Belletristik Der Trüffelfisch

Franz Blei, einst berühmt als Dichter und Förderer von Robert Musil und Franz Kafka sowie unermüdlicher Kulturimpresario, ist mit seiner Autobiografie "Erzählung eines Lebens" wiederzuentdecken.
Von Joachim Kalka

Die Autobiografie eines seinerzeit berühmten Literaten (dessen vielfältiges Werk unserer Gegenwart ganz unbekannt ist), zum ersten Mal seit ihrem Erscheinen im Jahre 1930 wiederaufgelegt: ein Kuriosum? Ein Reigen hübscher Anekdoten, die zumindest gut erfunden sind? Oder mehr? Ja, mehr, aber es ist nicht ganz einfach, diesen Überschuss freizulegen.

Franz Blei (1871 bis 1942) war ein geschickter und in das Ungewöhnliche verliebter "Trüffelfisch", wie er sich in seinem heute noch am ehesten bekannten Werk, der Satire "Das große Bestiarium der Literatur", selbst zeigt. Seine Themen hat er sorgfältig ausgewählt: Oft sind es ältere Werke mit dem Reiz des Entlegenen und Sinnlichen oder Phantastischen. Er war von einer erstaunlichen Vielseitigkeit; erwähnt seien nur das Libretto für Hindemiths Oper "Das Nusch-Nuschi", die Übersetzungen von Beckford, Chesterton und anderen, die bibliophilen Zeitschriften (die meist den ersten Jahrgang nicht überdauert haben), die oft sehr hellsichtigen Interventionen für noch unbekannte Autoren und schwer durchzusetzende Texte: für Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" und Hermann Brochs "Schlafwandler", für Robert Walser und Franz Kafka. Er hatte eine große Sicherheit des Urteils - die er häufig unter einer Kaskade von Phrasen begrub, unter der Geschäftigkeit des Literaturmarkts. Wie Kafka sich rasch von Bleis Fürsorge abgrenzte - damit beginnt nicht umsonst Reiner Stachs Biografie "Kafka: Die Jahre der Entscheidungen".

Die Schilderung seiner Kindheit und Jugend in Wien ist oft sehr schön, die des Studiums ebenfalls sehr reizvoll; seine - nationalökonomische! - Dissertation (Bern 1895) geht über den Abbé Galiani, eine Zentralfigur des französischen Ancien régime. Dies ist die Zeit der Wiederentdeckung des Rokoko und seiner dekorativen Vermarktung. Kurzlebige Zeitschriften mit betont erlesenen Namen wie "Der Amethyst" (1906) und "Die Opale" (1907) sind typisch; die Neigung bleibt konstant; Titel wie "Die Bonbonnière" oder "Das Gymnasium der Wollust" ziehen sich leitmotivisch durch seine Bibliografie.

All dies gehört idealtypisch zu jener Ästhetik, deren radikale, verächtliche Negation dann das berühmte Schlagwort des Epoche machenden Architekten und ungenannten Blei-Antagonisten Adolf Loos sein sollte: "Ornament und Verbrechen". Diese Kampfansage war eine nicht nur ästhetische, sondern ethische; Paul Engelmanns Sonett auf Loos' berühmtes "Haus am Michaelerplatz" (1911) beginnt: "Aus dem Geschnörkel wesenloser Hirne / erhebt sich eine Tat, so scharf umrissen, / so schön und reinlich, wie ein gut Gewissen, / wie unter Gaunern eine freie Stirne." Bleis Eigenart - und vielleicht Bleis Tragik - ist es, dass ihm ein solches Pathos keineswegs fremd war, dass es ihn selbst immer wieder zwischen dem Dekorativen und der Radikalität hin- und herriss.

Er war ein Mann, der wusste, was intellektuelle Schärfe heißt, dem aber immer ein Hang zum geschmäcklerischen Eklektizismus in die Quere kam; ein Kenner, dem es allzu leicht fiel, überall dabei zu sein. Er konnte gleichermaßen interessant über Greta Garbo und die heilige Teresa schreiben, aber die Grenzen des "Interessanten" zeigen sich, wenn er die Jugend dieser Heiligen schildert, ihre Körperlichkeit, und dann den kalkuliert dreisten Satz hinsetzt: "Der Mund etwas banal."

Vieles verschweigt Bleis Erinnerungsbuch. Loos findet ebenso wenig Erwähnung wie die großen Gegner Karl Kraus und Theodor Haecker.

