Die Folgen der Zerstörung Bomben für den Aufbau

Den NS-Architekten kam der Luftkrieg gerade recht. Er beseitigte viele alte Baustrukturen, die den Neuerungsvorhaben des "Führers" im Wege waren. Nach 1945 kamen die Nazi-Planer erneut zum Zug und prägten den Wiederaufbau des zerstörten Landes nach Hitlers Ideen.


Am 14. März 1944 besuchte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels seinen "Führer" auf dem Berghof. Beide saßen "ein paar Stunden plaudernd am Kamin zusammen", wie Goebbels anschließend in seinem Tagebuch protokollierte. Sie unterhielten sich über "Theater-, Konzert- und Filmfragen" und kamen dann auch auf die alliierten Luftangriffe zu sprechen, die im Frühjahr 1944 einen infernalischen Höhepunkt erreicht hatten.

Dann setzte Hitler zu einem gespenstischen Monolog an. Der feindliche Luftterror sei schlimm, "insbesondere für unsere mittelalterlichen Städte"; aber er habe doch "auch insofern etwas Gutes, als er diese Städte überhaupt für den modernen Verkehr aufschließt". Städte wie Regensburg würden in absehbarer Zeit sowieso nur noch Museumsstücke sein. Schön, ein paar davon zu haben, meinte der Kriegsherr, aber in ihrer Vielzahl "würden sie einer gesunden Entwicklung unseres modernen Verkehrs- und Wirtschaftslebens nur immer wieder hindernd in den Weg treten".

Bereits früher hatte Hitler Positives im Feuersturm entdeckt. So sagte er Ende Juni 1943 dem Tagebuchschreiber Goebbels: "Dass die Städte selbst in ihrem Kern getroffen werden, ist von einer höheren Warte aus gesehen nicht ganz so schlimm. Die Städte stellen keine guten Bilder im ästhetischen Sinne dar. Die meisten Industriestädte sind schlecht angelegt, muffig und miserabel gebaut. Wir werden durch die britischen Luftangriffe hier Platz bekommen. Die Neubaupläne, die für das Ruhrgebiet entworfen sind, hätten sich sonst ja sowieso immer an den vorhandenen Gegebenheiten gestoßen". Schon damals - nicht erst im berüchtigten "Nero-Befehl" vom März 1945 - liebäugelte der Führer mit der Totalzerstörung.

Nicht nur Kriegsherr Hitler sah in den alliierten Flächenbombardements die Chance, Deutschlands Städte neu zu gestalten. Auch viele Architekten und Planer der NS-Zeit freuten sich auf diese "einmalige Gelegenheit in der Geschichte". Bereits während des Krieges hatte eine ganze Reihe von ihnen in großem Stil mit den Planungen für die Zeit danach begonnen.

So meinte ein Mitglied des "Arbeitsstabs Wiederaufbauplanung zerstörter Städte", der Hamburger Architekt Konstanty Gutschow, im Frühjahr 1944: "Dem allergrößten Teil der baulichen Zerstörung (Hamburgs) weinen wir keine Träne nach" - blanker Zynismus angesichts der Tatsache, dass in Hamburg im Juli 1943 bei den alliierten Bombardements 40 000 Menschen umgekommen sind und die Hälfte der Bausubstanz zerstört wurde.

Die Mentalität der NS-Städtebauer belegt auch eine Stellungnahme des Bremer Baurates Wilhelm Wortmann vom Dezember 1943: "Der Krieg und besonders der Luftkrieg versetzt der Großstadt von gestern und heute den Todesstoß und schlägt eine mächtige Bresche für den Kampf um ihre umfassende Gesundung und wahre Neugestaltung."

Dass Wortmann nach 1945 den Aufbau Bremens maßgeblich mitbestimmt hat, ist nur einer von vielen Belegen für einen ernüchternden Befund: Es gab im Städtebau keine "Stunde null". Den Wiederaufbau führten nach 1945 die Städteplaner durch, die diesen in wesentlichen Grundzügen schon während des Krieges vorbereitet hatten. Lediglich die braune Tünche musste abgestreift, mancher NS-Baufunktionär als der Sache verpflichteter Technokrat entnazifiziert werden. Mehr brauchte es nicht.

