Schüler-Probleme "Mir fehlen so lange Wörter"

In der 6a der Neuköllner Konrad-Agahd-Grundschule spricht nur der Lehrer fehlerfrei Deutsch. Fast alle Schüler stammen aus dem Ausland. Doch warum sollen sie auch Deutsch lernen in Stadtteilen, in denen sie mit ihrer Muttersprache gut zurechtkommen?

Von Caroline Schmidt


Es ist eine Idylle, die jedem Bildungspolitiker das Herz aufgehen ließe. An diesem sommerlichen Mittwoch streicht leichter Wind durch die geöffneten Altbaufenster in den Raum der 6a der Neuköllner Konrad-Agahd-Grundschule. Der Klassenlehrer, Herr Schröder, spielt auf einer Gitarre "Lemon Tree" von der deutschen Band Fool's Garden, und die Kinder des alten Arbeiterviertels singen jede Strophe, ohne aus dem Rhythmus zu kommen.

Klasse 6a der Konrad-Agahd-Grundschule in Berlin, Klassenlehrer Schröder: Das Schweigen der Eltern
SABINE SAUER / DER SPIEGEL

Klasse 6a der Konrad-Agahd-Grundschule in Berlin, Klassenlehrer Schröder: Das Schweigen der Eltern

Doch als das Lied vorbei ist und der normale Unterricht weitergeht, bleibt Süleyman, 12, wieder mitten im Satz hängen, weil ihm Wörter wie "Jahr" nicht einfallen. Und da sie gerade aufgeregt ist, verheddert sich selbst die kluge Nadzija, 11, aus Bosnien in der deutschen Grammatik. Dann sagt die beste Schülerin der Klasse plötzlich, "er hat sich bewerbt", obwohl sie es besser weiß.

Die 6a ist eine ganz normale Grundschulklasse in einem dieser Stadtteile, in denen weit mehr Menschen von Sozialhilfe leben als anderswo und auf deren Straßen in manchen Ecken fast so viel Türkisch und Arabisch wie Deutsch zu hören ist. Von den 24 Schülern stammen 11 aus der Türkei, 4 aus dem Libanon - und nur 3 aus Deutschland.

Das Sprachniveau kann die Minderheit der Muttersprachler nicht heben - wie auch: "Der passive Wortschatz der deutschen Kinder hier ist zwar meistens größer", berichtet Schröder, "aber ihre Grammatikkenntnisse sind ähnlich schlecht wie bei den anderen." Der Einzige, der beim Sprechen keine Fehler macht, ist der Lehrer selbst.

Ralf Schröder, 48, sieht locker aus in seinen Jeans, dem T-Shirt mit Konzertaufdruck und den Gesundheitssandalen, aber wenn er unterrichtet, wirkt die Klasse ruhig und konzentriert. Nur ganzen vier Schülern traut er zu, mit viel Fleiß das Gymnasium zu meistern.

Unter ihnen ist Nadzija, die Ärztin werden möchte. Ihren Eltern, sagt sie, sei es "immer sehr wichtig", dass sie eine gute Schülerin sei. Ihr Vater war in Bosnien Sportlehrer. Ihm fehlt nur noch eine Prüfung, dann wird er auch in Deutschland wieder an Schulen unterrichten können; ihre Mutter hat Abitur. Sie könnte vielleicht eine ähnliche schulische Karriere machen wie die Türkin Bilge Buz, die gerade mit einem Traumabitur (Notendurchschnitt: 1,2) für Furore sorgte.

Den anderen wird Schröder empfehlen müssen, die Haupt- oder Realschule zu besuchen. "Natürlich gibt es mehr Kinder, die intelligent genug fürs Gymnasium wären", räumt Schröder ein, "doch die meisten haben einfach nicht genug für die Schule getan - auch, weil sie zu Hause nicht unterstützt wurden."

In der Neuköllner 6a sind die Folgen eines Bildungssystems zu besichtigen, das - so ein Ergebnis der Pisa-Studie - wie eine Art Karussell wirkt: Jedes Kind darf eine Runde drehen, um dann an dem Platz der Gesellschaft wieder aussteigen zu müssen, von dem aus es startete - und die Migranten kommen meistens von ganz unten.

Sprachtests aus vielen Bundesländern bestätigten, dass die Ursachen für die extremen Leistungsunterschiede schon lange vor der ersten Klasse zu erkennen sind: In Berlin konnte fast die Hälfte der 2003 eingeschulten Kinder bei der Anmeldung nicht ausreichend Deutsch, um dem Unterricht problemlos zu folgen. Dabei handelt es sich nicht nur um Migranten: Auch über ein Viertel der getesteten Muttersprachler wies Defizite auf, fast acht Prozent darunter sogar derart arge Kommunikationsprobleme, dass sie "intensivst gefördert" werden müssen. In ihren Familien lief offensichtlich wenig mehr an Unterhaltung als der Fernseher.

Schüler an Berliner Grundschulen
DER SPIEGEL

Schüler an Berliner Grundschulen

Diese ungleichen Startbedingungen werden durch das dreigliedrige deutsche Schulsystem spätestens mit dem zwölften Lebensjahr einbetoniert. Die Zahl der Gymnasiasten ohne deutschen Pass stagniert bundesweit schon seit Jahren bei ein paar Prozent. Auf der Hauptschule dagegen wächst der Ausländeranteil langsam, aber stetig - im vorvergangenen Schuljahr lag er bei fast einem Fünftel. Und sind die Schwachen erst unter sich, kämpft der Lehrer auf verlorenem Posten.

