Arabische Welt Hammer und Amboss

Der Zürcher Arabist Arnold Hottinger, Altmeister unter den journalistischen Nahost- und Islam-Experten, zieht eine eher pessimistische Bilanz seiner beruflichen Lebenserfahrungen.

Von Erich Wiedemann


Wäre das Buch von Arnold Hottinger ein Jahr früher erschienen und hätte George W. Bush es vor seiner Entscheidung für den Irak-Krieg gelesen, dann hätte er erfahren, welche mentalen und politischen Hindernisse einem schnellen Sieg im Wege standen. Doch Bush interessiert sich nicht besonders für Bücher, schon gar nicht für solche, in denen erklärt wird, wie Menschen auf der Texas abgewandten Seite der Erde fühlen und denken.

Expertenwissen über Mentalität und Befindlichkeiten ferner Völker findet die letzte Supermacht eher belanglos. Sie hat teure Geheimdienste, die alles besser wissen, und Streitkräfte, die notfalls eingreifen, um abweichende Realitäten den Erkenntnissen der Dienste anzupassen.

Hottinger spannt auf den 752 Seiten seines Buchs den Bogen von der Türkei bis Afghanistan, von Nordafrika bis in den heutigen Irak. Sein Urteil über die aktuelle Lage im Nahen Osten ist ein Menetekel: "Während sich wenig Hoffnung erkennen lässt, dass der bereits mehr als hundert Jahre währende Palästinenserkonflikt eine friedliche Lösung findet, muss man fürchten, dass der ameri-

kanische Krieg im Irak einen neuen politischen Abszess öffnet, dessen Gewicht und Dauer gegenwärtig noch gar nicht absehbar sind."

Man muss das ernst nehmen. Denn Hottinger ist ein weitsichtiger Beobachter der Sonderklasse. Gegen eine weltweite Euphorie hat er das Scheitern des Friedens von Oslo vorausgesagt, ebenso die fatalen Folgen der amerikanischen Politik im Irak und in Afghanistan.

Die Lage der Araber, schreibt Hottinger, sei heute schlimmer, als je zuvor. "Zwischen Hammer und Amboss des israelischen Expansionismus und des amerikanischen Imperialismus" trieben sie immer tiefer in Agonie und Gewalttätigkeit.

Arnold Hottinger, Jahrgang 1926, ist inzwischen pensioniert, aber er ist noch immer der Doyen unter den journalistischen Islam- und Nahost-Experten. Er hat ein halbes Jahrhundert lang die Politik und das Leben der Menschen im Nahen und Mittleren Osten beschrieben - zunächst als Assistant Research Historian der University of California, dann 30 Jahre lang als Korrespondent für die Leser der "Neuen Zürcher Zeitung" ("NZZ").

Hottinger kann sagen, er sei dabei gewesen, wo sich nahöstliche Geschichte abspielte. Er hat beide libanesischen Bür-

gerkriege erlebt. Er war Zeuge, als Hunderte Ägypter den Sarg mit dem toten Gamal Abd al-Nasser als Zeichen der Ehre über ihren Köpfen von Hand zu Hand weitergaben. Er war einer von den politischen Köpfen, denen die "NZZ" das Lob des deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer verdankt, sie vermittle ihm mehr außenpolitischen Durchblick als sein ganzer diplomatischer Apparat.

Nicht wenige von den Geschichten, die Hottinger in seinem Buch erzählt, haben so ähnlich in der "Neuen Zürcher" gestanden. Sie sind von "NZZ"-typischer sprachlicher Schlichtheit - aber so anregend und prägnant wie die Reisebeschreibungen von Marco Polo und Ibn Battuta. Wenn andere schneller sind, muss der News-Journalist besser sein; wenn andere besser sind, muss er schneller sein. Hottinger hat nie versucht, schneller zu sein als andere. Es reichte ihm, besser zu sein. Er schrieb Geschichten über den Tag hinaus, Reportagen, die nicht an dem Tag, an dem er sie per Telegramm oder Telex nach Zürich geschickt hatte, im Blatt stehen mussten.

Wo es ging, hat sich Hottinger seine Kenntnisse von Ländern und Leuten, die seine politischen Reportagen so unverwechselbar machten, buchstäblich erwandert, häufig allein und unter Vermeidung öffentlicher Verkehrsmittel. Wer allein wandere, so schreibt er, stehe der Umwelt offener gegenüber, als wenn er in Begleitung sei.

Die einzige Begleiterin, die Arnold Hottinger akzeptierte, war seine Ehefrau. Sie war oft dabei: im Frühjahr 1955, als er im Hafen von Beirut zum ersten Mal arabischen Boden betrat und sich des Ansturms aufdringlicher Lastenträger erwehren musste, und dann immer wieder in den vier Jahrzehnten, in denen er die islamische Welt vom Maghreb bis nach Zentralasien bereiste.

Das letzte Kapitel, so teilt Hottinger mit, habe er im Krankenzimmer seiner Frau geschrieben. Seine Gedanken über ihren nahen Tod hat er mit Betrachtungen über die Überlebensaussichten der arabischen und iranischen Zivilisationen verwoben.

Selten reflektieren Autoren politischer Sachbücher so persönlich über ihre Gefühle. Hottinger zählt eben seine Beziehungen zum Nahen Osten ebenso zu den Herzensangelegenheiten wie seine Ehe: die Liebeserklärung eines Analytikers.



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