Die Globale Bedrohung "Es gibt keine Unschuldigen"

Der französische Revolutionsführer Maximilien Robespierre pries Terror und Tugend als Zwillinge. Die Blutspur der monströsen Geschwisterkinder der Moderne zieht sich durch zwei Jahrhunderte bis in die Gegenwart.


Wer per Fernzünder eine möglichst große Zahl ihm unbekannter Menschen umbringt oder sich selbst zur lebenden Bombe macht, der erscheint dem gewöhnlichen Bewusstsein so fremd und so unbegreiflich wie fiktive Außerirdische made in Hollywood. Und doch kommen die realen Terroristen aus der Mitte unserer Zivilisation. Sie treten als unauffällige Nachbarn und pünktlich zahlende Mieter auf, als strebsame Studenten und zielbewusste Flugschüler - wie die Attentäter des 11. September 2001.

Weil sie beim wahllosen Töten Gott im Mund führen und sich brüsten, den Tod zu lieben statt das Leben, erinnern sie die westliche Welt vage an eine längst versunkene Epoche, in der Henker in schwarzen Kutten im Namen der Religion ihre Opfer räderten, vierteilten und bei lebendigem Leib verbrannten. Doch die selbst ernannten Gotteskrieger von heute verrichten ihr Handwerk in gewöhnlichem Zivil, mit Funk-Fernzündern, Computern, Satellitentelefonen, Videobotschaften und weltweiter Tele-Präsenz.

"Kein Klischee trägt mehr zur allgemeinen Verdummung bei als die Behauptung, al-Qaida sei ein Rückfall ins Mittelalter", schreibt John Gray in seinem scharfsinnigen Buch "Die Geburt al-Qaidas aus dem Geist der Moderne". Der britische Autor, der an der London School of Economics "Europäisches Denken" lehrt, zielt mit seinem Titel nicht primär auf die Technologien des ersten global operierenden Terrornetzwerks der Geschichte, sondern vor allem auf dessen Ideologie.

Geisel-Enthauptung vor laufender Kamera: "Genugtuung, eine Million Barbaren zu vernichten"

Geisel-Enthauptung vor laufender Kamera: "Genugtuung, eine Million Barbaren zu vernichten"

Der islamistische Terror hält sich zwar für radikal antiwestlich. Aber er ist selbst, so Grays provozierende These, ein völlig modernes Phänomen, "genauso stark von westlichen Ideologien wie von islamischen Traditionen geprägt". Die islamistische Utopie einer vollkommenen Gesellschaft, die von allen Verderbtheiten gereinigt ist, gleicht der jüdisch-christlichen Vorstellung von der Wiederkehr des Paradieses: von der Geschichte als moralischem Drama mit dem finalen Akt der Erlösung.

Diese Vorstellung hat ihre modernen, säkularen Formen in verschiedenen Ideologien gefunden: einerseits im quasireligiösen Fortschrittsglauben der europäischen Aufklärung und ihrer radikalen Sprösslinge, Marxismus und Anarchismus. Andererseits im romantischen Anti-Rationalismus der Gegenaufklärung, der die Welt durch einen Willensakt statt durch Vernunft verändern will; dieser Anti-Rationalismus wurde im Faschismus und im radikalen Islam wirksam. Wie Marxisten und Faschisten sehen auch islamistische Ideologen, so Gray, "die Geschichte als Vorspiel zu einer neuen Welt. Sie alle sind überzeugt, den Menschen neu erschaffen zu können. Wenn es einen wahrhaft modernen Mythos gibt, dann ist es dieser".

Das europäische Erbe findet Gray besonders bei Sajjid Qutb wieder, dem zeitweiligen Inspektor im ägyptischen Bildungsministerium und wichtigsten Vordenker der islamistischen Extremisten. Der 1906 geborene und 1966 unter Präsident Nasser hingerichtete Ideologe wütet in seinen (großenteils im Gefängnis entstandenen) Schriften gegen die so genannte geistige Leere moderner westlicher Gesellschaften. Doch seine vermeintlich rettende Idee - ein revolutionärer Stoßtrupp, der mit Gewalt eine idyllische Welt ohne Herrscher und Beherrschte herbeiführen soll - hat bis dahin im islamischen Gedankengut nicht existiert. "Sie ist eindeutig aus den radikalen europäischen Ideologien entliehen" (Gray).

