Belletristik Duett der Solipsisten

Daniel Kehlmann widmet den Antipoden Alexander von Humboldt und Carl F. Gauß seinen ironisch-eleganten Geschichtsroman "Die Vermessung der Welt".

Von Urs Jenny


Der Schriftsteller Daniel Kehlmann (der Anfang des Jahres erst 30 Jahre alt geworden ist) hat in seinen frühen, für ihre Virtuosität gerühmten, doch auch eigenbrötlerischen Büchern glücklose Außenseiter in einem Strudel von physikalisch-phantastischen Spekulationen untergehen lassen. Der schmale Roman "Ich und Kaminski" - ein funkelndes Kunststück, das sich vordergründig als Satire auf die schaumschlagende Wichtigtuerei des gegenwärtigen Kulturbetriebs lesen lässt - brachte ihm den "Durchbruch" beim größeren Publikum.

Kehlmanns neues Buch kehrt nun, wie schon der Titel "Die Vermessung der Welt" verheißt, mit höher gespanntem Konzept ins Reich des naturwissenschaftlich-spekulativen Gedankenspiels zurück - allerdings in Gestalt eines historischen Romans. Seine Hauptfiguren sind die beiden überragenden deutschen Naturwissenschaftler des frühen 19. Jahrhunderts, der weltreisende Geologe, Biologe, Ethnologe Alexander von Humboldt (1769 bis 1859) und der Göttinger Stubenhocker Carl Friedrich Gauß, Mathematiker, Physiker, Astronom (1777 bis 1855).

Das scharf profilierende Doppelporträt zeigt zwei "Weltvermesser" von denkbar gegensätzlicher Lebensart und Methodik - der eine ganz Theoretiker, Empiriker der andere; beide in geradezu autistischem Maß besessen von ihrem Erkenntnisdrang, doch auch beide gejagt von abgründigen Ängsten, dass in der Realität von Raum und Zeit etwas von Grund auf Unstimmiges stecke.

Kapitelweise hin und her wechselnd treibt Kehlmann seine beiden Monomanen durch ihre Doppelbiografie und sorgt dafür, dass das Geschichtsgepäck leicht bleibt. "Die Vermessung der Welt" ist kein üppig ausgepinseltes Fresko wie der letzte deutsche Welterfolg eines historischen Romans, Patrick Süskinds "Parfum", vielmehr eine raffinierte Skizze. Und Kehlmann hat nicht die enzyklopädische Besessenheit, mit der sich der von ihm bewunderte Thomas Pynchon die amerikanischen Abenteuer der britischen Geometer Mason & Dixon einverleibt hat.

Carl Friedrich Gauß: Göttinger Stubenhocker
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Carl Friedrich Gauß: Göttinger Stubenhocker

Kehlmanns Treibstoff ist die Ironie. In anmutigem Geschwindschritt, mit Bildungsfrüchtchen jonglierend, durchmisst er die Lebensläufe und reiht Anekdote an Anekdote zu einem süffigen Lesevergnügen. Dabei nimmt er in Kauf, dass der kecke Ton die großen Männer auch entzaubert und verkleinert.

Während Humboldt sich im Dschungel von einer Gefahr in die nächste stürzt, um geradezu zwanghaft vieltausendfach alles Messbare zu messen, liest Gauß gelegentlich in den "Göttinger Gelehrten Anzeigen" von den Eroberungstaten des preußischen Barons und schüttelt den Kopf darüber. Für Gauß, der an der enttäuschend "fadenscheinigen" äußeren Realität wenig Anteil nimmt, ist die Welt, wenn überhaupt, nur in seinem Kopf zu fassen: im Universum der Zahlen und Formeln.

Sogar in der Hochzeitsnacht, mitten im Akt, springt er kurz vom Bett auf, um eine astronomische Formel zu notieren, die ihm eben durch den Kopf schoss. Der träge Klotz Gauß hat Bordelle besucht und sechs Kinder gezeugt, während der verklemmte Solipsist Humboldt bis auf den Chimborazo vor sich selbst davonlief.

Alexander von Humboldt: Gejagt von abgründigen Ängsten
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Alexander von Humboldt: Gejagt von abgründigen Ängsten

Nur einmal im Leben begegnen sie sich: zwei alte Herren, beide von nichts als vom Leben selbst desillusioniert, der dicke Hans-Guck-in-die-Luft müde, der schmächtige Aristokrat trotz allem stolzgebläht wie ein Pfau. Zur Regel des ironischen Spiels gehört, dass sich die Protagonisten eines historischen Romans immer mal wieder über dieses Genre beklagen dürfen. So kommt Humboldt schon beim Begrüßungs-Small-Talk in Berlin auf die Verwerflichkeit von Büchern zu sprechen, wo "der Verfasser seine Flausen an die Namen historischer Personen binde" (womit ja nur Kehlmann gemeint sein kann). Dieses "Teufelszeug" würde er am liebsten verbieten lassen.

Es hat taschenspielerischen Charme, wie Kehlmann sich leichthin von Pointe zu Pointe schwingt und dabei doch vorgibt, an den Grundfesten des Universums zu rütteln. Aber Schwerelosigkeit bedeutet auch Harmlosigkeit. Kehlmanns Gauß meint, die Welt sei "seltsam flüchtig entworfen", und wenn es einen Gott gäbe, würde er ihm wegen seiner "notdürftig kaschierten Fehler" beim Jüngsten Gericht gern gehörig den Marsch blasen. Doch es könnte sein, dass früher noch dieser Gauß wie sein Antipode Humboldt als literarische Geschöpfe gewogen und zu leicht gefunden werden. Wahrscheinlich ist der Faktor, den der eine wie der andere in seiner Welt-Rechnung nicht auf die Reihe kriegt, unser aller Sterblichkeit.



© SPIEGEL special 6/2005
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