Die Terror-Internationale Philippinen - Abu Sayyaf


Religiöser Ursprung

Die südphilippinische Terrororganisation Abu Sayyaf ist eine kleine Rebellentruppe in den südlichen Philippinen. Ihre Mitglieder sind vor allem Angehörige der Volksgruppe der Tausug, die auf den Inseln Jolo und Basilan im Sulu-Archipel lebt.

DER SPIEGEL
Ihr Ziel ist ein islamischer Staat. 1991 gründete der Islamlehrer Abdurajak Janjalani die Gruppe. Er rekrutierte seine Anhänger aus der größten muslimischen Rebellengruppe im Süden der christlich dominierten Philippinen, der Moro National Liberation Front (MNLF), die 1996 mit Manila ein Friedensabkommen geschlossen hatte. Es sah Autonomie für Teile der Region Mindanao vor.

Vielen MNLF-Freischärlern gingen die Zugeständnisse der Regierung aber nicht weit genug. Sie setzten den Kampf fort. Nachdem Janjalani im Dezember 1998 von der Polizei erschossen worden war, übernahm sein Bruder Khaddafy die Führung der Sayyaf. Seither machte die Gruppe mehrere Wandlungen durch. Bei ihren Aktionen mischte sich immer mehr reine Geldgier mit politischen Zielen.

Anschläge auf Bestellung

Nach mehreren Offensiven der philippinischen Armee scheint Abu Sayyaf schwer angeschlagen. Hunderte Mitglieder, darunter auch mehrere Anführer, wurden verhaftet oder getötet. Die Zahl der Kämpfer sank von zeitweise 3000 auf rund 300, schätzen Fahnder. Die philippinischen Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo hat die Gruppe für erledigt erklärt.

Sicherheitskräfte sind allerdings nicht so optimistisch. Sie halten die Abu-Sayyaf-Organisation nach wie vor für hochgefährlich, weil ihre Anführer nach den Rückschlägen der letzten Jahre mit neuen Attacken ihre Aktionsfähigkeit beweisen wollen.

So verbreitete Abu Sayyaf ("Träger des Schwertes") auch 2003/04 Angst und Schrecken. Ende April waren mindestens noch drei Ausländer in der Gewalt der Gruppe: zwei Malaysier und ein Indonesier, die auf hoher See gekidnappt worden waren. Abu-Sayyaf-Kämpfer lassen sich offenbar auch von Politikern und Geschäftsleuten für Entführungen und Anschläge anheuern.

Mittlerweile jedoch scheint die Gruppe das Lösegeld früherer Geiselnahmen aufgebraucht zu haben. Sayyaf-Mitglieder wurden beim Drogenhandel beobachtet, mit dem sie offenbar die Kassen auffüllen wollten.

Die Polizei verhinderte vor den Präsidentenwahlen im Mai mehrere Sprengstoffattentate in Manila und verhaftete Abu-Sayyaf-Mitglieder. Zwei Monate zuvor wurden in der philippinischen Hauptstadt 36 Kilogramm TNT gefunden, mit denen nach Regierungsangaben Abu-Sayyaf-Killer Züge und Einkaufszentren in die Luft sprengen wollten.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass die muslimische Gruppe für die Explosion auf dem Schiff "Superferry 14" am 27. Februar verantwortlich ist, bei der 116 Menschen starben. Die Terroristen jedenfalls haben die Verantwortung für das Attentat übernommen. Falls es sich nicht um Prahlerei handelt, wäre dies der blutigste Anschlag in der Geschichte der Abu Sayyaf. Tatsächlich wird der - vermisste - 51. Passagier auf der Passagierliste des Fährschiffs der Abu Sayyaf zugerechnet.

Kopfgeld auf den Chef

Offenbar ist es in letzter Zeit zu heftigen Brüchen zwischen den kriminell und den politisch-religiös motivierten Mitgliedern gekommen. Der Chef der ideologischen Fraktion ist Khaddafy Janjalani, der sich derzeit auf der Flucht befindet. Auf der anderen Seite steht der auf Jolo lebende Jumdail Gumbahali alias "Dr. Abu".

Auf Janjalani ist ein Kopfgeld von bis zu fünf Millionen US-Dollar ausgesetzt. Er scheint in Mindanao Unterschlupf bei einer Splittergruppe der größten noch aktiven Rebellenorganisation, der Moro Islamic Liberation Front (MILF), und Angehörigen der südostasiatischen Islamistengruppe Jemaah Islamiah, gefunden zu haben.

