Wolfgang Ullmann,73, wer wie er 1945 "die Bombardierung der nahezuvollkommen wehrlosen Bevölkerung von Dresden miterlebthat", sei "für immer davon überzeugt", dass es "keinendenkbaren Legitimationsgrund für diese Art vonWaffengebrauch geben kann".Tilman Zülch, 63, Leiter der Gesellschaft für bedrohteVölker, wiederum fordert mehr Druck auf Moskau, dessenBombenkriegsführung in Tschetschenien mit den alliiertenTerrorangriffen auf Deutschland vergleichbar sei. Zülch:"Grosny heute sieht aus wie Dresden 1945."So könnte die Wechselwirkung zwischen der Debatte über dieKriege der Gegenwart und der bis 2005 anstehenden Kette vonGedenktagen in der Bundesrepublik erstmals seit dem ZweitenWeltkrieg ein Meinungsklima entstehen lassen, in dem einesder letzten Tabuthemen dem Tresor des Vergessens entrissenwird.

Sebald (2001)
DPA

Sebald (2001)

Ähnlich wie über die Umstände der Vertreibung war über denLuftkrieg jahrzehntelang mehr geschwiegen als geschriebenworden. "Die Bilder dieses grauenvollen Kapitels unsererGeschichte" seien "nie richtig über die Schwelle desnationalen Bewusstseins getreten", dozierte 1997 der inEngland lehrende deutsche Literaturwissenschaftler undSchriftsteller W. G. Sebald in seiner berühmten ZüricherVorlesung (SPIEGEL 3/1998).Einige wenige Ausnahmen bestätigen die von Sebaldaufgestellte Regel, dass die Folgen der bis dahin größtenZerstörungsaktion der Weltgeschichte "nie wirklich in Wortegefasst" worden seien. Heinrich Böll zum Beispiel hatteschon in den Vierzigern eindringlich das Elend imzertrümmerten Deutschland geschildert. Doch veröffentlichtwurde der verstörend realistische Roman "Der Engel schwieg"erst 1992, mehr als 40 Jahre nach seiner Entstehung.Leichen, die in den über 1000 Grad heißen Feuersbrünstenauf die Größe von Kommissbroten schrumpfen; Säuglinge, dieim siedenden Löschwasser der Feuerwehr bei lebendigem Leibegesotten werden; Kinder, die ihre zu Asche verbranntenEltern im Eimer zum Friedhof tragen: An den Versuch,solcherart Unbeschreibliches zu beschreiben, wagte sich alseiner von wenigen Autoren auch Dieter Forte, Jahrgang 1935,der einst als Achtjähriger in einem DüsseldorferArbeiterviertel Höllennächte durchlitten hatte.Die Arbeit an seinem Roman "Der Junge mit den blutigenSchuhen" musste Forte zeitweise abbrechen, "weil ich esnicht mehr ertragen konnte, weil ich krank wurde darüberund der Notarzt kommen musste". Fortes Erinnerungen fandenbeim Publikum wenig Beachtung, ebenso wie in denNachkriegsjahren beispielsweise die "Vergeltung" von GertLedig oder "Der Untergang" von Hans Erich Nossack, gewidmetdem Hamburger Feuersturm.Darin beschrieb Nossack die Arbeit der Bergungskommandos,die sich mit Flammenwerfern den Weg durch die Todeszone bahnten - die Leichenberge waren von fingerlangen Maden besiedelt, von riesigen Ratten umhuscht und von grün schillernden Schmeißfliegen umschwärmt, so groß, wie er sie "nie gesehen" hatte.Solche Alpträume wollte die Wiederaufbaugeneration derDavongekommenen, der Kriegsheimkehrer und der Vertriebenen,der Kellerkinder und der Trümmerfrauen möglichst raschverdrängen. "Wiederaufbau und Verdrängung - das vertrugsich gut, ja das bedingte einander", erinnert sich derSozialdemokrat und Ex-Minister Hans Apel an den HamburgerFeuersturm, der 44 Prozent aller Wohnungen der Stadt inSchutt und Asche legte.Zu einem ähnlichen Urteil wie Apel war auch Sebaldgekommen: Als "Quelle der psychischen Energie" derAufbaugeneration identifizierte er "das Geheimnis der indie Grundfesten unseres Staatswesens eingemauertenLeichen".Bombenkriegswerke wie Nossacks "Nekyia" oder "DerUntergang" - ein Buch, das Thomas Mann einst als "Dokumentfür immer" gerühmt hatte - gerieten in Vergessenheit.Heutzutage, glaubt der Schriftsteller Hannes Schwenger,würden die meisten Nachgeborenen "Nekyia vermutlich füreine Handy-Marke halten".Verstärkt wurde der Drang zum Verdrängen durch einen vonSebald beschriebenen "psychologisch-biologischenMechanismus": Schockerfahrungen seien "nicht erzählbar",denn "gerade das, was einen umgeworfen hat, kann man nichterinnern". Bei vielen Menschen sei zudem das Gefühl imSpiel gewesen, in den Bombennächten hätten die