Lesezeichen Der Duft der Bücher

Im Auftrag einheimischer Buchverlage suchen literarische Spürnasen im Ausland nach zugkräftigen Stoffen ­ in der Öffentlichkeit ein wenig bekanntes Gewerbe.
Von Joachim Kronsbein

Im unwegsamen Gelände der Literatur sind sie die Pfadfinder. Im verwirrenden Durcheinander der Neuerscheinungen, angekündigten Projekte und des bloßen Klatsches nehmen sie die Witterung auf und versuchen immer wieder aufs Neue, das Buch zu erschnüffeln, das eines Tages auch in Deutschland ein Geschäft werden könnte.

Literaturscout heißt diese merkwürdige Spezies Buchmensch, die in ihren jeweiligen Heimatländern für Verlage im Ausland nach Trouvaillen sucht.

In Mailand, der Buchmetropole Italiens, macht sich Caterina Zaccaroni seit 17 Jahren für den Münchner Piper Verlag um dessen traditionell starkes Italien-Programm verdient. Eingestellt vom legendären Gründersohn Klaus Piper ("ein Gentleman; solche Figuren gibt es heute nicht mehr"), hat Signora Zaccaroni Verleger- und Besitzerwechsel des renommierten Hauses unbeschadet überstanden.

Als ihr, nach ihrem Germanistikstudium und einer Dozentenzeit an der Universität, "per Zufall" der Scoutjob angetragen wurde und sie sich erkundigte, was denn da zu tun sei, bekam sie zur Antwort, sie müsse die literarische Produktion Italiens sichten. "Was", entfuhr es der eleganten Dame, "ich lese Bücher umsonst?"

Umsonst nicht, aber manchmal vergeblich. Zwölf Verlage in zwölf Ländern vertrauen inzwischen auf Caterina Zaccaronis Fähigkeiten, nach Italiens literarischen Perlen zu tauchen. Und wenn sie so ein Juwel aufgetan zu haben glaubt, schickt sie ihren zwölf Vertragsverlagen eine Mail auf Englisch mit ihrem Gutachten über das Werk und hofft, dass die Verleger anbeißen und für ihre jeweiligen Länder die Rechte kaufen.

Jeder Verlag zahlt seinem Scout ein Honorar, das sich - summa summarum - zu einem stattlichen Einkommen von 15 000 bis 20 000 Euro im Monat addieren kann. Dafür erwarten die Verlage auch prompte Bedienung und intensivste Betreuung. Scouts sind anders als Agenten nicht einem Autor, sondern nur ihrem Verlag verpflichtet. Ein Agent muss auch Misslungenes seiner Schützlinge anpreisen, als handle es sich um den nächsten Anwärter auf Verkaufsrekorde. Ein Scout wählt aus.

Ein solcher Pfadfinder sollte - so stellen sich das die Verleger in der Ferne jedenfalls vor - in der Literaturszene seines Landes das Gras schon wachsen hören, bevor der Rasen überhaupt eingesät ist.

Anne-Louise Fisher, für den Münchner Blessing Verlag und neun weitere Häuser in London tätig, kommt wie Caterina Zaccaroni diesem Ideal der begnadeten Hellhörigkeit schon recht nahe. Fast an jedem Mittag ist sie zum Business-Lunch verabredet und redet mit Verlegern, Autoren und deren Agenten.

"Drei bis vier Abende in der Woche" ist sie zudem für ihre Kunden auf Partys unterwegs. Sie will wissen, wer wann welches Buch herausbringt, welcher viel versprechende Autor gerade über einem neuen Werk brütet und welcher Agent demnächst wieder ein Manuskript an alle wichtigen britischen Verlage verschickt.

"Das Geschäft ist in den letzten Jahren schneller geworden", sagt Fisher. Immer öfter ist sie gezwungen, Buchprojekte für Blessing an Land zu ziehen, die selbst in Großbritannien noch nicht auf dem Markt sind. Denn die Lizenzen für Bücher mit Bestsellerqualitäten werden in der Regel schon längst weltweit verscherbelt, bevor das Werk auch nur in einem einzigen Land herausgekommen ist.

Manchmal kann sich Fisher nur auf ihre Erfahrung und ihr Gefühl verlassen. Oft werfen die Agenten den nach Nachschub hungernden Verlegern und Scouts nur ein Appetithäppchen zum Fraße vor. Ein halbes Manuskript oder auch - im Extremfall - nur ein paar Seiten. Vor ein paar Jahren war es, so Fisher, "am schlimmsten". Da delirierte die Branche im Bestsellerfieber und ließ Millionen für Debütanten springen, bloß um nicht das Auftauchen eines neuen Grisham oder Jonathan Franzen zu verpassen. Bisweilen reichte sogar ein grob umrissenes Szenario auf ein paar Seiten, um das Bietgefecht um den Zuschlag auszulösen.

Gelegentlich verliert selbst Fisher das Rennen. So hat sie ihrem deutschen Verleger Blessing nicht dazu geraten, "Brick Lane" der Pakistanerin Monica Ali zu kaufen. Von dem Erstling über das Leben einer jungen Frau aus einem pakistanischen Dorf, die sich in einer arrangierten Ehe in England wiederfindet, hatte sie nur hundert Seiten des Mauskripts zu lesen bekommen. Eine positives Votum auf dieser schmalen Basis war ihr zu riskant. Das Buch wurde ein Bestseller - bei einem anderen Verlag.

Bei manchen Titeln gehört zum Durchbruch allerdings mehr Geduld als Glück. Vor ein paar Jahren bekam Fisher ein besonders faszinierendes Manuskript, etwas, "was ich vorher noch nie gelesen hatte".

