Arabische Welt "Das Bild vom märchenhaften Orient ist ein Mythos"

Gespräch mit Lucien Leitess, Chef des Zürcher Unionsverlags, über deutsche Orient-Klischees, arabische Literatur und den deutschen Nachholbedarf im Kulturaustausch


Tuareg (in Libyen): "Bei ihnen tragen Männer den Schleier"
DPA

Tuareg (in Libyen): "Bei ihnen tragen Männer den Schleier"

SPIEGEL:

Herr Leitess, im Unionsverlag sind vorwiegend Autoren der so genannten Dritten Welt zu Hause - darunter auffallend viele aus dem arabischen und maghrebinischen Raum. Wie kam es zu dieser Ausrichtung des Programms?

Leitess: Ich habe das vor wenigen Tagen erstmals ausgezählt. Ganze 20 von 274 Autoren und Autorinnen des Verlags stammen aus dem arabischen Raum. Ist es nicht eine verrückte Welt, wenn damit ein Verlag bereits auffällt? Dieser Anteil sollte doch eigentlich normal sein für Verlage, die sich der Weltliteratur widmen. Aber natürlich ist der Buchmarkt von der literarischen Normalität noch weit entfernt. Darum haben wir in den siebziger Jahren den Verlag gegründet, mitten in der Studentenbewegung, als Arbeitsgruppe, die sich den Internationalismus auf die Fahnen schrieb.

SPIEGEL: Wie ist aus dem idealistischen Arbeitsgrüppchen ein funktionierender Verlag geworden?

Leitess: Herzblut, Angstschweiß, Freudentränen - um Winston Churchill zu variieren. Das war ein langer Lernprozess voller fruchtbarer Fehler. Der erste Roman von Yasar Kemal erschien bereits 1979, aber bis 1983 befand sich der Verlag auf dem Dachboden. Wenn die Autoren zu Besuch kamen, mussten wir erst mal die Wohnung ordentlich putzen.

SPIEGEL: Inzwischen residiert Ihr Verlag immerhin in einer ehemaligen Fabrikantenvilla. Aber wer genau ist "wir"?

Leitess: Der Unionsverlag besteht heute aus sieben Leuten. Wir sehen uns nach der klassisch-ironischen Definition als Programmverlag: Wir machen die Bücher, von denen wir meinen, die Leute müssen sie lesen. Die rein kommerziellen Verlage dagegen machen die Bücher, von denen sie meinen, die Leute werden sie lesen. Zum Glück ist die Leserschaft ein unberechenbares Wesen, bei beiden Verlagstypen mischen sich Überraschungserfolge und Enttäuschungen recht gleichartig.

SPIEGEL: Vom politisch motivierten Internationalismus führt aber nicht unbedingt ein Königsweg zur Weltliteratur.

Leitess: Das mag stimmen, aber bei uns hat sich der Impuls der internationalen Solidarität bald literarisch geläutert. Denn wir stellten in unserer Anfangszeit, Ende der siebziger Jahre, fest, dass ganze Kontinente auf dem deutschen Buchmarkt nicht präsent waren - abgesehen von der DDR, deren Bücher kaum in den Westen gelangten.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Leitess: Der ganze arabische Raum existierte nicht. Noch 1983 fragte eine deutsche Starkritikerin auf einem Symposium in Kairo: "Gibt es überhaupt eine ägyptische Literatur?" Ein großer türkischer Autor wie Yasar Kemal war hier zu Lande unbekannt. Afrika begann gerade erst, literarisch entdeckt zu werden. Von Asien kaum eine Spur. Nur der Lateinamerika-Boom hatte - mit einem kontinentalen Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse - eingesetzt.

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GMS

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SPIEGEL: Deshalb haben Sie angefangen, die literarisch brachliegenden Kontinente auf eigene Faust zu beackern?

Leitess: Ja, wir wollten an Stelle der weißen Flecken auf der literarischen Weltkarte die Originalfarbtöne zum Vorschein bringen. Ich habe unter Kennern herumgefragt, mich in Literaturgeschichten vertieft und rund um den Globus nach den großen Autoren gesucht. Mahfus, Kemal, Djebar, Aitmatow, Doulatabadi und viele andere kamen in jenen Jahren zum Verlag. Man konnte sich gewissermaßen unter den Paradiesbaum legen und die reifen Feigen pflücken.

SPIEGEL: Die deutschen Rechte waren ohne Schwierigkeiten zu haben?

Leitess: Das Problem war manchmal eher, die Autoren aufzufinden. Nagib Mahfus haben wir 1983 einfach einen Brief geschrieben, den ersten Vertrag hat er persönlich unterzeichnet.