Die Vorstellung, dass die ideale Gesellschaft ohne Terror nicht zu erreichen ist, zieht eine breite Blutspur von der Französischen Revolution durch das 19. und 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Zwar hat es schon in weit früheren Zeiten in vielen Weltgegenden Geheimbünde und Sekten mit mörderischen Praktiken gegeben, die terroristisch genannt werden könnten. Aber der moderne Begriff des Terrors geht nicht zufällig auf die Französischen Revolution zurück, deren hitzigste Phase nach ihm benannt ist: "Régime de Terreur", Herrschaft des Schreckens.

"Ohne die Tugend ist der Schrecken unheilvoll, ohne Schrecken bleibt die Tugend machtlos." So spricht Maximilien Robespierre auf dem Höhepunkt des revolutionären Terrors im Jahr 1793 vor dem französischen Konvent - und das monströse Zwillingspaar Terror und Tugend, Mord und Ideal wird fortan die Welt in immer neuen Masken heimsuchen. Ein Jahr später fällt Robespierres eigenes Haupt unter dem mechanischen Fallbeil, das die Industrialisierung des Tötens ermöglicht und den Namen seines Erfinders, Doktor Guillotin, weltberühmt gemacht hat. Robespierres Kopf ist einer der letzten von rund 17 000, die im Namen des Tugendterrors für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit rollen. Erst danach wird Terror in der bürgerlichen Gesellschaft zum Schimpfwort mit krimineller Implikation.

Im 19. Jahrhundert spinnen radikale Einzelgänger die Terrordoktrin der Französischen Revolution fort; einige Deutsche tun sich dabei besonders hervor. Einer von ihnen ist Wilhelm Weitling (1808 bis 1871), ein gelernter Schneider, der Pariser Genossen um 1835 mit dem Vorschlag entsetzt, "das Königreich des Himmels durch die Entfesselung des Schreckens der Hölle zu gründen". Seine Vernichtungsphantasien kommen nicht über die Idee hinaus.

Nicht einmal Weitling, dessen Hauptwerk "Garantien der Harmonie und Freiheit" zu den klassischen Zeugnissen des utopischen Sozialismus aus der frühindustriellen Ära der radikalen Handwerksburschen gehört, geht theoretisch so weit wie Karl Heinzen (1809 bis 1880). Als preußischer Beamter hat der bis kurz vor der Revolution von 1848 auf den gesetzlichen Fortschritt gehofft. Als daraus nichts wird, mutiert er zum extremistischen Gewaltpropheten, den sein Zeitgenosse Friedrich Engels wegen seines "blutrünstigen Radikalismus" abkanzelt. Im Jahr 1848 veröffentlicht Heinzen eine Programmschrift mit dem lakonischen Titel "Mord".

Das islamstische Projekt eines Stoßtrupps, der gewaltsam eine idyllische Welt herbeiführen soll, ist in Europa geboren.

Wenngleich Mord im Allgemeinen verboten sei, führt der Autor aus, könne das im Bereich der Politik nicht gelten: "Und wenn Du einen halben Kontinent in die Luft sprengen musst und ein Meer an Blut vergießen musst, um die Partei der Barbaren zu zerstören, hab keine Gewissensbisse. Der ist kein wahrer Republikaner, der für die Genugtuung, eine Million Barbaren vernichtet zu haben, nicht gern mit seinem Leben bezahlt." Heinzen fasst bereits 1849 in einer Zeitschrift, die harmlos "Evolution" heißt, den Einsatz von Giftgasen und Minen ins Auge, "die eines Tages ganze Städte mit hunderttausend Einwohnern zerstören könnten".

Insgesamt hat Heinzen, so der Terror-historiker Walter Laqueur, "als Erster eine vollständige Doktrin des modernen Terrorismus entwickelt". Die Zeitgenossen konnten von Glück sagen, dass der Mann es bei der Konstruktion terroristischer Luftschlösser beließ. Er wanderte nach Amerika aus und betätigte sich dort bis ins hohe Alter - durchaus friedlich - als Herausgeber deutschsprachiger Journale.

Ein anderer Terrorapostel aus Deutschland ist der gebürtige Augsburger Johann Most (1846 bis 1906), ein gelernter Buchbinder. In seinen jungen Jahren gehört Most zum linken Flügel der jungen SPD, wird als mitreißender Agitator geschätzt und ist zeitweilig Reichstagsabgeordneter. Nach der Verhängung des Sozialistengesetzes muss er 1878 nach England fliehen, wo er sich schnell radikalisiert und in seiner anarchistischen Zeitung "Freiheit" verkündet, der Weg zur Humanität führe durch die Barbarei. Er malt sich lenkbare Luftschiffe aus, die Dynamit auf Zaren, Kaiser und ganze Militärparaden abwerfen.

