Tradition und Moderne Jugend unter Stress

Millionen junger Chinesen drängen auf die Universitäten. Dort kommen sie in enge Wohnheime und überfüllte Hörsäle. Der Staat lässt sich die Ausbildung teuer bezahlen ­ und erwartet von den Studenten politisches Wohlverhalten.

Von , Peking


Bunte Fahnen flattern im Wind, rote Transparente heißen die neuen Studenten willkommen. An langen Tischen der Fakultäten teilen ihnen ältere Semester die Zimmer zu. Mit den Koffern und ihren Eltern im Schlepptau ziehen sie über den Campus zu den Wohnheimen.

Ein Bus schafft Ankömmlinge vom Bahnhof heran. Einen riesigen Teddybären im Arm, quetscht sich eine junge Frau durch die Tür. Das Kuscheltier soll ihr wohl Mut machen für den neuen Lebensabschnitt. Es ist September, und an der Pekinger Universität für Internationalen Handel und Wirtschaft beginnt ein neues Semester.

Studenten Cheng, Deng, Chen, Wang (hinten): Adrett, fleißig, brav
Andreas Lorenz/ DER SPIEGEL

Studenten Cheng, Deng, Chen, Wang (hinten): Adrett, fleißig, brav

Die neuen Studenten gehören zu den glücklichen vier Millionen, denen es in diesem Jahr gelungen ist, einen Platz an einer Hochschule zu ergattern. Drei Millionen junger Chinesen wurden enttäuscht: Sie bestanden die strenge Aufnahmeprüfung nicht.

Chinas Jugend steht unter Stress: Wer im rauen Konkurrenzkampf in Chinas neuem Kapitalismus bestehen will, sollte ein Hochschuldiplom besitzen. Doch die rund 1500 Universitäten und Fachhochschulen können die große Zahl der Bewerber, die jedes Jahr in die Hörsäle drängen, nicht mehr verkraften.

Bildung ist deshalb gut 25 Jahre nach Beginn der Wirtschaftsreformen das Privileg einer kleinen Elite. In China studiert rund ein Prozent der 1,3 Milliarden Menschen, in den USA sind es über 5,5 Prozent.

In der Cafeteria Nr. 3 der Peking-Universität ("Beida") schlürfen vier, die es geschafft haben, Milchkaffee. Wang Qianjun, 22, Cheng Shiguo, 21, Chen Xiangnan, 21 und Deng Shen, 21, studieren im siebten Semester Germanistik. Bis auf den Pekinger Deng stammen sie aus bescheidenen Provinz-Verhältnissen.

An diesem Morgen wirken sie etwas mitgenommen: Gestern haben sie über die Stränge geschlagen, gestehen sie kichernd: "Wir waren bis drei Uhr morgens in einer Karaoke-Bar, um Wang zu feiern." Der hat gerade die frohe Botschaft erhalten, dass er nach seinem Examen weiterstudieren und den Magister machen darf - ein Jahr Aufenthalt an einer deutschen Universität inklusive.

Die Sause war eine Ausnahme: Sonst ist das Quartett so, wie es sich die Universitätsleitung wünscht: adrett, fleißig und brav. Ablenkungen wie Disco und Kino sind für sie tabu, nur Cheng hat eine feste Freundin: "Das Studium geht vor", sagt Chen, ein junger Mann mit Jeansanzug und schwarzem Rollkragenpullover.

Ein Studium in China ist keine Gelegenheit zum Abhängen, Ausflippen oder zur Selbstfindung. An den Universitäten geht es zu wie in der Schule. Hinzu kommt enormer finanzieller Druck. Weil die öffentlichen Kassen leer und der Ansturm neuer Studenten zu stark waren, hat die Regierung 1997 eine Errungenschaft des sozialistischen China gekappt: das Gratis-Studium. Wer heute einen Hochschulabschluss will, muss tief in die Tasche greifen.