SPIEGEL: Als Kleinverlag einen im deutschen Sprachraum damals unbekannten Ägypter wie Mahfus ins Programm zu nehmen war ein tollkühnes Unterfangen.

Leitess: Zwischen 1985 und 1988, also in drei Jahren, haben wir 300 Mahfus-Übersetzungen verkauft - und dann in drei Minuten 30 000: Das war nach der Agenturmeldung, dass Mahfus der Literaturnobelpreis des Jahres 1988 zuerkannt worden war. Auch die Friedenspreise des deutschen Buchhandels für Yasar Kemal (1997) und Assia Djebar (2000) wirkten ähnlich.

SPIEGEL: Wie lange können Sie von derartigen Erfolgen leben?

Leitess: Verlage wie wir, die in der Mutzone arbeiten, brauchen alle paar Jahre einen solchen Blitzschlag, der dem Buchhandel und dem Feuilleton die Notwendigkeit dieses Verlags vor Augen führt. Es braucht immer wieder viel Glück oder vielleicht gutes Geschick: Als Mischung von Schicksal und Geschicklichkeit. Insgesamt hat es sich für uns gelohnt, in dieser Branche der wechselnden Trends, Wellen und Hypes auf die Bedeutung der Autoren zu setzen. Das bringt nicht immer den saisonalen Erfolg, aber es hilft beim Überleben.

SPIEGEL: Sie treffen regelmäßig mit arabischen Autoren, Verlegern und Intellektuellen zusammen. Wie beurteilen die den deutsch-arabischen Kulturaustausch?

Leitess: Sie beklagen das extreme Ungleichgewicht. "Wir arabischen Leser", sagen sie, "hören schon in der Schule von Goethe, Heine und Thomas Mann, wir wachsen mit eurer Literatur, eurer Geistesgeschichte auf. Aber was wisst, was lest ihr von uns?" Das Gefühl, global missachtet und im Hintertreffen zu sein, ist stark und schmerzhaft. Ich denke, dieses Ungleichgewicht des Wissens und des Interesses wird das geheime Hauptthema der Messe sein. In fast jeder Diskussion mit arabischen Intellektuellen stößt man auf diesen wunden Punkt.

Prachtvolle Prinzen-Hochzeit in Brunei (im September): "Mir graut vor einer europäischen Blamage"
REUTERS

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SPIEGEL: In der in Europa vorherrschenden Wahrnehmung gilt der arabische Teil des Orients immer noch als Inbegriff des Fremden, Exotischen und latent Bedrohlichen.

Leitess: Dabei war das arabische Geistesleben, erst recht in den Ländern rund um das Mittelmeer, immer eng verschränkt mit Europa. Als ich vor Jahren Taufik al-Hakim, den bahnbrechenden Erneuerer von Theater und Literatur, in Kairo besuchte, hatte er sein berühmtes Pariser Barett auf, neben ihm stapelte sich der "Figaro", und auf dem Pult standen nebeneinander eine Sokrates-Statue und der legendäre "Hakimsche Esel", sein Sinnbild für Friedfertigkeit, Unbeugsamkeit und Dienst an der Menschheit.

SPIEGEL: Bei vielen deutschen Lesern beschränkt sich die Vorstellung von arabischer Literatur vermutlich auf die Geschichten aus "Tausendundeiner Nacht" (siehe Seiten 16 und 26).

Leitess: Dieses Bild vom märchenhaften Orient ist zwar sympathisch, aber letztlich ein verheerender Mythos, der allzu viel zudeckt. Mir graut vor einer europäischen Blamage beim Austausch mit der arabischen Kultur anlässlich des diesjährigen Buchmessenschwerpunkts.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Leitess: Es beginnt mit einem geografischkulturellen Irrtum. Im 19. Jahrhundert hat das koloniale Europa einen "Orient" erfunden, der von Marokko bis in die Türkei, nach Persien und Indien reichte. Ein ernsthafter deutscher Verlag hat in diesem Herbst ein Orient-Paket angeboten, das türkische und persische Klassiker und einen pharaonischen Text enthält - nur keinen arabischen. Dann fällt mir auf, wie oft in den hiesigen Debatten "arabisch" und "islamisch" als Synonyme gebraucht werden. Gerade wer sich auf europäischer Seite für Demokratie und freie Debatte engagiert, sollte die so vielfältige arabische Welt nicht über ihre vorherrschende Religion definieren. Unter den arabischen Autoren gibt es Muslime, Christen, Juden und vor allem eine Mehrheit, die sich nicht über die Religion definieren will. Sie schreiben in Arabisch, Französisch, in Berbersprachen, sogar in Englisch und Deutsch.