Im größten Erfolg des Verfassers, dem "Bestiarium", erscheint "der Blei" selbst kokett als Fisch, "der sich geschmeidig in allen frischen Wassern tummelt" und gern in den Aquarien von Frauengemächern gehalten wird, wo er, "weil er sich langweilt, zur Beschauerin nicht ganz einwandfreie Kunststücke mit Flossen und Schwänzchen macht". Nun ja. Tiefer zielt die Bemerkung, dass er "eine merkwürdige Freundschaft mit dem Kartäuserkrebs ebenso wie mit dem Rothecht" unterhält.

Dieses "ebenso" hat es in sich; Blei war einerseits eine Hauptfigur des ästhetischen Neokatholizismus und hatte andererseits auch früh Kontakte zur Arbeiterbewegung; nach 1911 publizierte er eine Zeit lang im Umkreis des politisch radikalen Expressionismus. Karl Kraus lässt Blei in einer "magischen Operette" als "Abt der Roten Garde" auftreten "in der Tracht eines Abbés und mit der Kappe eines Rotgardisten" sowie mit dem Ruf: "Es lebe der Kommunismus und die katholische Kirche!" Das ist tatsächlich ein Blei-Zitat. Bei dieser Bemerkung darf man aber nicht an eine Art Befreiungstheologie denken: Sie zielt eher auf doppelte Exklusivität der intellektuellen Position.

Der Zug der Gestalten in diesem Buch ist imponierend - Musil und Scheler, Borchardt und Lenin, Beardsley und Sternheim, Gide und Wedekind im Gedränge mit Unbekannteren und mit anderen flüchtig gemusterten Prominenten. Die Figuren verschwimmen manchmal dort, wo man ein wenig schärfer hinschaut. Trotzdem ist es ein instruktives und verblüffendes Panorama. Vieles erfährt man, mehr noch scheint verschwiegen. Ein Beispiel: Carl Schmitt, ein alter Bekannter des Autors, später berühmt-berüchtigt als zeitweiliger Kronjurist der Nazis, hat am "Bestiarium" mitgearbeitet (und war für den besonders infamen Text über Kraus verantwortlich). Sein Werk "Römischer Katholizismus und politische Form" ist wohl teilweise aus Gesprächen mit Blei hervorgegangen, und dieser hat ihm die Schrift "Talleyrand oder Der Zynismus" gewidmet.

Über diese Beziehung zu Schmitt erfährt man aber fast gar nichts (das kluge Nachwort von Ursula Pia Jauch setzt nur wenige Striche her). Schmitt hat Bleis "Erzählung eines Lebens" mit höchst ambivalenter Formulierung Ernst Jünger empfohlen: "merkwürdige, hörenswerte Sätze eines immer noch gegenwärtigen Intellekts, ratlos wie jeder Ungläubige, aber ... kennenswert wie jedes gute Instrument, auch wenn es zufällig in der Hand eines Gelähmten festsitzt".

Wer war Blei? "Groß, hager, kahl, der erste moderne Träger der Hornbrille" (Max Rychner), ein wenig mephistophelisch (zwischen Pose und genuiner Subversivität), ein brillanter Journalist, immer in geschäftigem Hin und Her in Schwabing und Berlin, beschäftigt mit der Vermischung der Sphären. Das war seine Stärke, aber hier ist er auch besonders angreifbar.

1933 emigrierte er (entschiedener Gegner des Nationalsozialismus, dessen Briefwechsel mit Schmitt nun abrupt verstummt) zunächst nach Mallorca, um dann über Italien und Paris in die USA zu fliehen. Dort stirbt er 1942 in Westbury im Staate New York; die Bibliothekarsstelle, die man für ihn gefunden hatte und die seine Ähnlichkeit - ein schönes Zentralmotiv des Nachworts - mit dem alten Casanova noch gesteigert hätte, hat er nicht mehr angetreten.

Trotz seines etwas ermüdenden Faibles für das pikant Interessante ist Blei vielleicht eine der vertracktesten und lehrreichsten Figuren seiner Epoche. Man kann viel von ihm lernen, wird zu vielem hingeführt; das Lehrreichste ist vielleicht sein eigenes Dilemma angesichts des ewigen Entweder-oder von Ästhetischem und Ethischem.

"Der Geist dieses vielbewanderten Mannes war lebhaft und von einer Intensität, die mehr von der Kälte als von der Wärme hatte" (Max Rychner in seinem Nachruf). Nicht, dass es an Wärme fehlte, sondern dass die Kälte sich so diffus verströmte, macht seine literarische Existenz problematisch und (als Warntafel?) faszinierend.

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