Spielerisch lernen "Wir machen ganz tolle Sachen"

Ortstermin: Wie die Schule den Erstklässlern bei der Einschulung Ängste nimmt, die diese gar nicht haben.

Von Ansbert Kneip


Für den Fall, dass die Lehrerin wissen will, wie viel zwei und zwei ist, hat Regina einen kleinen Auftritt vorbereitet: Sie wird sich zurücklehnen und sich melden, so lässig wie möglich, und wenn sie drangenommen wird, dann will sie mit den Augen rollen, "nur ganz kurz, so als ob ich überlege", und mit all der Selbstverständlichkeit, die man als Kind so aufbieten kann, will sie dann antworten: "Vier, natürlich."

Regina ist sechs, und heute ist ihr erster Schultag. Wie viel zwei und zwei macht, weiß sie natürlich längst: Wer in einer vierköpfigen Familie wohnt und beim Aufteilen von Keksen oder Schokolade nicht übertölpelt werden will, lernt lange vor dem ersten Schultag, den Zahlenraum bis vier zu überblicken.

Jetzt trägt Regina auf dem Rücken einen "Heidi"-Ranzen, im Arm eine rosa Schultüte und im Gesicht eine riesige Zahnlücke. Die ist ungeheuer wichtig, denn Zahnlücken zeigen, wie groß man ist. Regina fehlen sogar zwei Schneidezähne.

Dass Schule Angst machen könnte? Auf eine solche Idee käme sie nie.

Auch die anderen 60 Kinder in den ersten drei Reihen der Aula in der Grundschule am Stadtrand von Hamburg wirken nicht verängstigt. Angst geht nur in den Reihen dahinter um, wo Mütter, Großeltern, Onkel, Tanten und Geschwister sitzen. Und unter den Vätern, die am Rand stehen und filmen.

Schon Wochen vor der Einschulung haben die Eltern eine Einkaufsliste bekommen: Stifte, Federmäppchen, Brotdose, Trinkflasche, Turnbeutel, farbige Heftumschläge, Anspitzer, Radiergummi, Malkasten. "Bitte kaufen Sie Markenware", stand in dem Brief, und das klang ziemlich streng. Ein Markenranzen, der einigermaßen stabil, nicht allzu schwer und auch noch ergonomisch geformt ist, kostet meist mehr als 100 Euro.

Beim Elternabend haben die Mütter beratschlagt, ob sie nicht spezielle Schreiblernstifte kaufen sollten. Die sind dreieckig und deshalb von Kinderfingern leichter zu halten. Hoffentlich, so denken die Eltern, haben wir alles richtig gemacht.

Der Ablauf einer Einschulungsfeier ist vorhersehbar: Die Schulleitung muss eine Rede halten, ein oder zwei Klassen führen etwas auf - ein Gedicht, einen Tanz, ein Lied. Am Ende kommen die Neuen einzeln auf die Bühne und ziehen dann klassenweise in den Raum, der nun für vier Jahre der ihre sein wird.

Das Wichtigste aber ist ein Lied: "Alle Kinder lernen lesen, Indianer und Chinesen ..." - ein Lied, das von der Freude am Lernen kündet. Für die Einschulung ist "Alle Kinder lernen lesen" so wichtig wie die Nationalhymne für ein Länderspiel.

Auf der Bühne tritt nun die 4b auf, sie zeigt einen artistischen Tanz mit Einradfahrern, Handständen, Pyramiden und Hula-Hoop-Reifen. Dann singt der Chor, anschließend erntet ein Blockflötenkreis höflichen Applaus. Am Ende wendet sich die Schulleiterin noch einmal an die Kinder: "Schule macht ganz großen Spaß", sagt sie, "in der Schule machen wir ganz tolle Sachen, Ausflüge beispielsweise." Es klingt, als wolle sie die Kinder überreden.

Dass in der Schule gelernt wird und dass gerade das die tollste Sache ist, das sagt sie nicht.

Still sitzen und zuhören müsse man in der Schule allerdings auch, sagt die Rektorin und klingt dabei schon etwas ernster, und dann fügt sie noch eine weitere schlechte Botschaft hinzu: "Manchmal gibt es auch Hausaufgaben." Sie scheint nicht zu wissen, wie verheißungsvoll das für ihr Publikum in den ersten Reihen klingt: Mit Hausaufgaben ist es wie mit den Zahnlücken. Wer sie hat, ist groß.

Nach der Rede betritt die 2c die Bühne, und nun endlich wird gesungen: "Alle Kinder lernen lesen." Regina singt leise mit, sie kennt den Text von einer Kinderliederkassette.

Und dann werden die neuen Schulkinder nach vorn gerufen, manche kennen sich schon aus der Vorschule oder dem Kindergarten. Sofort werden mögliche Spielkameraden sortiert.

Die Eltern achten auf anderes: Wie viele Jungs sind in der Klasse? Wie viele Mädchen? Und vor allem: Zu welcher Nation gehört welcher Name?

Emren oder Ali etwa klingen türkisch, das ist einfach. Eugen und Alexander dagegen dürften Russlanddeutsche sein. Die haben zwar einen deutschen Pass, aber nicht immer können sie auch richtig Deutsch. Nur Kevin, Vanessa und Janette, die dürften echte Hamburger sein.

Eine Stunde später ist der erste Schultag vorbei, Regina steht strahlend auf dem Schulhof und kann vor Aufregung kaum sprechen.

Wie war's? - "Toll."

Wie war die Lehrerin? - "Auch toll."

Was war das Beste? - "Ich muss was malen, eine Hausaufgabe."

Nur schade, dass keiner gefragt hat, was zwei und zwei ist.



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