Sicherheitskräfte gehen davon aus, dass Janjalani in Zukunft wieder mehr Anhänger um sich schart. So könnten sich enttäuschte radikale Anhänger der MILF seiner Gruppe anschließen. Die MILF verhandelt derzeit mit der Regierung über ein Friedensabkommen.

Schulung durch Indonesier

Ehemalige Geiseln und Spitzel berichten, dass Indonesier die Abu-Sayyaf-Kämpfer in Trainingscamps auf Jolo militärisch schulen. Sie lernten unter anderem, Minen zu entschärfen und Bomben zu bauen, die über Mobiltelefone gezündet werden.

Wer die Lehrer konkret sind, ist nicht klar. Die Organisation erklärt, sie hätte Verbindungen zur Qaida Osama Bin Ladens. Nach Erkenntnissen philippinischer Sicherheitskräfte suchte in letzter Zeit die Gruppe Jemaah Islamiah Kontakte zur Abu Sayyaf. Jemaah Islamiah soll hinter dem Bombenanschlag auf Bali im Oktober 2002 stehen, bei dem 202 Menschen ums Leben kamen.

Entführte Familie Wallert auf Jolo, Mitgefangene (l.)
REUTERS

Entführte Familie Wallert auf Jolo, Mitgefangene (l.)

Über die Landesgrenzen hinweg bekannt wurde der Name Abu Sayyaf, als die Gruppe im April 2000 auf der malaysischen Taucherinsel Sipadan 21 Geiseln nahm und nach Jolo verschleppte, unter ihnen die Göttinger Familie Wallert. Nach gut vier Monaten waren fast alle Geiseln freigekommen. Vermittler war unter anderen die libysche Regierung, über die auch Lösegeld an die Entführer gezahlt wurde. Für die Lehrerin Renate Wallert ließ die Bundesregierung eine Million Dollar überbringen. Der philippinische Tauchlehrer Roland Ullah konnte im Juni 2003 nach drei Jahren Gefangenschaft von der Insel Jolo fliehen.

Noch im August 2000 entführte die Gruppe den Amerikaner Jeffrey Schilling. Vom Dos-Palmas-Ferienresort auf der 450 Kilometer von Jolo entfernten Insel Palawan kidnappte sie am 27. Mai 2001 erneut 20 Touristen und Angestellte, darunter das amerikanische Missionarsehepaar Martin und Gracia Burnham sowie den kalifornischen Bauunternehmer Guillermo Sobero. Nach einigen Tagen enthaupteten die Entführer einige ihrer Gefangenen, darunter Sobero.

Auf der Flucht vor der Armee nahmen die Terroristen auf der Insel Basilan weitere Geiseln. Das Martyrium der Amerikaner dauerte ein Jahr, dann befreite das Militär Gracia Burnham. Ihr Mann und eine philippinische Geisel aber starben während des Feuergefechts.

Aus für "Commander Robot"

Nach den Anschlägen in New York am 11. September 2001 unterstützten US-Truppen die philippinische Armee in ihrem Kampf gegen die Abu Sayyaf. Mit Hilfe von Satellitenbildern gelang es, den Entführern der Burnhams auf die Spur zu kommen. Bei einer Verfolgungsjagd kam der Kidnapper-Chef Abu Sabaya offenbar ums Leben.

Inzwischen sind zwei gefasste Abu-Sayyaf-Miglieder wegen der Entführung des Amerikaners Schilling zu lebenslanger Haft verurteilt worden, unter ihnen Janjalanis Bruder Hector.

Mehrfach aber kam es in den letzten Jahren zu peinlichen Pannen: So gelang es rund 20 Abu-Sayyaf-Mitgliedern, bei einem Massenausbruch aus einem Gefängnis auf Basilan zu fliehen. Elf von ihnen wurden nach Polizeiangaben inzwischen wieder eingefangen oder auf der Flucht getötet.

Das Militär fasste auch den Chef-Kidnapper der Sipadan-Geiseln Galib Andang ("Commander Robot".) Bei seiner Gefangennahme im Dezember 2003 wurde er so schwer verletzt, dass sein linkes Bein amputiert werden musste. Andang war verraten worden: Die US-Armee zahlte im März dem Informanten, einem früheren Abu-Sayyaf-Mitglied, rund 8000 Euro Belohnung. Sollte Andang, der seine Unschuld beteuert, auf den Philippinen verurteilt werden, will die deutsche Staatsanwaltschaft keinen Antrag auf Auslieferung stellen.

ANDREAS LORENZ



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