Die Zerstörung der historisch gewachsenen Strukturen deutscher Großstädte war seit der NS-Machtergreifung 1933 vorbestimmt gewesen: Auch ohne Bombenkrieg wäre deren Zuschnitt entscheidend verändert worden. Der neue Reichskanzler und "Führer" des Deutschen Reiches, Adolf Hitler, verstand sich von Anfang als oberster "Baumeister Deutschlands", im wahrsten Sinne des Wortes.

Gegen seinen Willen sei er Politiker geworden, seine eigentliche Berufung sei die eines Architekten, gab er bei jeder Gelegenheit zum Besten. Architektur und Städtebau waren die Bereiche, denen er sich mit großem Nachdruck zum "Freizeitvergnügen" widmete. Bei der Betrachtung städtebaulicher Modelle und Pläne, so beobachteten viele Gesprächspartner, soll Hitler sich stets entspannt gezeigt haben.

Ab 1933 ließ Hitler eine Fülle architektonischer und städtebaulicher Planungen in Gang setzen, die am 4. Oktober 1937 im "Gesetz über die Neugestaltung der deutschen Städte" gebündelt wurden: Ausgewählte Städte sollten grundlegend umgestaltet werden, gigantische Bauwerke "hineinragen gleich den Domen unserer Vergangenheit in die Jahrtausende der Zukunft". Noch deren Ruinen sollten in ferner Zukunft von der Größe und Macht des nationalsozialistischen Reichs künden.

Den kongenialen Partner zur Umsetzung seiner Visionen fand Hitler in dem jungen, machtbesessenen Architekten Albert Speer, den er 1937 zum "Generalbauinspekteur für die Reichshauptstadt" Berlin ernannte, der künftigen Welthauptstadt "Germania". Dort sollten protzige Riesengebäude in einem neoklassizistischen Stil entstehen wie etwa die "Große Halle", konzipiert als größtes Gebäude der Welt, mit einem Fassungsvermögen von 180 000 Volksgenossen. In der Stadtmitte sollten sich eine 38 Kilometer lange Nord-Süd- und eine 50 Kilometer lange Ost-West-Achse kreuzen, als Mittelpunkt eines weiträumigen Verkehrsnetzes mit über hundert Meter breiten Prachtstraßen für Aufmärsche von Partei und Wehrmacht.

Dieser verkehrsgerechte Ausbau der Städte war neben der Errichtung monumentaler Bauwerke das wichtigste Anliegen Hitlers. Immer wieder äußerte er, die Zukunft der Motorisierung gehöre dem "Volkswagen" des mobilen "Volksgenossen".

Der "Führer" wollte in den Städten Platz schaffen für Millionen Autos: "Ich sehe die Entwicklung des Verkehrs vor mir und weiß, dass in zehn Jahren besonders der Kraftwagenverkehr ein ungeheurer sein wird." Das bereits im Bau befindliche Autobahnnetz würde die Städte miteinander verbinden, die wiederum durch Durchbrüche und neue Trassen autogerecht gemacht werden sollten.

Die Planvorgaben für Berlin waren Vorbild für andere Städte: 1939 waren bereits 18 Städte für den Umbau vorgesehen, und im Sommer 1940 - nach dem Sieg über Frankreich - befahl Hitler ein umfassendes Bauprogramm: In den deutschen Großstädten sollte sich die "Größe unseres Sieges" in der Monumentalität neuer Bauten und urbaner Räume widerspiegeln.

Bis Frühjahr 1941 waren 41 Städte in das "Umbauprogramm des Führers" einbezogen, darunter die fünf "Führerstädte", die besonders aufwendig verändert werden sollten: Berlin und Nürnberg durch Albert Speer, Hamburg durch Konstanty Gutschow, München durch Hermann Giesler und Linz durch Roderich Fick. Tausende Architekten, Ingenieure, Techniker, Bauzeichner und Bildhauer arbeiteten in den Planungsstäben - allein in Berlin waren es zeitweilig über 1000, in München über 700 und in Hamburg 250 Personen.

"Der Luftkrieg versetzt der Großstadt von heute den Todesstoß und schlägt eine mächtige Bresche für den Kampf um ihre umfassende Gesundung."

Das Bild der Städte hätte sich entscheidend verändert: Jede Gauhauptstadt sollte ein "großzügiges" Gauforum erhalten mit einem Achsenkreuz als Verkehrsknotenpunkt, einem riesigen Aufmarschplatz, wuchtigen Gebäuden für Partei und Staat - von der Versammlungshalle bis zu dem von Hitler als besonders wichtig empfundenen Theater. Die Gauleiter suchten sich in ihren Projekten gegenseitig zu übertreffen, wobei Hitler immer das letzte Wort hatte.