Chinesische Studenten (beim Frühsport): Ablenkungen sind tabu, das Studium geht vor
Uschi Nagy

Chinesische Studenten (beim Frühsport): Ablenkungen sind tabu, das Studium geht vor

4800 Yuan (rund 480 Euro) kostet an der Peking-Universität das Germanistikstudium im Jahr, zuzüglich rund 660 Euro für Wohnheim-Miete und Mensaessen. Das Studium ihrer Kinder bedeutet für viele Familien eine gewaltige Last. "Meine Eltern sind beide arbeitslos, sie erhalten zusammen 600 Yuan im Monat", sagt Chen. "Zum Glück ist mein Onkel ein kleiner Kaufmann, er bezahlt mir das Studium."

Dabei ist die Peking-Universität im Vergleich zu anderen Hochschulen günstig. Die einige Kilometer östlich gelegene Universität für Internationalen Handel und Wirtschaft beispielsweise verlangt jährlich 650 Euro Studiengebühren. Die Banken bieten zwar günstige Ausbildungskredite. Aber sie scheuen sich immer häufiger, das Geld zu gewähren, weil nicht alle Akademiker zurückzahlen wollen oder können.

Für Studenten aus besonders armen Verhältnissen gewähren die Hochschulen Stipendien, die aber hervorragende Leistungen voraussetzen. Germanist Wang, Sohn armer Reisbauern in der südwestlichen Provinz Sichuan, erhält einen Zuschuss von 5000 Yuan pro Jahr. Außerdem erlässt die Uni ihm die Hälfte der Studiengebühren.

Um an der Peking-Universität aufgenommen zu werden, mussten er und seine drei Freunde die Aufnahmetests mit guten Noten bestehen. Obwohl sie noch nie in Deutschland waren, sprechen sie bereits ausgezeichnet Deutsch, kennen ihren Thomas Mann und Bertolt Brecht. Sie haben Dolmetscherkurse absolviert und wissen über die Probleme der Wiedervereinigung Bescheid. Bis zum sechsten Semester gehörten wöchentlich zwei Stunden Polit-Unterricht zum Lehrplan: Mao-Ideen, Deng-Xiaoping-Theorie, marxistische Philosophie.

Internet-Cafe (im Pekinger Uni-Viertel): Ein Examen bietet keine Garantie mehr für einen Arbeitsplatz
DPA

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Leben auf dem Campus ist Pflicht: Alle vier hausen im ersten Stock eines düsteren Wohnheims. Die Wäsche hängt zum Trocknen von den Flurdecken. Die Toilette liegt auf der Etage, zum Duschen müssen sie in ein Badehaus. Auf einer Tafel am Eingang trägt die Hausverwaltung Punkte für Reinlichkeit ein. Keine der Buden erreicht die Bestzahl von 100 Punkten.

Im Zimmer 121 herrscht qualvolle Enge. Zwölf Quadratmeter hat der Raum, in dem für vier Studenten zwei Etagenbetten stehen. Jeder hat einen kleinen Schrank mit Computer und Internetzugang. "Es ist hier zu klein. Zum Arbeiten gehen wir in die Bibliothek", sagt Cheng.

Anderen ergeht es schlechter als dem Quartett an Chinas Eliteuniversität. Die Mehrzahl der gut elf Millionen Studenten hockt in überfüllten Hörsälen und Bibliotheken. Vielerorts sind die Lehrbücher veraltet, die Dozenten, weil schlecht bezahlt, ungenügend ausgebildet. Die meisten haben nicht mal einen Doktortitel.

Es klemmt überall: Peking gibt für die Bildung nur 2,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus und liegt damit im internationalen Vergleich weit hinter den ostasiatischen Wirtschaftskonkurrenten Südkorea und Japan. Die Regierung konzentriert sich derzeit darauf, die neunjährige Schulpflicht in allen Landesteilen durchzusetzen und die Zahl der Analphabeten zu verringern.

Um die wenigen Mittel effektiver zu verwenden, wurden Fächer aus den Lehrplänen gestrichen und Universitäten zusammengelegt. Damit Chinas Wissenschaft mit der ausländischen Konkurrenz mithalten kann, sollen 100 Elitehochschulen entstehen, die das Gros des Geldes und der Geräte erhalten.

