Sachbücher Die Zukunft der Mächte

In seinem Buch "Die Mächte der Zukunft" untersucht Altkanzler Helmut Schmidt das Verhältnis der Weltmacht USA zum Rest der Welt. Neben analytischer Schärfe legt der notorische Realist Schmidt dabei teilweise Wunschdenken an den Tag.

Von Erhard Eppler


Als das 20. Jahrhundert begann, hatte jeder seine Vision: die Nationalisten träumten vom Platz an der Sonne, die Liberalen vom ewigen Wachsen des Wohlstands und der Bildung, die Sozialisten von der klassenlosen Gesellschaft. Und alle glaubten an Fortschritt. Als das 21. Jahrhundert begann, hätte sich jeder Politiker lächerlich gemacht, hätte er verkündet, er werde Deutschland herrlichen Zeiten entgegenführen. Wer wagt es noch, weiter als zehn Jahre vorauszudenken?

Eigentlich wäre dies die Sache derer, die noch ein halbes Jahrhundert erleben wollen, also der Jüngeren. Doch jetzt hat einer der Alten in seinem 86. Lebensjahr etwas gewagt: Helmut Schmidt. Nein, keine Vision der kommenden Gesellschaft. Wer solche Visionen habe, gehöre zum Psychiater, hat er einmal gehöhnt. Der Ex-Kanzler, dessen Leidenschaft immer die Außenpolitik war, hat ein Buch, ein sehr lesbares Buch geschrieben über die "Die Mächte der Zukunft".

Darin denkt ein geschichtsbewusster und geschichtskundiger Politiker darüber nach, wie es weitergehen könnte zwischen den Staaten der Erde, in Europa, in Asien, in Afrika, Lateinamerika, vor allem aber im Verhältnis all dieser Staaten zu der Hegemonialmacht USA. Daher handelt ein Drittel des Buches von dieser Weltmacht. Nicht ob sie dominieren werde, fragt Schmidt, sondern wie sie es tun werde.

Helmut Schmidt war immer Atlantiker. Als Kanzler verachtete er zwar den Präsidenten Jimmy Carter, aber er respektierte immer die westliche Führungsmacht. An die hundert Mal habe er die USA besucht, sagt er heute. Aus der Zeit unmittelbar nach dem 11. September 2001 berichtet er: "Ich habe in jenen Monaten in Berlin, in Paris, in Moskau und Peking in öffentlichen Reden und im Gespräch mit Politikern um Verständnis für die amerikanische Neurose geworben." Aber eben: Es handelt sich um eine Neurose, nicht um rationale Politik. Erst habe es in Washington geheißen: "Wir brauchen die Nato nicht." Dann: "Wir brauchen auch die Uno und den Sicherheitsrat nicht." Dann: "Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns."

So, meint Schmidt, bringt man die Welt, nicht nur die islamische, gegen sich auf, aber man wird nicht zur Führungsmacht. Führung will gelernt sein. Das haben schon viele gesagt. Wichtig ist, dass einer so redet, dem noch kein vernünftiger Mensch je Ressentiments gegen die Vereinigten Staaten vorgeworfen hat.

Überraschend ist allerdings, was Schmidt den USA an Führungsaufgaben zuteilt. Es sind vier. Die erste in "dem Komplex Bevölkerungsexplosion, Armut und Entwicklungshilfe". Schon die Reihenfolge zeigt, dass der Ex-Kanzler, genau wie vor 30 Jahren, zwar die rasche Vermehrung der Bevölkerung als einen Grund für die Armut erkennt, nicht aber die Armut als Treibsatz für das, was er "Bevölkerungsexplosion" nennt. Beides zusammen schafft erst den Elendszirkel, der so schwer aufzubrechen ist. Die USA jedenfalls haben sich praktisch von der Entwicklungshilfe verabschiedet, und Familienplanung ist George W. Bush und seinen evangelikal fundamentalistischen Wählern besonders zuwider.

Zweitens sollen die USA bei "Energieverbrauch und Schadstoffminderung" vorangehen. Schmidt befürchtet - und das war nicht immer so -, "dass die globale Erwärmung schon im Laufe von einigen Jahrzehnten erhebliche, im einzelnen noch ziemlich unberechenbare Veränderungen des Klimas, der ozeanischen Strömungen und des Meeresspiegels auslösen wird".

Nur, Realisten - und Schmidt plädiert für Realismus, gegen Pessimismus und Optimismus - wären schon glücklich, wenn die USA nicht alles boykottieren würden, was andere zum Klimaschutz tun wollen. Auch Bill Clinton hat ja das Kyoto-Protokoll nicht ratifizieren lassen. Bush tut nur, was allzu viele Amerikaner wollen.

Drittens sollen die USA die Initiative ergreifen "zur weltweiten Begrenzung der Rüstungen und des Waffenhandels". In der Tat, kaum jemand könnte sich sperren, wenn die Hegemonialmacht darin vorangeht. Aber sie rüstet weiter gewaltig auf, und auch der demokratische Präsidentschaftskandidat will eher auf- als abrüsten. So ist das, wenn man seine Überlegenheit auf Jahrzehnte festhalten will.

