Hitlers Bombenterror "Wir werden sie ausradieren"

Der Luftkrieg der Alliierten gegen deutsche Städte hat eine Vorgeschichte: Lange bevor die Flächenbombardements begannen, hatten deutsche Flieger schon Städte wie Guernica, Warschau, Rotterdam und Coventry in Schutt und Asche gelegt ­ Grund für eine apokalyptische Rache?


Mit den Bombenflugzeugen kamen die Flugblätter. "Wir bomben Deutschland nach Noten", hieß es in einer "Botschaft des Oberbefehlshabers der britischen Kampfflugzeuge an das deutsche Volk", Arthur Harris. "Warum wir das tun? Nicht aus Rachsucht - obwohl wir Warschau, Rotterdam, Belgrad, London, Plymouth, Coventry nicht vergessen. Wir bomben Deutschland, eine Stadt nach der andern, immer schwerer, um euch die Fortführung des Krieges unmöglich zu machen."

Deutsche Flieger warfen während des Luftkriegs gegen Großbritannien Flugblätter mit Erklärungen wie diesen ab: "Unter brutaler Verletzung des internationalen Kriegsrechts sind die deutschen Frauen und deutschen Kinder vorsätzlich von der Royal Air Force ermordet worden ... Die deutsche Luftwaffe wird von nun an zurückschlagen. Wenn in Folge dieser Intensivierung des Luftkrieges die Zivilbevölkerung von Großbritannien leiden sollte, bedauern wir das."

Deutsche Bomber: Von der Luftwaffe schwer zerstörte Städte
DER SPIEGEL

Deutsche Bomber: Von der Luftwaffe schwer zerstörte Städte

Angriffe aus der Luft mit aus der Luft gegriffenen Argumenten zu unterstützen gehörte zu den Aufgaben der Nazi-Propagandisten. Lange bevor Luftmarschall Harris 1942 die ersten Bombenteppiche über Lübeck und Rostock ausbreiten ließ, hatte Hitler-Deutschlands Luftwaffe großflächige Zerstörungen in europäischen Städten angerichtet. Entsetzen und Empörung über die Bombardements hatten sich ins Gedächtnis nicht nur der getroffenen Nationen eingebrannt. Die britische Regierung berief sich während der Ausweitung des Luftkriegs immer wieder auf das schreckliche deutsche Vorbild.

"Berlin hat einst den ausdrücklichen Befehl erteilt, Warschau, Rotterdam und Belgrad dem Erdboden gleichzumachen", meinte zum Beispiel Lord Sherwood, Staatssekretär im Londoner Luftfahrtministerium, im November 1943. "In seiner Begeisterung hat es sogar Dokumentarfilme drehen lassen, damit man auch diese Großtaten der deutschen Luftwaffe gebührend bewundern konnte. Dafür wird jetzt die Rechnung ausgeglichen und in gleicher Münze zurückgezahlt."

Die Katastrophe des Bombenkrieges kam nicht aus heiterem Himmel über Deutschland. Begonnen hatte der Krieg in den Köpfen. Noch vor dem ersten deutschen Überfall auf eine Nachbarnation am 1. September 1939 hatten Luftkriegsstrategen der Nazis Angriffe auf gegnerische Zivilbevölkerungen in ihr Kalkül einbezogen. "Die Terrorisierung feindlicher Hauptstädte oder Industriegebiete durch Bombenangriffe wird umso rascher zum moralischen Zusammenbruch führen, je schwächer die nationale Haltung eines Volkes ist, je mehr die Großstadtmassen materialisiert und durch soziale und parteipolitische Gegensätze zerklüftet sind", schrieb Robert Knauss, Verkehrsleiter der Lufthansa schon im Mai 1933 in einer Denkschrift für den Nazi-Luftfahrtminister Hermann Göring, die ihm sein Staatssekretär Erhard Milch zur Billigung vorlegte.