Deutschen"ein Stück Schuld" am Holocaust und am Zweiten Weltkriegmit seinen mehr als 55 Millionen Opfern abgetragen.Auch der Hamburger Apel erinnert sich, dass nach dem Kriegdie Einstellung vorgeherrscht habe: "Wir haben Fehlergemacht und bitter dafür bezahlen müssen. Schlussstrich.Ende. Von vorn anfangen!"Kaum jemand wagte es fortan, öffentlich die Frageaufzuwerfen, ob die Flächenbombardierungen derAngloamerikaner im Zweiten Weltkrieg tatsächlich allesamtmilitärisch unabdingbar und ethisch vertretbar gewesenseien. Ob es um Dresden ging, das noch kurz vor Kriegsendepulverisiert wurde, oder um die Atombombenabwürfe aufjapanische Großstädte im Sommer 1945, drei Monate nach derWaffenruhe in Europa - mitverursacht worden sei dasVerschweigen, so Sebald, zunächst durch die Furcht, "sichunbeliebt zu machen bei den Besatzungsbehörden". Spätertrug die Nato-Solidarität mit den rasch zu Verbündetenmutierten Feinden dazu bei, kritische Fragen zu ersticken.Nur die DDR leistete sich regelmäßig Dresden-Gedenktage,die sie allerdings, insbesondere im Kalten Krieg,instrumentalisierte für ihre Hetze gegen denkapitalistischen Westen und dessen "Luftgangster".Während der DDR-Historiker Olaf Groehler immerhin einen(bald vergriffenen) 450-Seiten-Wälzer über den "Bombenkrieggegen Deutschland" vorlegte, ging die westdeutscheGeschichtswissenschaft dem Thema lange aus dem Weg - nichtzuletzt aus Furcht, in den Verdacht zu geraten, mit Kritikan den alliierten Massentötungen dennationalsozialistischen Völkermord relativieren zu wollen."Die Erinnerung an die Toten des Luftkriegs gilt alsschändlich", befand jüngst noch die "Süddeutsche Zeitung".Jede Beschreibung des Bombenkriegs, urteilte die "FAZ",stehe "unter Entlastungsverdacht".So blieb ausgerechnet der Umgang mit jener Katastrophe, dieDeutschland stärker verändert hat als jedes andere Ereignisseiner Geschichte, den Radikalen an den Rändern derRepublik überlassen.Glatzköpfige Neonazis in Springerstiefeln traten amJahrestag der Luftangriffe zum "Trauermarsch" durch Dresdenan. Gesinnungskameraden wie der kanadische Nazi ErnstZundel breiten im Internet genüsslich die Gräuel desBombenkriegs aus, um den Völkermord an den Juden zuleugnen: Der "wirkliche Holocaust" habe sich in "Hamburg,Dresden, Tokio, Hiroshima und Nagasaki zugetragen".Deutsche Linksextremisten wiederum versuchen, nicht minderhirnrissig, ihre rechtsradikalen Antipoden an denJahrestagen der Schreckensnächte mit Freudenfesten zuprovozieren und preisen die Kinder- und Frauenverbrennungvon Hamburg oder Dresden forsch als politisches"Erziehungsmittel". In Bremen feierten "Antinationale" eine"Party" mit dem Motto "Tanz den Bomber-Harris". In Berlinlud eine "Antifaschistische Aktion" zu einem Fest ("Danke,England") vor die britische Botschaft: "Ob New York,London, Paris - alle lieben Bomber-Harris!"In Wahrheit blickt das politische England heute mit eherzwiespältigen Gefühlen auf die Verwüstungen zurück, die derBombenkrieg in Deutschlands Städten hinterließ. Zwar giltKriegsherr Churchill, wie jüngst eine Umfrage bestätigte,im Volk nach wie vor als der "Greatest Briton". SeinemVollstrecker, dem "Bomber-Harris", wurde 1992 in London, inGegenwart der Queen Mum, sogar ein Denkmal errichtet. Alssich in Deutschland daraufhin Protest regte, ätzten Blätterwie der "Evening Standard": "In jeder deutschen Stadtsollte eine Statue dieses Mannes stehen."Unvergessen ist in Großbritannien allerdings auch, dassHarris nach Kriegsende, im Gegensatz zu anderen prominentenGenerälen, nicht in den Rang eines Lords erhoben wurde. Undbei vielen britischen Veteranen wirkt bis heute der Schocknach, der sie erfasste, als sie 1945 in Germanyeinmarschierten und die Folgen der Flächenbombardierungenwahrnahmen: Das Land war, im Jargon der Militärs,"overbombed"."Die physische Vernichtung Deutschlands", schreibt derenglische BombenkriegsexperteMax Hastings, habe bei den okkupierenden Truppen"wachsendes Entsetzen" ausgelöst. Vielleicht deshalb habenauch viele Briten, so sein Kollege Mark Connelly von derUniversität Kent, "es immer vermieden, über dasFlächenbombardement zu reden".



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