Die Westfront Gebrochen an Leib und Seele

2. Teil


Völlig unvorbereitet traf Mediziner und Militärführung gleich zu Kriegsbeginn ein Phänomen, das es früher so nicht gegeben hatte: Die gewaltigen Detonationen, das Inferno eines teilweise 24-stündigen Trommelfeuers, zerrütteten die Psyche Tausender Soldaten bis zum Kollaps. Manche Männer schrien Tag und Nacht, wälzten sich in Krämpfen, andere konnten nicht mehr aufhören zu zittern.

Der Anblick der "Schüttler", die anfangs vereinzelt, später häufiger in der Heimat auftauchten, wandelte vielerorts die anfängliche Kriegsbegeisterung der Zivilbevölkerung in Entsetzen. Vielen grauste es angesichts der bebenden Jammergestalten weit mehr als bei der Konfrontation mit Blinden oder Amputierten, spiegelten die unkontrollierten Zuckungen dieser Soldaten doch auf bestürzende Weise das unsagbare Grauen auf den Schlachtfeldern und in den Schützengräben wider.

Rund 200 000 solcher "Kriegsneurotiker" bevölkerten während des Kriegs die deutschen Lazarette und Sanatorien - eine Herausforderung und ein riesiges Ärgernis für die Militärmediziner. Denn zumindest organisch, daran gab es kaum einen Zweifel, schienen die Männer kerngesund. Und während anfangs noch Wasserkuren verordnet und Dienstbefreiungen gewährt wurden, reagierten die Ärzte mit zunehmender Kriegsdauer immer rigider. Die Nervenkranken galten jetzt als Drückeberger und Feiglinge. Manche Ärzte traktierten die beargwöhnten Patienten mit Elektroschocks, nahmen dabei auch Todesfälle in Kauf. Andere versuchten es mit Hungerkuren, ließen die Soldaten zudem in völliger Isolation schmachten, unterbrochen nur von Zwangs- oder Gewaltexerzieren.

Ziel war es, die Kranken förmlich zur Gesundung zu zwingen. Wenn sie nur energisch genug wollten, so die Theorie, könnten sie durchaus aufhören zu zittern. Die Therapie geriet so zu einem Kampf zwischen Arzt und Patient.

Der Verdacht, Simulanten suchten sich ins Lazarett zu retten, war jedoch nicht in jedem Fall unbegründet. Tausende kamen allein auf deutscher Seite vor ein Kriegsgericht, weil sie sich mit Tricks dem Heldentod zu entziehen suchten.

Aller Kriegspropaganda zum Trotz, in der das Sterben fürs Vaterland nach klassischem Vorbild als besonders süß idealisiert wurde ("Dulce et decorum est pro patria mori"), wollten viele Landser einfach nur überleben. Die Skala reichte von der Selbstverstümmelung bis zur Befehlsverweigerung.

"Einige Leute fand ich beim Vorspringen des Bataillonsstabes ganz ruhig im hohen Rübenkraut liegen, als ob sie verwundet oder tot seien", schrieb der später so schwer im Gesicht verletzte Major Behr in seinem letzten Gefechtsbericht. "Ich brachte sie energisch nach vorne und ließ auch die Gefechtsordonanzen auf solche Drückeberger Jagd machen."

Um dem Inferno zu entkommen, fügten sich kriegsmüde Soldaten schwerste Verletzungen zu, häufig mit dem eigenen Gewehr: Sie jagten sich Kugeln in einen Fuß oder eine Hand, einzelne schossen sich die Finger ab. Im kalten Russland entledigten sich manche ihrer Stiefel, um mit erfrorenen Füßen nach Hause geschickt zu werden.

Feldärzte meldeten Rekruten, die Säure geschluckt hatten, die sich Petroleum unter die Haut gespritzt oder sich mit ätzenden Tinkturen eingerieben hatten - alles, um nicht weiterkämpfen zu müssen. Und fast 3000 deutsche Soldaten, die den Kriegsalltag nicht mehr aushielten, begingen Selbstmord.

Mehr als den Tod fürchteten viele Frontkämpfer, ähnlich schrecklich verstümmelt zu werden wie Bataillonskommandeur Behr oder auf besonders elende Weise zu Grunde zu gehen. Panik in den Schützengräben löste vor allem der Schreckensruf "Gasalarm" aus. Die Furcht, in giftigen Schwaden Phosgen oder Senfgas zu ersticken oder sich mit platzender Lunge zu Tode zu husten, peinigte die Soldaten aller Kriegsparteien mehr als die Angst vor Bomben oder Maschinengewehrfeuer.

Die deutsche Wehrmacht hatte im April 1915 im flandrischen Langemark bei Ypern mit dem Gaskrieg begonnen, Briten und Franzosen zogen nach. Im tödlichen Dunst von rund 113 000 Tonnen Kampfgas starben 91 000 Soldaten, rund 1,3 Millionen wurden vergiftet. Die Überlebenden trugen Abszesse und innere Verätzungen davon oder erblindeten ganz oder nur vorübergehend wie der Obergefreite und spätere Führer Adolf Hitler ("die Augen waren in glühende Kohlen verwandelt").