SPIEGEL: Bücher aus diesem Raum oder über ihn, die auf dem deutschen Buch- markt erfolgreich sind, haben meist politische Themen.

Leitess: Bei der Kairoer Buchmesse im Januar dieses Jahres gab es darüber eine hitzige Podiumsdiskussion: Warum werden welche Bücher bei euch übersetzt und gelesen? Warum werden unsere besten Autoren so wenig gelesen? Warum steht bei euch statt dessen ein Buch über den Ehrenmord an einer palästinensischen Frau auf den Bestsellerlisten (Souad: "Bei lebendigem Leib")? Sie fragen: Macht ihr euch da nicht ein Zerrbild der arabischen Gesellschaften?

SPIEGEL: Die Sensationshascherei ist ein Faktum - erst kürzlich wurde ja ein ähnliches Buch der Jordanierin Norma Khouri ("Du fehlst mir, meine Schwester") als Fälschung entlarvt und weltweit zurückgezogen.

Aber die Diskriminierung von Frauen in Teilen der arabischen Welt ist auch ein Faktum. Und wenn das europäische Publikum archaische Brutalitäten, von denen nicht selten zu hören ist, als widerlich und menschenfeindlich begreift, ist diese Anteilnahme doch legitim.

Leitess: Selbstverständlich, Solidarität ist legitim und nötig. Aber Anteilnahme und Vorurteil können, bei kühler Betrachtung, wie Zwillinge aussehen. Die Verleger der beiden erwähnten Bücher sagten sich: Das wollen die Leute lesen. Egal, ob es real oder erfunden, mit Geschick geschrieben oder ärgerlich simpel ist. Und die Verkaufszahlen geben ihnen Recht. Die Frage heißt also: Warum holen sich Hunderttausende von Leserinnen und Lesern ihr Weltbild aus solchem Schrott und nicht beispielsweise aus den Romanen der palästinensischen Autorin Sahar Khalifa, die radikal und talentiert über alle Probleme von Frauen in ihrer Gesellschaft erzählt?

SPIEGEL: Wie lautet Ihre Antwort?

Leitess: Es gibt vielleicht einfach ein wohliges Gefühl, Vorurteile bestätigt zu sehen. Komplexität dagegen, als Wirklichkeit, die sich aus vielen Widersprüchen zusammensetzt, ist anstrengend. In unseren Abendnachrichten waren die erschütternden Bilder der türkischen Frauen zu sehen, die ein Opfer eines Ehrenmordes zu Grabe trugen. Gleichzeitig stand in Madrid in allen Zeitungen und wurde im Parlament darüber diskutiert, dass in Spanien im ersten Halbjahr 2004 über 30 Frauen von ihren Männern oder Ex-Freunden getötet worden sind. Warum findet man darüber kaum etwas in unseren Medien? Das ist doch unsere europäische Art von Ehrenmord.

Saudi-arabische Familie am Persischen Golf: "Anteilnahme und Vorurteil können bei kühler Betrachtung wie Zwillinge aussehen"
AP

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SPIEGEL: Es macht diese Scheußlichkeiten nicht sympathischer, dass sie nicht auf den arabischen Raum beschränkt sind.

Leitess: Natürlich müssen solche Brutalitäten bekämpft werden, wo immer sie auftreten. Aber mitten in unseren eigenen emanzipierten Gesellschaften mit ihren Rechtssystemen existiert der Frauenhandel und wird de facto mit weniger Energie bekämpft als die Überschreitungen der zulässigen Parkzeit. Mitten in den arabischen Gesellschaften, wo Frauen, je nach Land in unterschiedlichem Ausmaß, diskriminiert werden, finden wir Lebensbereiche, in denen Frauen seit je eine unerwartete Macht und Kraft und Lebensfreude haben. Die algerische Schriftstellerin Assia Djebar etwa erinnert sich, wie im Hof ihre Tanten im Flüsterton die armen Europäerinnen bedauerten, die zwar "halbnackt" herumliefen, aber ihre Männer nur einmal in der Woche liebten - am Samstag. Das Ensemble einer Kultur bezieht doch seine Eigenart aus der Vielfalt seiner Stimmen.

SPIEGEL: Die Kultur als großes Symphonieorchester, das aus vielen Instrumenten besteht?

