Belletristik Verblendung, Trug und Wahn

Vom Psychodrama eines gestörten Mannes erzählt die Münchner Autorin Annemarie Schoenle in einem temporeichen und nuancierten Thriller.

Es beginnt wie eine alltägliche Liebesgeschichte, die jeder jungen Frau passieren könnte: Die Journalistin Melanie, 35, hat bereits einige Enttäuschungen hinter sich, als sie Wolf kennen lernt, einen gut verdienenden Patentanwalt Ende dreißig. Er ist anders als die Männer in Melanies eitler, lauter Medienwelt. Er strahlt eine stählerne Selbstgewissheit aus und hat doch eine seltsame Verwundbarkeit in seinen schönen Augen.

Wolf verehrt Melanie mit geradezu heiligem Ernst, was ihre Freunde und ihren Vater, einen engagierten Aktionskünstler, irritiert, Melanie aber begeistert. Wolf, ganz sentimentaler Familienmensch, hat lange auf die Frau seines Lebens gewartet und ist entschlossen, ein hingebungsvoller Liebhaber und Ehemann zu sein. Er ist außerdem entschlossen, seine Frau nicht zu teilen - "Wir beide, Liebes, gegen den Rest der Welt", lautet sein Credo, und schon in den Flitterwochen bekommt Melanie eine Ahnung davon, was genau das bedeutet.

Es dauert nicht lange, bis ihr dämmert, dass mit ihrem Mann etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist, dass seine Liebe krankhafte Züge zeigt und sich ihr Leben immer mehr verdüstert.

"Eifersüchtige sind auf alles eifersüchtig", erklärt Melanies beste Freundin Sarah. "Auf andere Männer, und wenn es nur der Obsthändler um die Ecke ist, auf deine Freundinnen, auf deine Katze - gut, dass du keine hast, sonst würde sie schon tot im Fensterkreuz baumeln -, sogar auf deine Erinnerungen."

Sarah hat Recht - Wolfs Denken folgt eigenen Regeln und konstruiert mit tragischer Folgerichtigkeit ein Lügengebäude, das Melanie und den Leser mit suggestivem Sog tiefer und tiefer in eine Welt von Trug, Verblendung und Wahn zieht. In ihrem Roman "Du gehörst mir" entwickelt die Münchner Schriftstellerin Annemarie Schoenle aus einem Psychodrama

stilvoll und mit Geschick einen brillant pointierten Thriller.

Es geht - im weiteren Sinne - um etwas, das unter dem Schlagwort "Stalking" bekannt ist. Übersetzt bedeutet der englische Begriff "auf die Pirsch gehen". Er charakterisiert ein Verhalten, bei dem ein Täter einen anderen Menschen ausspioniert, verfolgt, belästigt, bedroht, unter Umständen auch körperlich attackiert oder sogar tötet. In Großbritannien und den USA wird diese Form des obsessiven Verfolgungswahns, die oft als Liebe oder schwärmerische Verehrung daherkommt, strafrechtlich verfolgt - in Deutschland wurde nun ein Gesetzesantrag vorgelegt. Bereits Patricia Highsmith ("Der süße Wahn") und der englische Autor Ian McEwan ("Liebeswahn") widmeten sich diesem pathologischen Phänomen, Schoenle nun variiert mit ihrem Buch das Thema "Stalking" gekonnt.

Beklemmend schildert sie, wie Eifersucht und Misstrauen eine Liebe langsam vergiften und Melanie ihr eigenes Leben mehr und mehr abhanden kommt. Ohne den Täter zu dämonisieren, beschreibt die Autorin die verhängnisvollen Verstrickungen aus wechselnder Perspektive und entfaltet so behutsam, nicht ohne Anteilnahme, das Porträt eines gestörten Mannes, der unter großer innerer Einsamkeit leidet. Seine Isolation verwandelt seine "Liebe" mehr und mehr in Besitzerwahn, bis er schließlich blitzgefährlich und unberechenbar wird.

Als Melanie in rasender Überlebenswut versucht, sich zu wehren, eskaliert die Situation denn auch - und die Geschichte geht in ihre rasante Schlusskurve.

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