Lesezeichen Buchkunst als Handwerk

Der Göttinger Verleger Gerhard Steidl, Inhaber der Weltrechte am Werk von Günter Grass, hat als Autodidakt einen international gerühmten Fotobuchverlag aufgebaut.

Von Christiane Gehner


Der Fotobuchverlag mit den meisten Titeln weltweit ist nicht etwa am Rande der Buchweltstadt London oder im chinesischen Shenzhen zu finden. Sein Sitz ist ein eher bescheidenes Backsteinhaus, versteckt in der Göttinger Altstadt, zwischen Tattoo-Läden und türkischem Imbiss. Hier blitzt weder Chrom noch Glasfassade, und die Adresse droht das Gegenteil von Glamour an: Düstere Straße Nr. 4. Mit Mühe findet man das Klingelschild.

Der Liebhaber schöner Fotobücher erwartet nun wenigstens eine verträumte Nische - und stößt auf ein wuseliges Ambiente. Doch alle sind emsig und hochkonzentriert bei der Arbeit. Mittendrin, scheinbar omnipräsent, Chef Gerhard Steidl. Er kontrolliert Andrucke, probiert neue Scanner aus, begrüßt Künstler, verfasst mit Riesenlettern blitzschnell ein Fax, ruft zwischendurch ins Handy, kaum ein Satz ist länger als drei Worte: "Fahrer ist unterwegs." Der 54-Jährige hat es als ehemaliger Hochzeitsfotograf weit gebracht auf seinem eigensinnigen autodidaktischen Weg zum passionierten Macher erlesener Fotobücher.

Der Weg an die Spitze der Fotoverlage führte ihn mit dem Polit-Grafiker Klaus Staeck, dessen provokante Plakate er druckte, ebenso zusammen wie mit dem Künstler Joseph Beuys, der ihn beim Büchermachen in die Welt der Materialästhetik einführte. "The world's most distinguished printing and publishing company" - so rühmte das Fachblatt "Art Review" Steidls verlegerisches Lebenswerk. Der legt es darauf an, das Kompliment Tag für Tag und Buch für Buch unter Beweis zu stellen. Über 70 neue Foto- und Künstlerbücher sind es in diesem Herbst, davon 6 im deutschsprachigen Raum, die übrigen für den internationalen Markt. Das lieferbare Programm umfasst knapp 300 Titel.

Niemand nimmt Notiz, wenn plötzlich eine Besucherin mittendrin steht und sich fragend umschaut. "Gehen Sie schon mal hoch, Herr Steidl kommt gleich", sagt die Pressesprecherin Claudia Glenewinkel, die auch als Lektorin arbeitet. Drei Stunden Wartezeit in der Bibliothek provozieren weder Ungeduld noch Langeweile - schließlich ist man umgeben von den schönsten Büchern der Welt. In den Regalen finden sich die wichtigsten Vertreter der deutschen und internationalen Fotografiegeschichte, unter ihnen Henri Cartier-Bresson, Robert Frank, Joel Sternfeld, Jeff Wall, dazu die Deutschen Robert Lebeck, Konrad R. Müller, Timm Rautert und Dirk Reinartz. Außerdem Künstlerbücher von Jim Dine, Richard Serra und jede Menge Beuys-Bücher. Aber nicht nur die großen Stars besetzen das Terrain: Eher unbekannte Autorenfotografen, die ernsthafte Konzepte verfolgen, wie der Deutsche Peter Hendricks und der Schwede Lars Tunbjörk, haben mit ihren Arbeiten überzeugt und konnten hier ihre ersten Bücher machen.

Im neuen Herbstprogramm, edel in rotes Leinen gebunden, gibt es zwischen den Berühmtheiten Entdeckungen wie das Buch "Im Garten" von Heidi Specker. Es ist kein Ratgeber für Blumenfreunde, sondern ein eigenwilliger Fotoessay, der in rätselhaften Kompositionen den Formen der Pflanzen nachspürt. Ein Kassenrenner dürfte das Buch nicht werden, aber für Sammler von schöner Fotoliteratur ist es ein lohnendes Objekt.

Steidl teilt die Vorliebe für die unbekannten Talente mit seinem Freund Karl Lagerfeld. Umgekehrt verbindet diesen eine Passion für gute und ausgefallene Fotobücher mit Steidl. Lagerfeld tauchte 1993 bei ihm auf, am Ende einer langen Suche nach dem Drucker für sein Buch. Steidl ging mit größtem Anspruch ans Werk. So fanden zwei von Fotobüchern Besessene einander.

Heute druckt Steidl alles, was Lagerfeld produziert, auch die Werbematerialien für das Haus Chanel. Das liegt nahe: Wer mit den prächtigsten Stoffen und schönsten Kleidern umgeht, will seine Kreationen auch auf edelstem Papier sehen, in kunstvoller Fotografie und Gestaltung und bester Verarbeitung.

Ihre Zusammenarbeit geht aber weit übers Geschäft hinaus. Lagerfeld besitzt eine der weltweit größten Fotobuchsammlungen. Da verwundert es nicht, dass er selbst auf den Geschmack gekommen ist und Bücher produziert. Neben seinen eigenen Fotoproduktionen geben er und Steidl gemeinsam die "Edition 7L" heraus mit bisher 40 Titeln, die beide nach ihrem Geschmack ausgesucht haben, darunter die New-York-Fotos von Lou Reed oder "Paper Dreams", frühe Film-Standaufnahmen aus der Sammlung des Schweizers Christoph Schifferli.