Leitess: Was könnte denn ein Konzertbesucher von einer Symphonie verstehen, wenn er nur ein einziges Instrument, eine einzige Stimme wahrnähme, für alle übrigen aber taub wäre? Europa hat gerade mit der arabischen Welt seit Jahrhunderten ein heftiges Wahrnehmungsproblem. Faszination und Furcht, Anziehung und Abwehr, Projektionen und Ängste, ja Panik überkreuzen sich. Aus diesem Sud entstehen die verzerrten Vorstellungen oder Simplifizierungen.

SPIEGEL: Sie kritisieren das verbreitete Orient-Bild als allzu pauschal?

Leitess: Auf dem Gebiet der Literatur ist der "blumige" Stil, die "orientalische Erzählkunst" ein solches Klischee. Sicher gibt es auch moderne Autoren wie Tahar Ben Jelloun, die eine ornamentale Prosa schreiben und diese attraktiven Stilmittel bewusst einsetzen. Die große Mehrheit der Autorinnen und Autoren aber arbeitet mit allen Mitteln der zeitgenössischen, europäischen Prosaströmungen. Besonders fasziniert mich beispielsweise der Libyer Ibrahim al-Koni. Seine Romane spielen vor dem archaischen Hintergrund der Sahara - und sie kreisen um die "modernsten" Fragestellungen, die auch unsere europäische Literatur bewegen. Aber Autoren, die mit Anklängen an "orientalische" Motive arbeiten, haben es leichter bei unserer Leserschaft. Dabei ist die arabische Welt gerade dort, wo sie unmittelbar an Europa grenzt, weit vielstimmiger als wir ahnen.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Leitess: Denken Sie an den maghrebinischen Raum in Nordafrika. Er besteht, ähnlich wie Lateinamerika, aus mehreren Kulturschichten. Dem indianischen Element entspricht im Maghreb das vor-arabische Element der Berberkultur: Eine ausgeprägt farbige, sinnenfreudige Kultur mit eigenen Sprachen und alten matriarchalen Spuren.

SPIEGEL: Die arabischen Eroberer im siebten Jahrhundert fanden diese autochthone Kultur bereits vor ...

Leitess: ... und die Berber hielten auch als unterlegene Schicht kulturell und sprachlich an ihren Traditionen fest. Die Leidenschaft, mit der sie ihre Traditionen verteidigen, haben sie bis in unsere Gegenwart mit wiederkehrenden Aufständen in Algerien und Marokko bewiesen. Zu diesen Traditionen gehören auch letzte Spuren einer überraschenden Freiheit weiblichen Lebens.

SPIEGEL: Und das, obwohl die Berber von den Arabern die patriarchalische islamische Religion übernommen hatten?

Leitess: O ja. Gerhard Schweizer erzählt in seinem 1981 erschienenen Buch "Die Berber" von einem damals noch existierenden Brauch, dass verwitwete Frauen von Berberstämmen einmal im Jahr in einem Tal des Atlasgebirges zusammenkamen, Zelte aufschlugen, feierten - um sich einen Mann auszusuchen. Die Männer kamen von nah und fern, saßen gesittet beieinander, bis sie von einer Frau ausgewählt wurden. Sie verbrachte mit ihm eine Nacht im Zelt, und wenn er nicht der Richtige war, versuchte sie es mit einem zweiten, dritten.

SPIEGEL: Sind solche Traditionen nicht überall inzwischen zersetzt?

Leitess: Vieles hat sich unter der Oberfläche erhalten, ist in manchmal veränderten Formen lebendig geblieben. Je genauer man sich umsieht, desto mehr lösen sich die Klischees auf. Die Tuareg definieren bis heute ihre Abstammung nach der mütterlichen Linie. Bei ihnen tragen die Männer den Schleier, und die Erwartung, dass Mädchen jungfräulich in die Ehe gehen, existiert nicht.

SPIEGEL: Die kulturelle Polyphonie hat sich weitgehend erhalten?

Leitess: Im ganzen Maghreb überlagern sich die Geschichts- und Kulturschichten: das Berberische, das Arabisch-Islamische und dann das französische Element. Obwohl es durch den Kolonialismus ins Land kam, hat es schon früh die Literatur zum Aufblühen gebracht. Die Polyphonie ist freilich bedroht: Durch forcierte Arabisierung und islamistische Bewegungen, durch diktatorische Regimes und das Fehlen jeglicher Kulturpolitik. Und natürlich durch die wirtschaftliche Not direkt an der abgeriegelten Grenze unseres reichen Europa, die wir so unbeteiligt hinnehmen.

SPIEGEL: Herr Leitess, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das Gespräch führte Redakteur Rainer Traub.



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