Zwei Mitarbeiterinnen aus Fishers Büro in Soho wurden von der Chefin dazu verdonnert, über Nacht ebenfalls ihre Meinung abzugeben. Alle drei waren schließlich gleich begeistert von der Story.

Das Buch von Mark Haddon, der bislang nur klassische Kinderbücher geschrieben hatte, erzählt in der Ich-Form die Geschichte des an einer besonderen Form von Autismus erkrankten Jungen Christopher Boone. Der Titel war so eigenwillig wie das ganze Buch: "The Curious Incident of the Dog in the Night - Time".

Fisher riet Blessing eindringlich, das Buch auf Deutsch zu machen und war dann doch enttäuscht, dass es - unter dem Titel "Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone" - nur einen sehr ordentlichen Achtungserfolg von 15 000 verkauften Exemplaren erzielte. In Großbritannien war es derweil längst zum Mega-Seller geworden.

Doch dann kam im Februar 2004 Elke Heidenreichs Sendung "Lesen!", in der die Lektüreleitfigur für alle Wohlmeinenden und Belesenen das Buch plötzlich zum Ereignis ausrief. Die Verkaufszahlen schnellten in die Höhe - auf 65 000 Stück.

Der Blessing Verlag, ein kleines Unternehmen unter dem Dach von Random House, leistet sich nur zwei Scouts. Außer Fisher noch Maria Campbell in New York. Beide, schon lange im Geschäft, sind anhänglich. Sie zogen mit Karl Blessing vom Droemer Verlag, dessen Leiter er bis 1995 war, mit zum neuen Haus.

"Wer schnell arbeitet", sagt Bles- sing, "braucht Scouts." Nach all den Jahren der Zusammenarbeit wüssten die beiden, was er will und welche Bücher er mag und ob sie zum Verlagsprofil passen. Gegenseitiges Vertrauen und das Wissen um die Maßstäbe des anderen sind die Basis für die Zusammenarbeit. Sein Verhältnis zu seinen Scouts beschreibt Blessing knapp: "Ich lasse sie arbeiten." Wenn er in London oder New York ist, erwartet er von ihnen, dass sie Termine mit allen wichtigen Leuten gemacht haben, ihn auf Partys schleusen, auf denen er einflussreiche Verleger und neue Autoren trifft.

Man muss "eine Nase haben für die Literatur", sagt Caterina Zaccaroni, die den Duft von an die hundert Büchern im Jahr einsaugt. Auch Anne-Louise Fisher bringt es mit Leichtigkeit auf zwei Bücher pro Woche. Sie sitzt morgens meistens zwischen sieben und neun in ihrer Londoner Küche und liest, was der Markt angespült hat. Wenn sie eines Tages nicht mehr neugierig auf Literatur sein sollte, sagt sie, wäre es Zeit, ihren Job zu beenden.

Ab und an gönnen sich auch Scouts noch das Vergnügen des privaten, quasi unprofessionellen Lesens. Vor ein paar Jahren fiel Zaccaroni eines Tages ein Buch in die Hände, das sie "nur aus Spaß" lesen wollte. Das Buch hieß "Die Glut", war in einem italienischen Verlag herausgekommen - mehr als ein halbes Jahrhundert, nachdem sein Autor, der Ungar Sándor Márai, es geschrieben hatte. Márai war vor dem Zweiten Weltkrieg auch in Deutschland bekannt und mit einigen Werken noch bis in die fünfziger Jahre ins Deutsche übersetzt worden. Doch im Zuge des Kalten Kriegs war der ungarische Emigrant weltweit schon lange vergessen, bevor er sich 1989 im amerikanischen Exil mit 88 Jahren das Leben nahm.

Caterina Zaccaroni war sofort von der "Glut" entflammt - einer subtilen, sprachlich virtuosen Geschichte über eine sonderbare amouröse Dreiecksbeziehung in der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. Sie rief sogleich die Cheflektorin bei Piper an und schwärmte ihr von Márai vor. Bei der Lektorenkonferenz, so erinnert sich Viktor Niemann, der damalige Piper-Verleger, "herrschte durchaus nicht einhellige Begeisterung" über den Titel. Piper druckte ihn dennoch. Und der Rest ist die Geschichte eines der größten Überraschungserfolge auf dem deutschen Buchmarkt. Weit über eine Million Exemplare der "Glut" wurden bis heute verkauft, Sándor Márai mit vielen weiteren seiner Werke als europäischer Klassiker des 20. Jahrhunderts gedruckt und wiederentdeckt. Für Niemann ist Zaccaroni nicht nur deshalb "der beste Scout, den man in Italien haben kann".

Es gibt allerdings auch Verleger, die auf solche Scouts und ihre feinen Nasen für den Erfolg ganz verzichten. Daniel Keel, Chef und Gründer des Zürcher Diogenes Verlags, ist so einer. Er hat sich immer auf seinen eigenen Geschmack und auf die Empfehlungen von Freunden, Mitarbeitern, Kollegen oder Autoren verlassen. Für den italienischen Markt etwa war das lange der Regisseur Federico Fellini, selbst ein Diogenes-Autor.

Andere Verlage, so weiß Niemann, der inzwischen die Ullstein-Buchverlage in Berlin leitet, "überlegen, ob sie sich den Posten für Scouts noch leisten können".

Das könnte vielleicht etwas voreilig sein. Denn Scouts, die den Markt kennen, machen weniger Fehler und sparen letztlich Geld. Caterina Zaccaroni ironisch und selbstbewusst: "Gute Bücher für viel Geld einkaufen kann jeder."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.