Die Militärs reagierten etwas vorsichtiger, weil sie fürchteten, Deutschland könnte bei so einer Strategie wegen seiner exponierten Lage in der Mitte des Kontinents schnell Opfer von Vergeltungsangriffen werden. Die Dienstvorschrift zur "Luftkriegführung" von 1936 sprach nur vage von Luftangriffen, die den "Widerstandswillen des feindlichen Volkes an der Wurzel" treffen sollten. Terrorangriffe auf feindliche Städte seien nur zur Vergeltung entsprechender Schläge des Gegners erlaubt, um ihn "von dieser brutalen Art der Luftkriegführung abzubringen".

Tatsächlich hatten Theoretiker des Luftkriegs nicht nur in Deutschland die Bombardierung von Zivilisten in Erwägung gezogen - in einer fragwürdigen Konsequenz aus den endlosen Grabenkämpfen von 1914/18.

So sprach sich der Stab der britischen Luftwaffe 1924 dafür aus, "vom Beginn eines Krieges an militärische Ziele in bewohnten Gebieten zu bombardieren, mit der Absicht, durch den demoralisierenden Effekt solcher Angriffe und durch die schwer wiegende Zerrüttung der normalen Lebensverhältnisse eine Entscheidung herbeizuführen".

Der führende Kopf des Bombenkriegs gegen die Bevölkerung war der italienische General Giulio Douhet. Mit seinem 1921 erschienenen Standardwerk "Luftherrschaft" begründete der spätere Chef des Luftfahrtprogramms unter dem faschistischen Diktator Benito Mussolini den "Douhetismus", die Lehre von der Überlegenheit der Luftwaffe über die anderen militärischen Teilstreitkräfte - mit der Konsequenz des totalen Krieges. Das Vorwort eines Offiziers aus dem Planungszentrum der entstehenden Luftwaffe zur deutschen Ausgabe 1935 feierte die "ungemein befruchtende Wirkung" des Werks - "Ausdruck und Spiegelbild der Revolution des Faschismus".

Was zunächst noch wie militaristisches Wortgeklingel und Manöverspiel von Schreibtischgenerälen klang, wurde kurz darauf tödliche Wirklichkeit. Am Nachmittag des 26. April 1937 warfen 3 italienische und 21 deutsche Flugzeuge mehr als 30 Tonnen Bomben über dem nordspanischen Städtchen Guernica ab. Ein Teil der Bewohner war wegen eines Festes außerhalb der Stadtgrenze, die anderen suchten Deckung oder flohen in Panik. Nach zweieinhalbstündigen Angriffen stand fast ganz Guernica in Flammen. Wohl einige hundert Menschen kamen dabei um, fast drei Viertel aller Häuser wurden total zerstört.

Die Aktion der "Legion Condor", Hitlers Tarntruppe zur Unterstützung des Generals Francisco Franco bei seinem Bürgerkrieg gegen die republikanische Regierung, wurde zum "Symbol für eine Kriegsführung, die eine wehrlose Bevölkerung gleichermaßen grausam und unvorbereitet traf" - so der damalige Bundespräsident Roman Herzog zum 60. Jahrestag des Bombardements.

"Hitler glaubt, die Bewohner dieser mächtigen Stadt terrorisieren und einschüchtern zu können. Er weiß nichts von der Zähigkeit der Londoner."

Winston Churchill, 11. September 1940

In den Wochen nach dem Angriff herrschte fast weltweit Empörung. "In der Art seiner Ausführung und in dem Ausmaß der Zerstörung, die er brachte, wie auch der Auswahl seines Ziels, ist der Angriff auf Guernica ohne Beispiel in der militärischen Geschichte", hieß es schon in einem der ersten Berichte vom Ort des Schreckens, den der Sonderkorrespondent George Steer an die "Times" in London schickte. Guernica war für die Basken seit Jahrhunderten ein nationales Heiligtum, Spaniens Könige hatten hier unter einer uralten Eiche baskische Rechte garantiert. Gleich in den beiden Monaten nach dem Bombardement schuf Pablo Picasso mit seinem monumentalen Gemälde ein Mahnmal für Guernica, das bis heute beeindruckt.