Von Mauern umgeben, von Polizisten bewacht, tragen die Universitäten schwer an der Bürde der planwirtschaftlichen Vergangenheit. Wie Staatsbetriebe müssen sie Tausende von Angestellten, Wohnungen, Kindergärten und Krankenhäusern unterhalten. Teile der Pekinger Chinesischen Volksuniversität gleichen einem Altersheim: Grauhaarige Professoren spielen Boule, pensionierte Angestellte schwatzen unter Bäumen, Großmütter schieben ihre Enkel spazieren.

Um die finanzielle Bürde tragen zu können, wandelten sich einige Hochschulen inzwischen in schlagkräftige Unternehmen. Die Peking-Universität besitzt sieben Aktiengesellschaften, die unter anderem Computer, Medikamente und medizinische Geräte herstellen und jedes Jahr mehrere Millionen Euro Gewinn machen. Allein drei Uni-Firmen sind an der Hongkonger Börse notiert. So konnte sich die Hochschule moderne Laboratorien, eine schicke Mensa, neue Studentenwohnheime und eine größere Bibliothek leisten.

So modern manche Universitäten von außen wirken - das Regime für die Hochschüler erscheint antiquiert. Zwar dürfen Doktoranden nun heiraten, aber Kinder zu bekommen ist verboten. Vor dem Frauen-Wohnheim an der Pekinger Hochschule für Wirtschaft und Handel wirbt ein knallrotes Plakat für "Yun Ting" - die "Pille danach". Studenten vor dem ersten Abschluss dürfen keine Ehe eingehen, schwangere Studentinnen riskieren den Rausschmiss. Eine politische Studentenvertretung, die ihren Namen verdient, existiert im ganzen Land nicht.

Dies alles ist nicht unbedingt eine gute Schule für den Lebenskampf. Ein Universitätsexamen bietet keine Garantie mehr für einen Arbeitsplatz. Fast jeder dritte Abgänger suchte im vergangenen Jahr vergebens eine Beschäftigung. Hochschulabsolventen müssen mit entlassenen Mitarbeitern von Staatsbetrieben um Jobs konkurrieren. Auch der Beamtenapparat, bislang dichtes Auffangnetz für Graduierte, schrumpft zusammen.

Tiananmen-Platz (im Mai 1989): Heute sind Chinas Studenten angepasste Kinder der Nation
AFP

Tiananmen-Platz (im Mai 1989): Heute sind Chinas Studenten angepasste Kinder der Nation

Um ihre Chancen zu erhöhen, studieren mittlerweile rund 230 000 Chinesen in Australien, Amerika oder Deutschland. Dafür nehmen viele Eltern hohe Kredite auf oder pumpen Verwandte an. Der Germanistikstudent Chen hofft auf seinen Onkel, der ihm noch ein Betriebswirtschaftsstudium in Deutschland bezahlt. Mit 10 000 Euro Kosten im Jahr rechnet er. Kommilitone Cheng hat Glück gehabt: Die deutsche Metro AG finanziert ihm die Fortbildung an der Fachhochschule Ludwigshafen.

Der harte Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt und die hohen Studiengebühren haben eine neue Studentengeneration geformt, die Lichtjahre entfernt scheint von ihren aufmüpfigen Vorgängern. Im Gegensatz zu den Hochschülern, die vor 15 Jahren auf dem Tiananmen-Platz aus Zorn über die korrupte KP das politische System aus den Angeln heben wollten, sind Chinas Jungakademiker angepasste Kinder der Nation - ganz im Sinne der Partei. "Wenn die Armee am 4. Juni 1989 nicht eingegriffen hätte", verteidigt Deng den Militäreinsatz gegen die Demonstranten, "sähe China heute so aus wie Russland."

Statt gegen die Regierung zu protestieren, haben sich die vier von der Peking-Universität einem glühenden Nationalismus verschrieben. Sie träumen davon, dass "China einmal eine Supermacht wird wie die USA". Und natürlich finden sie, dass die abgefallene Insel Taiwan zur Volksrepublik gehört und, wenn nötig, militärisch angeschlossen werden sollte. "Wenn mich das Vaterland ruft, ziehe ich selbstverständlich in den Krieg", sagt Chen.

Drei aus dem Germanisten-Quartett haben inzwischen beantragt, in die KP aufgenommen zu werden. Chen sieht es pragmatisch: "Wenn man später in den Staatsdienst will, kann man mit dem Parteibuch besser Karriere machen."



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