Geschichte des Terrors Eldorado der Linksguerilla

2. Teil


Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Horst Mahler, die Monate später die Rote Armee Fraktion (RAF) gründeten, hatten sich mit Gesinnungsgenossen in den Nahen Osten abgesetzt, um nach der gewaltsamen Befreiung Baaders aus dem Gefängnis den deutschen Fahndern zu entgehen.

Nach nur wenigen Wochen war die Guerilla-Ausbildung jedoch beendet. Streitigkeiten in der Gruppe und Baaders anmaßendes Auftreten ließen es den Gastgebern angeraten erscheinen, das Experiment abzubrechen. Doch die Kontakte waren geknüpft und konnten jederzeit reaktiviert werden.

Nach der Abreise der Deutschen eskalierte der seit Monaten schwelende Konflikt zwischen den Palästinensern und der Armee König Husseins. Die Terrorkommandos hatten immer wieder jordanisches Territorium für ihre Aktionen genutzt und waren zu einem Staat im Staate geworden, der das haschemitische Herrscherhaus bedrohte.

In blutigen Gefechten drängten die Jordanier die PLO ab September 1970 außer Landes und sorgten so für einen weiteren Radikalisierungsschub. Nun geriet auch die Fatah, die den Hijacking-Operationen der PFLP anfangs kritisch gegenübergestanden hatte, endgültig in den Sog eines "totalen Kriegs zur Wiederherstellung der verlorenen Ehre", wie der israelische Politikwissenschaftler und Terrorexperte Ariel Merari schreibt.

Mit der Gründung des Schwarzen September durch den Fatah-Geheimdienst Dschihas al-Rasd sorgte nun zunehmend auch die Arafat-Truppe international für Angst und Schrecken. Zu Beginn der siebziger Jahre machten die Auslandsoperationen nur drei Prozent aller militärischen Anstrengungen der PLO aus. 1972, im Jahr des Olympia-Attentats, waren es bereits zwölf Prozent. Im Jahre 1973 stieg die Quote auf 30 Prozent. Terror, der sich lohnte.

Nur 18 Monate nach dem Anschlag in München erreichte PLO-Chef Arafat eine Einladung zur Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York. Dort hielt er am 13. November 1974, in Uniform und mit umgeschnalltem Revolver, eine Rede, die er mit einer Mischung aus Drohung und Verhandlungsangebot schloss:

"Ich bin heute zu Ihnen gekommen, mit einem Olivenzweig und der Waffe eines Freiheitskämpfers. Lassen Sie diesen Olivenzweig nicht aus meiner Hand fallen."

Kurz darauf erhielt die PLO einen besonderen Beobachterstatus bei der Uno. Ende der siebziger Jahre hatte die Organisation diplomatische Vertretungen in 86 Staaten - Israel dagegen brachte es nur auf 72.

Ende der siebziger Jahre hatte die PLO diplomatische Vertretungen in 86 Staaten - Israel brachte es nur auf 72.

Schon fünf Monate vor Arafats New-York-Reise hatte die Fatah - unter dem Eindruck der erneuten Niederlage der arabischen Staaten im Jom-Kippur-Krieg 1973 - auf dem Palästinensischen Nationalkongress in Kairo einen Vorschlag unterbreitet, der erstmals die Option einer Abkehr vom bewaffneten Kampf andeutete.

Doch längst nicht alle Mitgliedsorganisationen der PLO wollten diesen Weg mitgehen. Angeführt von der PFLP und deren von Syrien unterstützter Abspaltung, dem PFLP-Generalkommando (PFLP-GC) unter Ahmed Dschibril, formierte sich eine Ablehnungsfront.

Eine weitere Splittergruppe der Habasch-Organisation, das vom ehemaligen Kinderarzt Wadi Haddad angeführte PFLP-Spezialkommando (PFLP-SC), wurde ab 1975 zur gefährlichsten und brutalsten Terrororganisation der Welt. Haddad war der Erste, der systematisch Ausländer für seine Operationen nutzte und mit der Bereitstellung von Ausbildungsmöglichkeiten, Waffen und Logistik dem "antiimperialistischen Kampf" eine neue internationale Dimension eröffnete.