Schließlich, viertens: "Die globale Wirtschaft braucht einen globalen finanzwirtschaftlichen Ordnungsrahmen." Dies umso mehr, als die USA vom Kapitalimport leben und "die außerhalb der USA stattfindende globale Kapitalbildung zu einem wesentlichen Teil für sich beanspruchen". Aber genau dieser Ordnungsrahmen widerspricht der in Amerika uneingeschränkt dominierenden Ideologie des Neoliberalismus. Mit Franzosen, Russen, Deutschen, vielleicht auch Indern und Chinesen ließe sich ein solcher Ordnungsrahmen, zumal wenn er soziale und ökologische Mindeststandards enthalten soll, leichter zu Wege bringen als mit den Vereinigten Staaten.

Schmidt hat Recht: "Es gibt für Amerika vieles zu tun." Nur: Was tun wir Europäer, wenn Amerika dies alles einfach nicht will?

Was Europa angeht, ist Schmidt wie andere kluge Leute auch sehr unsicher. "Ein Scheitern der EU oder eine Schrumpfung zu einer bloßen Freihandelszone ist nicht mehr undenkbar." Nicht undenkbar, aber auch nicht unausweichlich. Falls die im Rat beschlossene Verfassung zu Stande käme, "wäre die Handlungsfähigkeit der EU vermutlich auf Jahrzehnte gesichert".

Dass Schmidt sich dies wünscht, braucht er gar nicht ausdrücklich zu sagen, zumal er, wie viele seiner Generation, weiß, dass kein Volk die Bindung in die EU dringender braucht als die Deutschen.

Weniger Zweifel hat der Autor, wenn es um China geht. Sicher ist für ihn "Chinas Aufstieg zu einer wirtschaftlichen und später auch zu einer militärischen Supermacht". Er macht niemandem davor Angst. Daher hat er auch wenig Verständnis für "manche Amerikaner und einige europäische Intellektuelle (und in Deutschland einige Grüne)", die sich für moralisch legitimiert halten, "den Chinesen schwere Vorwürfe in Sachen Demokratie und Menschenrechte zu machen". Was Zahl und Gewicht der Kritiker angeht, muss entweder der Rezensent oder der Autor die Gazetten allzu flüchtig gelesen haben.

Auch Indien gehört für Schmidt zu den Mächten der Zukunft, während das Kapitel über Afrika seine Überschrift "Ohnmächtig am Rand der Welt" durchaus zu Recht trägt.

Das Buch mutet uns in alledem keine Überraschungen zu, da ist nichts sensationell Neues. Aber das will Schmidt auch nicht. Er will, und zwar aus der Sicht eines erfahrenen Außenpolitikers, laut darüber nachdenken, wie die Macht auf dieser Welt künftig verteilt sein könnte. Dabei kommt eine gescheite Zusammenfassung dessen heraus, was viele andere gescheite Beobachter ähnlich sehen. Weil Schmidt aber kein Wissenschaftler, sondern ein Politiker ist, belässt er es nicht bei der Analyse, sondern lässt den Leser auch wissen, welche Aufgaben sich für die Politiker in den einzelnen Ländern daraus ergeben. Aus demselben Grund erspart er seinen Lesern auch jegliches Politologendeutsch. Sie werden es ihm danken. Sie werden ihm auch dafür dankbar sein, dass er immer weiß: Niemand kennt die Zukunft, es kann alles auch anders kommen.

Das Tückische beim Blick in die Zukunft liegt darin, dass Selbstverständliches nicht mehr selbstverständlich sein muss. Etwa der Staat. Staaten sind für uns Europäer etwas Selbstverständliches. Muss das so bleiben? Schmidt streift im Afrika-Kapitel den Staatsverfall, der dort, nicht nur im Kongo oder in Somalia, schon sehr viel weiter fortgeschritten ist, als uns bewusst ist.

Erleben wir in Lateinamerika, von Venezuela über Kolumbien bis nach Argentinien, nur Krisen auf dem Weg zum modernen Staat - oder Vorboten afrikanischer Verhältnisse? Der Neoliberalismus sieht im Staat vor allem ein Markthindernis. Der deutsche Staat hält dies aus, ohnehin schwächelnde Staaten nicht. Schmidt zitiert Schätzungen der Vereinten Nationen, wonach auf diesem Globus etwa 550 Millionen Kleinwaffen im Umlauf sind. Vergleicht man diese Zahl mit der aller bewaffneten Staatsdiener, dann wird klar: Die Privatisierung der Gewalt muss schon weit fortgeschritten sein. Schmidt hält diese Kleinwaffen (meist Maschinenpistolen) für noch gefährlicher als die Nuklearwaffen. Er dürfte Recht haben. Aber hilft dagegen "vertraglich vereinbarte Rüstungskontrolle"?

Kriege zwischen Staaten kommen aus der Mode, weil sie nicht nur unsäglich teuer sind, sondern auch dem Sieger nur Ärger bringen (siehe Irak). Dafür nimmt die Gewalt innerhalb der Staaten - und da, wo keine mehr sind - von Jahr zu Jahr zu.

Könnte es sein, dass im 21. Jahrhundert die meisten Staaten, sogar die USA, ziemlich damit ausgelastet sein werden, ihr Gewaltmonopol gegen privatisierte Gewalt, gegen organisierte Kriminalität und Terror zu behaupten? Wäre es denkbar, dass sie dabei eine Gemeinsamkeit der Interessen entdecken, die es so bisher nicht gab?

Dann käme wirklich alles ganz anders. Dann ginge es nicht mehr um die Mächte der Zukunft, sondern um die Zukunft der Mächte.



© SPIEGEL special 4/2004
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