In der Verlagsbibliothek ist die New Yorker Konzeptkünstlerin Roni Horn anzutreffen, die gerade mit Steidl an ihrem siebten Künstlerbuch arbeitet. Warum nimmt sie alljährlich den weiten Weg aus den USA ins alte Europa auf sich, um in Göttingen ihre Fotoserien in Bücher umzusetzen? Ihr Motiv ist die bedingungslose Qualitätskontrolle, die Steidl den Künstlern einräumt. Konzept, Gestaltung, Typografie, Reproduktion der Fotografien, digitale Bearbeitung, Papierwahl und Einband und schließlich das bestmögliche Druckergebnis werden in konzentriertem Dialog zwischen Drucker und Künstlerin erarbeitet. Jeder schätzt die Arbeit des anderen, man begegnet einander auf Augenhöhe. Roni Horn arbeitet an ihrem neuen Buch mit 80 Porträts der französischen Schriftstellerin Hélène Cixous in Tritone-Druck und in Farbe.

Verleger Gerhard Steidl (r., hier mit Günter und Ute Grass): "Das altehrwürdige Wissen um das gedruckte Buch"
AP

Verleger Gerhard Steidl (r., hier mit Günter und Ute Grass): "Das altehrwürdige Wissen um das gedruckte Buch"

"Am liebsten", sagt Steidl, als er schließlich Zeit findet, "am liebsten ist mir der Künstler, der mit einer Schachtel voller Fotos anreist und eine Woche in einem der drei Gästeapartments Quartier nimmt." Mit Steidl und seinem Team werden dann alle gestalterischen Fragen erarbeitet.

Wie das mit den Abläufen eines Verlags- und Druckereibetriebs mit 36 Mitarbeitern und knapp 300 Titeln zu bewerkstelligen ist, können Außenstehende schwer nachvollziehen. Die Tour durch "Steidlville", wie der Chef seine Firma gern nennt, führt treppauf, treppab, kreuz und quer. Der Frühaufsteher - er beginnt die Arbeit nach eigener Auskunft um 4.30 Uhr, weil um diese Zeit Konzentration und Kreativität bei ihm am besten seien - ist ständig in Bewegung. Zunächst führt er in die Reproduktionsabteilung, wo Layout-Scans in niedriger Auflösung hergestellt werden. Damit wird gestaltet. Je nach Bedarf sind Designer oder ein Schriftsetzermeister mit dem Layout und der Typografie befasst.

Der altgediente Typograf Heinrich Degenhardt ist gerade mit einer prächtigen Ausgabe von sechs wichtigen Günter-Grass-Werken, dem "Danzig-Sextett", beschäftigt. Steidl besitzt die Weltrechte an allen bisher publizierten Werken des Nobelpreisträgers. Grass möchte als Gesamtkünstler verstanden und behandelt werden, dazu gehört sein grafisches OEuvre ebenso wie sein literarisches Werk. Auch ihn hat Steidls kompromisslose Qualitätsarbeit zu diesem Verlag hingezogen. Umgekehrt bietet das umfangreiche, gefragte Werk des Starautors einen beruhigenden verlegerischen Rückhalt. So wird es möglich, dass Steidl nicht unbedingt aufs Budget schauen muss, wenn ein begabter, aber noch unbekannter junger Künstler sein erstes Buch drucken lassen will.

Während die Grafiker das Buch gestalten, laufen die Arbeiten im Digital Darkroom auf Hochtouren. Da man hier nur Menschen an Bildschirmen und große graue Apparate sieht, ist der Anblick nicht beeindruckend. Doch gerade hier wird der Künstler gebraucht: Sein Votum entscheidet darüber, wie scharf der Kontrast, wie hell oder weniger hell ein Grün zu einem dunklen oder weniger dunklen Blau justiert werden soll. Hier und bei den folgenden Arbeitsgängen soll mit hochleistungsfähiger digitaler Technik ein Druckergebnis erzielt werden, das sich mit den alten handwerklichen Techniken des Bromsilberabzugs und des Kupfertiefdruckverfahrens messen kann.

Dabei ist es keine Glaubensfrage, ob man aus Passion weiterhin analog oder doch eher digital fotografieren soll: Beides bleibt möglich. Die Herausforderung besteht darin, die Aura eines alten Fotoabzugs auch mit digitalen Techniken herzustellen und die Abstufung feinster Tonwerte eines Platindrucks auch mit dem Scanner zu erreichen.

Das Gespräch kommt von technischen Verfahren auf das Papier als Grundmaterial des Druckers. "Ein Buch", begeistert sich Steidl, "spricht alle Sinne an: Das Sehen zuerst, das Riechen der Druckfarbe, auch das Hören ist gefragt, wenn es beim Blättern raschelt, und schließlich der Tastsinn, der den Leineneinband und die Berührung eines edlen Papiers genießt."

Roni Horn hat sich für "Paradiso beige" entschieden. Wir sind nun in der Abteilung, wo die ersten Proofs des Umschlags zu begutachten sind. Der Proof ist der Beweis, dass das Foto nach den Intentionen des Künstlers gescannt und bearbeitet wurde. Es wird so lange korrigiert, bis der Künstler zufrieden ist.

Gedruckt wird im Schichtbetrieb. Auch der erste Andruck wird dem Künstler vorgelegt. Das Papier für die Auflage wird nicht direkt vom Hersteller aus Schweden geschickt, sondern vom Zwischenlager. Zuweilen kommt es sogar gefroren an und muss dann zunächst vier Wochen lang bei 22 Grad Raumtemperatur und 54 Prozent Luftfeuchtigkeit temperiert werden; eigens dazu wurde am Stadtrand eine Halle gebaut.

Beim Abschied fasst der quirlige Drucker und Verleger seine sich selbst auferlegte Mission in einem Merksatz zusammen: "Vergesst das altehrwürdige Wissen um das gedruckte Buch nicht, und transferiert diese Qualität in die digitale Welt."



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