Die während des Bombenkrieges zu Tage getretene Geringschätzung der historischen Bausubstanz zeichnete sich damals schon in vollem Ausmaß ab: Die Planer nahmen keinerlei Rücksicht, denn ihre Umgestaltungsprojekte erforderten riesige städtische Räume, die nur durch eine entsprechende Abrisspolitik zu gewinnen gewesen wären.

Speer schätzte, dass in den Großstädten zehn Prozent des Wohnungsbestands abzureißen seien. Allein für die Umgestaltung Berlins sah sein Stab die Vernichtung von 53 624 Wohnungen vor. Ganze Straßenzüge wurden zwischen 1939 und 1942 platt gemacht - obwohl die Briten bereits massierte Luftangriffe flogen. In den Worten der Speer-Beamten "erleichterten" die britischen Bomber die Abrissarbeit durch "wertvolle Vorarbeit für Zwecke der Neugestaltung".

Auch in anderen Städten waren radikale Eingriffe in die Bausubstanz vorgesehen: In Köln etwa hätte ein monumentales Achsenkreuz in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung das Gefüge der Innenstadt völlig verändert. München sollte durch Monumentalbauten völlig neu gestaltet werden. Die Planungen, die das Ende der historisch gewachsenen Stadtkultur in Deutschland bedeutet hätten, waren bis 1942 in vollem Gang. Dann aber vernichteten die alliierten Flächenbombardements massenhaft Wohnraum, und die Zielvorgaben der NS-Städteplaner mussten zwangsläufig geändert werden.

Wie auf anderen Gebieten erwies sich der Nationalsozialismus auch in der Architektur als Mixtur von Tradition und Moderne. Gerade die jüngere Generation der Architekten und Ingenieure wollte die Möglichkeiten industrieller Massenproduktion für eine grundlegende Umgestaltung der Städte nutzen. Deren Leitfiguren waren Hitlers Autobahnbauer und späterer Rüstungsminister, Fritz Todt, sowie dessen Nachfolger, Albert Speer. Bekanntlich war auch Hitler ein Technikfanatiker, der "neuartige Baustoffe wie Stahl, Eisen, Glas und Beton" pries.

Die Städte sollten allerdings nicht nur durch repräsentative NS-Architektur grundlegend umgestaltet werden. Die Großstadt galt den Nazis als Produkt einer durch Industrialisierung verursachten Fehlentwicklung, als "Schädling am Volkstum", "als biologischer Krankheitsherd".

So wurde seit der Machtergreifung über die Gestaltung der Großstadt vor allem unter ideologischen Prämissen diskutiert: Die "gesunde" bäuerlich-kleinstädtische Lebensweise sollte in die Stadt transferiert werden. Das Regime sah darin die Voraussetzung für das gewünschte Bevölkerungswachstum.

Die NS-Raumplaner hatten Thesen aus der internationalen Diskussion über den Städtebau der Zukunft übernommen - von der Idee der "Gartenstadt" bis hin zum Konzept der funktionellen Stadt Le Corbusiers. Diese Ideen wurden nach den rasse- und bevölkerungspolitischen Zielen ausgerichtet: Die NS-Wohnungspolitik wollte dörfliches Gemeinschaftsleben auf "Siedlungszellen" in einen neu zu gestaltenden städtischen "Lebensraum" übertragen.

Allerdings war der öffentlich geförderte Wohnungsbau wegen der Rüstungspolitik Ende der dreißiger Jahre ins Hintertreffen geraten. Wegen des steigenden Wohnungsbedarfs drohte das "Volk ohne Raum" zum "Volk ohne Wohnraum" zu werden. Auch hier wirkte die Siegeseuphorie des Jahres 1940. Parallel zum prunkvollen Umbau der deutschen Städte sollte ein "Wohnungsbauprogramm des Führers" in Gang gesetzt werden: Propagiert wurde nun die industrielle Serienfertigung von genormten Wohnungen - "für die breite Masse", "mit geringstmöglichem Aufwand an Arbeit und Material".

  • 1. Teil: Bomben für den Aufbau
  • 2. Teil


© SPIEGEL special 1/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.