Nachdem Most im März 1881 das tödliche Attentat auf Zar Alexander II. in der "Freiheit" gefeiert hat ("Triumph! Triumph!"), verbüßt er in England eine Freiheitsstrafe. Danach wandert er, wie so viele radikale Europäer, nach Amerika aus. Um sich das Vernichtungs-"Know-how" zu beschaffen, arbeitet er in einer Sprengstoff-Fabrik. Als bekanntester Anarchist der USA veröffentlicht er 1885 das Terrorhandbuch "The Science of Revolutionary Warfare". Den letzten Schritt zur Praxis scheint Most freilich, auch darin Heinzen ähnlich, gescheut zu haben.

Die Erinnerung an Johann Most wird allenfalls in versprengten Zirkeln der extremen Linken gepflegt. Michail Bakunin (1814 bis 1876) dagegen, der russische Feuerkopf des Anarchismus, hat als Prediger einer freien Gesellschaft ohne Staat, als Kritiker und Rivale seines Zeitgenossen Karl Marx Geschichte gemacht. Als junger Mann hatte er die dialektische Philosophie Hegels in sich aufgesogen; eine Begegnung mit Weitling beschleunigte Bakunins politische Radikalisierung unter dem berühmten Motto: "Die Lust an der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust."

Legendär sind seine spektakuläre Flucht aus sibirischer Verbannung über Japan, Amerika nach London und seine Teilnahme am Barrikadenkampf in Dresden an der Seite Richard Wagners im Mai 1849. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts inspirierte Bakunins staatsfeindliche Doktrin viele Terroristen innerhalb und außerhalb Europas - wenngleich der Anarchismus als philosophisch-politische Lehre nicht automatisch Gewalt befürwortet.

Bakunin selbst "hatte nicht das Zeug zum Killer", wie Hans Magnus Enzensberger in einem Kommentar zum historischen Terrorismus betonte: "Seiner gewalttätigen Sprache ungeachtet war Bakunin ein gutmütiger Riese." Anders sein junger Landsmann Sergej Netschajew, der als Erster die absolute Amoral zur revolutionären Grundtugend erhebt. In Genf vernarrt sich Bakunin 1869 in den abgründigen Netschajew, den er zärtlich einen "großartigen jungen Fanatiker" und seinen "Boy" nennt; er verfasst mit ihm die "Prinzipien der Revolution": "Wir erkennen keine andere Methode an als die Zerstörung, obwohl wir zugeben, dass die Formen, in der sich diese Taten offenbaren werden, sehr verschieden sein können - Gift, Messer, Strick usw."

Der Revolutionär, so der "Revolutionäre Katechismus" von Bakunin/Netschajew, "verachtet und hasst die heutige Gesellschaftsmoral in allen Formen und Beweggründen. Er betrachtet alles als moralisch, was den Triumph der Revolution fördert ... Alle weichen und schwächenden Gefühle der Verwandtschaft, Freundschaft, Liebe, Dankbarkeit, sogar Ehre müssen in ihm durch eine kalte Leidenschaft für die Sache der Revolution erstickt werden ... Tag und Nacht muss er nur einen einzigen Gedanken, ein einziges Ziel haben - die gnadenlose Zerstörung".

Nach Russland zurückgekehrt, organisiert Netschajew vor allem unter studentischen Feinden des Absolutismus Geheimbünde mit jeweils fünf Mitgliedern, denen er Namen wie "Gesellschaft der Axt" gibt. Seinen Mitverschwörer Iwanow, den er des Verrats bezichtigt, bringt er ohne Zögern um - der wohl erste Genossenmord der russischen Revolution. Die Entdeckung der Leiche und die Hintergründe des Verbrechens lösen einen Skandal in Russland aus, der Dostojewski zu seinem Roman "Die Dämonen" inspiriert. Bald nachdem Netschajew auf der Flucht vor der Polizei in der Schweiz abermals zu Bakunin stößt, bricht dieser mit dem "Boy", der die Amoral auch gegenüber dem Privatmann Bakunin praktiziert.

Als 1874 in Bologna, wo Bakunin gewirkt hat, ein anarchistischer Aufstand scheitert, wird die Idee einer "Propaganda der Tat" geboren: Solange der Boden für den finalen Umsturz noch nicht bereitet sei, müsse eben ein kleines Häuflein Entschlossener mit individuellen Gewaltakten die verzweifelte Lage der Ärmsten und die eigene Entschlossenheit kundtun.

  • 1. Teil: "Es gibt keine Unschuldigen"
  • 2. Teil


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