Bereits 1972 hatte er, damals noch unter dem Kommando Habaschs, drei Mitglieder der japanischen Roten Armee für die palästinensische Sache rekrutiert. Ende Mai ermordeten diese bei einem wahllosen Gemetzel in der Ankunftshalle des israelischen Flughafens Lod 26 Menschen, die meisten davon Nonnen aus Puerto Rico. 76 weitere wurden durch die Kalaschnikow-Salven der Japaner verwundet.

Haddads Stützpunkt im Südjemen avancierte schnell zum Eldorado der internationalen Linksguerilla. Ab Mitte der siebziger Jahre trainierten dort Japaner, Italiener, Basken, Niederländer, Türken, Deutsche - und ein Mann, der in den folgenden Jahren immer wieder für Schlagzeilen sorgen sollte: Ilich Ramiréz Sánchez genannt Carlos.

Am 21. Dezember überfällt ein von ihm angeführtes Kommando die OPEC-Konferenz in Wien, erschießt drei Menschen und nimmt die Energieminister der wichtigsten erdölexportierenden Staaten als Geisel. Die Österreicher lassen Carlos und seine Gruppe mit den Geiseln nach Algier ausfliegen. Nach Zahlung eines Lösegelds von 20 Millionen Dollar kommen die Geiseln frei.

Dass auch Deutsche unter den Tätern waren, erfuhr die Weltöffentlichkeit, als Hans-Joachim Klein, Mitglied der Revolutionären Zellen (RZ), zur Behandlung seiner Schussverletzungen in ein Wiener Krankenhaus gebracht wurde.

Als ein PFLP-SC-Kommando im Juni 1976 eine Air-France-Maschine auf dem Weg von Tel Aviv nach Paris ins ugandische Entebbe entführt, sind Deutsche erneut mit von der Partie: die RZ-Aktivisten Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann.

Nach langen Verhandlungen willigten die Entführer ein, einen Teil der Passagiere freizulassen. Gehen durfte aber nur, wer weder israelischer Staatsbürger noch jüdischen Glaubens war.

Die Selektion von Juden und Nichtjuden hatten die Palästinenser, mit einem perversen Gespür für historische Parallelen, den Deutschen überlassen. Am 4. Juli befreiten israelische Elitesoldaten die Geiseln und erschossen alle sieben Entführer. Für viele radikale Linke in der Bundesrepublik, bis weit in die Sympathisantenszene hinein, markierte Entebbe das Ende der Solidarität mit den Genossen im Untergrund und ihren palästinensischen Helfern.

Der RAF war das egal. "Ohne die Unterstützung der Palästinenser", so das ehemalige RAF-Mitglied Peter-Jürgen Boock, "wären wir von Mitte der siebziger bis Anfang der achtziger Jahre nicht mehr oder nur sehr bedingt aktionsfähig gewesen."

Haddad half, wo er konnte: Maschinenpistolen für die Schleyer-Entführung, eine Panzerfaust für das Attentat auf den US-General Frederick Kroesen 1981, Sprengstoff für den Anschlag auf Nato-Oberbefehlshaber Alexander Haig 1979 - alles stammte aus den Depots der PFLP-SC. Einen Kurierdienst, der die Lieferungen in die römische Botschaft der Volksrepublik Jemen schaffte, wo sie von RAF-Kadern abgeholt wurden, gab es ebenfalls.

Als sich die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer im Herbst 1977 zu einem Nervenkrieg zwischen RAF und der deutschen Regierung entwickelte, war Haddad wieder behilflich. Diesmal mit der Entführung einer Lufthansa-Maschine durch ein PFLP-SC-Kommando, die den Forderungen nach einem Austausch gegen die in Stuttgart-Stammheim einsitzende RAF-Führung Nachdruck verleihen sollte.

In der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober stürmen Angehörige der GSG 9 in Mogadischu das Flugzeug, befreien alle Geiseln und erschießen drei der vier Entführer. Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe begehen Selbstmord. Die deutsch-palästinensische Terrorachse ist am Ende.

GUNTHER LATSCH



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