Ziel der Aktion war, republikanischen Truppen den Rückzug nach Bilbao abzuschneiden. Dazu sollten eine Brücke und eine Straße am östlichen Rand des Ortes, bei der Vorstadt Rentrería, zerstört werden. Doch im Qualm nach ersten Treffern wurde nur noch wahllos gebombt. Der Stabschef der Legion Condor, Wolfram Freiherr von Richthofen, notierte vier Tage später in seinem privaten Tagebuch: "Keiner konnte mehr Straßen-, Brücken- und Vorstadtziel erkennen und warf nun mitten hinein." Wie neue Dokumente belegen, analysierte die Luftwaffe in Spanien nach der Zerstörung von Städten systematisch die Wirkung der dort eingesetzten Spreng- und Brandbomben - eine Übung für den Terror.

Nachdem Göring seine "junge Luftwaffe" im Spanischen Bürgerkrieg "im scharfen Schuss" erprobt hatte, durfte er sie in einen richtigen Weltkrieg führen. Der "Blitzfeldzug" gegen Polen drohte Mitte September 1939 ins Stocken zu geraten, weil sich die Hauptstadt Warschau unerwartet hartnäckig gegen die Eroberer wehrte.

Unter dem Decknamen "Wasserkante" hatte die deutsche Luftwaffe schon vor Kriegsbeginn einen Angriffsplan gegen Warschau entworfen. Die Bombardierung gleich am ersten Tag des Überfalls, wie Göring es ursprünglich wünschte, musste wegen schlechter Wetterbedingungen ausfallen. Der Plan aber hatte weiter Bestand. "Der Angriff ist als Vergeltung der an deutschen Soldaten verübten Verbrechen anzusehen und hat die Zerstörung von ,Wasserkante' zum Ziel. Es kommt darauf an, bei dem ersten Angriff weitgehende Zerstörungen in dicht besiedelten Stadtteilen zu erreichen", befahl am 10. September der Generalstab der Luftwaffe.

Der schon in Guernica erprobte Richthofen, inzwischen zum Generalmajor aufgestiegen, bot sich am 22. September als Vernichter aus der Luft an: "Falls Fliegerführer zur besonderen Verwendung damit beauftragt, wird mit allen Kräften völlige Tilgung Warschaus angestrebt ... Beantrage dringend letzte Möglichkeit von Brand- und Terrorangriffen als groß angelegten Versuch auszunutzen." Dieses offenbar von Herzen kommende Angebot lehnte die Luftwaffenführung noch ab.

Auch Richthofens eigenmächtige Anweisung vom 11. September, das Warschauer Ghetto zu bombardieren, befolgte der beauftragte Geschwaderkommodore im Einvernehmen mit seinen Gruppenkommandeuren nicht. Er nahm stattdessen militärische Ziele in der Stadt ins Visier. Die Befehlsverweigerung kostete ihn seinen Posten - ein vergleichsweise geringer Preis für die Verhinderung eines Mordangriffs von oben.

Doch trotz solcher durchaus vorhandener Skrupel bei einigen Beteiligten startete am 24. September eine dreitägige Bombardierung der polnischen Hauptstadt. Auf dem Höhepunkt des Angriffs, am 25. September, warf die Luftwaffe 487 Tonnen Sprengstoff und 72 Tonnen Brandbomben in 1177 Einsätzen ab. "Warschau besteht nur noch aus Ruinen", hieß es im Kommuniqué des polnischen Oberbefehlshabers der Garnison am 26. September. "Die vor Warschau stehenden polnischen Einheiten litten weniger als die Zivilbevölkerung, da die Luftangriffe sich hauptsächlich gegen diese richteten, um ihre Moral zu erschüttern."



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