Weil der traurige Zug von Kriegsheimkehrern mit Blindenbinden und Krücken so wenig mit dem offiziell propagierten Bild siegreicher Kriegshelden übereinstimmte, geriet die Militärführung zunehmend in Erklärungsnot. Das Gerücht, besonders übel entstellte Opfer würden in so genannten Schweigelazaretten versteckt, ließ sich jedoch nicht verifizieren. Allerdings mieden viele Soldaten mit schweren Gesichtsverletzungen freiwillig die menschliche Gesellschaft. Sie verkrochen sich aus Scham für den Rest ihres Lebens hinter Klinikmauern.

Eine der Ursachen: Die Gesichtschirurgie steckte noch in den Anfängen. Zwar versuchten Ärzte, zertrümmerte Kiefer mit Knochenteilen aus dem Unterarm der Opfer und Metallschienen zu richten, weggeschossene Nasen mit Hilfe von Rippenstücken und Elfenbeinpfropfen aufzubauen. Doch selten gelangen überzeugende Korrekturen. Antibiotika gab es noch nicht, vieles missglückte. Mal wurden die Transplantate abgestoßen, dann wieder führten Entzündungen zum Scheitern.

Auch Major Hans Behr, der "Mann ohne Gesicht", erfuhr diese Grenzen der Heilkunst. Das Stück Schienbeinknochen, das ihm ein Chirurg als Nasenbeinersatz einsetzte, vereiterte, musste wieder entfernt werden. "Die Operation war unangenehm und schmerzhaft", erinnerte sich der Schwerverwundete noch Jahre später in preußischem Unterstatement.

Um schlimmste Verstümmelungen zu kaschieren, experimentierten Ärzte auch mit Gesichtsmasken aus Gummi, Wachs, Zelluloid oder Gelatine. Bei fehlender Nase wurde so ein Ersatzteil an den Rändern der Nasenhöhle eingehängt, bei einem fehlenden Ohr am Brillengestell befestigt.

Für Armamputierte schufen Spezialisten gar ein makabres Panoptikum von Ersatzgliedern: Kunstarme, an deren Ende stählerne Zangen, Haken oder Messer, manchmal sogar Bügeleisenhalter, befestigt waren.

1916, mitten im Krieg, gelang dem Chirurgen Ferdinand Sauerbruch, damals Oberstabsarzt, eine medizinische Sensation: Er entwickelte eine Unterarmprothese, den so genannten Sauerbruch-Arm. Das Bahnbrechende daran: Die nach einer Amputation im Stumpf verbliebenen Muskeln und Sehnen wurden genutzt, um eine künstliche Hand zu bewegen.

Solche Apparaturen waren jedoch selten. Viele Invaliden vegetierten in bitterster Armut. Beinamputierte rutschten auf Brettern oder humpelten auf primitiven Holzbeinen über die Straße, zerlumpte Blinde tasteten sich an Häuserwänden vorwärts.

Eine Ursache war die Ungleichbehandlung von Offizieren und Mannschaften. Die Höhe der Pensionen und Invalidenrenten richtete sich zunächst ausschließlich nach dem Dienstgrad. Die bevorzugten Offiziere verfügten zudem oft noch über Kontakte zu Adel und Bürgertum. Der schwer verletzte und verstümmelte Major Behr etwa wurde jahrelang in privaten Berliner Sanatorien gepflegt - von adligen Familien finanziert. Einmal besuchte ihn sogar die Kaiserin.

Viele einfache Soldaten dagegen verloren neben ihrer Gesundheit auch die Existenz. Sie schlugen sich nach dem Krieg in Versehrtenberufen wie Bürstenbinder oder Schnürsenkelverkäufer durch, viele endeten auch als Bettler in der Gosse. Erst in der Weimarer Republik wurde das so genannte Krüppelfürsorgegesetz verabschiedet, das keinen Unterschied mehr zwischen den Dienstgraden machte. Doch die Renten aus diesem Gesetz reichte oft nicht zum Überleben.

Dem neuen Staat, krisengeschüttelt und klamm, kamen die Ansprüche der Kriegsopfer ungelegen. Immer wieder versuchten die Versorgungsämter, Antragsteller abzuwimmeln. Wie schon im Krieg wurden Nervenkranke, die noch Jahre nach dem Inferno zitterten oder an Krampfanfällen litten, als Simulanten eingestuft.

Wenig Mitleid zeigten die Gutachter auch gegenüber einem Bahnarbeiter, dem ein Granatsplitter eine Wange zerfetzt und einen Teil der Nase weggerissen hatte, der sich deshalb nicht mehr aus dem Haus wagte. Dem Mann wurde eine Invalidenrente mit der Begründung versagt, die Narben würden "keine schwere Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit" darstellen.

BRUNO SCHREP



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