Diesen Kreislauf wollen immer mehr Kultusminister durchbrechen. Sprachkurse vor Beginn der ersten Klasse sollen den Kleinen Verben, Nomen und Präpositionen näher bringen. Eine so genannte Sprachstandserhebung bei der Anmeldung klärt in fast allen alten Bundesländern zuvor, wie mächtig die Kinder der deutschen Sprache bereits sind. Die Schulbehörden Hessens und des Saarlands wollen den Druck auf die Eltern sogar noch weiter erhöhen: Sie drohen all jene Erstklässler um ein Jahr zurückzustellen, die bei der Einschulung immer noch nicht ausreichend Deutsch können.

Praktiker Schröder hingegen bezweifelt, dass solche administrativen Maßnahmen ausreichen werden, wenn die Eltern nicht mitspielen: "Wie soll die Halbtagsschule mit Unterricht ausgleichen, dass jemand den ganzen übrigen Tag kein Deutsch spricht? Und warum soll ein Türke oder Araber eigentlich noch Deutsch lernen wollen in Stadtteilen wie Neukölln, in denen er vielleicht bald Arbeit in seiner Muttersprache findet?"

Wie wenig die Kinder verstehen, die in der Parallelgesellschaft von Neukölln aufwachsen, beobachtet Ilona König-Steinmetz seit Jahren. Die 50-Jährige unterrichtet schräg gegenüber von Herrn Schröders sechster Klasse die 1c: die Förderklasse. Eine blaue Schultüte aus Tonpapier verziert die Klassentür, 14 Sechsjährige aus sieben Nationen verfolgen jede Bewegung ihrer Lehrerin mit großen Augen. Sie alle verstehen nicht genug, um sich im regulären ersten Jahrgang durchzubeißen, und stoßen deshalb erst in der zweiten Klasse zu den anderen.

Schüler der Klasse 6a beim Musikunterricht: Pantine oder Pantomime?
Sabine Sauer / DER SPIEGEL

Schüler der Klasse 6a beim Musikunterricht: Pantine oder Pantomime?

Damit alle dem Unterricht folgen können, übersetzt König-Steinmetz jedes Wort in Pantomime. "Wir", sagt sie und zeigt in die Runde, "legen jetzt die Frühstücksdose", sie hebt eine Frühstücksdose aus ihrem Demonstrations-Schultornister, "auf den Tisch." Nachdem die Lehrerin auch die Federtasche, den orangefarbenen Ordner und die rote Schere - "ich schön Schere", ruft da ein mutiges Kind in die Klasse - gelegt hat, packt sie alles wieder langsam und wortreich in den Tornister. Am Ende der Stunde hat die Pädagogin auf diese Weise die Präpositionen "auf" und "in" vorgestellt.

Nach einigen Wiederholungen in den nächsten Tagen wird der zweite Schwierigkeitsgrad mit Wörtern wie "zwischen" angegangen. Im ersten Schuljahr müssen die Schüler überdies lernen die elementaren Fragen des Lebens richtig zu beantworten, die da heißen: "Wie alt bist du?", "Wann hast du Geburtstag?" und "Wo wohnst du?" "Es dauert mindestens ein halbes Jahr", sagt König-Steinmetz, "bis man sich mit den Kindern austauschen kann, bei einigen sogar noch länger."

Fünf Klassen darüber, im Deutschunterricht der 6a, rätseln die Schüler unterdessen, was ein "von" im Namen des Protagonisten ihres Gedichts bedeutet, welche Gegenstände "Pantinen" sind und welche Bedeutung "scholl" hat. Die Deutschen Martin ("Haha Mehmet Scholl, klar!"), Sonja und Anja sind dabei ähnlich hilflos wie Ali aus dem Libanon, der Pantine mit Pantomime verwechselt, oder Süleyman, der im Unterricht nur etwas sagt, wenn der Lehrer ihn aufruft.

Der Zwölfjährige geht nicht gern zur Grundschule, lieber besucht er den Islamunterricht in einer Neuköllner Moschee. Süleyman trägt eine Silberkette, eine feste Zahnspange und spricht nur langsam Deutsch. "Mir fehlen so lange Wörter", gestikuliert er. Die Islamkurse fingen direkt nach der Schule an und dauerten zwei Stunden. Sechs seiner Mitschüler besuchen ähnliche Einrichtungen. "Wir lesen dort und machen Koran auswendig", erklärt Süleyman den Ablauf, "dann gibt es immer eine Pause, wir spielen Computer oder Fernsehen, dann wieder lesen und Koran auswendig machen." Da bleibt nicht viel Zeit für Schulaufgaben.

"Wenn ich dann die Eltern der Kinder frage, was ihnen wichtiger sei", berichtet Schröder, "schauen die mich nur schweigend an."

Die Erklärung dafür ist wahrscheinlich einfach: In Neukölln kommt man auch gut ohne Goethe und Differenzialrechnung klar. Süleymans Vater arbeitet im Teehaus des Großvaters, seine Mutter bewältigt den Haushalt für die vierköpfige Familie und spricht fast nur Türkisch. Sie leben in einer Welt, für die ein höherer Schulabschluss nicht die Eintrittskarte ist.



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